Ein strenges Hygienekonzept ermöglichte die fristgerechte Übergabe der letzten von vier Korvetten an die Marine Israels
Die deutsche Werftindustrie hat der Coronaepidemie und dem Lockdown erfolgreich getrotzt. Obwohl die Maßnahmen des Infektionsschutzgesetzes die gesamte Wirtschaft vor enorme Herausforderungen gestellt haben, konnte die Arbeitsgemeinschaft der Kieler Werften Thyssenkrupp Marine Systems und German Naval Yards ein Großprojekt fristgerecht finalisieren: Die Fertigstellung und Abnahme der vierten Korvette der SA’AR-6-Klasse für die israelische Marine. Und das in Rekordzeit!
Besonders bemerkenswert daran ist, dass gerade der Schiffbau eine Branche ist, in der bestimmte Schutzmaßnahmen gegen die Verbreitung des Virus naturgemäß nicht oder nur wenig greifen: Die Produktion ist nun einmal an die Industrieanlagen vor Ort gebunden, Homeoffice allenfalls bei Planung und Verwaltung möglich. Insofern war gerade die Werftindustrie in den vergangenen 20 Monaten in besonderer Weise bedroht: Wo in Vor-Corona-Zeiten vereinbarte Termine nicht eingehalten werden können, drohen Pönalen, also Strafzahlungen. Im Einzelfall wurden sogar Aufträge storniert.
Die Folge sind dann oft Personalabbau und finanzielle Schwierigkeiten – bis hin zur drohenden Insolvenz, ausgelöst durch massive Umsatzeinbrüche bei gleichzeitig galoppierender Kostenentwicklung. Doch genau diesen Teufelskreis konnten die beiden Kieler Werften mit der fristgerechten Fertigstellung der letzten Korvette durchbrechen. [ds_preview]
Den Auftrag zum Bau und zur Lieferung von vier baugleichen modernen Korvetten der SA’AR-6-Klasse, die auf dem Designentwurf der Meko A 100 basieren, erhielt Thyssenkrupp Marine Systems als Hauptauftragnehmer im Mai 2015. German Naval Yards fungierte im Unterauftrag als Bauwerft und war darüber hinaus mit der Organisation und Vorbereitung zur Abnahme durch den Kunden mitverantwortlich. Es handelt sich um einen aufwändigen Prozess, der unter anderem das Testen aller Bordsysteme im Rahmen von diversen Probefahrten unter unterschiedlichen Bedingungen umfasst. Die physische Anwesenheit von Systemverantwortlichen sämtlicher Unterauftragnehmer ist bei solchen Fahrten unumgänglich. Sie müssen zeigen, dass die Systeme unter maximalen Belastungen zuverlässig funktionieren.
In der Praxis bedeutet das: Eine große Anzahl von Experten muss jeweils über mehrere Tage auf engem Raum zusammenarbeiten und -leben. Und das unter Einhaltung der strengen Hygienevorschriften des Infektionsschutzgesetzes, was eine besondere Herausforderung bereits bei der detaillierten Planung der einzelnen Abläufe bedeutete. So wurden in enger Abstimmung mit den Gesundheitsbehörden, dem Krisenstab von Thyssenkrupp Marine Systems und dem Corona-Maßnahmen-Team von German Naval Yards große Anstrengungen betrieben, um bestmögliche Sicherheits-, Hygiene- und Präventionsmaßnahmen sicherzustellen.
Rechtzeitig vor einer anstehenden Probefahrt erhielt jeder Teilnehmer ein Informationspaket, in dem alle Abläufe – vom Boarding über die einzelnen Testphasen der Bordsysteme bis hin zur Unterbringung – festgelegt und erklärt wurden. Für jeden Raum an Bord wurde zudem anhand von Parametern wie Raumvolumen und Lüftungskapazität eine maximale Personenanzahl berechnet. Ein akustisches Warnsignal auf der Brücke wurde ausgelöst, sobald der CO2-Gehalt der Luft den vorher berechneten zulässigen Wert übersteigen sollte.
Abgesehen vom Essen und Schlafen galten auch an Bord die AHA-Regeln. Jeder Teilnehmer wurde dazu bereits beim Boarding mit einer ausreichenden Anzahl FFP2-Masken sowie Handdesinfektionsmitteln ausgestattet. Darüber hinaus wurden Sanitärräume, Küchen und weitere sensible Räume mehrfach täglich gereinigt und desinfiziert. Um soweit möglich Abstand zu gewährleisten, erfolgte die Ausgabe der Bordverpflegung in kleinen Gruppen.
Unerlässlicher Teil des Boardings war überdies eine lückenlose Test-Strategie: Jeder Teilnehmer musste beim Check-in einen aktuellen negativen Test vorlegen, der auch von bereits Geimpften verlangt und unmittelbar vor dem Boarding auf dem Werftgelände durchgeführt wurde. Um die Abläufe möglichst reibungslos zu gestalten, wurden auch hier alle Personen in Gruppen eingeteilt, die zeitlich gestaffelt mehreren Testcontainern zugewiesen wurden und sich im Anschluss, ein negatives Testergebnis vorausgesetzt, auf direkten Weg an Bord begeben mussten.
Insgesamt war der Aufwand also beträchtlich. Aber es hat sich gelohnt: Durch strikte Vorgaben und Einhalten der vorgegebenen Hygienemaßnahmen konnten nicht nur die Testfahrten der neuen Korvette erfolgreich und ohne Infektion absolviert werden. Insgesamt ist es auf den beiden Werften bisher gelungen, Infektionsketten zu unterbrechen und somit den laufenden Betrieb aufrecht zu erhalten.
Autor: Mark Siever arbeitet im Bereich Corporate Affairs bei German Naval Yards Kiel.










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