Führungszentrum Rostock, Foto: hsc

Führungszentrum Rostock, Foto: hsc

IT für die Zukunft der Marine

Durch das German Mission Network soll die Führungsfähigkeit der Marine erhalten werden. Vereinheitlichung und Standardisierung sollen die Fähigkeiten deutlich erweitern.

Digitalisierung optimiert die Durchsetzungsfähigkeit der Streitkräfte und erhöht die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr als Ganzes. Für die Streitkräfte ist Digitalisierung ein Schlüsselelement zur Informations-, Führungs- und Wirkungsüberlegenheit. Aber auch zur Verbesserung des eigenen Schutzes und der Durchsetzungs- und Reaktionsfähigkeit.[ds_preview] Um den Erhalt der Führungsfähigkeit der Marine sicherstellen zu können, wurden im Rahmen des Programms German Mission Network (GMN) die Projekte GMN 2 sowie GMN 4 aufgesetzt. Über GMN 2 sollen die landbasierten Anteile Maritime Operations Center (MOC), Maritime Component Command (MCC) und Fleet Entry Point (FEP), über GMN 4 die seegehenden Einheiten in den Führungsverbund GMN serviceseitig eingebunden werden.

Der Artikel beschreibt die aktuellen Sachstände und Lösungsansätze im Kontext der Digitalisierungsplattform, das Gesamtvorhaben GMN sowie die weiteren Aussichten im Kontext GMN.

Die Digitalisierung der Bundeswehr und der Aufbau eines durchgängigen, leistungsfähigen Informations- und Kommunikationsverbunds werden auf drei aufeinander aufbauenden Ebenen aktiv gestaltet:

• IT-Standardisierung (modulare, skalierbare und wiederverwendbare IT-Strukturen)
• IT-Evolution (Nutzung technologischer Fortschritte zur Verbesserung bestehender Services)
• IT-Innovation (Erschließung von Neuerungen und Schlüsseltechnologien zur Erzeugung eines technologischen Vorsprungs im Einsatz)

Die Digitalisierungsplattform im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung stellt modular aufgebaute, wiederverwendbare, skalierbare, leicht und schnell adaptierbare sowie nach einem einheitlichen Regelwerk aufgebaute IT-Services zur Verfügung, die auf neun Cluster verteilt wurden und in denen im Rahmen eines Baukastenprinzips wiederverwertbare und skalierbare IT-Lösungen entwickelt werden.

CPM-Projekte GMN 2 und GMN 4
Das Vorhaben GMN 2 „Erhalt der Führungsfähigkeit der Marine“ stellt eines der umfangreichsten und komplexesten Integrationsprojekte dar. Mit GMN 2 steht der Zugriff auf IT-Services für Einsatzkontingente weltweit und in der Basis Inland zur Verfügung, welche innerhalb der NATO interoperabel und konform zu den Standards des Federated Mission Networking (FMN) sind. GMN modernisiert und vereinheitlicht die gesamte IT-Systemar¬chitektur und steigert somit die die nationale und multinationale Einsatztauglichkeit der Streitkräfte. Der deutsche Beitrag zur Bündnisverteidigung kann durch GMN mit einem modernen Führungs- und Informations¬system autark und eigenständig innerhalb der Allianz der NATO-Staaten, aber auch im EU- und UN-Kontext sowie darüber hinaus auch mit weiteren Partnern interoperabel zusammenwirken.

Durch die konsequente Zusammenführung und Bereitstellung NATO-standardisierter IT-Services in stationären und verlegefähigen Rechenzentren mit lokalen und Remote-Zugängen kann künftig das Potenzial sogenannter Multi-Domain-Ope¬rationen realisiert werden. Dabei ist die skalierbare und zielgerichtete Bereitstellung von FMN-konformen IT-Services durch GMN ein unverzichtbarer Teil der Funktionskette zur Digi¬talisierung der Streitkräfte.

Mit dem Projekt GMN 2 werden das Maritime Operations Centre (MOC), inklusive Fleet Entry Point (FEP) sowie das deutsche Maritime Component Command (MCC) am Standort Rostock realisiert. Dabei werden die vorhandenen, von monolithischen, proprie¬tären Einzelsystemen geprägten Strukturen durch eine zukunftsfähige, modulare, skalierbare und serviceorientierte Architektur ersetzt, welche sich nahtlos in das IT-System der Bundeswehr einbettet. Das ermöglicht die Zusammenführung der Aufgaben des Stabs des Inspekteurs der Marine, des Flottenkommandos und des Marineamts im Marine¬kommando.

Das künftige Vorhaben GMN 4 soll dann die seegehenden Einheiten ebenfalls in den IT-System- und Kommunikationsverbund einbetten. Damit stellt GMN 4 die Führungsfähigkeit der maritimen Fähigkeitsträger sicher. Dazu sollen die führungsrelevanten Informationen durch nationale und multinationale IT-Services aus einem autarkiefähigen Rechenzentrum an Bord bereitgestellt werden.

Einbindung in den Gesamtverbund
Die Vorhaben aus dem Programm GMN, einschließlich GMN 1 für die verlegefähigen Anteile, sollen eine Vereinheitlichung der IT-Architektur ermöglichen. Dazu wird für den statio¬nären Anteil auf dem vormaligen Programm Harmonisierung der Führungsinformationssysteme (HaFIS) aufgebaut, welches die stationären georedundanten Rechenzentren in Mechernich und Gelsdorf (später Strausberg) bereitstellt.

Für die Marine ist mit GMN 2 ein Projekt in der Reali¬sierung, welches die besonderen Anforderungen der Marine gezielt abdeckt und in einem vollfunktionalen Operativen Center in Rostock mündet. Die Einbindung des seegehenden Anteils mit GMN 4 ist in Vorbereitung, der die landgebundenen Einheiten abdeckende Anteil soll mittels einer aktuellen Initiative (GMN 6) ebenfalls projektiert werden.

Symbolische Darstellung der IT-Services mitSicherheitsdomänen und Informationsräumen, Foto: hsc

Symbolische Darstellung der IT-Services mit
Sicherheitsdomänen und Informationsräumen, Foto: hsc

Sowohl GMN 1 als auch GMN 2 werden aus dem Sondervermögen Bundeswehr finanziert, sodass hier eine Beschleunigung der angesetzten Zeitpläne zu erwarten ist. Synergieeffekte werden durch die gemeinsame Betrachtung der beteiligten Vorhaben im Rahmen der Digitalisierungsplattform nutzbar gemacht.
In diesem Kontext werden auch weitere Vorhaben mitbetrachtet und so weit wie möglich synchronisiert, darunter Vorhaben zur weitreichenden Anbindung wie Satellitenkommunikation, mobile Kommunikations- und Führungsinformationssysteme (beispielsweise das Maritime Command and Control Information System), taktische Datenlinks wie Link 11 sowie die Anbindung und Ausstattung der zukünftigen Fregatte 126.

Die Idee der Vereinheitlichung und Standardisierung basiert auf einer einheitlichen, serviceorientierten IT-Architektur innerhalb des IT-SysBw, die es ermöglicht, übergrei¬fend und interoperabel IT-Services auf allen Ebenen bereitzustellen, die dann grund¬sätzlich von allen Nutzern – unabhängig von Standort und Einheit – aufgabenspezifisch und rollenbasiert genutzt werden können.

Dazu gehören Services der Ebenen Kommunikation, beispielsweise Satellitenkommunikation oder das mobile Kommunikationssystem der Bundeswehr, ebenso wie Kernbetrieb, etwa Betriebssysteme, und spezielle Fachanwendungen wie Chats und Videokonferenzen, aber auch Situational-Awa¬reness-Lagebilder sowie Functional Area Services der NATO, welche sowohl die logistische Planung als auch Operationsplanung unterstützen. Zugriffsrechte und spezielle Funktionalitäten werden mittels Rollen-/Rechtekonzept jeweils übergreifend konkret festgelegt und gesteuert.

Die erforderlichen IT-Services werden gemeinsam entwickelt und dann im Sinne von Cloud-, Fog- und Edge-Computing zentral oder dezentral bereitgestellt. Jeder IT-Service existiert dann einmalig und wird von einem IT-Service-Verantwortlichen durch seine gesamte Lebensdauer begleitet. Die Bereit¬stellung in den Rechenzentren obliegt dem Kommando Informationstechnik-Services der Bundeswehr (KdoIT-SBw), welches diese in Kooperation mit bundeseigenen Providern wie der Inhouse-Gesellschaft BWI oder der Industrie im 24/7-Dauereinsatz betreibt.

Neben dem tagtäglichen Inlandsbetrieb gehört hierzu der Betrieb während der Einsätze und einsatzgleichen Missionen auf nationaler oder multinatio¬naler Ebene oder mit anderen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung.

Herausforderung Standortverlagerung
Das Zusammenführen vieler bereits bestehender Vorhaben und Projekte, die einzelne Services aus dem Gesamtportfolio bereitstellen, stellt eine große Herausforderung dar. Zunächst müssen vorhandene Services auf die neue, einheitliche IT-Architektur ausge¬richtet und gegebenenfalls umgebaut werden. Hierbei spricht man im Kontext der Digitalisierung von Integrationsprojekten.

Geplant ist ein Umzug von Glücksburgnach Rostock

Geplant ist ein Umzug von Glücksburg
nach Rostock

Aber auch ganz profane Probleme abseits von Herausforderungen der IT-Integration sind zu lösen: Der Umzug aus einer Bunkeranlage in Glücksburg nach Rostock in ein gesichertes Gebäude findet im laufenden Betrieb statt, hier muss – im Militärjargon „überschlagend“ – unter Erhalt von Teilfunktionalitäten an beiden Standorten ein nahtloses Umschalten organisiert werden. Neben den zu etablieren-den IT-Services sind Antennenmasten und Personalversorgung ebenso betroffen wie prozessuale Aspekte von der Absicherung der Gebäude bis hin zum Brandschutz. Die drei Hauptelemente Maritime Operations Center (MOC), Maritime Component Command (MCC) und Fleet Entry Point (FEP) stehen dabei vor der Herausforderung, dass der unterbrechungsfreie Betrieb sichergestellt werden muss.

Ziele und Fähigkeitsgewinn
Die Vereinheitlichung und Zusammenführung unter einem Dach bringt bei allen Herausforderungen den großen Vorteil mit sich, dass ein standardi¬siertes und interoperables Gesamtsystem zur Verfügung steht, welches der Bundes¬wehr und insbesondere der Marine auch zukünftig die Teilnahme an multinationalen Missionen zur Landes- und Bündnisverteidigung ermöglicht.

Es wird erwartet, dass der Betriebs- und Versorgungsaufwand mittel- bis langfristig sinken wird, da der Betrieb der vereinheitlichten Services mit weniger – dafür einheitlich ausgebildetem – Personal und niedrigeren Kosten leistbar ist. Der multinationale Charakter des Zusammenwirkens interoperabler Systeme und Services anderer Nationen (NATO und Partner, aber auch EU und UN) trägt wesentlich dazu bei.

Insgesamt gewinnt die Bundeswehr durch das Programm German Mission Network an Fähigkeiten und Qualität in der Anwendung von (IT-)Services. Mittel- bis langfristig bringt die Vereinheitlichung über standardisierte Services – bis hin zur Nutzung hochsicherer kommerzieller Cloud-Lösungen – einen erheblichen Fähigkeitsgewinn.
Ermöglicht wird dies in erster Linie vom beteiligten Personal, welches mit großem Engagement und persönlichen Ein¬satz an diesen übergreifenden Lösungen arbeitet. Hierbei wirken militärische und zivile Mitarbeiter der Marine, des Zentrums Digitalisierung der Bundeswehr im Organisationsbereich Cyber- und Informationsraum (CIR) sowie des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), der BWI und der Industrie eng, vertrauensvoll und erfolgreich zusammen.

Funktionsweise des neuen Marine-Führungszentrums in Rostock

Funktionsweise des neuen Marine-Führungszentrums in Rostock

 

Das German Mission Network (GMN)
Im Januar 2022 wurde der Begriff Harmonisierung der Führungsund Informationssysteme (HaFIS) durch das Programm German Mission Network, kurz GMN, abgelöst. Inhaltlich wird jedoch die Idee von HaFIS konsequent fortgeführt. Das Programm GMN gliedert sich in sechs sogenannte Blöcke: Die beiden Blöcke GMN 1 und GMN 2 befinden sich bereits in der Realisierung. GMN 1 umfasst dabei die verlegefähigen Anteile der Truppe aller militärischen Organisationsbereiche. Dieses System baut auf dem bereits bestehenden georedundanten und stationären Rechenzentrumverbund auf und stellt die IT-Services in verlegefähigen Rechenzentren bereit. Diese Systeme sollen die nationalen und multinationalen Informationsräume technisch vereinheitlichen, standardisieren und somit die NATO-Forderung nach Konformität zum Federated Mission Networking erfüllen. Mit GMN 2 wird die Führungsfähigkeit der Marine am Standort Rostock in einem dort bereitstehenden Gebäude sichergestellt. Die bereits vorhandenen technischen Einzelsysteme werden so GMN-konform ersetzt, dass die bisherige Führungseinrichtung der Marine in Glücksburg voraussichtlich 2025 geschlossen werden könnte. Im System GMN 3 liegt der Fokus auf weiteren verlegefähigen Gefechtsständen der Landstreitkräfte, wird aber derzeit noch nicht bearbeitet. GMN 4 befindet sich in der Analysephase mit dem Ziel, die schwimmenden Einheiten der Marine akkreditiert in den GMNVerbund zu integrieren. GMN 5 ist derzeit noch nicht thematisch belegt und wird momentan nicht betrachtet. GMN 6 liegt als Nutzerbedarfsforderung vor und soll zukünftig die landgebundenen Einheiten der Marine in den GMNVerbund integrieren.

Oberstleutnant J Karnatz ist Dezernent im ZDigBw für GMN 1.

J Karnatz

25. Okt. 2023 | 0 Kommentare

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