Dank hoch motivierter Soldaten und moderner, einsatzbereiter Schiffe kann die Einsatzflottille 2 flexibel auf die aktuellen Einsatzvorgaben reagieren.
Trotzdem zeigen sich gerade im Personalbereich große Herausforderungen. Im Interview berichtet der Kommandeur der Einsatzflottille 2, Flottillenadmiral Axel Schulz, über die Probleme bei der Umsetzung der Soldatenarbeitszeitverordnung und seine Wünsche für eine zeitgemäße Ausstattung der Schiffe.
marineforum: Wie kommen die Projekte EZ/AZ Einsatzausbildung inhaltlich und auch infrastrukturell voran?
Axel Schulz: Das Projekt Einsatzausbildungszentrum Mehrdimensionale Seekriegsführung (EAZ MD SeekFü) kommt hinsichtlich der Aufstellung, des Betriebs und den damit verbundenen infrastrukturellen Maßnahmen weiter gut voran. Mit Wirkung vom 1. April 2022 ist das EAZ MD SeekFü von aktuell 77 Dienstposten auf 120 Dienstposten aufgewachsen und damit an den Ausbildungsumfang angepasst worden.
Die Seeausbildung umfasst sowohl die Ausbildungsunterstützung in den Bereichen Nautik, Schiffstechnik, Führungsmitteltechnik, Schiffsicherung, Sanität, Operationsdienst und Force Protection als auch[ds_preview] die Durchführung des sechs bis sieben Wochen dauernden German Operational Sea Trainings German Authorities, kurz GOST GEA genannt. Das Konzept des GOST GEA ist 2019 entwickelt worden, um vor dem Hintergrund von zunehmend eingeschränkten Kapazitäten beim Fleet Operational Sea Training (FOST) der Royal Navy im britischen Plymouth eine flexible Alternative für die Zertifizierung combat ready in eigener Hand zu haben
Die landgebundene Ausbildung erstreckt sich von der Schieß- und Force-Protection-Ausbildung über Crew Ressource Management (CRM), Sanitäts- und ABC-Ausbildung, Rettungsmittelausbildung, Kfz-Ausbildung, Navigationsaus- und Weiterbildung bis hin zur Schiffsicherungsausbildung inklusive Realbrandschulung.
Vor der Sommerpause 2021 stimmte der Bundestag für den Bau von zwei Betriebsstofftransportern, die der Einsatzflottille 2 zugeordnet werden sollen. Hätten Sie sich noch mehr gewünscht und wo sehen Sie weiteren Bedarf?
Neben den zukünftig zulaufenden Betriebsstoffversorgern sind insbesondere die Projekte zur Sicherstellung der Einsatzverfügbarkeit der Fregatten 123 und 124 als auch das Rüstungsprojekt Fregatte 126 zu nennen. Wir werden langfristig sehr moderne und kampfkräftige Schiffe in der Einsatzflottille 2 betreiben – das stimmt mich ausgesprochen zufrieden. Aber natürlich gibt es aus Sicht der Einsatzflottille 2 auch Vorhaben, bei denen ein weiterer operativer Bedarf besteht und aus Gründen der Planbarkeit eine zeitnahe Positionierung zu empfehlen wäre.
Für den Bereich der Kampfeinheiten würde die Auslösung der Optionen für die Schiffe fünf und sechs der Fregatten Klasse 126 den Bestand substanziell erhöhen und so langfristig die Einsatzbereitschaft stärken, aber auch Entlastung für die Besatzungen bringen. Darüber hinaus ist ein bruchfreier Fähigkeitserhalt der Hafen- und Seeschlepper sowie der Wohnboote anzustreben.
Neue Schiffe helfen aber nur, wenn wir auch die Menschen haben, um die Einheiten zu betreiben. Deshalb sind einige meiner Schwerpunkte derzeit die Personalbindung und das Gewinnen von Personal. Die besten Werbeträger sind berufszufriedene und authentische Seefahrer und Soldaten und das erreichen wir vornehmlich durch moderne und einsatzfähige Einheiten, für die hinreichende Munition und Ersatzteile zur Verfügung stehen.
Kommen wir zum Sondervermögen der Bundeswehr über 100 Milliarden Euro. Der Inspekteur der Marine sieht neben schwimmendem und fliegendem Gerät Prioritäten bei Munition und Ersatzteilen. Haben Sie für Ihre Flottille spezifische Wünsche hinzuzufügen?
Im Vordergrund steht die haushalterische Hinterlegung der von Ihnen genannten Projekte, um die rechtzeitige Realisierung sicherzustellen. Darüber hinaus sollten zusätzlich auch andere Ansätze verfolgt werden, um Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Für den Bereich der U-Jagd wird beispielsweise die Möglichkeit der Kompensation des Bordhubschraubers Sea Lynx auf den Fregatten 123 durch Drohnen vom Typ Sea Falcon betrachtet. Im Bereich der Führungsunterstützung sind aus Sicht der Einsatzflottille 2 die Modernisierung der Führungsinformationssysteme auf allen schwimmenden Einheiten und die zeitgemäße Ausstattung der Einheiten mit Fernmelde- und Führungsanlagen hervorzuheben. Dazu zählt für mich auch eine adäquate Betreuungskommunikation, um unseren Besatzungen zeitgemäße und zukunftsfähige Kommunikationsmöglichkeiten zu bieten.
Werden wir vorsichtig politisch: Es heißt, das Schwarze Meer ist ein neuer sicherheitspolitischer Fokus. Wie ist Ihre Lagebeurteilung in Bezug auf die Einsatzflottille 2?
Mit Sicherheit steht das Schwarze Meer derzeit im sicherheitspolitischen Fokus. Unsere Schwerpunkte resultieren allerdings aus unserer geostrategischen Lage, unserer maritimen Abhängigkeit, der Zugehörigkeit zu einem maritimen Bündnis und nicht zuletzt auch der Größe unserer Marine. Da ist zunächst der Nordflankenraum der NATO, der bis weit an die Ostküste der USA und Kanadas, in den Nordatlantik aber auch bis tief in die Ostsee reicht sowie die Verantwortung für freie Seeverbindungslinien.
Das Schwarze Meer ist ein Randmeer, allerdings mit Mitgliedstaaten der NATO, die Anrainer dieser Seegebiete sind. Einheiten der Einsatzflottille 2 beteiligen sich deshalb seit Jahrzehnten im Rahmen der ständigen Einsatzverbände der NATO an Manövern und Übungen im Schwarzen Meer und zeigen auch dort Präsenz.
Weil unsere Einheiten weltweit in der mehrdimensionalen Seekriegführung einsetzbar sind, ergeben sich für die Einsatzflottille 2 verschiedene Wirklinien beim Einsatz unserer Schiffe: Zum einen, dass wir uns auf den Schutz der entsprechenden Seeverbindungslinien und einen Einsatz im Nordflankenraum ausrichten und uns gleichzeitig auf das Führen in High-Intensity Multi Domain Operations einstellen. Darüber hinaus müssen wir Landes- und Bündnisverteidigung in allen Seegebieten des NATO-Bündnisgebiets ausüben und weltweit in Einsatzräumen des internationalen Krisenmanagements wirken können. Insofern zurück zu Ihrer Frage: Auch wenn sich die Situation im Schwarzen Meer und für die Anrainerstaaten bedeutend geändert hat, ist dieses Seegebiet kein neuer sicherheitspolitischer Fokus, sondern vielmehr ein Seegebiet, in dem wir bündnissolidarisch gewirkt haben und wirken werden.
Müssen aus dem Krieg für Sie Konsequenzen in Bezug auf Operationsgebiet, Ausbildung und Einsatzfähigkeit Ihrer Flottille gezogen werden?
Wie ich bereits bei der vorherigen Frage deutlich gemacht habe, liegt der Fokus der deutschen Seestreitkräfte bereits seit Jahren auf der Landes- und Bündnisverteidigung. Verfügbare Einheiten mit gut ausgebildeten Besatzungen sind – auch im Rahmen von Bündnisverpflichtungen – die Voraussetzung zur schnellen Reaktionsfähigkeit des Inspekteurs der Marine, der Bundesregierung weltweit einsatzfähige Seestreitkräfte zur Verfügung zu stellen. Die Einsatzflottille 2 hat hierbei den Auftrag, durchsetzungsfähige und durchhaltefähige Schiffe für das mehrdimensionale Seegefecht bereitzustellen. Die notwendigen Fähigkeiten werden wiederkehrend auf Wirksamkeit gegen weiterentwickelte oder neue Waffensysteme möglicher Widersacher überprüft und entweder durch technische Maßnahmen und Systeme oder veränderte Einsatzverfahren optimiert. Auch die Auswertungen aus dem gegenwärtigen Krieg werden in diesen Prozess einbezogen, um auch zukünftig die Bereitschaft, Präsenz und Sichtbarkeit der Deutschen Marine însbesondere im Bündnisrahmen sicherzustellen.
Was sagen Ihre Frauen und Männer, welche Stimmung beobachten Sie in Ihrem Verband? Wie sieht es mit der Motivation aus?
Wir alle in der Einsatzflottille 2 haben sehr früh in diesem Konflikt realisiert, was es bedeutet, zur militärischen Präsenz im Nordflankenraum beizutragen und ein „Nicht während unserer Wache“ wirksam zu vertreten. In dieser Situation haben alle Männer und Frauen der Einsatzflottille 2, ob an Bord oder in den relevanten Stellen an Land, eine tolle Moral und hohen Einsatzwillen gezeigt. Gerade in der unmittelbaren Zusammenarbeit mit dem Marinearsenal und dem Marineunterstützungskommando waren wir in der Lage, Einheiten der Einsatzflottille 2 zügig instand zu setzen, schnell auszurüsten und unmittelbar in die Präsenzoperation Baltic Guard zu entsenden. Mit dieser Haltung haben wir trotz materieller Defizite unsere „Kaltstartfähigkeit“ bewiesen. Ich muss offen zugeben, ich war in diesem Moment sehr stolz auf die Leistung meiner Männer und Frauen.
Trotz der Veränderung der politischen Lage bleiben unverändert große Herausforderungen, welche die Besatzungen in diesen Zeiten zu meistern haben. Vakanzen im Bereich des Personals, das Fehl von Material- und Ersatzteilen sowie häufige Änderungen in der Vorhabenplanung, auch und insbesondere aufgrund teilweise massiv verlängerter Instandhaltungsphasen, stellen uns vor Probleme.
Über allem schweben weiterhin die Auswirkungen der Pandemie, die nicht ausgeblendet werden können und dürfen. Auch diese Herausforderung beansprucht viel Zeit, Disziplin und Aufwand von den Männern und Frauen an Bord, um den Alltag an Land und in See so erfolgreich wie möglich bestreiten zu können.
Über all diese Aspekte hinweg sind die Angehörigen der Einsatzflottille 2 weiterhin hoch motiviert, allen Missständen auch mit unkonventionellen Maßnahmen entgegenzusteuern und das Beste aus der Situation zu machen. Sie begegnen diesen Herausforderungen mit Willensstärke, Kreativität und Improvisationsvermögen – allen Widrigkeiten zum Trotz „es dennoch zu tun“, ist unsere große Stärke!
Wie entwickelt sich die Personallage, wie ist die Zusammenarbeit mit den Karrierecentern? Ist die neue Verwendungsreihe 25 schon bewertbar?
Die aktuelle Personallage innerhalb der Marine gibt Anlass zu großer Sorge und entwickelt sich, auch aufgrund der pandemiebedingten Mindereinstellungen der zurückliegenden zwei Jahre, zunehmend kritisch. Unverändert hoch ist das Personalfehl im Bereich der schiffstechnischen Verwendungsreihen, in operativen Verwendungen, sowie bei den Köchen und Sanitätern. Im Fokus der Vakanzen stehen insbesondere Dienstposten der Ebene Unteroffiziere ohne Portepee.
Nach wie vor ist die Zusammenarbeit und der Austausch mit den Karrierecentern der Bundeswehr, insbesondere dem in Wilhelmshaven, gewinnbringend und sehr fruchtbar. Damit auch die Karriereberater im Binnenland ein Verständnis dafür entwickeln, was die Marine im Allgemeinen und die Einsatzflottille 2 im Besonderen (aus-)macht, finden gemeinsame Veranstaltungen in Wilhelmshaven statt. Vor kurzem hat das Karrierecenter München die Einsatzflottille 2 besucht, um sich mit den Karriereberatern vor Ort ein Bild von den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen und vor allem von den Mangelverwendungsreihen an Bord zu machen. Ziel dieser Maßnahmen ist dabei, die Nachwuchsgewinnung für die Marine auch im Süden der Republik zu unterstützen und geeignetes Personal für die seegehenden Einheiten zu rekrutieren.
Vor Ort sind im laufenden Jahr gemeinsam mit dem Karrierecenter Wilhelmshaven, der Agentur für Arbeit und der JadeBay GmbH weitere Aktivitäten wie die Durchführung von Informationstagen an Bord und im Stützpunkt, Schülerpraktika, Einsatz von Jobbussen und vielem mehr geplant, um dem aktuell bestehenden großen Interesse von Schülerinnen und Schülern am Soldatenberuf gerecht zu werden und sich verstärkt als Arbeitgeber Bundeswehr in der Region zu präsentieren.
Neben der Personalgewinnung messe ich aber auch der Bindung von bewährtem Personal innerhalb der Einsatzflottille 2 eine sehr hohe Bedeutung bei. Hier wissen wir, wen wir bekommen und müssen nicht die Katze im Sack kaufen!
Die Neustrukturierung des Verwendungsbereichs 2 (Operationsdienst) ist weit vorangeschritten. Folgende Schritte sind bereits umgesetzt: Die ehemaligen Verwendungsreichen 23 (Überwasseroperationsdienst), 24 (Unterwasseroperationsdienst), 27 (Signalbetrieb) und 28 (Elektronischer Kampf) sind in der neuen Verwendungsreihe 25 zusammengefasst.
Seit April findet der erste Durchgang der neuen militärfachlichen Ausbildung mit guter Auslastung an der Marineoperationsschule in Bremerhaven statt. Diese gliedert sich in die militärfachliche Ausbildung Stufe 1 für Unteroffiziere mit und ohne Portepee und Stufe 2, die sich ausschließlich an Unteroffiziere mit Portepee richtet, sowie anschließenden Vertiefungsmodulen, beispielsweise Unterwasserwaffeneinsatz oder Elektronische Kampfführung. Diese neue Ausbildung ist so aufgebaut, dass möglichst wenig Lehrgangspausen entstehen.
Eine Bewertung, wie die neue Verwendungsreihe 25 angenommen wird und ob die Marine mit dieser Maßnahme den bestehenden Vakanzen im Bereich der Operationszentrale zügig entgegenwirken kann, ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht möglich. Es kommt jetzt darauf an, Personal für die anspruchsvolle Ausbildung in den unterschiedlichen Verwendungsgruppen zu werben, zu rekrutieren und nach den bestehenden Erfordernissen zügig auszubilden. An Bord der seegehenden Einheiten werden die angehenden Operateure dringend benötigt – der Erfolg wird also daran zu messen sein, wie weit die Dienstposten an Bord zukünftig besetzt werden können.
Auch wenn Sie es nicht mehr hören mögen: bitte einen Satz zum Mehrbesatzungskonzept und zur Arbeitszeitverordnung. Passt diese noch in die Zeit oder müssen wir erneut darüber nachdenken?
Erste Erfahrungen hinsichtlich des Mehrbesatzungskonzepts der Fregatten 125 wurden gemacht, es gab etliche Wechsel zwischen den Besatzungen Alpha bis Foxtrott. Diese auch kurzfristig durchgeführten Wechsel werden nunmehr zur Routine.
Ziel des Mehrbesatzungskonzepts ist und bleibt es, die Besatzungen zu entlasten und einen bis zu zweijährigen Verbleib der Plattform im Einsatzgebiet zu gewährleisten. Da unsere Erfahrungen hinsichtlich Intensivnutzung einer Plattform erst am Anfang stehen und auch der Personalaufbau der Mehrbesatzungen noch nicht abgeschlossen ist, kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine belastbare Aussage über den Zusatznutzen des Mehrbesatzungskonzepts getroffen werden. Nur so viel: Die Marine hält am Mehrbesatzungskonzept der F 125 fest, da in der Zielstruktur erhebliche Vorteile hinsichtlich der Verfügbarkeit von Plattformen erwartet werden.
Zum Thema Arbeitszeitverordnung nur so viel: Für einen Großteil der Besatzungsangehörigen ist die Marine mehr als nur ein Beruf. Sie entscheiden sich bewusst und aus voller Überzeugung für die Marine und somit auch für gelebte Gemeinschaft an Bord. Diese besondere Einstellung ist nach wie vor auf den Schiffen der Einsatzflottille 2 deutlich zu spüren. Damit einhergehend, wird mir gegenüber im Rahmen meiner Besuche an Bord verstärkt der Wunsch geäußert, wieder mehr Gemeinschaft an Bord, auch während der Hafenliegezeiten und nach Dienst, leben zu dürfen.
In einer kürzlich in der Einsatzflottille 2 durchgeführten Untersuchung hinsichtlich der Auswirkungen der Soldatenarbeitszeitverordnung (SAZV) auf die Einsatzfähigkeit der Einheiten ist noch einmal deutlich geworden, dass die Ausbildung der Besatzungen als Ganzes und die Planmäßige Materialerhaltung der Schiffe durch das entsprechende Fachpersonal unter der SAZV leiden, weil die zur Verfügung stehende Arbeitszeit für die Durchführung dieser Maßnahmen, in Verbindung mit den zusätzlich zu leistenden Wachdiensten, schlicht und einfach endlich ist.
Hier sollte, wo immer möglich und sinnvoll, über Anpassungen nachgedacht werden, um wieder mehr Zeit für Pflege und Wartung der Einheiten sowie gemeinsame Zeit für die Teamausbildung auch während der Hafenphasen zu generieren. Dies würde auch die Möglichkeit schaffen, die Verbundenheit der Besatzung mit ihrer Plattform wieder stärker zum Ausdruck zu bringen.
Holger Schlüter










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