Sollte es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit Russland kommen, stellt sich die Frage nach dem Wo. Ist die Ostsee hierfür noch der geeignete Raum?
Mit dem Beitritt Finnlands zur NATO und dem erhofften zeitnahen Beitritt auch Schwedens verändert sich die militärische Geografie im Ostseeraum signifikant. Raumordnung, Kommandostruktur und die gerade erst in der Erstellung befindlichen Verteidigungspläne auf operativer und strategischer Ebene werden dem Rechnung tragen müssen und diese maßgeblich beeinflussen – alles mit entscheidenden Auswirkungen insbesondere für die Bundeswehr. [ds_preview]Damit erhält auch eine seit mehreren Jahren nicht nur in der Deutschen Marine leidenschaftlich diskutierte Frage erneute Relevanz: Wird es in der Ostsee überhaupt Seekriegsoperationen geben – oder wird der Kampf um die Ostsee angesichts des Bedrohungspotenzials der russischen Streitkräfte, der A2/AD-Bubble, notgedrungen von außerhalb der Ostsee und im Wesentlichen aus der Luft und vielleicht sogar allein mit unbemannten Systemen zu führen sein?
Das Argument folgt in etwa folgender Linie: Russland ist die offensiv agierende Partei und besitzt nicht nur die Initiative, sondern mit den in der Exklave Kaliningrad und in Russland selbst stationierten weitreichenden ballistischen und Marschflugkörpersystemen sowie den Luftstreitkräften die Eskalationsdominanz mit überaus kurzen, quasi nicht vorhandenen Vorwarnzeiten. Selbst kleinere Überwasserkampfschiffe wie Korvetten oder Minenkampfboote sind daher einem hohen Bedrohungsniveau ausgesetzt. Seekriegsoperationen sind daher letztlich nicht möglich und deswegen müssten diese Einheiten bei der Zuspitzung einer sicherheitspolitischen Krise mit Russland mindestens in die westliche Ostsee zurückgezogen oder gleich in die Nordsee verlegt werden. Sollte es zu einem bewaffneten Konflikt kommen, müsste zuerst die A2/AD-Bubble mit Luftstreitkräften und Distanzwaffen zerschlagen werden, bevor Überwasserseestreitkräfte wieder in die zentrale und östliche Ostsee zurückkehren können.

Auch in der Ostsee ist für die Deutsche Marine internationale Zusammenarbeit auf allen Ebenen von entscheidender Bedeutung, Foto: US Navy/Shawn P. Coover
Die Punkte sich durchaus stichhaltig. Die Ableitung aber meiner Ansicht nach dennoch falsch. Die Diskussion in Deutschland wurde dabei sehr schnell mit Blick auf bestimmte Teilstreitkräfte, Waffensysteme, Strukturen und Entwicklungsziele geführt. Ich möchte daher bewusst ohne eine unmittelbare Linie zu einem bestimmten System oder einer Technologie aufzeigen, warum das Argument fehlgeht.
Militärstrategische Perspektive
Die Bedeutung der Ostsee als unverzichtbarer Verkehrsraum nimmt mit dem Beitritt Finnlands und Schwedens weiter zu. Die Aufrechterhaltung der Seeverbindungslinien durch die Ostsee ist für Finnland und die drei baltischen Staaten von vitalem Interesse. Von der Bedeutung der Linien für die Verlegung von Verstärkungsstreitkräften und deren Nachversorgung ganz zu schweigen: Mehr als 70 Prozent des finnischen Außenhandels etwa werden über die Ostsee abgewickelt, belastbare Landverbindungen sind nicht vorhanden und aufgrund der klimatischen Bedingungen im hohen Norden auch nicht herzustellen. Finnland betrachtet sich daher nicht zu Unrecht aus militärischer Perspektive als Insel. Zweifellos befindet sich auch Russland– zumal nach Finnlands Beitritt – in einer mehrfachen und überlappenden Insellage: Der Großteil seines Seehandels, insbesondere für die Ballungsräume St. Petersburg und Moskau, wird über St. Petersburg abgewickelt; Kaliningrad ist per se eine Exklave und auch die für die russische nukleare Zweitschlagsfähigkeit essenzielle Kola-Halbinsel ist nur über die in unmittelbarer Grenznähe zu Finnland liegende Landverbindungsline und die Kanäle vom Golf von Finnland zum Weißen Meer zu erreichen.
Dies bietet einem Aggressor ein immenses Erpressungspotential, das gerade im Verlauf der Zuspitzung einer Krise mit hybriden Mitteln genutzt werden kann und dem auch über einen langen Zeitraum mit einer zunehmenden Präsenz von Seestreitkräften begegnet werden muss.
Richtig ist, dass der Aggressor die Initiative hat, eine Binse. Wann aber ist dann der Zeitpunkt erreicht, ab dem Konvoi-Operationen, Überwachungen kritischer submariner Infrastruktur oder schlicht Präsenz und Übungen von NATO-Streitkräften als elementarer Teil des strategic messaging und vor allem der reassurance unserer Bündnispartner nicht mehr zu vertreten ist und diese einzustellen sind? Wie gut ist es Ende 2021 gelungen, angesichts der Zusammenziehung von über 100 000 Mann in Grenznähe die richtigen Schlüsse zu ziehen? Sind wir uns sicher, dass uns dies beim nächsten Mal besser gelänge, wenn derart sichtbare Angriffsvorbereitungen nicht einmal notwendig wären? Ein Rückzug der Überwasserstreitkräfte aber ließe die Allliierten im Stich, die keine Option zum Verlassen der Ostsee haben und deshalb mit Recht auf die größte Marine im Ostseeraum blicken und erwarten, dass diese eine Führungsrolle bei der Sicherung ihrer Lebensadern übernimmt. Im Ergebnis wäre die Erpressung erfolgreich und die Solidarität im Bündnis mit unüberschaubaren Folgen beschädigt. Das strategische Gravitätszentrum zu gefährden, um das operative Gravitätszentrum, unsere Seekriegsmittel, zu erhalten, ist schlicht keine Option.
Aber bereits die Vorstellung, sich der tatschlich beeindruckenden Fähigkeiten russischer Effektoren entziehen zu können, geht fehl: De facto befinden sich nicht nur Finnland, die baltischen Staaten und Schweden, sondern eben auch Deutschland bereits jetzt innerhalb der russischen A2/AD-Bubble.

45 Schiffe und 7000 Soldaten aus 16 Staaten nahmen an Baltops 2023 teil, Foto: US Navy/Shawn P. Coover
Operative Perspektive
Die Vorstellung eines „temporären Rückzugs“ geht davon aus, dass es durchaus Seekriegsoperationen in der Ostsee geben wird – wenn die russische A2/AD-Bubble aufgebrochen oder zumindest auf ein erträgliches Maß reduziert ist. Klar ist, dass diese Nuss insbesondere durch Luftstreitkräfte zu knacken sein wird. Nicht ganz so klar ist, wie lange dies denn wohl dauern würde und ob für diese Zeit ein Erliegen der Schifffahrt in der Ostsee hinzunehmen wäre. Aber ganz unabhängig davon, wie lange dies dauern mag, entscheidend ist, dass das nicht von selbst passieren wird – und Seestreitkräfte werden eine wesentliche Rolle spielen müssen, um diesen Effekt zu erzielen. Zum einen als Träger von weitreichenden Effektoren, die Flugkörpersysteme und Sensoren ob auf See, in der Luft oder an Land unmittelbar selbst bekämpfen. Zum anderen vor allem zum Aufbau eines weiteren Angriffsvektors, der dem Gegner eine Konzentration eigener Kräfte erschwert und eine Saturierung gegnerischer Sensoren und Verteidigungssysteme erlaubt. Insbesondere aber, um den Gegner dazu zu zwingen, Maßnahmen zu ergreifen, die es NATO-Luftstreitkräften überhaupt erst erlauben, zu wirken. Dieser Aspekt der Stimulierung von Sensoren und Verteidigungssystemen, um diese dazu zu zwingen, sich zu offenbaren und damit überhaupt ein Ziel für Luftstreitkräfte und Präzisionsfernwaffen zu bieten, ist eine zentrale Rolle von taktischen Streitkräften in einer multi-domain-operations-Umgebung – gleich, ob dies Manöverelemente der Landstreitkräfte sind oder Seestreitkräfte. Dies muss nicht immer ein Flugkörper sein, entscheidend ist, dass es ein Bedrohungsvektor ist, den man nicht ignorieren kann. Der Vektor über See spielt hier eine zentrale Rolle.
Im Kriegsfall ist dies auf weitere Sicht und in wesentlichen Teilen auch durch unbemannte Systeme zu leisten. Dies ist ein Kerngedanke des Zielbilds 2035+: Manned when necessary, unmanned when possible. Aber selbst wenn es gelingt, unbemannte Systeme so auszurüsten und zu bewaffnen, dass sie diese Rolle übernehmen können – in der Phase deterrence erzeugt eine unbemannte Plattform nicht annähernd die gleiche Wirkung wie ein bemanntes System. Allein die Botschaft, nicht nur eigenes Material, sondern auch eigene Menschen zum Beistand und zur Verteidigung eines Alliierten zu exponieren, erzeugt sowohl gegenüber dem Partner wie dem Gegner eine bei weitem stärkere Wirkung. Und damit sind wir wieder am Anfang des Arguments.

Baltops-Einheiten im Hafen der estnischen Hauptstadt Tallinn, Foto: US Navy
Unser Blick darf nicht auf die Dimension See verengt werden. Im Konfliktfall kommt Seestreitkräften in der Ostsee eine essenzielle, unterstützende Rolle zu: die linke Flanke der Landstreitkräfte der NATO in Polen und im Baltikum zu decken. Ein Rückzug aus der zentralen Ostsee würde dem Gegner den operativen Freiraum einräumen, alliierte Kräfte zu überflügeln und deren rückwärtigen Raum von See aus zu bedrohen.
Taktische Perspektive
So wie Seestreitkräfte vor dem Ausbruch kriegerischer Handlungen zunächst in einer latenten, im Verlauf sich zuspitzenden Krise unter ständiger Bedrohung operieren müssen, ist selbst im günstigsten Fall nicht davon auszugehen, dass nach einer Bekämpfung der A2/AD-Bubble dem Gegner plötzlich keinerlei symmetrische Mittel mehr zur Verfügung stünden – von hybriden Mitteln ganz zu schweigen. Bereits heute, aber insbesondere bei Zuspitzung einer krisenhaften Entwicklung und erst recht nach Ausbruch kriegerischer Auseinandersetzungen werden Seestreitkräfte durchgehend unter hoher Bedrohung operieren müssen. Dem ist nicht mit einem geeigneten Timing zu entgehen. Im Gegenteil, ein re-entry würde aufgrund des Verlusts der situational awareness und wegen der notwendigen Überwindung von choke points (Dänische Meerengen, Fehmarnbelt, Bornholm) in die zentrale und östliche Ostsee das Risiko für eigene Einheiten eher erhöhen, denn vermindern. Tatsächlich ist aus dieser Perspektive die frühzeitige Entsendung von Einheiten östlich dieser choke points erforderlich, um sie für den Fall eines Versagen der Abschreckung auch in einer geeigneten taktischen Position zu haben. Dies freilich birgt eine ganz eigene Botschaft, die auf strategischer Ebene sorgsam betreffend ihrer Wirkung auf Russland abgewogen werden muss.
Was bleibt? Am Ende müssen strategische Ziele, operative Planungen und taktische Maßnahmen aufeinander bezogen sein und ineinander greifen. Das überragende Ziel aber ist es, einen Krieg zu vermeiden und sicherzustellen, dass deterrence never fails. Das dürfen wir nie aus dem Blick verlieren – erst recht nicht bei der Abwägung des operativen Risikos.
Flottillenadmiral Sascha Helge Rackwitz ist Kommandeur der Einsatzflottille 1 und Direktor des Kompetenzzentrums COE CSW in Kiel.
Sascha Rackwitz










Danke für diese messerscharfe Analyse des Kommandeurs der Einsatzflottille 1! Dazu erlaube ich mir zwei Anmerkungen. Die erste ist ein historischer Hinweis. Im Kalten Krieg befand sich Berlin in einer noch schlechter zu verteidigenden Position als das Baltikum und Finnland heute. Die Westalliierten USA, Großbritannien und Frankreich bauten seinerzeit die Organisation Live Oak auf, um Erpressungen gegen Berlin entgegenzutreten. Ein Blick auf diese Organisation lohnt auch heute, zumal es inzwischen Literatur zu dieser früher geheimen Organisation gibt (https://de.wikipedia.org/wiki/Organisation_Live_Oak; Harald van Nes: Das Ringen um Berlin im Kalten Krieg. Die Geschichte von Live Oak. Im Auftrag des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr wissenschaftlich betreut von Bernd Lemke, Berlin/München/Boston 2021).
Der zweite Hinweis bezieht sich auf die Feststellung dieses Artikels, dass in der Ostsee mit harten und verlustreichen Kämpfen zu rechnen ist. Hier verweise ich auf den ebenfalls gerade erschienenen Beitrag des Kommendeurs der Einsatzflottille 2, Flottillenadmiral Axel Schulz (https://cbmaritim.46181.onlineshophosting.de/wenn-nicht-jetzt-wann-dann/). Das System Bundeswehr har sich seit 1990 nicht nur materiell vom intensiven Kampf entfernt, sondern auch und vor allem mental.
Danke an die Redaktion, diese beiden Artikel der für die schwimmende Flotte verantwortlichen Kommandeure in engem zeitlichem Zusammenhang veröffentlicht zu haben!