HMCS Harry DeWolf im Eis, Quelle: RCN

HMCS Harry DeWolf im Eis, Quelle: RCN

Kanadas arktistaugliche Patrouillenschiffe 

Die Patrouillenschiffe der neuen HARRY-DEWOLF-Klasse sollen zum militärischen Schutz sowie zur Sicherheit der Schifffahrt in den arktischen Gewässern Kanadas beitragen. Ihr Design ist abgeleitet von einer norwegischen Schiffsklasse.

Die zunehmenden Großmachtspannungen und der durch den Klimawandel erleichterte Zugang zu den arktischen Gewässern unterstreichen die Notwendigkeit, dem Schutz der nördlichsten Regionen des NATO-Gebiets eine höhere Priorität zuzuordnen. Unter anderem wird die Arktis Dank der schmelzenden Eiskappen zu einer der schnellsten Routen für die Verlegung von Kriegsschiffen zwischen dem Pazifischen und dem Atlantischen Ozean. Es besteht ferner die Gefahr, dass vor allem Russland und China versuchen könnten, den leichteren Zugang zu bislang ständig mit Eis bedeckten Gebieten auszunutzen, um eigene Territorialansprüche geltend zu machen oder Naturressourcen anderer Anrainerstaaten auszubeuten.[ds_preview]

Angesichts dieser Entwicklung baut Kanada die Militärpräsenz in den arktischen Provinzen des Landes aus. Auch die Zusammenarbeit mit den USA und europäischen Partnern in der Region wird intensiviert. Naturgegeben trägt Kanadas Marine, die Royal Canadian Navy (RCN) einen Großteil der Verantwortung für die Sicherung der Souveränitätsrechte in den eigenen Litoralgewässern und der Ausschließlichen Wirtschaftszone. Die bei Victoria in Britisch-Kolumbien stationierte Pazifikflotte ist zuständig für die westlichen Arktisgewässer, während die in Esquimault bei Halifax stationierte Atlantikflotte den Atlantik und die östlichen Arktisgewässer schützt. Das Einsatzgebiet umfasst auch das aus mehr als 36 000 Inseln bestehende Arktische Archipel, dass sich vom 62. bis zum 83. nördlichen Breitengrad erstreckt.

Bislang fehlte es der RCN an Schiffen, die imstande sind, ohne Eskorte durch Eisbrecher in den arktischen Gewässern nördlich des Festlands zu operieren.

Besichtigungdes Bordlazaretts, Foto: US Navy

Besichtigung des Bordlazaretts, Foto: US Navy

Im Jahr 2007 beschloss die kanadische Regierung die Einführung eines neuen Schiffstyps, um diese Lücke zu schließen. Nach fünfjähriger Konzeptplanung gab Ottawa Ende 2012 grünes Licht für das Beschaffungsprogramm. Der Bauauftrag wurde im Dezember 2014 an die kanadische Firma Irving Shipbuilding vergeben. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 2,3 Milliarden kanadische Dollar.

Die als Arctic and Offshore Patrol Vessel (AOPV) bezeichneten Einheiten sind sowohl arktis- als auch hochseetauglich. Benannt wurde die neue Schiffsklasse nach Vizeadmiral Harry DeWolf, der von 1956 bis 1960 als kanadischer Marinestabschef fungierte. Die RCN erhält insgesamt sechs Einheiten, drei davon sind bereits in Dienst gestellt worden. Das vierte Schiff wurde im August 2023 ausgeliefert.

Harry DeWolf vorder Küste Alaskas, Foto: USCG

Harry DeWolf vor der Küste Alaskas, Foto: USCG

Die AOPVs sind abgeleitet von der SVALBARD, die seit 2001 als Eisbrecher und Offshore Patrol Vessel im Dienst der norwegischen Küstenwache steht. Abmessungen und Leistung der HARRY-DEWOLF-Klasse entsprechen weitgehend der norwegischen Vorlage, doch führen die neuen Schiffe eine andere Bordausstattung.

Gebaut werden die AOPVs auf der Irving Werft in Halifax. Die modular entworfenen Schiffe bestehen aus rund 180 einzelnen Blöcken. Hieraus werden in der Werkshalle drei Megablock-Einheiten gefertigt, die anschließend zusammengefügt werden. Mit 103 Meter Länge, 19 Meter Breite und 6600 Tonnen Verdrängung sind AOPVs die größten Kriegsschiffe, die im Verlauf der letzten 50 Jahre in Kanada gebaut wurden. Die Einheiten haben eine Standardbesatzung von 65 Personen. Abhängig vom Auftrag können zusätzlich bis zu 22 Einsatzspezialisten untergebracht werden. Zur Ausstattung gehören ein Bordlazarett sowie Mehrzweckräume für Einsatzplanung und -vorbereitung. Das Vordeck ist geschlossen, um Ausrüstung und Besatzung vor der arktischen Witterung zu schützen.

Megamodule vor dem Zusammenfügenbei Irving Shipbuilding, Foto: Irving Shipbuilding

Megamodule vor dem Zusammenfügen bei Irving Shipbuilding, Foto: Irving Shipbuilding

Das Typschiff (AOPV 430) wurde im Juli 2020 der kanadischen Marine übergeben, und im Juni 2021 in Dienst gestellt. Das Schiff absolvierte von August bis Dezember 2021 eine erste, über 7000 Meilen führende Einsatzfahrt. Sie führte das Schiff rund um Nordamerika, einschließlich einer Durchquerung der Nordwestpassage und des Panamakanals. Während des ersten Einsatzabschnitts erprobte die HARRY DEWOLF in der Nähe der Ellesmere-Insel ein neues Schleppsonarsystem, dass die RCN für den U-Jagd-Einsatz einführt. Dieser um den 76. Breitengrad durchgeführte Test war der nördlichste Einsatz eines solchen Sonars in der Geschichte der kanadischen Marine. Im weiteren Verlauf dieser Fahrt beteiligte sich das Schiff in der Karibik an dem amerikanisch geführten Anti-Drogen-Einsatz Operation Martillo. Dem kanadischen Schiff gelang es dabei, 3000 Kilo Kokain sicherzustellen.

Deckgeschützder Harry DeWolf, Foto: Kanadische Marine

Deckgeschütz der Harry DeWolf, Foto: Kanadische Marine

Technik und Leistung

Der Schiffsrumpf hat die Eisklassifizierung PC 5; Bug und Vorschiff sind verstärkt und führen die Einstufung PC 4. Dies ermöglicht das sichere Brechen von bis zu 120 Zentimeter dickem Eis. Eine im September 2023 herausgegebene Meldung der RCN steigert die Eisbrecherleistung auf 150 Zentimeter. Dies ermöglicht Arktisfahrten zwischen dem späten Frühjahr und Spätherbst, und öffnet der RCN den Zugang zu Territorialgewässern, die zuvor nicht per Schiff erreichbar waren.

Zwei Bugstrahlruder erlauben das Andocken ohne Hilfe eines Lotsenbootes, und verleihen dem Schiff ein hohes Maß an Manövrierfähigkeit, auch beim durchqueren enger Passagen. Das Antriebssystem besteht aus vier Dieselaggregaten MAN 6L32/44CR mit 3,6 Megawatt und zwei Elektromotoren mit 4,5 Megawatt für die Schiffsschrauben. Die Höchstfahrt beträgt 17 Knoten. Im Eisbrechermodus erreichen die Schiffe noch drei Knoten Fahrt. Die Einsatzreichweite beträgt mindestens 7000 Seemeilen bei 14 Knoten Fahrt. Die Schiffe können bis zu vier Monate auf See verbringen, müssen dabei aber aus der Luft oder per Schiff versorgt werden.

Als OPV sind die Schiffe nicht für die Seekriegsführung ausgerichtet. Die Ausstattung reicht jedoch für Polizei- und Fischereischutzaufgaben sowie für die Bekämpfung von Terroristen, Kleinkampftrupps, Schnellbooten oder unbemannten Luftfahrzeugen (Unmanned Aerial Vehicles, UAVs) aus.

Für die Navigation führen die Schiffe das System BlueNaute von Sagem sowie die SharpEye- Radarsysteme von Kelvin Hughes, die im X- und S-Band arbeiten. Das über der Brücke montierte Navigations- und Meeresüberwachungsradar Scanter 6002 ist in das Combat-Management-System von Lockheed Martin integriert. Es ist ausgerichtet, auch kleine, auf oder im Wasser befindliche Ziele zu orten. Das Einsatzführungssystem ist optimiert für Such- und Rettungseinsätze, kann aber auch zur Erfassung von Schnellbooten, Schmugglern, Schleusern oder Terroristen dienen. Das Radar wurde jüngst durch künstliche Intelligenz mit der Fähigkeit nachgerüstet, auch tieffliegende und kleine UAVs zu orten und diese von Vögeln oder anderen unverdächtigen Flugzielen zu unterscheiden.

Mit 103 Metern Länge sind die AOPVs diegrößten Kriegsschiffe, die Kanada in den letzten fünf Jahrzehnten gebaut hat, Foto: Kanadische Marine

Mit 103 Metern Länge sind die AOPVs die größten Kriegsschiffe, die Kanada in den letzten fünf Jahrzehnten gebaut hat, Foto: Kanadische Marine

Direkt über dem geschlossenen Vordeck befindet sich ein modifiziertes 25-Millimeter-Schnellfeuergeschütz BAE Mk 38. Die ferngesteuerte Präzisionswaffe hat eine effektive Reichweite von 2500 Metern und eine einstellbare Feuerkadenz von bis zu 180 Schuss pro Minute. Die durch Infrarot ergänzte Zieloptik besitzt einen Erfassungswinkel von 330 Grad und ermöglicht die zügige Identifizierung und Bekämpfung von schnellen Flug- und Überwasserzielen. Ergänzt wird das Hauptgeschütz durch zwei an Steuerbord und Backbord montierte 12,7-Millimeter-Maschinengewehre.

Unterhalb der Brücke werden an beiden Seiten des Schiffes 8,5 Meter lange Interceptor-Schnellboote geführt. Die 35 Knoten schnellen Boote lassen sich für Such- und Rettungsaktionen, Personaltransport sowie für Boardingeinsätze verwenden. Im Mitschiffs gelegenen Flugzeughangar kann ein Bordhubschrauber CH-148 Cyclone untergebracht werden.  Zwar wird die U-Jagd nicht als Aufgabe der AOPVs angegeben, doch kann der Cyclone auch diesen Auftrag durchführen. Auch das unbemannte Luftfahrzeug UMS Skeldar 200 UAV (kanadische Bezeichnung: CU-176 Gargoyle) kann zur Aufklärung oder für die elektronische Kampfführung auf den AOPVs geführt werden.

Beidseits des Hangars werden die orangefarbenen geschlossenen Rettungsboote bereitgehalten. Achtern schließlich befindet sich unterhalb des Flugdecks ein Fahrzeugdeck für Geländefahrzeuge, Kleinlaster oder Motorschlitten. Hier können auch Container, Frachtpaletten, ein 12-Meter Landungsboot, Unterwasserdrohnen oder schweres Gerät transportiert werden. Der Be- und Entladung dienen zwei am Heck integrierte Hebekräne mit drei beziehungsweise 20 Tonnen Tragefähigkeit.

Am Heck befindet sich ein flexibeleinsetzbarer Kran mit 20 Tonnen Tragkraft, Foto: Kanadische Marine

Am Heck befindet sich ein flexibel einsetzbarer Kran mit 20 Tonnen Tragkraft, Foto: Kanadische Marine

Coast-Guard-Variante

Die Auslieferung der HARRY-DEWOLF-Klasse an die kanadische Marine wird 2026 abgeschlossen sein. Zwei weitere AOPVs werden 2026 und 2027 an die Canadian Coast Guard (CCG) ausgeliefert. Das Zuschneiden der ersten Stahlplatten für diese Ausführung fand am 8. August auf der Irving-Werft statt.

Die Einheiten der Küstenwache werden eine andere Ausrüstung als die Schiffe der Marine führen, um dem zivilen Aufgabenspektrum zu entsprechen. Hierzu gehört die Entfernung der Bordwaffen sowie die Umgestaltung der Brücke, der Unterkünfte und Arbeitsräume. Am Heck wird ein Portalkran installiert, um wissenschaftliche Ausrüstung einschließlich Unterwasserdrohnen auszusetzen. Die Schiffe können unter anderem als Einsatzzentrale auf See fungieren, etwa im Rahmen humanitärer Einsätze. Zur Unterstützung von Forschungsprojekten werden Sensoren entlang des Rumpfs angebracht, um Wasser- und Strömungsdaten zu sammeln. Die Besatzung der CCG-Variante besteht aus 31 Personen, Unterkünfte sind für weitere 26 Personen vorhanden. Leichte bis mittlere Bordhubschrauber können mitgeführt werden.

Die CCG-Einheiten werden traditionelle Küstenschutzaufgaben durchführen, darunter das Aussetzen von Navigationsbojen, die Seenothilfe, humanitäre Einsätze und die Eindämmung von Umweltschäden. Fischereischutz innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone wird eine Hauptaufgabe darstellen. Beide Schiffe werden an der Atlantikküste stationiert und primär in dieser Region Fischereischutzaufgaben wahrnehmen. Sie sollen ferner als Einsatzplattform für Meeres- und Arktisforschung dienen. Die Schiffe werden bis zu 120 Seemeilen vor der Küste sowie in den östlichen arktischen Gewässern operieren. Einsätze von bis zu 48 Tagen werden möglich sein.

Das kanadische Schiff ziehtstets neugierige Besucher an, Foto: Kanadische Marine

Das kanadische Schiff zieht stets neugierige Besucher an, Foto: Kanadische Marine

Einsatzkonzept

Die AOPVs der Marine werden zwischen der atlantischen und der pazifischen Flotte aufgeteilt. Überwachungs- und Patrouillenfahrten werden in allen drei Anrainermeeren Kanadas durchgeführt. Zudem sollen die Schiffe auch Einsätze anderer Teilstreitkräfte im maritimen Bereich unterstützen, etwa durch Transport und Versorgung von Aufklärern und Spezialkräften entlang der arktischen Küsten und Inseln.

Neue Pieranlagen und Wartungseinrichtungen für die AOPVs wurden in Esquimault und Halifax eingerichtet. Augenfälliger ist die Einrichtung eines neuen kleinen Versorgungsstützpunkts in Nanisivik, gelegen an der nördlichen Spitze der Insel Baffin. Hier entstehen eine Anlegestelle sowie eine Treibstoffversorgungsanlage. Der als Nanisivik Naval Facility bekannte nördlichste kanadische Standort wird voraussichtlich nur vier Wochen im Sommer aktiv sein. Diese Zwischenbetankung soll allerdings ausreichen, um die Entsendungsdauer der AOPVs in arktischen Gewässern zu maximieren. Der volle Dienstbetrieb der Versorgungsstation soll 2025 aufgenommen werden.

Die Navy-Varianten sollen primär die staatliche Präsenz in den nördlichen Küstengewässern und in den arktischen Territorialgewässern stärken, um nationale Interessen zu schützen und Souveränitätsansprüche durchzusetzen. Seit 2021 unterhalten die AOPVs eine ständige Präsenz in den Gewässern des kanadischen Archipels während der Monate April bis Oktober. Die Schiffe können auch Jagdunterseebooten der kanadischen Marine sowie Kriegsschiffen der US Navy den Weg durch vereiste Gewässer bahnen.

Schiffsschraubender Max Bernays, Foto: Irving Shipbuilding

Schiffsschrauben der Max Bernays, Foto: Irving Shipbuilding

Sekundär sollen die AOPVs internationale Einsätze unterstützen, etwa im Rahmen der Piraterie- und Terrorbekämpfung, bei humanitären Einsätzen oder zur Unterstützung befreundeter Staaten beim Schutz eigener Souveränitätsansprüche. Sie können unabhängig operieren oder in kanadische und multinationale Einsatzgruppen integriert werden. Trotz der generellen Ausrichtung auf den Einsatz in nördlichen Gewässern gelten die Schiffe als weltweit einsetzbar, auch in den Tropen.

Ob die acht vorgesehenen Einheiten das Ende des AOPV-Programms darstellen, ist noch ungewiss. Mehrere Aufsätze in kanadischen Militärjournalen haben angeregt, den Grundentwurf für den Einsatz als Amphibienschiff und damit für den Transport von 50 bis 60 Kommandosoldaten oder Marineinfanteristen anzupassen. Derartige Pläne seitens des Verteidigungsministeriums sind allerdings bislang nicht bekannt.

Sidney E. Dean

30. Jan. 2024 | 0 Kommentare

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