Vor gut 200 Jahren sanken zwei Schiffe im Sturm vor Dänemark. Ein bemerkenswertes Museum in Thorsminde erinnert heute an die vielen Toten – und die Gefahren der dänischen Westküste.
Mitte Dezember 1811 traf Vizeadmiral Sir James Saumarez, Oberbefehlshaber der britischen Flotte in der Ostsee, eine fatale Entscheidung, die er später sehr bereute. Überredet von seinem Stellvertreter Konteradmiral Robert Carthew Reynolds, dessen Flaggkapitän David Oliver Guion und dem Kapitän des Linienschiffes HMS Defence, schickte er entgegen seiner Überzeugung das beschädigte Linienschiff HMS St. George mit 765 Mann Besatzung sowie zivilen Frauen und Männern in Begleitung der HMS Defence mit 550 Mann Besatzung auf die Reise nach Plymouth. Die Schiffe kamen dort nie an. Die Reise endete am Heiligen Abend vor [ds_preview]der Westküste Dänemarks im Orkan. Über 1300 Menschen ertranken, nur 17 Matrosen wurden gerettet.
Die St. George war kaum seetüchtig. Sie hatte im November einen Konvoi aus 120 Handelsschiffen von der schwedischen Hanöbucht durch die feindlichen dänischen Gewässer in das Kattegat begleitet. Der Konvoi geriet in der Nacht vom 15. auf den 16. November südlich von Lolland in einen schweren Sturm mit orkanartigen Böen. Nur 76 Schiffe überstanden das Unwetter. Die St. George strandete südlich von Nysted auf dem Rotsand und verlor mit Ausnahme ihres Bugspriets alle Masten und ihr Ruder – das übrigens 2003 wiedergefunden wurde. Es gelang, die St. George flott zu machen und im Schlepp der HMS Cressy in das Hauptquartier von Saumarez auf der schwedischen Insel Vinga, zehn Seemeilen in den Schären westlich von Göteborg, zu bringen. Dort erhielt sie Notmasten und ein Pakenham-Notruder.
Das Wetter im Dezember war alles andere als gut und die Aussicht auf Besserung trübe. Saumarez hätte es daher lieber gesehen, die St. George abzuriggen und in Göteborg überwintern zu lassen. Aber er beugte sich der Meinung seiner Untergebenen, die das Schiff für seetüchtig hielten, und gab am 17. Dezember 1811 bei günstigem Wind aus Südost und klarem Wetter den Befehl zur Abreise in die Katastrophe. Am Ende stand eines der schlimmsten Schiffsunglücke an der dänischen Westküste.
Zunächst ließ sich die Reise gut an. Die St. George, immer wieder im Schlepp der Cressy und in Begleitung der Defence, rundete Skagen problemlos. Dann aber änderte sich das Wetter. Am 19. Dezember herrschte mittags steifer Wind aus Südwest mit Hagel- und Schneeböen und gewaltigen Seen. Die Cressy konnte die St. George nicht länger im Schlepp halten. So fiel der Beschluss, mit dem Wind von achtern zurück nach Vinga zu segeln. Allerdings drehte der Wind am 20. Dezember mittags auf Nordnordost und erreichte Sturmstärke. Und so ging es wieder hinaus auf die Nordsee mit Kurs West. Am Nachmittag des 22. Dezember lag Bovbjerg etwa 21 Seemeilen südlich.
Am Morgen des folgenden Tags hatte der Wind jedoch auf West gedreht und entwickelte sich zu einem ausgereiften Sturm, am Nachmittag sogar mit Orkanböen. Der Cressy gelang es noch zu wenden und sich von der Leeküste frei zu segeln. Die Lage für die St. George in ihrem notdürftigen Zustand war am 23. Dezember allerdings hoffnungslos. Sie konnte oder wollte nicht rechtzeitig wenden und hatte den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück gab.
So trieb sie immer weiter auf die Küste zu, während der Orkan, der schwerste seit Jahren in der Nordsee, noch an Stärke zunahm. Anders als die Cressy blieb die Defence getreulich bei der St. George. Kapitän David Atkins wartete vergeblich auf ein Zeichen der St. George und seines Befehlshabers, das ihm erlaubt hätte, noch rechtzeitig zu wenden. So strandeten beide Schiffe am Heiligen Abend zwischen fünf und sechs Uhr morgens vor dem Nissum Fjord.
In der tosenden Brandung hatten die meisten Seeleute keine Chance, an Land zu kommen und sich zu retten. Inzwischen standen dänische Bauern und Fischer am Strand und mussten hilflos zusehen, wie die Menschen ertranken. Trotzdem konnten sie unter Lebensgefahr einige wenige retten. Und obwohl die Engländer Feinde Dänemarks waren, taten sie alles, um den wenigen Schiffbrüchigen, die überlebt hatten, zu helfen und sie sorgsam zu pflegen.
Die Toten begruben sie mit allen Ehren auf Friedhöfen der umliegenden Gemeinden oder in den Dünen nahe Thorsminde. Dort erinnert ein Gedenkstein in den Dødemandsbjergene (Totemannsberge) an die Strandung der beiden englischen Kriegsschiffe. Von ihnen blieb kaum etwas übrig. Die Brandung zerschlug sie in wenigen Tagen. Die Leichen von Konteradmiral Reynolds und Kapitän Guion wurden nie gefunden.
Dänemarks Krieg gegen England
Obwohl Dänemark-Norwegen sich im Krieg mit Großbritannien befand, drückte es offiziell sein tiefes Beileid und Mitgefühl über das tragische Ende so vieler Menschen aus. So hatte der dänische König Friedrich VI. angeordnet, dass die Überlebenden der Linienschiffe mit äußerster Aufmerksamkeit und Sorgfalt behandelt werden sollten. Dies rührte nicht zuletzt daher, dass Saumarez dänische Kriegsgefangene stets sehr human behandelt hatte.

Im Turm des Museums findet sich ein Modell der St. George
im Moment der Strandung, Foto: Jürgen Rohweder
Der Krieg mit England hatte eine lange Vorgeschichte. Das 18. Jahrhundert war geprägt von Kriegen der europäischen Mächte untereinander. Dabei gelang es Dänemark, vor allem unter der Führung von Außenminister Andreas Peter Graf von Bernstorff mit seiner Politik der „Ruhe des Nordens“, das Land neutral und aus allen Konflikten herauszuhalten. Das bescherte der dänischen Wirtschaft eine beispiellose Blüte.
Maßgeblich beteiligt daran war die dänische Handelsflotte, eine der größten Europas. Sie transportierte unter neutraler Flagge nicht nur dänische Handelswaren aus und von den dänischen Kolonien in der Karibik und Indien, sondern Waren aller europäischen Länder – auch der kriegsführenden. Die Situation wurde erst kritisch, als Napoleon mit seinen Kriegen begann. Trotz der Warnungen Englands beförderten dänische Schiffe weiterhin Handelswaren der Kriegsgegner Englands an dessen Küste vorbei und lehnten britische Inspektionsversuche kategorisch ab.
Die dänische „Bequemlichkeitsflagge“ zahlte sich aus. In besonderem Maße galt dies für den korrupten dänischen Finanzminister Ernst Schimmelmann und den ebenso korrupten Kopenhagener Reeder Frédéric de Coninck, die zusammen die größte Handelsflotte Europas besaßen und prächtig daran verdienten. Aber Kronprinz Frederik und Teile der dänischen Oberschicht profitierten. Graf Bernstorff sah das mit Missvergnügen und versuchte, die Exzesse zu mäßigen. Aber mit seinem Tod im Jahr 1797 gewannen die Kriegsgewinnler Oberhand und setzten ihr Treiben munter fort. Und natürlich handelten sie auch mit Englands Kriegsgegner Frankreich.

Gemälde „The St. George With Other Vessels” von Dominic Serres aus dem Jahr 1787, Foto: Wikimedia
England hatte lange Geduld mit Dänemark geübt, weil sein Ostseehandel mit Russland, den baltischen Ländern, Finnland und Schweden für die englischen Werften unverzichtbar war. Sie bezogen von dort Bauholz, Teer und Hanf für den Schiffbau. Da aber der Seeweg in das Baltikum durch die schwierigen dänischen Gewässer und damit dänische Kontrolle führte, war England lange Zeit trotz allen Ärgers nachsichtig und hielt sich weitgehend mit den Kontrollen dänischer Handelsschiffe zurück.
Als jedoch der russische Zar Paul I. 1800 einen bewaffneten Neutralitätspakt zwischen Russland, Schweden, Preußen und Dänemark-Norwegen durchsetzte, war Englands Geduld am Ende. Der Pakt sah vor, die neutrale Schifffahrt gegen die Politik der Royal Navy, Schiffe unbegrenzt auf französische Konterbande zu durchsuchen, zu schützen. Ein Jahr später verbündete Paul sich mit Frankreich. Ziel war, alle europäischen Häfen für England zu sperren. Die englische Regierung forderte Dänemark auf, sich aus dem Verbund zurückzuziehen und bot ihren Schutz an. Aber aus Furcht vor einer Besetzung des Landes durch Frankreichs und Russlands Verbündete lehnte der dänische König das Angebot ab. So griff die Royal Navy 1801 Kopenhagen an und zerstörte einen großen Teil der dänischen Flotte. Zwar versicherten sich in den folgenden Gesprächen Dänemark und Großbritannien des gegenseitigen Respekts und Verständnisses, aber Dänemark konnte trotz des Todes des russischen Zaren Paul I. nicht aus dem Neutralitätspakt ausscheren. So unterzeichneten beide Seiten am 9. April 1801 einen Waffenstillstand auf der St. George, den die britische Regierung im Oktober mit einem Friedensvertrag besiegelte.

Ein Anker der St. George, Foto: Jürgen Rohweder
Doch das war nicht das Ende. 1806 verhängte Napoleon die Kontinentalsperre gegen England. 1807 schloss sich ihr Russlands Zar Alexander I. an. Englands erste Antwort darauf war ein Angriff auf die dänische Flotte. Denn England befürchtete, dass Dänemark seine immer noch große Flotte unter französischem Druck in die Dienste Napoleons stellen und damit eine Gefahr für die britischen Handelswege über die Nord- und Ostsee sein würde.
So beschoss die Royal Navy im September 1807 Kopenhagen und nahm die dänische Flotte – 15 Linienschiffe, 25 Fregatten, sieben Briggs und diverse kleine Schiffe – mit nach England. Damit blieb Dänemark nichts anderes mehr übrig, als sich unter die Fittiche Napoleons zu begeben. Dafür zahlte es später auf dem Wiener Kongress einen hohen Preis: Es musste Norwegen – gegen den Wunsch der Norweger – an Schweden abgeben und erhielt als mickeriges Trostpflaster das kleine Herzogtum Lauenburg.
Schweden dagegen weigerte sich, an der Kontinentalsperre teilzunehmen, und wurde daraufhin von Frankreich und Dänemark/Norwegen angegriffen. Da aber die Royal Navy die Seewege durch Belte und Sund und die Ostsee kontrollierte, machte sie mit diesen Angriffen schnell Schluss. Unter dem Kommando von Admiral James Saumarez errichtete sie in schwedischen Gewässern zwei Marinestützpunkte: auf der Insel Vinga vor den Schären Göteborgs und auf der Insel Hanö nahe dem Militärhafen Karlskrona. Von dort aus geleiteten sie Handelsschiff-Konvois von England nach Göteborg und durch Belte und Sund weiter nach Hanö. Anschließend gelangten die Waren per Schmuggel in alle Häfen der Ostsee. In der Gegenrichtung funktionierte der Handel ebenso.

Gedenksteine für die ertrunkenen Seeleute der St. George und der Defence in den Dødemandsbjergene (Totenmannsberge)
südlich von Thorsminde, Foto: Jürgen Rohweder
Als Russland 1810 von Schweden verlangte, England den Krieg zu erklären und allen Handel zu stoppen, gab Schweden scheinbar nach, betrieb aber eine Schaukelpolitik zwischen den Großmächten. Saumarez mit seinem großen diplomatischen Geschick konnte aber die Schweden bei der Stange und das Konvoisystem weiter aufrechterhalten. In diesen Rahmen fiel das traurige Schicksal der St. George und der Defence.










0 Kommentare