Die auf der damaligen Werft HDW in Kiel gebaute SCHLESWIG-HOLSTEIN, wurde 1995 in Dienst gestellt, Foto: Thyssenkrupp Marine Systems

Die auf der damaligen Werft HDW in Kiel gebaute SCHLESWIG-HOLSTEIN, wurde 1995 in Dienst gestellt, Foto: Thyssenkrupp Marine Systems

Kiel trotzt allen Umbrüchen

Die Geografie bestimmt die strategische und militärpolitische Bedeutung der in und um die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel überproportional stark stationierten Marine. Als strategischer Partner haben die Kieler Marineschiffbau-Unternehmen eine hohe sicherheits-, wirtschafts- und beschäftigungspolitische sowie technologische Relevanz.

Kiel ist traditionell eng mit der Marine verbunden. Dies geht auf zwei epochale militärstrategische Entscheidungen zurück, die bis heute noch die Stadt prägen: erstens der Beschluss die Frankfurter Nationalversammlung am 14. Januar 1848, die erste deutsche Reichsflotte aufzubauen, wobei Kiel Hauptkriegshafen der deutschen Marine wird, und zweitens der unmittelbar nach Ende des deutsch-dänischen Kriegs der Stadt Kiel am 24. März 1865 erteilte Befehl König Wilhelms I.: „Die Marine-Station der Ostsee ist von Danzig nach Kiel zu verlegen (…)“. Schließlich erklärt die Reichsverfassung vom 18. Januar 1871 Kiel zum Reichskriegshafen.[ds_preview]

Das Landeshaus, heute Sitz des schleswig-holsteinischen Parlaments, wurde 1888 als Kaiserliche Marineakademie eingeweiht, Foto: Staatskanzlei Schleswig-Holstein/Frank Peter

Das Landeshaus, heute Sitz des schleswig-holsteinischen Parlaments, wurde 1888 als Kaiserliche Marineakademie eingeweiht, Foto: Staatskanzlei Schleswig-Holstein/Frank Peter

Diese hatten den gezielten Ausbau des Marinehafens und der Flotte im Rahmen des Flottenprogramms, die Stationierung zahlreicher Soldaten und die Ansiedlung von großen Industriebetrieben, insbesondere der Marinewerften, sowie umfangreiche Baumaßnahmen zur Folge. Seitdem ist die Geschichte Kiels unmittelbar mit der Marine und mit dem Marineschiffbau verbunden. Die Architektur der Marinegebäude prägt noch immer vielerorts die Stadt, beispielsweise die 1888 erbaute Marineakademie, die heute als Landeshaus das Schleswig-Holsteinische Parlament beherbergt. Die militärischen Stationierungsentscheidungen führten zu einem rasanten Anstieg der Einwohnerzahl von 20 000 im Jahr 1865 auf 210 000 im Jahr 1910. Kiel wurde zu einer Stadt der Marine und des Marineschiffbaus.

Traditionsreiche Rüstungsbasis

So kann der Marineschiffbau in Kiel auf eine lange Geschichte zurückblicken. Bereits 1848 lieferte das Kieler Unternehmen Schweffel & Howaldt die Kessel- und Maschinenanlage für die Von Der Tann, das erste, 1849 in Dienst gestellte Kanonenboot der schleswig-holsteinischen Flottille. Kurze Zeit später begann 1850 mit dem Bau des ersten deutschen U-Bootes mit dem Namen Brandtaucher die 170-jährige Geschichte des deutschen U-Bootbaus.

In Friedrichsort, heute ein Kieler Stadtteil, entstanden auf dem Gebiet hinter der Festung Christianpries 1866 das Marineartillerie-Depot und durch die rasante Entwicklung der Torpedowaffe Ende 1877 die Torpedowerkstatt, die im Ersten Weltkrieg auf 6300 Mitarbeiter anwuchs. 

Die Friedrich Krupp AG pachtete 1896 die auf das Jahr 1865 zurückgehende Germaniawerft und übernahm sie 1902. Ab 1903 wurde sie Leitwerft im deutschen U-Bootbau, eine dominierende Marktstellung, die sie heute als Thyssenkrupp Marine Systems national und international immer noch innehat. 1906 lief U 1 als erstes Unterseeboot der Kaiserlichen Marine auf der Germaniawerft vom Stapel. Die Bedeutung Kiels als U-Boot-Standort setzte sich im Dritten Reich fort, als die Stadt an der Förde wichtigster U-Bootstützpunkt wurde.

Im Gegensatz zum Marineschiffbau ist die Landsystemindustrie erst sehr viel später entstanden. Oft ist sie in Schleswig-Holstein aus den Werften hervorgegangen, so zum Beispiel die MaK Maschinenbau Kiel, heute Rheinmetall Landsysteme. Ihre Werksgeschichte geht bis in das Jahr 1866 zurück, als sich an dem Standort in Friedrichsort ein Artillerie-Depot befand, das Über- und Unterwasserwaffen entwickelte und produzierte. 

Auf der Rendsburger Krögerwerft entstand das Minenjagdboot GRÖMITZ, Foto: Dieter Hanel

Auf der Rendsburger Krögerwerft entstand das Minenjagdboot GRÖMITZ, Foto: Dieter Hanel

Aufbau im Kalten Krieg

Die starken Spannungen und die gewaltige militärische Übermacht der Sowjetunion hatten während des Ost-West-Konflikts zur Folge, dass die Bundesrepublik Deutschland Anfang der Fünfzigerjahre vom Westen verpflichtet wurde, einen maßgeblichen militärischen Beitrag zu leisten. So begann wenige Monate nach der Gründung der Bundeswehr auch in Kiel, das im Kalten Krieg eine exponierte geostrategische Lage im Ostseeraum einnahm, der Aufbau von Marineverbänden. Bereits 1956 wurde hier das 1. Schnellbootgeschwader stationiert, und am 1. August 1958 verlegte die Bundesmarine das 3. Minensuchgeschwader von Wilhelmshaven nach Kiel. Seitdem sind die Minensucher in wechselnden Standorten ein fester und bedeutender Bestandteil der Marine in Schleswig-Holstein.

Am 1. September 1958 wurde in der Fördestadt das 1. Zerstörergeschwader und am 3. Oktober 1962 das Kommando der U-Boote aufgestellt. Bis heute ist Schleswig-Holstein Standort der U-Bootflotte, die jetzt in Eckernförde stationiert ist.

Eine besondere Bedeutung hatten in Schleswig-Holstein seit Beginn der Aufstellung der Bundeswehr über Jahrzehnte die Marineflieger. Holtenau war die Geburtsstätte der Seefliegerei, wo 1913 die ersten Wasserflugzeuge starteten und am 29. August 1914 der Seefliegerhorst den Betrieb aufnahm. Am 1. April 1958 wurde die für den Bereich der Nordsee zuständige 2. Marinefliegergruppe auf dem Fliegerhorst Kiel-Holtenau aufgestellt, am 1. August 1960 in 2. Marinefliegergeschwader umbenannt und am 9. August 2005 offiziell außer Dienst gestellt. Das am 1. September 1963 ebenfalls am Standort Kiel-Holtenau aufgestellte Marinefliegergeschwader 4 war für U-Bootjagd, Minensuch- und Minenräumaufgaben zuständig, bis es 1968 aufgelöst wurde. 2006 wurde die Flottille der Marineflieger aufgelöst und 2012 das Marinefliegergeschwader 5 von Kiel nach Niedersachsen verlegt. Damit endete die Geschichte der Marineflieger in Schleswig-Holstein.

Quellen: Lange: Geschichte Schleswig-Holsteins, Neumünster 1996; Standortdatenbank der Bundeswehr; Hanel

Quellen: Lange: Geschichte Schleswig-Holsteins, Neumünster 1996; Standortdatenbank der Bundeswehr; Hanel

Mit der Wiederbewaffnung Deutschlands, der Aufstellung der Bundeswehr im Jahr 1955 und den Beschaffungsvorhaben begann auch der Aufbau einer deutschen Rüstungsindustrie. Am 16. März 1959 erhielten die Kieler Howaldtswerke, die zu diesem Zeitpunkt noch rund 13 000 Beschäftigte hatten, vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung den Auftrag für den Bau von zwölf U-Booten der Klasse 201, deren Konstruktion auf den Entwicklungsergebnissen des Ingenieurkontors Lübeck aufbaute. Der 12. Dezember 1959 war der Baubeginn des ersten Bootes, U 1, das am 20. März 1962 in Dienst gestellt wurde. In diesem Jahr hatte die Werft noch rund 13 000 Beschäftigte. Auch die Komponentenzulieferer, darunter Anschütz, Elac und Hagenuk, konnten ihr schiffstechnisches Know-how schnell in leistungsfähige Produkte des Marineschiffbaus umsetzen.

Im Marinestützpunkt Kiel ist die Einsatzflottille 1 beheimatet, Foto: Deutsche Marine

Im Marinestützpunkt Kiel ist die Einsatzflottille 1 beheimatet, Foto: Deutsche Marine

Neuausrichtung nach der Wende

Infolge der zahlreichen seit der Wiedervereinigung durchgeführten Strukturreformen der Bundeswehr und den damit verbundenen Stationierungsentscheidungen fand in Schleswig-Holstein eine überproportional starke Reduzierung der militärischen und zivilen Dienstposten statt. Heute ist Kiel mit seinen 3340 Dienstposten der größte Standort des Bundeslands.

Mit Aufstellung der Einsatzflottille 1 in Kiel und der Einsatzflottille 2 in Wilhelmshaven wurden die typgleichen Flottillen, die Zerstörer-, Schnellboot- und Ubootflottille sowie die Flottille der Marineflieger und die Flottille der Minenstreitkräfte am 26. Juni 2006 außer Dienst gestellt. 

Kiel bildet aufgrund der geostrategischen Lage in der Nähe der natürlichen Ostseezugänge mit dem einzigen Tiefwasserhafen im Ostseeraum – neben Rostock und Wilhelmshaven – einen Stationierungsschwerpunkt der Deutschen Marine. 

Quellen: Lange: Geschichte Schleswig-Holsteins, Neumünster 1996; Standortdatenbank der Bundeswehr; Hanel

Quellen: Lange: Geschichte Schleswig-Holsteins, Neumünster 1996; Standortdatenbank der Bundeswehr; Hanel

Zahlreiche neu aufgestellte Verbände wurden im Laufe der Jahre umstrukturiert, an andere Standorte verlegt oder aufgelöst. Dies geschah insbesondere in der Aufbauphase und nach der Wiedervereinigung. Ein häufiger Standortwechsel erfolgte insbesondere bei den Stäben der Zerstörer- und Ubootflottille sowie beim 3. Minensuchgeschwader, wovon insbesondere der Standort Kiel betroffen war.

Die am 29. Juni 2006 in Kiel in Dienst aufgestellte Einsatzflottille 1 bildet mit ihren rund 4400 Soldaten und Soldatinnen, 290 Zivilbediensteten und 32 schwimmenden Einheiten ein in seiner Komplexität und Vielfalt einmaliges Fähigkeitskommando für küstennahe Operationen. Für flache und enge Seegebiete wie Nord- und Ostsee sind speziell konzipierte Schiffe und Boote erforderlich, für deren Entwicklung und Bau die deutschen Werften eine hohe Kompetenz besitzen. Die in Kiel stationierten Truppenteile der Einsatzflottille 1 sind mit ihren 1440 Soldatinnen und Soldaten, 130 Zivilbediensteten sowie 17 schwimmenden Einheiten das 3. Minensuch- und das Unterstützungsgeschwader sowie das Marinestützpunktkommando Kiel.

Der Kommandeur der Einsatzflottille ist zugleich Direktor des in Kiel ansässigen Centre of Excellence for Operations in Confined and Shallow Waters (COE CSW), ein internationales und durch die NATO akkreditiertes maritimes Kompetenzzentrum für Operationsführung in küstennahen Gewässern, für das die Flottille eine einzigartige Fachexpertise bereitstellt. 

Das 3. Minensuchgeschwader hat den Auftrag, die verbundene Seeminenabwehr durchzuführen, die aus der gezielten Minenjagd, dem Minentauchen sowie aus dem großflächigen Minenräumen besteht. Hierfür stehen dem aus 760 Soldatinnen und Soldaten bestehenden Verband zehn Minenjagdboote der FRANKENTHAL-Klasse zur Verfügung. 

Aufgrund der international anerkannten Minenräumfähigkeiten der Deutschen Marine stellt das Geschwader dauernd und zuverlässig Boote für die beiden Ständigen NATO-Minenabwehrverbände im Mittelmeer und im Seegebiet Ostsee-Nordsee-Nordostatlantik (Standing NATO Mine Countermeasures Group 1 und 2, SNMCMG) sowie für Übungen mit Einheiten verbündeter Marinen des Ostseeraumes im Baltikum.

Das am 27. September 2016 in Kiel aufgestellte Unterstützungsgeschwader hat mit seinen knapp 430 Soldatinnen und Soldaten den Auftrag, Minenjagdboote, Korvetten und U-Boote in See, vor Anker oder auch in fremden Häfen mit Verbrauchsmaterial wie Kraftstoff, Wasser, Lebensmittel, Ersatzteile und Munition, zu versorgen. Dem Unterstützungsgeschwader unterstehen fünf baugleiche Tender der Klasse 404, auch ELBE-Klasse genannt. 

Das Marinestützpunktkommando Kiel der Einsatzflottille 1 organisiert mit seinen etwas mehr als 100 Soldatinnen und Soldaten sowie 110 Zivilbediensteten den täglichen Betrieb des Hafens, Besuche in- und ausländischer Kriegsschiffe, hält Schlepper, Umschlaggruppen, Depots und Lagereinrichten, Werkstätten, Barkassen und Bootsgruppen, Gebäude und Unterkünfte, Kraftstoffstationen und Tauchergruppen bereit. Es regelt den gesamten logistischen Bedarf an Versorgungsgütern und Dienstleistungen für die in See und im Einsatz stehenden Einheiten. 

Das Werftgelände von German Naval Yards Kiel mit für Israel bestimmten Korvetten am Ausrüstungskai, Foto: German Naval Yards Kiel

Das Werftgelände von German Naval Yards Kiel mit für Israel bestimmten Korvetten am Ausrüstungskai, Foto: German Naval Yards Kiel

Bundeswehrverwaltung

Zur Bundeswehrverwaltung, in der Organisation der Bundeswehr neben den Streitkräften die zweite Säule, zählt in Kiel das Marinearsenal. 1867 wurde die Königliche Werft gegründet, die 1871 zur Kaiserlichen Werft umbenannt wurde. 1919 spaltete sich das Marinearsenal von dieser Werft ab. 

Mit Aufstellung der Bundeswehr 1957 wurde das Marinearsenal Kiel wieder aufgebaut und erst im Zuge der 2011 eingeleiteten Neuausrichtung der Bundeswehr am 31. Dezember 2015 der Arsenalbetrieb mit rund 650 Beschäftigten organisatorisch aufgelöst. „Die Schließung“, urteilte der damalige Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels, „war eine Fehlentscheidung.“ Eine kleine Stammmannschaft hielt jedoch den Betrieb zur technischen Betreuung der Unterseee- und Minenjagdboote weiter offen. Das Verteidigungsministerium hat im Zusammenhang mit der veränderten Sicherheitslage im Ostseeraum sowie der geplanten Beschaffung weiterer fünf Korvetten der Klasse 130 und der in einigen Jahren zulaufenden U-Boote der Klasse 212CD entschieden, das Marinearsenal Kiel zukünftig personell und materiell erheblich zu verstärken.

Fazit

Die in Kiel ansässige Marine hat seit dem Aufbau der Bundeswehr einen tiefgreifenden Wandel vollzogen. Dieser war zunächst bedingt durch die Bedrohung während des Kalten Kriegs, nach der Wende dominierten massive Truppenreduzierungen. Die permanenten Umstrukturierungen waren insbesondere der bis heute andauernden drastischen Unterfinanzierung der Bundeswehr sowie der einseitigen Ausrichtung auf das internationale Krisenmanagement geschuldet.

Jetzt erfordern die wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit stehende Landes- und Bündnisverteidigung sowie die veränderte sicherheitspolitische Lage, von der auch der im Ostseeraum stark betroffen ist, für die in Kiel stationierte Deutsche Marine nach umfangreichen Personal- und Materialreduzierungen den Aufbau zusätzlicher militärischer Kapazitäten und neuer Fähigkeiten. Die dafür benötigte Ausrüstung muss jetzt in einem strategisch weitsichtigen, partnerschaftlichen Zusammenwirken von Politik, Bundeswehr und Industrie zeitgerecht beschafft werden. Die leistungsfähigen Kieler Marineschiffbauunternehmen werden mit ihren innovativen Produkten und Schlüsseltechnologien ihren Beitrag leisten.

Dieter Hanel ist Vorsitzender des Arbeitskreises Wehrtechnik beim Unternehmensverband in Schleswig-Holstein und Autor des Buches „Military Link. Sicherheitspolitische Zeitreise eines Offiziers und Rüstungsmanagers“.

Dieter Hanel

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