Regelmäßig müssen die Piloten der US Navy ihre Qualifikation für die Landung auf einem Flugzeugträger erneuern. Besuch auf einem der größten Kriegsschiffe der Welt.
Am Vormittag des 13. Dezember 2022 verlässt die USS ABRAHAM LINCOLN die Naval Air Station North Island in San Diego und verlegt in den Pazifik vor die mexikanische Küste auf Höhe der Baja California. An Bord ist es ungewöhnlich leer. Üblicherweise ist der Flugzeugträger vollgepackt mit 65 bis 70 Jets. Doch für die folgende Woche geht es auf eine besondere Fahrt. Die sogenannte Fleet Replacement Squadron Carrier Qualification steht an. 20 aviator, wie die Piloten bei der Navy genannt werden, wollen ihre Qualifizierungsprüfung zur Trägerlandung absolvieren.[ds_preview]
Nur wenige Stunden nach dem Auslaufen der LINCOLN wird es laut auf dem Flugdeck. Nach und nach treffen die verschiedenen Maschinen der einzelnen Verbände ein. Aus Lemoore in Kalifornien kommen fünf Boeing F/A-18E/F Super Hornet des Strike Fighter Squadron 122 (VFA-122) Flying Eagles sowie drei Lockheed Martin F-35C Lightening II des Strike Fighter Squadron 125 (VFA-125) Rough Raiders und aus Whidbey Island in Washington fünf Boeing EA-18G Growler des Electronic Attack Squadron 129 (VAQ-129) Vikings. Bis zum Sonnenuntergang werden immer wieder Platzrunden mit abschließender Landung auf dem Flugdeck des Trägers geflogen. Die Maschinen haben dabei nur wenig Pause. Sind sie gerade nicht in der Luft, warten sie mit laufenden Triebwerken für den nächsten Start. Sobald das Katapult frei ist, werden sie für die nächste Platzrunde wieder in die Luft geschickt. Mehr Pause dagegen haben die Piloten. Sie wechseln sich regelmäßig ab und können die Jets für ihre Pausen auch verlassen.
Unter den Piloten befinden sich sowohl Neulinge, welche gerade erst ihre zweijährige intensive Schulung für den Einsatz auf Navy-Flugzeugen absolviert haben und nun ihre ersten realen Trägerlandungen durchführen, als auch langjährige Piloten, die durch längere Pausen ihre zeitlich begrenzt gültige Trägerlizenz verloren haben. Die Jets, die zum Einsatz kamen, gehören Trainingsstaffeln an und sind für die Ausbildung der Piloten aus verschiedenen Verbänden der USA bestimmt. Die Maschinen werden jedoch regelmäßig mit den Einsatzstaffeln durchgetauscht, um die Stundenanzahl gleichmäßig zu verteilen. Doch nicht nur amerikanische Piloten kommen zum Training in diese Staffeln, auch Piloten aus dem Ausland werden von diesen für die Trägerlandung geschult, darunter sogar Schweizer F-18-Piloten.
Lieutenant Elise Walker ist eine der F-35C-Pilotinnen. Sie muss ihre Trägerlizenz erneuern. „Bei den ersten Starts und Landungen ist man schon sehr nervös. Aber es macht dann mehr Spaß, wenn sich die Nerven beruhigt haben“, verrät sie. Gestartet wird lediglich von einem einzigen der vier Katapulte, und zwar vorne am Bug. Denn durch die ständigen Platzrunden wird die Landebahn, auf der sich die restlichen zwei Katapulte befinden, permanent benötigt. Das Katapult auf der ABRAHAM LINCOLN ist noch dampfbetrieben. Der Wasserdampf ist ein Erzeugnis des Kernreaktors, mit dem der Flugzeugträger angetrieben wird. Klassisch dampft es permanent aus den Spalten am Flugdeck. Zwangsläufig kommt beim Besucher „Top-Gun-Feeling“ auf. Tatsächlich wurde der Kinofilm Top Gun Maverick zum Teil auf der LINCOLN gedreht.
Viel Platz
Um den Neulingen möglichst viel Freiraum zu gewähren, kehrte das sonst an Bord stationierte Carrier Air Wing 9 (CVW-9) bestehend aus F/A-18E/F Super Hornet, EA-18G Growler, F-35C Lightning II, E-2D Hawkeye, MH-60R und CMV-22B zu seinen jeweiligen Heimatbasen zurück. Somit steht für die Trainingsflüge ausreichend Platz zur Verfügung. Lediglich drei MH-60S Seahawk des Helicopter Sea Combat Squadron 14 (HSC-14) Chargers blieben an Bord, um SAR-Dienste für die Trainingsflüge zu leisten. Um die neuen Piloten langsam an die Trägerlandungen heranzuführen, üben sie anfangs nur Durchstartmanöver, um ein Gefühl für den Anflug zu bekommen. Erst dann wird der Fanghaken ausgefahren, um Fullstop-Landungen zu trainieren.
Durch die Landungen mit Fangseil entstehen hohe Belastungen für die Flugzeuge. 130 Knoten (240 km/h) werden innerhalb von nur drei Sekunden auf null reduziert. Daher sind die Navy-Jets in der Struktur verstärkt, haben ein robusteres Fahrwerk sowie einklappbare Tragflächen und sind demensprechend um einiges schwerer als die gleichen Muster bei der Air Force. Das führt zwar einerseits zu Nachteilen bei Kampfführung und Reichweite, andererseits aber überwiegt der Vorteil der trägerbasierten Flexibilität. Nach 125 Landungen muss jedes Seil ausgetauscht werden.
Der schwierigste Teil der Qualifizierung sind die Nachtflüge. Anders als auf Flughäfen an Land ist das Flugdeck des Trägers kaum beleuchtet. Einerseits, um die Piloten nicht durch zu viele Lichtquellen abzulenken, andererseits, um sich einem möglichen Feind nicht sofort preiszugeben. Nur die wirklich notwendigen Lichtquellen sollen die Piloten sicher aufs Deck führen. Da sich der Flugzeugträger auf dem pechschwarzen Ozean befindet, gibt es kaum Referenzpunke, um die Höhe und Fluglage für die Landung einzuschätzen. Die Piloten müssen sich daher voll und ganz auf die Anfluglichter konzentrieren, die vom Landesignaloffizier (LSO), gesteuert werden. Unterstützt werden die Luftfahrzeugführer dabei in allen Jets seit kurzem von der neuen Software Magic Carpet (Zauberteppich). Mittels dieser erfolgen die Anflüge zum größten Teil automatisiert, und die Piloten müssen deutlich weniger Steuereingaben machen als zuvor.
Neue Transportmöglichkeit
Bisher versorgten fast ausschließlich die Grumman C-2A Greyhound die verschiedenen Flugzeugträger der Navy mit dringend benötigtem Material und Passagieren. Wie die Jets, landen auch sie mit Fangseil und starten mit Katapult. Da die Greyhounds mittlerweile in die Jahre gekommen sind und auch der Passagiertransport angenehmer gestaltet werden soll, lösen nun Schritt für Schritt Bell-Boeing CMV-22B Osprey die alten Flugzeuge ab. Die ABRAHAM LINCOLN ist der erste Flugzeugträger der Navy, der bereits komplett auf Ospreys als Carrier Onboard Delivery (COD) umgestellt hat. Die Osprey wird von der Schiffsbesatzung deshalb aus Spaß auch „CODsprey“ genannt.

Seit Jahrzehnten ist die F/A-18 das Arbeitspferd der US Navy, Foto: Ralf Plechinger
Mit ihren 39 Jahren gehört die ABRAHAM LINCOLN noch lange nicht zum alten Eisen. 1984 begann die Kiellegung, gefolgt von der Indienststellung am 11. November 1989. Die Lebensdauer von 50 Jahren begründet sich in der Laufzeit der Kernreaktoren, welche das Schiff antreiben. Die Brennstäbe sind für zweimal 23 Jahre ausgelegt. Für deren Austausch nach Ablauf der Haltbarkeit war im Jahr 2013 ein gut drei Jahre dauernder Werftaufenthalt notwendig. In diesem Zeitraum wurde das Schiff auch grundüberholt. Seitdem ist es wieder einsatzklar und muss bis zu seinem Dienstende im Jahr 2038/39 weder auftanken noch umständlich an Land gewartet werden, sofern keine unvorhergesehenen großen Schäden auftreten.
Allein die Schiffsbesatzung zählt etwa 3000 Seeleute. Ist der CVW-9 an Bord, sind es knapp 6000 Personen. „Es ist eine richtige Kleinstadt“, schwärmt Lieutenant Elise Walker. „Ich könnte im Cockpit ohne die ganzen Leute an Bord nicht erfolgreich sein.“
Jeder einzelne der Seeleute erfüllt eine wichtige Aufgabe an Bord des Schiffs. Die vorbildliche Zusammenarbeit der gesamten Mannschaft zeigt sich in der perfekten Funktionalität des Flugzeugträgers. Die schiffseigene Werkstatt kann fast alle schiffsbezogenen Reparaturen selbst durchführen. Auch die Kampfjets können an Bord gewartet und sogar große Reparaturen wie der Austausch einer Tragfläche vorgenommen werden.

Während der Übungen steht zur Sicherheit immer ein Sikorsky MH-60S bereit, Foto: Ralf Plechinger
Um schnell wieder einsatzfähig zu sein, werden auch permanent bis zu vier Jet-Triebwerke im sogenannten Jetshop vorgehalten. Nur drei Stunden dauert der Austausch eines Triebwerks bei der F/A-18. In einem Teststand können die Triebwerke auf Funktionalität überprüft werden, sogar unter Volllast. In der Bordklinik stehen bis zu 52 Betten für Verletzte bereit und in der eigenen Zahnklinik können auch kleine Operationen durchgeführt werden. Da es bei so vielen Menschen an Bord auch einmal zu kriminellen Handlungen kommen kann, gibt es sogar Arrest-Zellen in der sogenannten brig. „Alle ein bis zwei Wochen kommt es vor, dass sich einer der Seeleute nicht an die strengen Regeln hält und wir ihn oder sie dann einsperren müssen, bis der nächste Transport an Land zur Verfügung steht“, berichtet der zuständige Master at Arms, wie der Soldat mit Polizeibefugnis an Bord genannt wird.
Junge Besatzung
Das Durchschnittsalter an Bord beträgt lediglich rund 22 Jahre. Die 24-jährige Rebekah Kaiser vertritt die Kommandantin Amy Bauernschmidt auf der Brücke als Wachoffizier. „Üblicherweise fahren wir eine Geschwindigkeit zwischen 20 und 25 Knoten“, verrät sie. „Wenn es aber darauf ankommt, können wir auch etwas über 30 Knoten schnell sein. Die Krängung darf maximal zwei Grad betragen. Da der Träger aber äußerst stabil im Wasser liegt, können wir bei fast jedem Wetter fahren. Die Jets sollen dabei immer gegen den Wind starten. Deswegen drehen wir für Starts und Landungen wenn möglich gegen den Wind. Ist das einmal wegen einer Einsatzfahrt nicht möglich, können wir auch mit dem Wind fahren und durch erhöhte Geschwindigkeit einen eigenen Fahrtwind von vorne für die Jets erzeugen.“
Die ABRAHAM LINCOLN war bereits bei einigen Kampfeinsätzen weltweit dabei. So 1991 im Golfkrieg bei den Missionen Desert Storm und Operation Southern Watch sowie ab 2003 bei den Missionen Operation Iraqi Freedom und Operation Enduring Freedom vor der Küste des Irak.

Abendstimmung auf den Flugdeck der Abraham Lincoln, Foto: Ralf Plechinger
Doch nicht nur im Krieg wurde der Flugzeugträger eingesetzt. Auch Rettungsmissionen spielten eine wichtige Rolle. So wurden 1991 Rettungsmaßnahmen nach dem Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen und 2004 weitere Hilfseinsätze in Indonesien durchgeführt. Nach wie vor stellen Flugzeugträger für die USA ein ideales Mittel dar, um weltweit Macht und Stärke zu demonstrieren und die Sicherheit auf See zu gewährleisten. Oftmals reicht schon allein die Präsenz eines Flugzeugträgers aus, um einen Konflikt zu entschärfen. Durch sie ist man nicht auf die Nutzung von Militärflugplätzen in anderen Ländern und deren Freigabe des Luftraums angewiesen. Zudem ist ein Träger mobil und kann an fast jeden Ort der Welt entsandt werden, denn 70 Prozent der Erdoberfläche bestehen aus Ozeanen.
Nach wenigen Tagen hat Lieutenant Elise Walker ihre Lizenz wieder in der Tasche. „Man ist aber immer ein bisschen nervös, wenn man auf diesem kleinen Stück Metall mitten im Ozean landet. Auch nach vielen Malen. Wenn man das Fangseil erwischt, fühlt es sich an wie bei einem Autounfall, und deine ganzen Beine zittern“, beschreibt sie ihre Erfahrungen.
Nachdem auch die letzten aviator ihre Trägerlizenz erhalten haben, kehrt die LINCOLN kurz vor Weihnachten zurück zur kalifornischen Marinebasis. Da kein weiterer Einsatz geplant ist, kann die gesamte Schiffsbesatzung ihren Weihnachts- und Neujahrsurlaub zu Hause bei ihren Familien an Land verbringen, bevor es im neuen Jahr wieder auf Einsatz in den Diensten der Vereinigten Staaten geht.
Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in in „Navy Ops“.
Ralf Plechinger ist Pilot und freier Journalist im Bereich Luftfahrt.
Ralf Plechinger










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