Wenn Schiffe älter sind als ihre Besatzungsmitglieder und im Unterhalt Unsummen verschlingen, ist es Zeit für Ersatz. Da für die Bergungs- und Seeschlepper dringend Ersatz gesucht wurde, ermöglichte das BAAINBw den Kauf von zwei gebrauchten Schiffen – und erweiterte damit gleichzeitig die Fähigkeiten der Marine.
Vor fast einem halben Jahrhundert hat die Bundeswehr zuletzt Schiffe über den zivil-gewerblichen Gebrauchtmarkt beschafft. Damals wurden die Betriebsstofftransporter der RHÖN-Klasse für den Einsatz in der damaligen Bundesmarine gekauft, die bis heute im Dienst der Marine stehen. Nun ist man diesen Weg ein weiteres Mal gegangen und hat zwei unterschiedliche Hochseeschlepper auf dem zivil-gewerblichen Gebrauchtmarkt erworben, die unter den Namen RÜGEN und BORKUM ihren Dienst für die Deutsche Marine leisten werden.
Dies ist notwendig geworden, weil die ehemaligen, als militärische Einheiten geplanten und gebauten Bergungs- und Seeschlepper FEHMARN, WANGEROOGE und SPIEKEROOG altersbedingt durch unverhältnismäßig hohe Instandsetzungskosten unwirtschaftlich geworden sind. Zusätzlich haben die[ds_preview] Einheiten sukzessive ein immer geringeres Einsatzspektrum abgedeckt, was einen Weiterbetrieb nicht mehr rechtfertigen konnte. Die See- und Bergungsschlepper – wie sie offiziell heißen – ersatzlos außer Dienst zu stellen, hätte eine enorme Fähigkeitslücke hinterlassen und stand daher nie ernsthaft zur Debatte. Stattdessen musste eine zügige, wirtschaftlich sinnvolle und taktisch gewinnbringende Lösung identifiziert werden. Diese wurde im Kauf der Hochseeschlepper RÜGEN und BORKUM gefunden.
Einfach umzusetzen ist der Übergang zu den zwei Neubeschaffungen „von der Stange“ aber keinesfalls. Unterschiedliche Herausforderungen waren zu meistern, um das Projekt zu einem Erfolg werden zu lassen. Allein die planerische Forderung aus dem Verteidigungsministerium, zukünftig mit nur noch zwei Einheiten auszukommen, warf berechtigte Fragen auf. Zudem war eine Realisierung auf dem herkömmlichen Weg, also durch die Beauftragung von Neubauten, aufgrund der mangelnden Priorisierung und eines dann erst in fünf Jahren zu erwartenden Zulaufs nicht akzeptabel.
Zunächst bestand aufgrund der sehr kurzfristigen Entscheidung, die Schlepper FEHMARN, WANGEROOGE und SPIEKEROOG praktisch ad hoc außer Dienst zu stellen, die Gefahr, dass die zivilen Besatzungen ihre dienstliche Heimat ohne direkten Ersatz verlieren würden. Die Vergangenheit hat mehrfach gezeigt, dass bei einer Außerdienststellung von zivil besetzten Einheiten bis zu 70 Prozent der Besatzung der Marine dauerhaft als seefahrendes Personal verloren gehen können. Dies birgt angesichts des angespannten Arbeitsmarkts in diesem Segment ein erhebliches Potenzial, dass die neuen Schiffe personell nicht ausreichend mit besetzt werden können. Verringern lässt sich dieses Risiko nur durch zügiges Handeln und ein alsbaldiges Indienststellen von neuen Schiffen.
Auf dem Gebrauchtmarkt der Seeschifffahrt aktiv zu werden und dort nach fünf Jahrzehnten erstmals wieder eine Kauflösung anzustreben, war damit die einzig realistische Option. Jedoch gab es mittlerweile keine Erfahrungsträger mehr aus der Zeit des Kaufs der RHÖN-Klasse, zudem waren bestimmte Verfahren im zuständigen Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) etabliert. Innovations- und Entscheidungsbereitschaft ebneten den Weg, um diesen Umständen lösungsorientiert zu begegnen und innerhalb kurzer Zeit notwendige Expertise aufzubauen. Eine Marktsichtung des BAAINBw ergab, dass die Reeder ihre Hochseeschlepperflotten regelmäßig nach rund zehn Jahren erneuern und die Alttonnage relativ preiswert veräußern. Zur Veranschaulichung: Der Beschaffungspreis von einem zwölf Jahre alten Schiff mit deutlich größerem Leistungspotenzial gegenüber den Alteinheiten der Deutschen Marine entspricht ungefähr den Instandsetzungskosten während einer Werftliegezeit der ehemaligen Bergungs- und Seeschlepper. Dieser Umstand macht die Beschaffung gebrauchter Schiffe aus wirtschaftlicher Sicht sehr attraktiv.
Allerdings ist ein zivil betriebenes Schiff nicht ohne Weiteres für den Dienst in der Deutschen Marine geeignet, sondern muss diversen Vorschriften der Bundeswehr entsprechend modifiziert werden. Angefangen bei schiffbaulichen Gegebenheiten über sicherheitsrelevante Ausrüstung bis hin zum personellen Betriebskonzept gibt es in allen Belangen Anpassungsbedarf, der vor dem Einsatz für die Deutsche Marine umgesetzt werden muss. Ein ernsthaftes Risiko für die Umsetzung des Projekts stellten diese Herausforderungen schlussendlich aber nicht dar, weil es trotz allem in Fragen von Zertifizierung und Klassifikation von Schiffen einheitliche Standards gibt, auf die sich zivile Reeder und die Bundeswehr abstützen. Ein gemeinsamer Nenner war damit trotz aller Unterschiede vorhanden.
Insbesondere die personelle Betriebsorganisation und -führung erwies sich als verhältnismäßig hohe Hürde. Handelsschiffe werden mit deutlich weniger Personal betrieben als vergleichbare militärisch genutzte Einheiten. Konkret: Wurde die RÜGEN vormals mit 16 Personen gefahren, sind zukünftig 27 bis 44 Seeleute vorgesehen, was mit dem militärischen Anspruch des über einen langen Zeitraum durchhaltefähigen Einsatzes außerhalb heimischer Gewässer zu begründen ist.
Dies hat allerdings weitere Implikationen, denn klassischerweise werden die Unterkünfte auf militärischen seegehenden Einheiten stets auch als Arbeitsbereich für Bürotätigkeiten genutzt, was in der zivilen Seefahrt nicht vorgesehen ist. Überhaupt sind die für Bürotätigkeiten und Konferenzen nutzbaren Räume auf Schiffen nach Handelsschiffstandard zumeist begrenzt auf Brücke, Maschinenraum und Messe. Daher ist im Zuge der Umbaumaßnahmen zur Befähigung für den Einsatz in der Deutschen Marine das Raumkonzept anzupassen.
Ein weiterer Faktor für notwendige Umbaumaßnahmen ist das System zur Schadensabwehr der Deutschen Marine – inklusive des abwehrenden Brandschutzes – weil sich dieses wesentlich zu dem in der zivilen Seefahrt unterscheidet. Während in der Handelsschifffahrt versucht wird, ein Schiff im Schadensfall geordnet zu verlassen und hierbei die Minimierung von gesundheitlichen Schäden an erster Stelle steht, versucht die Besatzung eines Kriegs- oder Hilfsschiffes der Marine mit allen Kräften und Mitteln, die eigene Einheit zu schützen und zu verteidigen, um den Auftrag so lange wie möglich erfüllen zu können. Hierfür bedarf es selbstverständlich geeigneter Ausstattung und Verfahrensweisen.
Trotz dieser Anpassungsmaßnahmen rechnet sich die Kaufoption, weil Instandsetzung und Betrieb von jahrzehntealten Schiffen regelmäßig mit sehr hohen Kosten verbunden sind. Zudem entfällt die langwierige Entwurfs- und Planungsphase einer neu zubauenden Plattform.
Der unumstrittene Mehrwert eines Kauf gebrauchter Schiffe besteht in der schnellen Modernisierung und Leistungssteigerung der Flotte. Mit Einführung der Klasse 722 kann nicht nur die Schlepperkapazität der Deutschen Marine in Hinblick auf den Pfahlzug – die Schub- und Zugkraft von Schleppfahrzeugen – um bis zu 600 Prozent gesteigert werden. Vielmehr warten die neuen Einheiten darüber hinaus mit Fähigkeiten auf, die die ausgemusterten Schiffe nicht abbilden konnten. Hierzu zählen das Dynamic Positioning System, Kraftstoff- und Frischwasserabgabekapazität und sehr große Arbeitsdecks, die vielfältig und modular genutzt werden können.
Der mit diesem Projekt eingeschlagene Pfad beweist darüber hinaus, dass das Beschaffungswesen der Bundeswehr in sicherheitspolitisch anspruchsvollen Zeiten zu flexiblem und lösungsorientiertem Handeln fähig ist. Bedarfs- und auftragsorientierte Entscheidungsfindung sowie gemeinschaftliches, zielorientiertes Zusammenwirken haben die Realisation des Projekts Hochseeschlepper Klasse 722 möglich gemacht – ein beeindruckender Beleg für die Fähigkeiten in der Zeitenwende. Die RÜGEN hat bereits im Frühjahr dieses Jahres ihren Dienst aufgenommen und die am 1. Oktober in Dienst gestellte BORKUM wird ihr in Kürze folgen. Beide Schiffe werden mit ihren Besatzungen dann den Nachweis erbringen, dass alle Herausforderungen gemeistert werden konnten, die Chancen überwiegen und sich das Verfahren der Kauflösung bewährt hat.
Der Kauf gebrauchter Hochseeschlepper zeigt, welches Potenzial dieser Beschaffungsweg offeriert. Mit lediglich 18 Monaten bis zur Indienststellung ist er deutlich schneller als ein Neubau und kann zukünftig sogar noch rascher umgesetzt werden. In kürzester Zeit ermöglicht er so einen enormen Fähigkeitsaufwuchs und reduziert das Instandsetzungsaufkommen durch die Verjüngung der Hilfsschiffflotte signifikant. Aus diesen Gründen startete bereits im Oktober die Ausschreibung für zwei neue Taucherschulboote. Nur so wird sich auch hier der bruchfreie Fähigkeitserhalt realisieren lassen. Warum sollten auf diesem Wege also nicht auch Wohnschiffe und Hafenschlepper beschafft werden können?
Christian Bräuning










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