Im seinem neuen Jahresbericht beschreibt das Marinekommando die Abhängigkeit Deutschlands von sicheren Seewegen. Hervorgehoben wird auch die kaum bekannte Bedeutung der maritimen Industrie.
Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, zeigt in seinem Vorwort zum Jahresbericht des Marinekommandos 2021 über die maritime Abhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland auf, warum Deutschland nicht umhinkomme, seine maritimen Interessen zu schützen. „Als Mitglied der Vereinten Nationen, der EU und der NATO stehen wir dafür ein, dass unsere Handels- und Passagierschiffe die Weltmeere weiterhin sicher und frei befahren können.“
Das Dokument aktualisiert und ergänzt die Daten und Erkenntnisse seiner Vorgänger. Detailliert wird die Lage von Seehandel, Schifffahrt, Schiffbau und maritimer Industrie in Zeiten von Globalisierung, Bedrohung der Seewege und Coronapandemie analysiert. Im Mittelpunkt des Berichts steht die maritime Sicherheit.[ds_preview]
Sicherheitsstrukturen
Dieser Jahresbericht präsentiert erstmals die bestehenden nationalen maritimen Sicherheits-strukturen mitsamt ihrer Aufgabenvielfalt und internationalen Vernetzung. Dazu gehören die Bundespolizei See mit dem Piraterie-Präventionszentrum, das Maritime Sicherheitszentrum in Cuxhaven, der Zoll, die Bundesanstalt für Wirtschaft und Ernährung, die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, die Wasserschutzpolizei der fünf Küstenländer, das Havariekommando, das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie, die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffsbrüchiger.
Maritime Wirtschaft
Als führende Exportnation in Europa ist Deutschland zwingend auf die freie und ungehinderte Nutzung der See angewiesen. Die tagelange Havarie des Containerschiffs EVER GIVEN im Suezkanal hat aufgezeigt, wie abhängig der Welthandel von freien Seewegen ist. Stillstand auf See heißt auch Stillstand an Land. Insgesamt werden rund 90 Prozent der aus oder nach Deutschland transportierten Güter über See transportiert. Im abgelaufenen Jahr wurden Waren und Güter im Wert von 444,8 Milliarden Euro exportiert. China war wie in den Vorjahren mit einem Warenaustausch von 212,3 Milliarden Euro (3 % mehr als 2019) der wichtigste Handelspartner.
Durch die Coronapandemie ist 2020 das Welthandelsvolumen um 5,3 Prozent eingebrochen. Nur China vermochte seine Exporte um 5,2 Prozent zu steigern. In Deutschland ist der Warenaustausch beim Export um 9,3 Prozent und beim Import um 7,1 Prozent zurückgegangen. Folglich sank auch der Güterumschlag in deutschen Seehäfen gegenüber 2019 um 6,4 Prozent
Die Welthandelsflotte umfasste 2021 56.900 Schiffe mit mindestens 300 BRZ. 2020 wurden 500 Schiffe abgewrackt, 2019 waren es nur 250 Schiffe. Deutschland bereedert aktuell die fünftgrößte Handelsflotte der Welt. Die Flotte der Containerschiffe ist nach der chinesischen die zweitgrößte der Welt. Ende 2020 waren in deutschen Schiffsregistern 2001 Schiffe mit 48,7 Millionen BRZ registriert – 139 weniger als 2019.
In Deutschland waren 2019 über 449 000 Arbeitsplätze mit einer Wertschöpfung von 29,8 Milliarden Euro in 2800 Unternehmen mit der maritimen Wirtschaft verbunden. Sie erzielten einen jährlichen Umsatz von über 80 Milliarden Euro. Doch die Coronapandemie hat die Konjunkturerwartungen der maritimen Industrie und Wirtschaft schwer gedämpft. Global sind die Schiffbauaufträge 2020 um zwölf Prozent zurückgegangen. Bei den deutschen Werften sanken die Aufträge auf 0,9 Milliarden Euro. Im Vergleich zum Fünfjahresschnitt vor Corona ist das ein Minus von 80 Prozent. Der Weltschiffbau ist wegen schwacher Nachfrage besonders bei den Container- und Kreuzfahrtschiffen um rund 30 Prozent geschrumpft. Schon vor Corona gingen in wichtigen Teilsegmenten wie Ro-ro-Schiffe, Frachter und große Fähren die Aufträge trotz ausgewiesener Expertise nach Asien, insbesondere nach China. Der europäische Schiffbau verliert seit Jahrzehnten Marktanteile, weil vor allem China mit enormen Subventionen einen Verdrängungswettbewerb praktiziert, den Europa bislang machtlos hingenommen hat. In den vergangenen 15 Jahren hat China 200 Milliarden Euro an staatlichen Subventionen in den Schiffbau gesteckt. Chinesische Werften können daher europäische Wettbewerber um bis zu 50 Prozent unterbieten.
Flüchtlingsbewegungen
2020 hatte die Zahl von Menschen auf der Flucht weltweit ein Rekordhoch von 82,4 Millionen erreicht. Über 1,2 Millionen davon hat Deutschland aufgenommen. Die Zahl der in Deutschland Asylsuchenden beträgt derzeit 243.256 Menschen. Viele Flüchtlinge streben ein Leben in Europa an. Mit dem gemeinsamen Vorgehen von europäischen Marinen, Frontex und nordafrikanischen Ländern gegen Schlepper- und Schleuserbanden konnte der Migrationsstrom über das Mittelmeer vorerst reduziert werden, 2020 waren es nur noch.72 750 Menschen. Allein 2020 ertranken jedoch 1166 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer. Den Seeweg über die Ägäis nach Griechenland wählten 2020 über 59 000 Migranten, 14 900 erreichten Griechenland auf dem Landweg. Über den Atlantik strömten 2020 über 23 000 Migranten zu den Kanarischen Inseln. Seit 2021 wächst der Migrantenstrom über die Seerouten wieder an.
Piraterie
Weltweit wurde im vergangenen Jahr ein Anstieg der Piraterie auf 195 gemeldete Vorfälle verzeichnet. Am Horn von Afrika, einst ein Hotspot der Piraterie, sind Dank der EU-geführten Antipiraterie-Mission Atalanta nur noch vereinzelte Überfallversuche verzeichnet worden. Heute liegen die Piraterie-Hotspots im Golf von Guinea und in der Straße von Malakka. Über 30 Prozent des internationalen Warenhandels passieren diese Seegebiete. 2021 registrierte das IMB Piracy Reporting Centre vor Westafrika 84 Überfälle gegenüber 61 im Jahr 2019. Auf Südostasien entfallen heute 43 Prozent aller weltweit registrierten Vorfälle. In Südamerika wurde vor Brasilien, Ecuador, Mexiko und Haiti eine steigende Anzahl von Piraterievorfällen registriert. Mit der weltweiten Piraterie sind unverändert Schiffsentführungen, Entführung von Schiffsbesatzungen, Lösegelderpressungen oder Plünderung von Schiffsladungen verbunden.
Marineschiffbau
Der Marineschiffbau erwirtschaftet rund ein Drittel des Gesamtumsatzes der deutschen Schiffbauindustrie. Sie sichert damit das erforderliche Know-how auch für zivile Anwendungen.
Die aktuelle Lage im Marineschiffbau ist derzeit besser als im zivilen Pendant, denn es gibt einen großen Nachholbedarf bei der Bundeswehr. Die deutsche Marineschiffbauindustrie ist mit ihren Waffen- und Systemhäusern sowie mit zahlreichen hoch spezialisierten und kompetenten Zulieferunternehmen ein wichtiger Standfaktor und ein bedeutender Partner zur Umsetzung des Ausrüstungsbedarfs der Deutschen Marine. Zudem genießen die hier tätigen Firmen weltweit große Reputation.
Mittelfristig befürchtet der Marineschiffbau durch Corona große Einschnitte, weil die weltweit zunehmende Staatsverschuldung die öffentlichen Investitionsspielräume einschränkt. Davon könnten die notwendigen Beschaffungsvorhaben der Deutschen Marine ebenso betroffen sein wie die für die deutsche Schiffbauindustrie so bedeutende und kapazitätssichernde Exportnachfrage.
Deutsche Marine
Für Deutschland als Industrie- und Handelsnation ist eine uneingeschränkte Nutzung der globalen Seewege von existenzieller Bedeutung. Dazu leistet die Marine einen unverzichtbaren Beitrag. Mit 49 Booten und Schiffen und 53 Luftfahrzeugen gilt sie als sichtbares und verlässliches Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik und hat zusammen mit den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und der NATO den Auftrag, die maritime Sicherheit und Unabhängigkeit Deutschlands und den Schutz der Seehandelswege zu gewährleisten. Sie versteht sich als eine Marine im weltweiten Einsatz – trotz der Coronapandemie. Sie beteiligt sich unverändert an den beiden Standing NATO Maritime Groups (SNMGs) und den beiden Standing NATO Mine Countermeasures Groups (SNMCMGs) sowie am Unifil-Einsatz im östlichen Mittelmeer, an der Antipiraterie-Mission Atalanta am Horn von Afrika und an der EU-Mission Irini im Mittelmeer zur Überwachung des UN-Waffenembargos gegen Libyen. In der Ägäis sind seit 2019 Fregatten und Einsatzgruppenversorger der SNMG 2 im Einsatz, um dort die griechische und türkische Küstenwache bei der Überwachung der Ägäis zu unterstützen. Die Fregatte BAYERN operiert im Indopazifik, der von geopolitischen Rivalitäten und sicherheitspolitischen Herausforderungen geprägt ist. Mit der geplanten Aufstellung eines Maritime Warfare Centers sowie eines Systemhauses See sollen zudem unerlässliche Anpassungen im Bereich der taktisch-operativen Weiterentwicklung und der Instandsetzung erfolgen. Zugleich wird die Modernisierung der Flotte durch den Zulauf neuer Schiffe und Marinefliegerkräfte vorangetrieben.
Autor: Dieter Stockfisch










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