Die US Navy führt eine neue Lazarettschiffsklasse ein. Die neuen Einheiten sind kleiner, schneller und wendiger als die bisherigen Lazarettschiffe der USA.
Im Dezember 2023 vergab die US Navy an Austal den Vertrag für den Bau von drei Lazarettschiffen der neuen Bethesda-Klasse. Die neuen Schiffe werden auch als Expeditionary Medical Ship (EMS) bezeichnet. Es handelt sich um die ersten neuen Lazarettschiffe seit Einführung der beiden Einheiten der Mercy-Klasse Mitte der 1980er-Jahre. Die Bethesda-Klasse wird die wesentlich größeren Schiffe USNS Mercy und USNS Comfort vorerst ergänzen, letztendlich aber ersetzen.[ds_preview]
EMS-Einheiten sind primär für den Einsatz im Indopazifischen Raum vorgesehen, erklärte Rear Admiral Darin Via, Admiraloberstabsarzt der US Navy. Ein wesentlicher Faktor für die Einführung der Katamarane ist die Aussicht auf gleichzeitige Kampfeinsätze entlang eines sehr weitläufigen Kriegsschauplatzes im Indopazifischen Raum. Die schnellen Lazarettschiffe, die abrufbereit im Einsatzgebiet pendeln, sollen die Aussicht auf eine schnelle medizinische Versorgung steigern. Das geringere Profil der Schiffe reduziert derweil die Gefahr der Ortung durch gegnerische Kräfte.
Als Grundlage des EMS-Typs dienen die schnellen Katamaranfähren vom Typ Expeditionary Fast Transport (EPF). Der 110 Meter lange und 31,5 Meter breite EMS-Aluminiumrumpf ist allerdings etwas größer als der Rumpf der EPF, und wurde in der Form leicht abgeändert, um eine stabilere Lage bei schwerem Seegang zu gewährleisten. Der Tiefgang von nur 4,6 Metern erlaubt das Anfahren von kleinen, schlecht ausgebauten oder beschädigten Häfen sowie ein Operieren in Strandnähe. Im Hafen können Verwundete per Trage, Rollstuhl oder ambulant über die ausschwenkbare, an Steuerbord montierte Heckrampe an Bord gebracht werden. Das Flugdeck ermöglicht ferner das Einfliegen von Verwundeten mit dem Kipprotorflügler MV-22 Osprey oder Hubschraubern bis zur Größe des Sea Kings. Im Flugzeughangar kann ein Bordhelikopter vom Typ SH-60 untergebracht und gewartet werden. Steuer- wie backbord wird je ein einsatzbereites, elf Meter langes Festrumpfschlauchboot geführt. Zwecks Eigenschutz können auf dem Deckhaus vier Maschinengewehre angebracht werden.

Konzeptbild der Bethesda-Klasse aus dem Jahr 2021, Grafik: Austal
Intern werden die Schiffe völlig neu ausgerichtet. Zur Ausstattung gehören eine zentrale Aufnahme- und Triagestelle, Behandlungsräume, drei Operationräume, Labor- und Röntgeneinrichtungen, eine Blutbank sowie eine zahnärztliche Station. Es besteht Raum für 72 Belegbetten, darunter 14 Betten auf der Intensivstation sowie bis zu zwölf Quarantänebetten. Hinzu kommen 170 Sitzplätze für ambulante Patienten. Die verschiedenen medizinischen Stationen sind alle auf dem Hauptdeck untergebracht und ermöglichen so eine optimale Verlegung der Patienten zwischen den Stationen. Die Schiffe bieten medizinische Versorgung gemäß des NATO-Standards Echelon 2+. Dies entspricht einer krankenhausäquivalenten Versorgung einschließlich chirurgischer Behandlung.
Nach Angaben der US Navy wird die Bethesda-Klasse ihr Einsatzgebiet mit mehr als 30 Knoten ansteuern können. Bei 24 Knoten Marschgeschwindigkeit erzielen die Schiffe eine Einsatzreichweite von 5500 Seemeilen. Auch bei Seegang 5 werden noch15 Knoten Fahrt möglich sein. Die Schiffsbesatzung besteht aus 28 Personen, ergänzt durch eine 50-köpfige Sanitätsgruppe sowie das Flugdetachement. Diese Standardbesatzung lässt sich im Bedarfsfall ausbauen, Unterkünfte existieren für 223 Personen.
Flexibler Einsatz
Die neue Klasse soll die gleichen medizinischen Leistungen wie die Mercy-Klasse bieten, allerdings mit wesentlich reduzierter Kapazität. Die im Vergleich zur Mercy-Klasse kleine Aufnahmekapazität entspricht dem aktuellen Konzept des Einsatzes verstreut agierender kleinerer Kampfverbände anstelle des Einsatzes von Großverbänden. Dies ist vor allem in den Küstenzonen und Gewässern des indopazifischen Raums relevant und betrifft sowohl Operationen der Navy wie auch der Marineinfanterie. Die gleichzeitige Entsendung mehrerer Lazarettschiffe mittlerer Größe an verschiedene Punkte soll die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Versorgung der Verwundeten steigern.

Operation eines amerikanisch-japanischen
Teams an Bord der USNS Mercy vor Palau, Foto: US Navy/Celia Martin
Neben der Aufnahme von Patienten im Hafen oder per Boot in Strandnähe, sollen die Lazarettschiffe auch Kranke und Verletzte direkt von Kriegsschiffen übernehmen. Einen besonderen Stellenwert erhält hierbei die Bergung von verwundeten Besatzungsmitgliedern von Schiffen nach Feindbeschuss. Auch Such- und Rettungseinsätze auf See werden unmittelbar durch die EMS-Einheiten sowie mithilfe des Bordhubschraubers und der beiden Festrumpfschlauchboote durchgeführt. Je nach Grad der Verletzung oder Erkrankung werden die Patienten kurzfristig an Bord untersucht, behandelt und anschließend zu ihrer Einheit zurückgeschickt, mittelfristig an Bord stationär behandelt, oder – im Fall schwerer Verwundungen – zur Behandlung in ein Krankenhaus ausgeflogen. Die Evakuierung stabilisierter Patienten kann auch per V-22 erfolgen, während das Schiff im Einsatzgebiet bleibt.
Die Schiffe sind allerdings nicht nur für Notfallmedizin vorgesehen. Sie werden auch routinemäßige medizinische Untersuchungen und Behandlungen von in entlegenen Gebieten tätigen Personals durchführen. Darüber hinaus können sie im Rahmen der Katastrophenhilfe, für humanitäre Einsätze sowie zur Evakuierung von Zivilisten aus Krisenzonen herangezogen werden. Auch sogenannte Freundschafts- und Partnerschaftseinsätze zur Versorgung der zivilen Bevölkerung in entlegenen Gebieten – etwa auf südpazifischen Inseln und Archipelgruppen – werden erwogen. Dabei wird sich der geringe Tiefgang als besonders wertvoll erweisen, um möglichst viele Orte ansteuern zu können.
Beschaffung
Der im Dezember 2023 an Austal USA vergebene Auftrag für den neuen EMS Typ hat einen Wert von 868 Millionen US Dollar. Die Firma hatte bereits zirka 2020 intern mit dem Entwurf eines solchen Schiffes begonnen, und 2022 einen ersten Entwicklungsauftrag erhalten. Der jüngste Vertrag umfasst die Modifizierung und Vollendung des bereits weitgehend fertigen Entwurfs der neuen Schiffsklasse sowie den Bau von drei Einheiten. Der Bau des Typschiffs USNS Bethesda (EMS 1) beginnt 2025 bei Austal USA in Mobile, Alabama, die Auslieferung an die Navy ist für Dezember 2026 vorgesehen. Das dritte und vorerst letzten Schiff soll 2030 übergeben werden. Der Kauf weiterer Einheiten ist aktuell nicht geplant.

Zu groß für kleine Häfen sind die aktuellen Lazarettschiffe der Navy, Foto: US Navy
Als Übergangslösung und zur Ergänzung der EMS werden die letzten drei EPF-Transportschiffe darauf ausgerichtet, zusätzlich als Sanitätsschiffe dienen zu können. Diese als EPF Flight II bezeichnete Ausführung wird zwar weiterhin den üblichen Personal- und Materialtransportauftrag des EPF-Typs durchführen, aber auf einem Teil der Nutzfläche auch eine wehrmedizinische Ausrüstung integrieren. Diese Lazarettausstattung ähnelt der Ausrüstung der künftigen EMS-Einheiten, wird allerdings auf kleinerem Raum eingerichtet und folglich nicht die gleiche Leistung erbringen. Die erste dieser Einheiten, USNS Cody (EPF 14), wurde bereits im Januar 2024 von der Navy übernommen.
Sidney E. Dean










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