Wer den Sägefisch auf der Brust trägt, darf sich zum illustren Kreis der Minentaucher zählen. Doch die Ausbildung ist hart und die Zahl der Bewerber geht kontinuierlich zurück.
Viele Außenstehende sind voreingenommen und haben eine besondere Vorstellung von der Minentaucherausbildung, die oftmals gar nicht der Wahrheit entspricht. Dann sind Bemerkungen zu hören wie: „Als Minentaucher muss man mindestens einmal unter Wasser ohnmächtig geworden sein.“, „Der Auftrag eines Minentauchers endet mit dem Aufspüren einer Mine.“, oder: „Nur richtig muskelbepackte Soldaten können diese harte Ausbildung bestehen.“
Was ist also Realität? Was ist medial über die Jahre zum Mythos erwachsen? Zeit, um mit Vorurteilen aufzuräumen und darzustellen, was die Ausbildung zum Minentaucher umfasst und wie lange es dauert, bis ein Minentaucherschüler das begehrte Abzeichen verliehen bekommt.[ds_preview]
Der Sägefisch mit der Mine im Hintergrund wird nicht leichtsinnig übergeben. Die Bestenauslese erfolgt nicht nur durch Schwimmen, Tauchen und körperliche Ertüchtigung, da das Aufgabenfeld weitaus mehr umfasst. Ein Minentaucher muss nicht nur in der Lage sein, Seeminen unter Wasser und an Land unschädlich zu machen. Der Job geht nach fast 60 Jahren weit über den anfänglichen Kernauftrag der deutschen Minentaucher, die Vernichtung von Seeminen, hinaus. Ein Minentaucher muss modernste Unterwassernavigationssysteme und Sonargeräte bedienen können, sich aus Helikoptern abseilen und amphibische Missionen vorbereiten sowie andere Einsatzkräfte vor den Bedrohungen durch improvisierte Spreng- und Brandmittel schützen können. Dieses große Fähigkeitsspektrum bedarf einer wohldurchdachten und professionellen Ausbildung, motivierten Personals und modernster Ausrüstung und Methoden.
Ausbildung ohne Ohnmacht?
Die Minentaucherausbildung ist aufgrund der vielfältigen Qualifikationen in verschiedene Fachbereiche aufgeteilt. Betraut mit dem Ausbildungsauftrag ist die Ausbildungskompanie 2 des Seebataillons in Eckernförde. Hier beginnt nicht nur der Weg eines jeden Minentauchers, sondern auch voll ausgebildete und einsatzerfahrene „Froschmänner“ nehmen regelmäßig an den angebotenen Trainings teil.
Der Minentaucherbasislehrgang (F1) beinhaltet unter anderem die sogenannte Hallenphase und eine zwölfwöchige Freiwasserphase inklusive einer Seefahrt. Hier erlernen die angehenden Minentaucher den Umgang mit dem hochkomplexen Kreislauftauchgerät, auch Rebreather genannt, werden in den verschiedenen Einsatzverfahren der Minentaucher geschult und erhalten ein breites Fachwissen über jede Art von Munition. Jeder Bewerber wird langsam an seine individuelle körperliche und geistige Grenze herangeführt. Dies dient dem Zweck, im Ernstfall professionell und sicher handeln zu können. Dabei Leidenswillen zu zeigen und auch mal die persönliche Grenze zu überschreiten, passt zur Berufung eines Minentauchers. Aber um einen der Mythen zu entschärfen: Keiner muss hierbei ohnmächtig werden.

Zum Minentaucherbasislehrgang gehört eine zwölfwöchige Freiwasserphase, Foto: Bw
Bevor die Bewerber sich dieser physisch und psychisch extrem fordernden Ausbildung stellen, bekommen sie die Möglichkeit, im Auswahllehrgang Minentaucher acht Wochen unter der professionellen Anleitung eines Diplomsportwissenschaftlers ihren Körper auf die folgende dauerhafte Belastung vorzubereiten.
Wenn ein Schüler den F1 bestanden hat und somit seine taucherische Qualifikation erlangt hat, wird er als nächstes zum Sprenghelfer mit Tauchereinsatz ausgebildet und absolviert den Kraftbootführerschein. Er wird bei der sogenannten Fischverleihung nach etwa einem halben Jahr Ausbildung zum Minentaucher ernannt und darf von nun an das begehrte Abzeichen tragen. Dieser Zeremonie wohnen alle Minentaucher bei und heißen die Neuzugänge in ihrer kleinen Einheit willkommen, wenngleich der Ausbildungsweg noch nicht endet.
Lokalisieren, Klassifizieren und Beseitigen
Mit einem glänzenden Sägefisch auf der Brust wartet der Minentaucherfachlehrgang 2, auch F2 genannt. Minentaucherunteroffiziere erlangen hier ihre Meisterreife auf dem Weg zum vollwertig ausgebildeten Portepeeunteroffizier. Diese Phase ist eine der längsten im Ausbildungsprozess. Der F2 beinhaltet zum einen das intern auch als Minentauchereinsatzleiter-Lehrgang bezeichneten Training und zum anderen die Fachkunde Minentaucher. Für diese beiden Lehrgänge bleiben die Schüler weitere elf Monate in der Ausbildungskompanie 2.

Jeder Bewerber wird an seine körperliche und geistige Grenze geführt, Foto: Bw
Wie es der Name bereits vermuten lässt, lernen die angehenden Meister auf dem Minentauchereinsatzleiter-Lehrgang, wie man einen Tauchereinsatz plant, berechnet und sicher durchführt. Besonders die Berechnung von Tieftauchgängen und die fachgerechte Bedienung der Druckkammer im Falle eines Taucherunfalls sind hierbei Schwerpunkte. Der Ernstfall wird mehrmals trainiert, um eine besonnene Reaktion des Verantwortlichen zu verfestigen. Tauchen ist niemals „nur“ eine „Übung“.
Bis 2014 mussten alle angehenden Portepeeunteroffiziere ihren Feuerwerker-Lehrgang noch in Aachen absolvieren. Dies ist seit 2015 in Eckernförde möglich. Der Lehrgang Fachkunde Minentaucher beinhaltet den Lehrstoff des Feuerwerker-Lehrgangs und ist kombiniert mit der Kampfmittelabwehr im maritimen Umfeld. Im Rahmen dieses Lehrgangs sind die Schüler rund vier Wochen auf einem Sprengplatz an Land, um sowohl das Vernichten von Munition als auch das Beseitigen, kurz: EOD (Explosive Ordnance Disposal), zu erlernen. Es folgt das Beseitigen von Kampfmitteln unter Wasser, wobei im Rahmen eines zweiwöchigen Trainings das Entschärfen von Unterwassermunition erlernt wird. Dabei werden unter anderem, aufgrund der Belastung der Nord- und Ostsee mit Weltkriegsmunition, auch Fliegerbomben und Mörser behandelt. Der Auftrag eines Minentauchers endet folglich nicht mit dem Aufspüren einer Mine, sondern bezieht das gesamte Spektrum der Beseitigungsverfahren mit ein. Überdies erfasst dieser Gedanke, wie beschrieben, dennoch nicht annähernd das Tätigkeitsfeld.
Für bereits voll ausgebildete Minentaucher hält die Ausbildungskompanie 2 ein vierköpfiges Ausbilderteam für Sonderlehrgänge vor. Alle fünf Jahre muss jeder Minentaucherbootsmann und Minentaucheroffizier den Lehrgang Weiterbilder Minentaucher besuchen. Hier liegt der Fokus auf der Einweisung in neu beschafftes Material und Ausrüstung sowie dem Auffrischen der Vorschriftenkenntnis im Bereich der Einsatzleitung und des Sprengens. Des Weiteren ermöglicht es der Lehrgang Inübunghalter Minentaucher solchen Minentauchern, die temporär keine aktive Verwendung ausüben, ihre Tauchqualifikation zu erhalten.
Möchte man in der Marine spezifisch das Sprengen von Holz und Stahl erlernen, führt ebenfalls kein Weg an der Ausbildungskompanie 2 des Seebataillons vorbei. Denn die Sprengausbildung für alle Einheiten der Deutschen Marine wird hier durchgeführt. Soldaten werden zum Sprengleiter an Land und bei Tauchereinsätzen ausgebildet. Nach diesem Lehrgang sind sie in der Lage, die Sprengladung für das entsprechende Hindernis genau zu berechnen. Das fachmännische Anbringen der Ladung ist Aufgabe des Sprenghelfers. Unter Wasser kann dies beispielsweise an den Aufbauten eines gesunkenen Schiffes geschehen, das die Durchfahrt eigener Fahrzeuge behindert.
In der Ausbildungskompanie 2 wird zudem das Training für den Erwerb des Kraftbootführerscheins durchgeführt. Ein Minentaucher muss ja schließlich zu seinem Arbeitsplatz gelangen.
Die dargestellten Lehrgänge stellen in ihrer Gesamtheit die Einsatzfähigkeit der Minentaucher sicher und sorgen zudem für die Nachwuchsgewinnung. Zweimal im Jahr stößt ein neuer Schwung Minentaucher zur Einsatzkompanie, zur sogenannten Minentaucherkompanie, dazu. So die Theorie.

Trainiert wird der Umgang mit jeglicher Munition, Foto: Bw

Der Umgang mit dem Kreislauftauchgerät will gelernt sein, Foto: Bw
Kopf und Körper
Leider sieht die Realität in den letzten Jahren deutlich anders aus. Die Anzahl derjenigen, die sich der Herausforderung Minentaucher stellen, geht immer weiter zurück. Da auch andere spezialisierte Einheiten und Spezialeinheiten mit diesem Problem zu kämpfen haben, liegt der Ursprung wohl in Bereichen, auf die das Militär und die Behörden keinen Einfluss haben. Dementsprechend muss die Nachwuchsgewinnung noch gezielter und energischer vorangetrieben werden. Allen voran die sozialen Medien müssen Aufklärungsarbeit leisten, um vor allem junge Menschen just nach ihrem Schulabschluss zu begeistern. Das Betätigungsfeld wird dadurch nicht weniger gefährlich, aber erscheint nahbarer. So muss auch mit dem letzten Mythos aufgeräumt werden: Um Minentaucher zu werden, muss man kein muskelbepackter Hüne sein. Selbstverständlich muss man eine überdurchschnittlich hohe Fitness mitbringen, doch am Ende ist es immer der Wille, der entscheidet. Viel wichtiger sind also eine ausgeprägte geistige Kompetenz neben Fach- und Sozialkompetenz. Minentaucher operieren stets im Team. Jeder kennt jeden und man verbringt zum Teil mehr Zeit mit seinen Kameraden als mit der eigenen Familie. Man muss folglich in der Lage sein, das Wohl der Gemeinschaft über sein eigenes zu stellen.
Der Lohn ist es, Teil einer kleinen elitären Einheit zu werden, die den Sägefisch mit Stolz trägt und um welche sich, trotz aller Berichte, diese Mythen bedauerlicherweise hartnäckig halten.
Nec aspera terrent – Widrigkeiten schrecken nicht.
Kapitänleutnant Ivo Friedrich ist Leiter Minentaucherausbildung.
Ivo Friedrich










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