Der mit dem Überfall Russlands 2022 begonnene Krieg in der Ukraine ist vor allem ein Landkrieg. Dennoch lohnt sich ein Blick auf seine maritimen Aspekte.
Die russische Flotte hatte zu Beginn des Ukrainekriegs 2022 zwei Aufgaben: Zunächst einmal sollte sie im Schwarzen Meer das Vorrücken der Landstreitkräfte unterstützen. Sie tat dieses insbesondere zwischen Cherson und Melitopol durch Transporte von Truppen und Versorgungsgütern. Die zweite wesentliche Aufgabe bestand in der Bedrohung Odessas mit amphibischen Kräften, um dort starke ukrainische Kräfte zu binden. Ziel der Operationen war die Einnahme der gesamten Küste des Schwarzen Meeres, von Cherson bis Odessa.
Für die Ukraine musste es zunächst darum gehen, eine amphibische Landung bei Odessa zu verhindern. Dieses Ziel wollte man mit dem Anlegen von Minenfeldern und dem Einsatz landgestützter Seeziellenkflugkörper erreichen.
Russland nutzte seine Flotte von Anfang an zur Unterstützung der Operationen an Land. Am 24. Februar 2022 besetzten russische Truppen die Schlangeninsel, während russische Schiffe die ukrainische Küste blockierten. [ds_preview]Weiter im Osten unterstützten russische Marineinfanteristen den Vormarsch auf Mariupol, indem sie am 25. Februar westlich der Stadt anlandeten. Von See wurden Ziele an Land mittels Schiffsartillerie bekämpft. Landungsschiffe transportierten später Nachschub für die vorrückenden Landstreitkräfte und luden diesen in Häfen des Asowschen Meeres ab.
Die Ukraine war sich sofort der maritimen Bedrohung bewusst. In Erwartung einer Anlandung von See hielt man starke Heereskräfte im Raum Odessa in Reserve, zugleich wurden die gefährdeten Strandabschnitte vermint. Hierbei kam der Ukraine die Geografie der Küste entgegen, da wenige Küstenabschnitte bei Odessa für eine amphibische Landung geeignet sind.
Nach etwa vier Wochen, als sich die Lage stabilisiert hatte, konnte die Ukraine daran gehen, die russische Beherrschung der Küstengewässer zu brechen. Die Ukraine hatte zu diesem Zeitpunkt keine schwimmenden Einheiten mehr. Die Masse der ukrainischen Schiffe und Boote war 2014 bei der Eroberung der Krim an Russland verloren gegangen, und der Rest wurde durch Luftangriffe zu Beginn des Kriegs im Hafen vernichtet. Allerdings verfügte die Ukraine mit dem Seeziellenkflugkörper RK 360 Neptune über eine potente Waffe. Der Neptune ist ein Ableger des SS-N-25 Switchblade, er hat eine Reichweite von etwa 170 nautischen Meilen und einen aktiv mit Radar arbeitenden Suchkopf. Der SS-N-25 wurde Ende der 1980er-Jahre in der Sowjetunion entwickelt, seine Leistungsdaten sind vergleichbar mit dem amerikanischen Harpoon.

Der FK Neptune R-360 basiert auf dem Seezielflugkörper Ch-35,
an dessen Entwicklung das Konstruktionsbüro Luch beteiligt war, Foto: VoidWanderer CC BY-SA 4.0
Von Beginn des Krieges an setzte die Ukraine das türkische Unmanned Aerial Vehicle (UAV) Bayraktar TB-2 erfolgreich ein. Über Land diente die Bayraktar der Bekämpfung von gegnerischen Fahrzeugen, die aus der Luft mit Panzerabwehr-Lenkflugkörpern bekämpft wurden. Über See wurde die Bayraktar zur Bekämpfung kleiner Fahrzeuge und zur Zielaufklärung eingesetzt.
Anfang April 2022 passte Russland seine Strategie der militärischen Lage an. Der Angriff auf Kiew war fehlgeschlagen, der Vormarsch stockte überall. Russland konzentrierte sich daraufhin auf die Einnahme des Donbass im Osten der Ukraine. Der Vormarsch am Asowschen Meer war hingegen erfolgreich gewesen, Russland beherrschte die gesamte ukrainische Küste ostwärts von Odessa, es gab also eine Landbrücke zur Krim. Westlich der Krim liegen die Häfen und die Silos, die zum Export des ukrainischen Getreides notwendig sind. Die Ukraine von der See abzuschneiden, würde sie massiv und dauerhaft schwächen. Im Rahmen des russischen Strategiewechsels wurde der Süden mit seiner Küste daher zum wesentlichen Ziel.
Russische Einheiten überwachten von See aus den Luftraum über der südlichen Ukraine, dies war eine wesentliche Rolle des russischen Flaggschiffs MOSWKA, die man als radar picket bezeichnen könnte. Deren Flugabwehrsysteme S-300F mit einer Reichweite von 90 Kilometern und OSA-M AD mit einer Reichweite von 12 Kilometern stellten einen entscheidenden Teil der russischen Flugabwehr an der Südflanke dar.
Auf strategischer Ebene hoffte der Kreml, dass ein globaler Mangel an Nahrungsmitteln in Verbindung mit steigenden Preisen für Öl und Gas weltweit für Inflation und Versorgungsengpässe sorgen würde. Dies sollte den Westen strategisch schwächen und den Willen zur Unterstützung der Ukraine unterminieren. Auf diese Art könnte mittelfristig ein Sieg über die Ukraine errungen werden, denn ohne die Waffenlieferungen des Westens konnte Kiew nicht bestehen.
In der neuen russischen Strategie spielte die Marine eine veränderte Rolle. Erstens blockierte sie die verbleibenden ukrainischen Häfen wie Odessa. Zweitens hielten die Seestreitkräfte einen Flugabwehrschirm im Süden aufrecht. Drittens verschafften sie den Landstreitkräften im Süden strategische Tiefe und Mittel zur Versorgung über das Asowsche Meer. Das Eisenbahnnetz ist im Süden sehr dünn. Viele Eisenbahnlinien sind dort sind nur eingleisig ausgebaut. Hier konnten Transporte von den russischen Häfen wie Rostow am Don und Asow zur Krim und nach Mariupol Entlastung schaffen. Da die russische Operationsführung insgesamt unter starken Versorgungsmängeln litt, bekam dieses Thema eine größere Priorität.
Am 13. April 2022 griff die Ukraine die MOSKWA, das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte an. Hierbei verschoss sie zwei Neptune-FK gegen den Kreuzer, das Schiff sank am Folgetag. Der Angriff soll durch den Einsatz einer Bayraktar-Drohne unterstützt worden sein, die zur Ablenkung eingesetzt wurde.
Medienberichten zufolge war die MOSKWA in schlechtem technischem Zustand, so sollen drei von vier Systemen der Nahbereichsflugabwehr defekt gewesen sein. Schlechte Leistungen bei der Schadensabwehr werden ebenfalls als Grund für den Untergang des Schiffes genannt. Jedenfalls hatte man vor dem Krieg angenommen, dass die MOSKWA mit einer Verdrängung von etwa 11 000 Tonnen mehrere FK-Treffer überleben würde, zumal der Neptune kein besonders moderner oder leistungsfähiger Flugkörper ist.
In Folge dieser Versenkung hielten sich russische Überwassereinheiten außerhalb der FK-Reichweite der Neptune auf, wodurch die Luftverteidigung westlich der Krim eine Lücke bekam. Die MOSKWA war mit ihren weitreichenden Radar- und Flugkörpersystemen der westlichste Vorposten der russischen Luftverteidigung gewesen. Die Feuerunterstützung gegen Landziele war danach nur noch mittels Kalibr-Marschflugkörpern möglich.
Die russische Position auf der Schlangeninsel wurde nach der Versenkung der MOSKWA mit Flugabwehrsystemen verstärkt. Die Ukraine beschoss diese dann in der Folge mit weitreichender Artillerie. Sie bekämpfte zudem Versorgungsfahrzeuge; welche die Insel ansteuerten (u.a. Landungsboote) mit Hilfe von Bayraktar-Drohnen. Am 30. Juni zog Russland seine Kräfte von der Insel zurück und gab damit einen weiteren Teil der Kontrolle der ukrainischen Küste auf.
Russland hat seit der Versenkung der MOSKWA keine Mittel gegen die Flugkörperbedrohung von Land gefunden, sondern seine schwimmenden Einheiten von der ukrainischen Küste ferngehalten. Weiterhin fiel mit Blick auf die russische Operationsführung auf, dass Russland nie seine gesamte Schwarzmeerflotte eingesetzt hat. Mehrere Einheiten wurden nicht an den Operationen beteiligt, hierzu zählen Fregatten der Kriwak- und der ADMIRAL-GRIGOROWITSCH-Klasse. Ab Juli 2022 zogen sich russische Schiffe vor dem Hintergrund der FK-Bedrohung aus dem nordwestlichen Teil des Schwarzen Meeres zurück. Am 27. Juli wurde das Getreideabkommen geschlossen, welches die Blockade der ukrainischen Häfen beendete. Damit nicht genug, begann die Ukraine, die russischen Seestreitkräfte weiter unter Druck zu setzen. Am 31. Juli und am 20. August griffen ukrainische UAVs das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte in Sewastopol an, ohne jedoch Schaden anzurichten. Im Oktober 2022 führte die Ukraine einen Angriff mit unbemannten Sprengbooten (Unmanned Surface Vehicles, USV) gegen Hafenlieger in Sewastopol aus und beschädigte einen Minenjäger und eine Fregatte. Am 8. Oktober griff die Ukraine die Brücke bei Kertsch mittels einer Autobombe an und zerstörte damit alle über die Brücke verlaufenden Straßen- und Eisenbahnverbindungen. Zum Ausgleich der fehlenden Verbindung setzte die russische Marine vermehrt Landungsschiffe ein.
In den folgenden Monaten griffen die ukrainischen Streitkräfte mehrfach auch weiter entfernt liegende Häfen und Einrichtungen mit UAVs und USVs an. Wenngleich diese Angriffe nicht immer schwere Schäden anrichteten, zwangen sie die russischen Streitkräfte zu erheblichen Abwehr- und Bewachungsmaßnahmen.

Die kleine Schlangeninsel hat strategische Bedeutung, Foto: Фотонак CC BY-SA 4.0
Ab Mai 2023 begannen die ukrainischen Streitkräfte damit, russische Kriegsschiffe auf See mit USVs zu attackieren. Am 24. Mai wurde das Flottendienstboot IWAN KURS angegriffen, am 11. Juni das Flottendienstboot PRIAZOWIA. Beide Offensiven missglückten. Es folgten weitere, meist wirkungslose Angriffe. Allerdings waren die Attacken vom 3. August gegen ein ROPUCHA-Landungsschiff und am 5. August gegen den Tanker SIG erfolgreich. Beide Schiffe wurden erheblich beschädigt.
Am 17 Juli 2023 griffen ukrainische USVs die Brücke bei Kertsch an, diese wurde dabei erneut stark beschädigt. Am Folgetag lief das Getreideabkommen aus, nachdem Russland eine Verlängerung abgelehnt hatte.
Rund einen Monat danach, am 24. August 2023, landeten ukrainische Kommandos bei Kap Tarkhanhut auf der Krim. Am Vortag war dort eine russische S-400-Flugabwehreinheit durch einen Angriff mit einem Neptune-FK zerstört und damit die russische Flugabwehr erneut gestört worden. Einige Tage später nahmen ukrainische Kommandos die Öl- und Gasplattformen BOYKO westlich der Krim ein. Diese waren von Russland als Beobachtungsstationen zur Frühwarnung vor Luftangriffen aus westlicher Richtung auf die Krim genutzt worden. Nach dem Ausschalten dieser Einrichtungen griff die Ukraine die Trockendocks von Sewastopol am 13. September mit Marschflugkörpern der Typen Storm Shadow und Scalp an. Bei diesem Angriff wurden ein Landungsschiff der ROPUCHA-Klasse und ein U-Boot der KILO-Klasse vernichtet. Eine Woche später zerstörte die Ukraine das historische Gebäude des Hauptquartiers der Schwarzmeerflotte, ebenfalls mit Marschflugkörpern. Am 4. November folgte ein weiterer Angriff, vermutlich mit ebenfalls mit Storm Shadow, hierbei wurde die Korvette ASKOLD zerstört.
Handlungen der Anrainer
Von den Ereignissen im Schwarzen Meer sind drei NATO-Partner direkt betroffen. Die Türkei hält gute Kontakte zu beiden Konfliktparteien. Sie schloss den Zugang zum Schwarzen Meer für Kriegsschiffe und schadete damit Russland, dass keine weiteren Einheiten mehr nachführen kann. Zugleich verhandelte die Türkei ein Abkommen zum Export von Getreide. Dieses nutzt beiden Konfliktparteien, wobei der größere strategische Nutzen dieses Abkommens aber darin liegt, dass es den Preis für Nahrungsmittel dämpft. Damit wird verhindert, dass Inflation und Hungersnöte als Treiber für nachlassende Unterstützung des Westens für die Ukraine wirken.
Rumänien und Bulgarien sind ebenfalls direkt betroffen. Beide Länder sehen sich zurecht als Frontstaaten der NATO in dem Konflikt und sind durch Minenzwischenfälle unmittelbar betroffen. Beide sehen sich zudem in ihren Rechten eingeschränkt, weil Russland Schieß- und Warngebiete in Bereichen verkündet hat, die der ausschließlichen Wirtschaftszone beider Länder zugehören. Rumänien musste zudem hinnehmen, dass russische UAVs auf seinem Staatsgebiet abgestürzt sind, als Russland versuchte, Infrastruktur am ukrainischen Donauufer anzugreifen. Der rumänische Luftraum wurde mehrfach von russischen UAVs verletzt.
Rumänien und Bulgarien stehen beide an der Seite der Ukraine. Rumänien ist ein wichtiges Transitland, über das Material in die Ukraine gelangt, während Getreide über Rumänien exportiert wird. Beide Länder haben mit einer Steigerung ihrer Verteidigungsausgaben reagiert und angefangen, ihr veraltetes Gerät zu ersetzen. Bulgarien verfügt neben sechs Einheiten aus sowjetischer Fertigung auch über drei modernisierte Minenjäger der TRIPARTITE-Klasse. Rumänien hingegen verfügt nur über Minensucher aus der Vor-Wendezeit und benötigt daher dringend eine Stärkung seiner Minenabwehr.
Exkurs: Minenbedrohung
Zu Beginn des Kriegs hat die Ukraine ihre Gewässer zum Schutz vor einer Invasion vermint. Über diese Verminung – auch über die Position der Minenfelder – hat die Ukraine Russland und die UN formell informiert. Etwa einen Monat nach Beginn des Kriegs wurden im Schwarzen Meer Treibminen gesichtet. Zu den treibenden Minen existiert eine russische und eine ukrainische Darstellung. Russland behauptet, die Ukraine habe Minenfelder angelegt, diese seien schlecht gesichert und dort hätten sich Minen losgerissen. Zeitgleich mit dem Auftauchen der ersten Minen wurde ein Dossier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB veröffentlicht. Darin sprach man von mehreren Hundert losgerissenen Minen. Später wurde diese Zahl von Russland mehrfach nach unten korrigiert, auf dann 50 bis 60. Die ersten Treibminen wurden im März 2022, kurz nach Veröffentlichung des Statements des russischen FSB zum Thema Treibminen, am nördlichen Eingang des Bosporus gesichtet. Diese Minen stammten vermutlich eher nicht aus ukrainischen Minenfeldern, dazu war die Position der Sichtungen zu weit entfernt von den bekannten Minenfeldern. Sie lag aber „passend“ zur Warnung des FSB an einer Haupt-Schifffahrtsstraße.
Wenngleich die ukrainischen Minenfelder bekannt sind, stellen treibende Minen eine erhebliche Gefahr für die zivile Schifffahrt dar. Die NATO-Mitglieder Türkei, Bulgarien und Rumänien sind hiervon betroffen. Wegen der Sperrung des Bosporus für fremde Kriegsschiffe kann die NATO hier nicht unterstützen, daher sind die Anrainer auf ihre eigene Minenabwehr angewiesen. Im Oktober 2023 verkündeten die drei NATO-Mitglieder die Gründung einer gemeinsamen Initiative zur Minenabwehr im Schwarzen Meer.

1982 stellte die sowjetische Marine den Kreuzer Moskwa in Dienst, Foto: mil.ru
Bewertung und Ausblick
Die strategisch eigentlich unterlegene Ukraine hat erst defensiv ihre Strände geschützt, dann offensiv vorgehend die russischen Seestreitkräfte immer weiter zurückgedrängt. Insgesamt zeigt sich die Ukraine taktisch innovativ. Aus der Position des Unterlegenen heraus gelang es ihr zunächst, eine Anlandung bei Odessa zu verhindern. Sie wandte sich dann mit der Versenkung der MOSKWA und kleinerer Fahrzeuge sowie der Wiedereroberung der Schlangeninsel gegen die russische Seeherrschaft und begann schließlich damit, die russischen Operationen auf der Krim zu stören. Insgesamt setzt die Ukraine moderne Technik besser ein als Russland. Drohnen wurden zur Ablenkung der MOSKWA vor dem FK-Schlag genutzt. Überwasserdrohnen wurden erstmals im November 2022 gegen Hafenlieger in Sebastopol eingesetzt. Dieser Angriff hat zwar nur geringen Schaden verursacht, er vereitelte aber russische Versuche, auf See die Initiative zurückzuerlangen.

Treibmine vor der bulgarischen Küste bei Tyulenovo, Foto: Bulgarische Marine
Falls die Ukraine einen Küstenstreifen am Asowschen Meer zurückerobern könnte, wäre die russische Schifffahrt hier durch ukrainische Flugkörper der Typen Harpoon und Neptune gefährdet. Dies könnte die ohnehin prekäre Versorgungssituation der Krim weiter verschlechtern. Es ist ohnehin auffällig, dass Russland seine Fregatten der GORSCHKOW-Klasse nur außerhalb der ukrainischen FK-Reichweite einsetzt. Russland, dass seine Marine tendenziell eher dicht vor der Küste zur Unterstützung der Landoperationen einsetzt, hat diese Option damit nicht mehr. Es könnte die Kontrolle über weite Teile der Küstengewässer verlieren, wenn diese im Wirkungsbereich ukrainischer Lenkflugkörper liegen.
Die Ukraine erreicht damit genau das, was Analysten zu Beginn des Krieges vorgeschlagen haben: Sea denial durch den Einsatz einer Kombination von UAVs und Neptune-FKs. Der britische Verteidigungsminister James Heappey sagte am 6. Oktober 2023 auf einer Sicherheitskonferenz in Warschau, die Ukraine habe der russischen Schwarzmeerflotte eine „funktionale Niederlage“ beigebracht. Die Schwarzmeerflotte habe sich in entferntere Häfen zurückziehen müssen und könne nicht mehr im Schwarzen Meer operieren.
Die eigentlich überlegene russische Schwarzmeerflotte hat mehrere Schwächen gezeigt. Überwachung des See- und Luftraums und Abwehr von Flugkörpern sind hier zu nennen. Trotz des eher schlechten Abschneidens der russischen Marine könnte es sein, dass die russischen Seestreitkräfte relativ gesehen an Bedeutung zunehmen. Da ein sehr großer Teil der russischen Land- und Luftstreitkräfte in der Ukraine gebunden ist und dort Verluste und Abnutzung erfährt, wird ihr strategischer Wert abnehmen. Russland wird Jahre brauchen, um die Bestände an Waffensystemen und Munition wieder aufzufüllen und die Verluste an Menschen (hier vor allem an Führern) zu ersetzen. Im Gegensatz dazu sind die russischen Flottenverbände im Norden, Osten und in der Ostsee vom Krieg kaum betroffen. Insbesondere die schwimmenden Einheiten werden nicht abgenutzt. Sie werden also in den nächsten Jahren das stärkste verbleibende Mittel sein, mit dem man militärisch in die Offensive gehen kann. Es ist aber fraglich, welchen Kampfwert diese Verbände haben. Der Verlauf der Operationen im Schwarzen Meer zeigt jedenfalls Schwächen in der FK-Abwehr der russischen Einheiten.

Russland hat die modernen Fregatten der Admiral-Grigorowitsch-Klasse bislang nicht an den Einsätzen beteiligt, Foto: Michael Nitz
Die Rolle Deutschlands im Schwarzen Meer
Wie könnte Deutschland im Schwarzen Meer helfen? Die Kräfte und Mittel der Deutschen Marine sind in Aufträgen gebunden. Sie verfügt nicht über Reserven, um sich mit eigenen Kräften im Schwarzen Meer zu engagieren. Zudem ist die Zufahrt für fremde Schiffe gesperrt. Deutschland könnte aber die Minenabwehrfähigkeiten der Anrainer dadurch verbessern, dass es ihnen gebrauchte Minenjagdboote liefert. Die fünf noch vorhandenen Plattformen der Klasse 333/352 könnten instandgesetzt und Partnern in der Region zur Verfügung gestellt werden. Die Rümpfe dieser Boote sind in ihrer schiffbaulichen Substanz gesund, sie würden aber eine größere Instandsetzung oder einen Neuaufbau benötigen. Insbesondere müsste aktuelle Technologie für die Minenjagd eingerüstet werden. Zwei der fünf Boote (Ex-KULMBACH und Ex-LABOE) sind Eigentum einer Werft, die diese aktuell instand setzen und verkaufen möchte. Drei weitere Boote sind Eigentum des Bundes und liegen im Marinearsenal Kiel. Mit diesen fünf Plattformen bietet sich eine Chance, ähnlich wie mit den 100 Kampfpanzern Leopard 1, gebrauchtes Wehrmaterial sinnvoll zu nutzen.

Deutschland könnte zur Unterstützung
der Ukraine gebrauchte Minenjagdboote liefern, Foto: Bw/Rosowski
Rumänien hat den größten operativen Bedarf an Minenabwehr und verfügt zugleich über die älteste Minenabwehrkomponente aller westlichen Anrainer des Schwarzen Meeres. Rumänien war daher auf der Suche nach Minenjagdbooten, Großbritannien hat mit der Ex-BLYTH und der Ex-PEMBROKE daher jüngst zwei alte Boote dorthin geliefert. Darüber hinaus gab der britische Verteidigungsminister Grant Shapps am 11. Dezember die Gründung einer „Maritime Capability Coalition“ unter britischer Führung bekannt. Im Rahmen dieser Koalition werde das Land zwei Minenjäger an die Ukraine liefern. Zwei weitere Boote wurden der Ukraine von Seiten der Niederlande zugesagt. Diese Boote waren ursprünglich für eine Lieferung an die griechische Marine vorgesehen. Bei der Unterstützung für die Ukraine hat sich der Begriff Ringtausch ja schon eingebürgert, auch wenn es dabei um die Abgabe von Altgerät an die Ukraine ging. Denkbar wäre also eine Abgabe der deutschen Boote an einen der Anrainer des Schwarzen Meeres oder an Griechenland, dass auf „seine“ Boote verzichten muss. Wichtig ist, dass diese Chance zur Unterstützung unserer Partner nicht verpasst wird.
Alexander Rosemann ist Non-resident Fellow am Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK).
Alexander Rosemann










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