Während des Zweiten Weltkriegs geschahen auch auf einem Schiff vor der südamerikanischen Küste heute kaum nachvollziehbare Gräueltaten. Die Geschichte der MS Burgenland zeigt die Brutalität der NS-Zeit.
„Werde angegriffen von mehren schweren Einheiten. Mein Standort ist ungefähr 7° Süd 26° West. Muss Schiff versenken, Geheimsachen sind vernichtet.“ – So lautete die letzte Meldung des Blockadebrechers MS Burgenland, die am Abend des 5. Januar 1944 von der Seekriegsleitung der Kriegsmarine empfangen wurde. Was man unter Geheimsachen verstand, sollte Mitte der 1960er-Jahre Gegenstand eines Gerichtsprozesses gegen den früheren Marineattaché in Tokio und Leiter des Marinesonderdienstes Ostasien, Admiral a.D. Paul Wenneker, sein. Das Schiff, welches bei einem Durchbruchsversuch nach Europa vom amerikanischen Kreuzer USS Omaha und dem Zerstörer Jouett östlich der brasilianischen Stadt Maceió gestellt wurde, [ds_preview] hatte nämlich einen österreichischen Journalisten namens Karl Raimund Hofmeier als Häftling an Bord, der vor der Selbstversenkung von einem SS-Mann erschossen wurde. Der Vorgang war in mehrerer Hinsicht pikant. Hofmeier war Halbjude und aufgrund eines fingierten Geständnisses subversiver Tätigkeit für den sowjetischen Geheimdienst im Juli 1942 auf Geheiß des damaligen Polizeiattachés an der Deutschen Botschaft Tokio und späteren SS-Standartenführers Josef Meisinger festgenommen worden. Obwohl eine Untersuchung durch die japanischen Behörden die Unschuld des Journalisten ergab, meldete Meisinger den Fall an das Reichssicherheitshauptamt in Berlin, woraufhin Hofmeier zunächst auf den Blockadebrecher Brake und im Februar 1943 in Manila auf die Burgenland kam. Anfang Oktober 1943 gab Wenneker schließlich auf Drängen Meisingers den verhängnisvollen Befehl, dass der Häftling im Fall einer Selbstversenkung mit dem Schiff unterzugehen habe, da er bei einer Gefangennahme landesverräterische Aussagen machen könnte. Obwohl die Hamburger Staatsanwaltschaft am 21. Juli 1965 Mordanklage gegen den Admiral a.D. erhob, schloss sich das Hamburger Schwurgericht der Ansicht an, Hofmeier sei tatsächlich Agent gewesen, und erkannte auf Totschlag, der wegen Verjährung in einen Freispruch und Einstellung des Verfahrens durch den 5. Strafsenat des BGH mündete.
Als der 7320 BRT große Frachter Burgenland am 12. Mai 1928 bei der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) vom Stapel lief, hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass das Schiff einmal Schauplatz einer solchen Tragödie werden würde. Nach seiner Indienststellung trat es am 1. September 1928 seine Jungfernreise nach Ostasien an und war zunächst für die Hapag unterwegs. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde es im japanischen Kobe aufgelegt und 1940 auf die Hamburger Reederei mbH übertragen. Von 1941 bis 1943 verkehrte es unter Leitung des Marinesonderdienstes (MSD) zwischen Kobe und Bordeaux, wurde am 7. Februar 1943 wegen Gefahr von Feindberührung von Batavia nach Japan zurückbeordert. Als die Burgenland am 29. Oktober 1943 von Yokohama zu ihrer letzten Fahrt aufbrach, hatte sie nicht nur den Häftling Hofmeier, sondern auch kriegswichtige Ware für die Versorgung italienischer U-Boote nach Europa zu bringen. Damit nahm das Verhängnis seinen Lauf. Am frühen Morgen des 4. Januar 1944 wurde das Schiff in der Enge Freetown-Natal von einem feindlichen Flugboot vom Typ Martin PBM Mariner entdeckt und über Funk nach Namen und Herkunft befragt. Da der deutsche Kommandant, Kapitän Thorwald Schütz, angab, dass es sich bei seinem Schiff um den Frachter Floridian handle, jener zu diesem Zeitpunkt sich jedoch nachweislich woanders befand, meldete der Pilot den Vorgang an das Hauptquartier der 4. US-Flotte in Recife, wo man das unbekannte Schiff anhand der gemachten Beschreibung als deutschen Blockadebrecher Burgenland identifizierte. Darauf wurde der Kreuzer USS Omaha in Marsch gesetzt, der in Begleitung des Zerstörers Jouett am Nachmittag des 5. Januar die Burgenland sichtete und sie mit einem Schuss vor den Bug zum Stoppen aufforderte. Nachdem nach einer weiteren Salve noch immer keine Reaktion der Deutschen erfolgte, eröffneten die Amerikaner das Feuer. Damit war das Schicksal des Häftlings Hofmeier besiegelt. Kapitän Schütz ordnete die für solche Fälle vorgesehene Selbstversenkung an und gab dem mitreisenden SS-Hauptsturmführer Ender den Befehl, den Journalisten zu erschießen. Ender begab sich daraufhin zu dem arglosen Hofmeier und schoss ihn in den Bauch. Überzeugt davon, dass sein Opfer tot sei, warf der SS-Mann seine Pistole über Bord und meldete dem Kommandanten Vollzug. Hofmeier lebte aber noch. Schwerverletzt schleppte er sich über Deck, woraufhin Schütz Ender aufforderte, ihn endgültig zu erschießen. Ender tötete daraufhin Hofmeier mit zwei Kopfschüssen.
Die Amerikaner wussten nichts von den dramatischen Vorgängen auf der Burgenland. Kaum hatten ihre Hauptbatterien die Beschießung begonnen, war auf deutscher Seite die Selbstversenkung eingeleitet worden. Während der tote Hofmeier mit der Burgenland versank, konnte USS Omaha 150 Besatzungsmitglieder retten, weitere wurden in den Folgetagen von anderen amerikanischen und brasilianischen Kriegsschiffen geborgen. Bei ihrem Verhör in Recife gaben sie an, dass ihr Schiff mit lebenswichtigen Gütern von Japan nach Deutschland unterwegs gewesen sei und dass man im Fall der Selbstversenkung vorgehabt hätte, mit zwei Maschinengewehren und vier Pistolen das neutrale Argentinien zu erreichen. Dazu sei es aufgrund der sich überstürzenden Ereignisse nicht gekommen. Die Überlebenden wurden an die US Navy im Camp Ingram in Recife übergeben und interniert.
Der Fall Hofmeier und der Tötungsbefehl Admiral Wennekers sollte nach dem Krieg wiederholt die deutsche Presse beschäftigen. So berichtete das Magazin „Der Spiegel“ in der Ausgabe 36/1965 über die Anklageerhebung in Hamburg, die Einzelheiten von Hofmeiers Hinrichtung und die damals noch herrschende Vermutung, dieser sei tatsächlich geheimdienstlich tätig gewesen und habe der Spionagegruppe von Richard Sorge angehört. Ebenso berichtete das Magazin über den Freispruch Wennekers und die damit verbundene Empörung, die angesichts der vielen straffrei gebliebenen NS-Täter verständlich war. So sehr aber das Verfahren auch die Gemüter bewegte, war die Hinrichtung Hofmeiers kein Einzelfall. Auch der Häftling Alfred Poweleit sollte Wennekers Befehl zum Opfer fallen. Der gelernte Maschinenreiniger, der wegen Schwarzmarktgeschäften mit gestohlenen Uhren festgenommen worden war, kam am 5. Januar 1944 auf dem ebenfalls von der USS Omaha aufgebrachten Blockadebrecher Rio Grande ums Leben, nicht etwa durch feindlichen Beschuss, sondern weil die Besatzung ihn bei der Selbstversenkung eingeschlossen auf dem Schiff zurückließ. Es würde zu weit führen, hier den juristischen Argumentationen zu folgen, die das Gericht in beiden Fällen auf Totschlag erkennen ließ. Welche Gefahr von Poweleit im Fall seines Überlebens für die deutsche Kriegsführung ausgegangen wäre, bleibt rätselhaft, auch im Fall des angeblichen Agenten Hofmeier dürfte der Nutzen seiner Aussagen für die Alliierten gering gewesen sein. Es steht vielmehr zu vermuten, dass der Journalist einer Intrige des 1947 in Warschau als Kriegsverbrecher hingerichteten Josef Meisinger zum Opfer fiel, die Admiral Wenneker zu seinem Befehl veranlasste.
Andreas von Klewitz studierte Slawistik sowie Ost- und Südeuropäische Geschichte und ist freischaffender Publizist.
Andreas von Klewitz










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