Chinesischer Zerstörer Typ 055 mit 112 VLS-Zellen, Foto: JMSDF

Chinesischer Zerstörer Typ 055 mit 112 VLS-Zellen, Foto: JMSDF

Neue deutsche Fregatten im Trend?

F 124, F 125 und nun F 126: Seit Jahren legen die Fregatten der Deutschen Marine bei der Tonnage deutlich zu. Ist dieser Aufwuchs noch gerechtfertigt?

Im Dezember 2023 wurde mit dem Bau der ersten Fregatte der Klasse 126 für die Deutsche Marine begonnen. Mit dem rund 10 000 Tonnen großen Schiff wird 2028 die bislang weltweit größte Fregatte an die Deutsche Marine übergeben. Nur wenige Jahre später sollen die neuen Luftverteidigungsfregatten der Klasse 127 zulaufen, die nach jüngsten Berichten bis zu 12 000 Tonnen groß werden könnten. Damit stößt Deutschland im Fregattenbau erstmals in Dimensionen vor, wie sie im vergangenen Jahrhundert Panzerkreuzer aufwiesen. Die Größe der letzten amerikanischen Kreuzer der Ticonderoga-Klasse wird mit beiden Schiffsklassen ebenfalls übertroffen. Deutscher Gigantismus oder Trend im Fregattenbau?[ds_preview]

Vereinfacht kann man sagen, dass die Zahl der Senkrechtstartelemente bei Kampfschiffen einen wesentlichen Einfluss auf die Größe und damit auf die Verdrängung eines Schiffs hat. Typische Vertreter für die aktuellen europäischen Fregatten sind die französischen und italienischen Fremm-Einheiten mit ihren etwa 7000 Tonnen und 16 bis 32 Startzellen, je nach Version. Von diesen Schiffen operieren bereits gut zwei Dutzend Einheiten in den beiden Marinen sowie in Ägypten und Marokko. Auch die US Navy, die nach dem Scheitern des Konzeptes ihrer modularen Littoral Combat Ships der Freedom- und Independence-Klasse dringend andere Schiffe braucht, orientiert sich an den Fremm. Geplant ist der Bau von 20 neuen Fregatten der Constellation-Klasse. Die für das Gefechtsführungssystem Aegis und 32 Zellen des amerikanischen Senkrechtstartsystems Mk 41 erforderlichen Modifikationen machen das um 7,20 Meter verlängerte Schiff gut 500 Tonnen schwerer als das europäische Original.

Deutlich niedrigere Antennenhöhe bei der französischen FREMM, Foto essanews.com

Deutlich niedrigere Antennenhöhe bei der französischen FREMM, Foto essanews.com

Das Global Combat Ship, der britische Typ 26, segelt mit etwa 6900 Tonnen ebenfalls in dieser Gewichtsklasse mittelgroßer Fregatten. Acht Einheiten will die Royal Navy in Dienst stellen, Kanada sogar 15. Australien überraschte kürzlich mit der Nachricht, die Zahl der geplanten Typ-26-Fregatten – dort Hunter-Klasse genannt – von neun auf sechs zu reduzieren und stattdessen elf kleinere Fregatten zusätzlich zu bauen. Für Standardaufgaben denkt man in Down Under dabei an Einheiten unter 5000 Tonnen, beispielsweise eine Meko A 200 mit 4000 oder eine Meko A 210 mit 4700 Tonnen.

Die künftigen Fregatten F 110 für die spanische Marine sind mit ihren geplanten 6100 Tonnen und 16 Vertikalstart-Zellen Mk 41 ebenfalls noch Vertreter der mittleren Größenordnung. Damit gehören die moderneren russischen Fregatten der Admiral-Gorschkow-Klasse mit ihren 5400 Tonnen eher zu den kleinen Einheiten. Auch die beiden chinesischen Standardfregattenklassen 054A mit 4000 Tonnen und 054B mit 6000 Tonnen liegen bei der Verdrängung eher im Bereich der älteren deutschen Fregatten 123 und 124.

Feuerkraft als Maßstab

Mit den Lenkwaffenzerstörern der Arleigh-Burke-Klasse betreibt die US Navy die weltweit erfolgreichste Schiffsklasse seit Ende des Kalten Kriegs. Mit derzeit 70 in Dienst befindlichen Schiffen, zwölf im Bau oder in der Erprobung sowie sechs unter Vertrag ist diese Klasse ein Vorbild für die Idee von „Linie statt Klasse“. Die anfangs 8200 und heute 9200 Tonnen verdrängenden Aegis-Einheiten sind spezialisiert auf die Bekämpfung von Luft-, See- und Landzielen mit Lenkflugkörpern. Die Mehrzahl der Einheiten ist mittlerweile nachgerüstet, um auch zur Abwehr ballistischer Flugkörper beizutragen. Mit 96 Vertikalstart-Zellen Mk 41, aus denen fast alle Flugkörper und Raketen des US-Waffenarsenals verschossen werden können, besitzen diese Schiffe eine bemerkenswerte Feuerkraft. Zum Vergleich: Eine deutsche Fregatte der Sachsen-Klasse hat lediglich 32 solcher Startschächte.

Sicherlich ist die Anzahl der Senkrechtstartzellen ein Indikator für die Feuerkraft – aber eben auch ein Treiber für die Größe eines Schiffs. Feuerkraft allein ist jedoch nicht alles: Vergleicht man eine deutsche Fregatte der Sachsen-Klasse mit einem US-Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse, hat letzterer dreimal so viele Senkrechtstartzellen. Was aber auch auffällt, ist der hohe, schlanke Mast der deutschen Fregatte, der dem APAR (Kombination Sensor und Feuerleitanlage) einen deutlich größeren Horizont – und damit eine deutlich größere Auffassungs- und Bekämpfungsreichweite ermöglicht als das amerikanische System. Dessen Sensor- und Feuerleitanlagen sitzen aufgrund der höheren Masse an und auf den Brückenaufbauten. Relevant ist dies in der Flugabwehr im Verbands- und Eigenschutz. Das deutsche Schiff wird eine Bedrohung früher erkennen und bekämpfen können. Auch hat es mehr Feuerleitkanäle als das amerikanische Pendant, kann somit mehr Ziele gleichzeitig bekämpfen. Jedoch ist die deutsche Einheit mit ihren 32 Zellen deutlich früher leergeschossen. Insofern wäre eine Kombination von großer Antennenhöhe und hoher Feuerkraft wünschenswert.

Diese Kombination bieten potenziell die acht hochmodernen chinesischen Zerstörer des Typs 055, der Renhai-Klasse, die mit ihren 13 000 Tonnen Verdrängung stolze 112 Vertikalstartzellen bereitstellen. Nur die wenigen noch verbliebenen US-Kreuzer der Ticonderoga-Klasse haben noch zehn Zellen mehr – bei einer relativ bescheidenen Verdrängung von 9700 Tonnen.
Das chinesische Phased-Array-Radar 346B mit seinen Active Electronically Scanned Arrays (Aesa) erscheint kompakter und leichter als das amerikanische AN/SPY-1 mit seinem Passive Electronically Scanned Array (Pesa), Teile der Sensorik sitzen beim Typ 055 augenscheinlich höher im Mast und erlauben somit mehr Auffassreichweite.

Erste Konzeptstudien des geplanten britischen Zerstörers sehen dem chinesischen Typ 055 nicht nur ähnlich, sie weisen auch ähnliche Größenverhältnisse auf. Ab Ende der Dreißigerjahre soll der Typ 83 als Nachfolger des Typs 45, der Daring-Klasse, Flugzeugträgerverbände schützen – auch gegen hyperschallschnelle Bedrohungen.

„Zerstörer-Trend“

Tatsächlich liegen die aktuell bei den westlichen Partnern in Dienst gestellten und zulaufenden Fregatten im Bereich zwischen 5000 und 8000 Tonnen Verdrängung. Dabei sind sowohl Spezialisierungen zur U-Jagd als auch zur Flugabwehr zu finden, in der Regel aber werden querschnittliche Fähigkeiten einschließlich See- und Landzielbekämpfung abgedeckt. Russland und China stellen eher kleinere Fregatten mit bis zu 5000 Tonnen in Dienst. Im internationalen Vergleich erscheint die im Bau befindliche deutsche Fregatte 126 mit ihren 10 000 Tonnen daher größenmäßig nach oben „auszurauschen“. Ob sie sich künftig zum Trendsetter im Fregattenbau entwickeln wird, bleibt wegen der geringen Anzahl von lediglich 16 Senkrechtstartzellen zweifelhaft.

Bei der vermutlich noch größeren F 127 muss man allerdings genauer hinsehen. Was hier national als Fregatte bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein ausgewachsener Lenkwaffenzerstörer. Die ministeriellen Vorgaben zur F 127 zeigen klar in Richtung der Fähigkeiten eines amerikanischen Arleigh-Burke-Zerstörers, eines chinesischen Typ-055-Zerstörers oder des britischen Konzeptentwurfes für einen Zerstörer des Typs 83. Insofern liegt die „Fregatte“ 127 bei der Tonnage voll im aktuellen „Zerstörer-Trend“. Bleibt zu hoffen, dass sie auch in Bezug auf Auffassreichweite und Feuerkraft Zerstörer-Maßstäbe setzen wird.

Andreas Uhl

12. Aug. 2024 | 0 Kommentare

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