Unbemanntes Tankflugzeug
MQ-25 von Boeing, Foto: Boeing

Unbemanntes Tankflugzeug MQ-25 von Boeing, Foto: Boeing

NGAD – US Navy Jagdflugzeug der Zukunft

Auch 37 Jahre nach der Indienststellung der ersten F/A-18 bildet das Jagdflugzeug noch immer den Kern der amerikanischen Flugzeugträgerkampfgruppen. Nun startet die Navy die Entwicklung eines Nachfolgemodells – mit und ohne Piloten.

Das Jagdflugzeug F/A-18 erfüllt noch immer die Anforderungen der US Navy. Trotzdem bereitet sie derzeit Pläne für einen Nachfolger vor. Das bislang als Next Generation Air Dominance (NGAD) bekannte System ist als Familie aus verschiedenen bemannten und unbemannten Flugzeugen konzipiert. Im Mittelpunkt steht ein vorläufig als F/A-XX bezeichnetes Jagdflugzeug. NGAD soll in den 2030er-Jahren eingeführt werden.[ds_preview]

Technologiekonzept

F/A-XX ist als Mehrzweckjäger konzipiert und gilt als direkter Nachfolger des trägergestützten Jägers F/A-18E/F. Die genauen Leistungsparameter werden noch ausgearbeitet. Es wird erwartet, dass der neue Typ als Stealth-Flugzeug konzipiert wird. Fest steht bereits, dass die Navy von dem neuen Typ im Vergleich zur F/A-18 und zur F-35C wesentlich mehr Reichweite und eine höhere Geschwindigkeit erwartet. Externe Experten gehen von einem Einsatzradius von circa 1000 Seemeilen aus. Die F/A-XX wird über integrierte aktive wie passive Sensoren verfügen und weitreichende Abstandswaffen einsetzen, um sowohl Flug- wie Bodenziele zu bekämpfen.

Bereits jetzt steht auch fest,  dass der zukünftige Jet eine modulare Systemarchitektur besitzen soll. Hierdurch können einzelne Komponenten wie Sensoren oder Führungssysteme ohne größeren Aufwand ausgetauscht werden. Die US-Marine legt Wert darauf, dass Komponenten verschiedener Anbieter untereinander ausgetauscht werden können, um stets maximale Leistung zu erzielen und die Kosten zu senken.

Vizeadmiral Dean Peters, Befehlshaber des Naval Air Systems Command, führte im August 2021 diesen Aspekt weiter aus. Anstatt wie bisher einen Rumpf zu entwickeln und dann mühsam, manchmal auch vergeblich, zu versuchen, einsatzkritische Technologien in das Flugzeug zu integrieren, will man beim F/A-XX das Flugzeug um die Einsatzsysteme herum entwerfen, erklärte Peters während der Navy League Sea-Air-Space Konferenz in Maryland. F/A-XX wird „voraussichtlich“ ein bemanntes Flugzeug sein, erklärte Rear Admiral Gregory Harris, Leiter des Luftkriegsreferats im Führungsstab der Navy, im März 2021. Zur NGAD-Familie werden ferner verschiedene unbemannte Einheiten gehören. Je nach Konfiguration werden sie mit Aufklärungssensoren sowie elektromagnetischen oder kinetischen Waffen ausgestattet sein. Grundsätzlich käme sogar die Verwendung als Awacs-Flugzeug in Betracht, erklärte Harris.

Einsatzkonzept

Gemäß der im Oktober 2021 veröffentlichten Naval Aviation Vision 2030–2035 (NAV 2030–2035) wird F/A-XX den operativen Kern jedes NGAD-Einsatzes bilden und Abstandwaffen mit hoher Reichweite, vermutlich auch Hyperschallwaffen, einsetzen können.

Konzept des NGAD von Boeing, Grafik: Boeing

Konzept des NGAD von Boeing, Grafik: Boeing

Durch die Besatzung geführte, unbemannte Begleitflugzeuge werden verschiedene ergänzende Aufgaben übernehmen, einschließlich Aufklärung im Vorfeld des bemannten Flugzeugs, Störung oder Zerstörung von Flugabwehrsystemen durch elektronische oder kinetische Mittel, gezielte Bekämpfung weiterer Bodenziele sowie der Bekämpfung von fliegenden Zielen vor allem zum Schutz des bemannten Flugzeugs. Eine im NAV 2030–2035 veröffentlichte Konzeptskizze zeigt die potenzielle NGAD-Einsatzkonfiguration mit einer F/A-XX in Begleitung von zwei unbemannten Waffenträgern, die Luft-Luft-Waffen mitführen, einem mit elektronischen Kampfmitteln ausgestatteten UAV und einem unbemannten Awacs-Flugzeug, das auch als Kommunikations- und Datenschnittstelle zwischen dem NGAD-Verband und anderen Waffen- und Sensorträgern dient.

Noch 2019 bestellte die US Navy 78 F/A-18 E/F, Foto: US Navy

Noch 2019 bestellte die US Navy 78 F/A-18 E/F, Foto: US Navy

Die Navy betont, dass solche Illustrationen unverbindlich sind und nur eine von vielen denkbaren Konfigurationen darstellen. Das genaue Aufgabenspektrum der unbemannten Flugzeuge wird von zukünftig zu erzielenden Fortschritt im Bereich der künstlichen Intelligenz abhängen. Fest steht bereits, dass ein Teil der unbemannten Maschinen hochwertig sein wird, während ein weiterer Teil mit geringeren Produktionskosten als entbehrlich eingestuft wird. Im Verlauf der Zeit – sowohl vor wie nach der operativen Einführung von NGAD – dürfte sich die genaue Zusammensetzung der Rotten sowie die bevorzugte Einsatztaktik fortentwickeln und den operativen Lehren anpassen.

Stellenwert

NGAD soll einen operativen Verbund mit anderen trägergestützten Flugzeugen bilden und die Fähigkeit des Trägergeschwaders steigern, Offensiveinsätze auf breiter Front durchzuführen. Der Bedarf für diese Fähigkeitserweiterung wird primär auf die Stärkung der chinesischen Streitkräfte – einschließlich der Bildung eines Abwehrgürtels auf Inseln und Riffs am Rande des Südchinesischen Meeres – zurückgeführt. Die Navy erklärte bereits im August 2020, dass NGAD entwickelt wird, um angesichts eines solchen gegnerischen Abwehrgürtels weiterhin eine wirksame trägergestützte Machtprojektion zu entfalten. Größere Reichweite und schnellere Fluggeschwindigkeit des neuen Typs werden in einem potenziellen Krieg gegen China folglich einen sehr hohen Stellenwert haben.
Zwar beginnt in den 2030er-Jahren die Ausmusterung der ältesten Jagdbomber des Typs F/A-18E/F und der Eloka-Flugzeuge F/A-18G, doch dürften die neuesten Maschinen dieses Typs bis zirka 2055 bei der Flotte bleiben. Mit der laufenden Ausmusterung der F/A-18 werden die betroffenen Staffeln abwechselnd mit F-35C oder NGAD ausgestattet. Rund zwei Jahrzehnte lang werden die trägergestützten Geschwader folglich Jagdflugzeuge aus drei Technologiegenerationen führen, wobei der Anteil der 4. Generation (F/A-18E/F), der 5. Generation (F-35C) und der 6. Generation (F/A-XX) wechseln wird.

Nach Aussage von Admiral Harris dürften die trägergestützten Geschwader zu mindestens 50 Prozent aus unbemannten Flugzeugen bestehen, als langfristiges Ziel wird ein unbemannter Anteil von 60 Prozent anvisiert. Diese Entwicklung wird weitgehend durch die NGAD-Familie gesteuert, obwohl auch andere unbemannte Flugzeuge – angefangen bei dem 2024 einzuführenden unbemannten Tankerflugzeug MQ-25 – künftig in Trägergeschwader integriert werden sollen. Da selbst schwere unbemannte Flugzeuge in der Regel kleiner als bemannte Flugzeuge sind, dürfte diese Entwicklung dazu führen, dass künftige Geschwader über mehr Einsatzmaschinen als heutige Geschwader verfügen. Eine inoffizielle Analyse postuliert, dass zwei gemischte NGAD-Rotten Einsätze durchführen könnten, die bislang fünf F/A-18E/F erfordern würden. Obwohl die beteiligten UAVs voraussichtlich eine geringere Nutzlastkapazität als die F/A-18 haben, wird diese Einschränkung durch die größere Anzahl der eingesetzten Maschinen ausgeglichen. Dies wird zudem eine flächenmäßige Streuung der Anflugwinkel ermöglichen und damit die Aussicht auf eine Überwindung gegnerischer Flugabwehrsysteme steigern.

Entwicklungsplanung

Obwohl die Navy bereits seit 2012 Pläne für die Nachfolge der F/A-18 ausarbeitet, wurde das NGAD-Programmbüro erst im Mai 2020 eingerichtet. Gegenwärtig befindet sich das Projekt in der Konzeptphase, wesentliche Aspekte bleiben vertraulich. Nach Aussage von Admiral Harris will die Navy 2023 oder 2024 einen besseren Überblick erlangen hinsichtlich der angestrebten Zusammensetzung der NGAD-Familie und der Ausrichtung des Kernflugzeugs F/A-XX als bemanntes, unbemanntes oder wahlweise unbemanntes System. Das angestrebte Ziel der Einführung in den Dreißigerjahren setzt voraus, dass die US Navy Mitte der Zwanzigerjahre Entwicklungsaufträge vergibt. Als potenzielle Entwicklungsfirmen – zumindest für das Kernflugzeug F/A-XX – kommen eigentlich nur Boeing, Lockheed Martin und Northrop Grumman in Betracht.

Entwurf der F/A-XX von Northrop Grumman aus dem Jahr 2015, Grafik: Northrop Grumman

Entwurf der F/A-XX von Northrop Grumman aus dem Jahr 2015, Grafik: Northrop Grumman

Die F/A-XX-Entwicklung steht im Mittelpunkt der ersten geplanten Phase des NGAD-Programms. Im Rahmen einer zweiten Phase soll ebenfalls ein Nachfolger für das Eloka-Kampfflugzeug F/A-18G entwickelt werden. Noch steht nicht fest, ob dies auf Grundlage der F/A-XX entsteht. Die Voraussetzungen sind gut, dass das nächste Eloka-Flugzeug unbemannt ist und in NGAD integriert wird.

Sidney E. Dean

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

de_DEGerman