Im September fand die Marineübung Northern Coasts 2023 in der Ostsee statt – geplant und geführt wurde die Übung aus dem Marinekommando durch den German Maritime Forces Staff – kurz Deu Marfor.
Es war ein grauer Septembermorgen, als die Bildschirme in der Operationszentrale des Marinekommandos ausgeschaltet wurden. Schlechte Wetterverhältnisse im Übungsgebiet von Northern Coasts (Noco), insbesondere in den Küstenbereichen Lettlands und Estlands, bedingten die Entscheidung, das Manöver zwei Tage früher als geplant zu beenden. Bis zu diesem Zeitpunkt führte der multinationale Stab von Deu Marfor die Task Force 421, zu diesem Zeitpunkt noch unter Flottillenadmiral Stephan Haisch als Deputy Commander. Haisch wurde inzwischen zum Konteradmiral befördert und Commander Deu Marfor.[ds_preview]

Flottillenadmiral Stephan Haisch bei einer Pressekonferenz im Marinekommando, Foto: Bw/Kristina Kolodin
„Mit Noco 23 machen wir einen gewaltigen Schritt zur vollen Einsatzbereitschaft unseres Stabes Deu Marfor in Rostock. Es ist gleichzeitig das erste Mal, dass wir als Deu Marfor ein Manöver in solch einer Größenordnung planen und führen. Und erstmals seit Beginn der Manöverreihe 2007 wird dieses Jahr ein realistisches Szenario im Rahmen der Bündnisverteidigung geübt“, betonte Haisch. Gerade vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine hat die Bedeutung der Landes- und Bündnisverteidigung wieder an sicherheitspolitischer Relevanz gewonnen. Dadurch rückt das strategisch wichtige Seegebiet Ostsee wieder mehr in den Fokus militärischer Planungen und Übungen sowie dauerhafter maritimer militärischer NATO-Präsenz.
Der Schwerpunkt des Übungsgebiets von Noco lag im vergangenen Jahr daher in der östlichen Ostsee vor den Küsten Estlands, Lettlands und Litauen. Die Übung Northern Coasts 2023 stand dabei sinnbildlich für den gemeinsamen Willen der Partnernationen, auch zukünftig Stabilität und Sicherheit im Ostseeraum zu gewährleisten.
Die Übungsreihe Northern Coasts, gemeinhin bekannt unter der Bezeichnung Noco, wurde von der Deutschen Marine im Jahr 2007 etabliert. Das Manöver ist eines der jährlich stattfindenden maritimen Highlights in der Ostsee und war 2023 die Schwerpunktübung des Inspekteurs der Deutschen Marine. Die Führung des Manövers wechselt jährlich unter den Ostseeanrainerstaaten Deutschland, Schweden, Dänemark und Finnland. Dieses Jahr war Deutschland für die Planung und Durchführung der Übung verantwortlich. Zweck dieser maritimen Großübung ist es, gemeinsam mit Partnernationen aus dem Ostseeraum die NATO-Präsenz in der östlichen Ostsee zu erhöhen und dabei die Bereitschaft und die militärischen Fähigkeiten nachdrücklich zu demonstrieren.
Bei Noco 23 waren 3200 Soldaten aus 14 verschiedenen Nationen (Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Italien, Kanada, Lettland, Litauen, Niederlande, Polen, Schweden und den Vereinigten Staaten) auf See, an Land und in der Luft beteiligt. Mit 29 Schiffen und Booten, bis zu 20 Flugzeugen und Hubschraubern sowie 1200 Menschen an Land war Noco 23 damit eines der größten maritimen und teilstreitkraftgemeinsamen Militärmanöver des Jahres in der Ostsee.
Die Task Force 421 setzte sich aus zwei Überwasser-Kampfverbänden, einem amphibischen Verband, einem Minenabwehrverband und einem fliegerischen Verband zusammen.
Die Deutsche Marine war mit der Fregatte HAMBURG, dem Tender ELBE, dem Unterseeboot U 36, dem Betriebsstofftanker RHÖN, dem Minentauchereinsatzboot BAD RAPPENAU, Minentauchern und der Küsteneinsatzkompanie samt Stab aus dem Seebataillon, dem ABC-Abwehrzug Marine, dem Geoinformationsteam Marinekommando und einem Seefernaufklärer P-3C Orion an der Übung beteiligt. Im Rahmen der VJTF (Very High Readiness Joint Task Force) der NATO nahm auch deren Flaggschiff, die deutsche Fregatte HESSEN, an der Übung teil. Teilstreitkraftgemeinsam nahmen zusätzlich landgestützte EOD-Trupps des Objektschutzes der Luftwaffe und der 1. Panzerdivision, die Joint Fire Support Coordination Group der Panzerlehrbrigade 9 und das EloKa-Bataillon 932 teil.

Der litauische Commander of Navy, Kapitän zur See Māris Polencs, begrüßt Flottillenadmiral Stephan Haisch in der lettischen Hauptstadt Riga, Foto: Bw/Leon Rodewald
Realistisches Szenario
Lag der Fokus der Übung in den Anfangsjahren noch in der Krisenbewältigung und Konfliktverhütung, hat sich dieser inzwischen der aktuellen sicherheitspolitischen Situation angepasst. Eingebettet in ein realistisches Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung trainierten die Einheiten im Verbandsrahmen, um die Interoperabilität und die gemeinsamen Operationsgrundlagen und Verfahren, sowohl zwischen den Nationen als auch zwischen den See-, Land- und Luftstreitkräften zu verbessern. Dabei wurde dieses Jahr auch erstmals das sogenannte Occasus Setting verwendet. Dieses Format wurde als Reaktion auf die Annexion der Krim 2014 von der NATO entwickelt und ermöglicht es, die geänderte sicherheitspolitische Lage im Rahmen eines militärischen Manövers zu beüben.
Der erste große Übungsabschnitt des Manövers startete am 9. September mit der sogenannten CET/FIT-Phase (Combat Enhancement Training und Force Integration Training). Zu Beginn lag der Fokus darauf, die Einheiten zusammenzuführen und durch das Üben grundlegender taktischer Verfahren auf später stattfindende, komplexere Übungsanteile vorzubereiten. Das Übungsprogramm umfasste dabei vielschichtige Lagen auf See in allen Dimensionen. Hierbei war mit Bedrohungen aus der Luft, von See, von Unterwasser und von Land jederzeit zu rechnen. Es wurden Fähigkeiten wie Seeraumüberwachung, Seetransport, Gefechtsschießen, verschlüsselte Kommunikation, Formationsfahrten, Minenräumen, Landzielschießen, Versorgung in See und Flugbetrieb geübt. Zu den anspruchsvollsten Übungsanteilen gehörten der Über- und Unterwasserkampf sowie die Luftverteidigung eines Verbands. Daher waren U-Jagdübungen mit zusätzlicher Luftbedrohung eine besondere Gelegenheit und gleichzeitig Herausforderung für die teilnehmenden Einheiten. Die Schwierigkeiten derartiger Übungen liegen insbesondere in der gesicherten eigenen Kommunikation, der Aufklärung gegnerischer U-Boote und der parallelen Koordinierung verschiedenster Sensoren und Effektoren, um die erforderliche Wirkung am Gegner zu erzielen und den Schutz des Verbands sicher zu stellen.

Blick in die Operationszentrale der Fregatte Hamburg, Foto: Bw/Leon Rodewald
Einen besonderen Nebenauftrag nahm die Task Group 421.04 wahr. Dieser Minenabwehrverband, zu dem auch multinationale Tauchteams zur Beseitigung von Kampfmitteln (Explosive Ordnance Disposal, EOD) sowie landgestützte EOD-Teams gehörten, machte im Übungsgebiet vor den Küsten Estlands und Lettlands insgesamt zehn militärische Minen aus vergangenen Weltkriegen unschädlich.
In der zweiten Übungswoche startete die Freeplay- oder Ops-Phase. In diesem Abschnitt wurden die maritimen Einheiten gemäß eines vorbereiteten Übungsskripts in einen roten und blauen Verband eingeteilt. Das Skript sah eine zunehmende Lageeskalation vor, welche in ein späteres Aufeinandertreffen der gegnerischen Verbände münden sollte. Im Vergleich zur CET/FIT-Phase hatten die Verbandsführer in diesem Abschnitt ein hohes Maß an Handlungsfreiheit zur Auftragserfüllung. Sie sollten einerseits im Rahmen des geplanten Übungsskripts agieren, andererseits auch ihren Handlungsspielraum nutzen, um den jeweiligen Auftrag zu erfüllen und ihre Einheiten bestmöglich vor Bedrohungen schützen. Dies erforderte auch von der Übungsleitung in Rostock ein besonderes Fingerspitzengefühl in der Koordinierung der aus einer Hand geführten Verbände. „In der Freeplay-Phase der Übung konnten alle beteiligten Einheiten, trotz des früheren Abbruchs aufgrund schlechter Wetterbedingungen, die Ausbildungserfolge der ersten Manöverwoche vertiefen und die operativ-taktische Zusammenarbeit auf Verbandsebene deutlich verbessern“, so Admiral Stephan Haisch.

Die Hessen an der Spitze des internationalen Verbands, Foto: Bw/Nico Theska
Voller Erfolg
Nach zwei Wochen konnte eine positive Bilanz gezogen werden: Die Übung Northern Coasts war für alle Beteiligten ein voller Erfolg. Trotz zwischenzeitlicher Schlechtwetterperioden konnte das Trainingsprogramm nahezu vollumfänglich umgesetzt werden. Alle Einheiten haben gemeinsame operative Grundlagen und Verfahren geübt und dabei ihre Fähigkeit, in einem multinationalen Verband zu operieren, gesteigert. Dabei wurde auch die Interoperabilität in allen militärischen Dimensionen verbessert und das Verständnis für die Aufträge und Verfahren anderer Militäreinheiten teilstreitkraftgemeinsam vertieft. Auch abseits des militärischen Parketts wurden die Zusammenarbeit und die Partnerschaft Deutschlands und der Ostseeanrainerstaaten durch diverse gemeinsame Veranstaltungen demonstriert und ausgebaut. Northern Coasts 2023 signalisiert damit eindrucksvoll, dass Deutschland gemeinsam mit den Partnernationen in der Lage ist, Sicherheit und Stabilität im Ostseeraum zu gewährleisten.
Autor: PAO DEU MARFOR










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