Interview mit dem Kommandanten der Fregatte HESSEN von Holger Schlüter.
Viele Fragen hat man nach dem Ende des brisanten Einsatzes der Fregatte HESSEN im Roten Meer. Nicht alle kann der Kommandant des Schiffes, Fregattenkapitän Volker Kübsch, beantworten, und schließlich gebietet die militärische Sicherheit auch Verschwiegenheit. Die deutsche Öffentlichkeit muss akzeptieren, dass auch zu ihrer eigenen Sicherheit Transparenz Grenzen hat. Jetzt werden die Erkenntnisse umfangreich ausgewertet, sowohl technisch, taktisch, als auch personell. Der meistgefragte Mann des Einsatzes stand dem marineforum dennoch zur Verfügung.
Herr Kübsch, unseren tiefen Respekt für Sie und Ihre Besatzung! Wie viele Interviews haben Sie bereits gegeben und was können Sie nicht mehr hören?
Genau gezählt habe ich nicht, aber es waren schon so einige Interviews und vergleichbare Formate und es werden sicher noch einige hinzukommen. Ich freue mich dabei immer über das Interesse an Schiff, Besatzung, Auftrag – allerdings wurde hier und da durchaus meine Resilienz gegenüber Suggestivfragen zum Beschuss einer US-Drohne, aber auch[ds_preview] gegenüber ganz oberflächlichen Fragen wie „Was gibt es zu essen?“, die die Brisanz dieses Auftrags völlig verkennen, auf die Probe gestellt.

Fregattenkapitän Volker Kübsch stellte sich zahlreichen Interviews, Foto: Bw/Leon Rodewald
Und? Was werden Sie nie gefragt, wollen es aber nun einmal loswerden?
Das enorme Interesse an unserem Einsatz – und zwar sowohl von Angehörigen, von der Bundeswehr, aber eben auch von der Öffentlichkeit – hat eine umfassende Informationsarbeit auch auf meiner Ebene nötig gemacht. Hierbei ist es vor allem schwierig, seine eigene Filterfunktion ständig zu nutzen, da es natürlich Dinge gibt, die man teilen möchte, die aber aufgrund ihres Einstufungsgrades eben nicht mit jedem besprochen werden können. Am Ende des Tages glaube ich aber, dass mir selbst auch nicht mehr Fragen eingefallen wären als die, die ich mittlerweile beantwortet habe.
Wie geht es Ihnen, wie ergeht es der Besatzung?
Uns allen geht es gut – das lässt sich ohne Wenn und Aber festhalten. Die Stimmung „danach“ ist dabei ganz einfach zu beschreiben: Erleichterung und Stolz auf das im Team Geleistete sind hier die richtigen Schlagwörter. Bereits auf dem Hintransit war deutlich zu spüren, dass es ruhiger und ernsthafter wurde im Schiff. Jeden Tag haben wir von früh bis spät alle möglichen und unmöglichen Szenare geübt, die wir dann später im Einsatz erwarteten. Ich denke, das hat wirklich jedem vor Augen geführt, wie ernst es werden kann und wie konkret und vielschichtig die Bedrohungen im Roten Meer sind.
Im Einsatz selbst blieb es genauso ernsthaft und konzentriert – da tut schon der Kriegsmarsch, dem sich alle anderen Abläufe im Schiff unterordnen, sein Übriges dazu. Allerhöchste Professionalität zeigte sich dann bei den Gefechtssituationen, wo alle Zahnräder perfekt ineinandergriffen. Hier war von Aufregung und Hektik keine Spur – alles lief, wie zuvor zigfach trainiert. Meine Besatzung konnte hier allerdings auch auf die bestmögliche Vorbereitung aufbauen – nicht nur die Einsatzausbildung hat sich wieder einmal vollumfänglich im Einsatz bewährt, auch die vorangegangene VJTF(M) war Gold wert, um im scharfen Einsatz dann Höchstleistungen erbringen zu können.
Was hatte die Berichterstattung in Deutschland für Auswirkungen und hat diese die Besatzung beeinflusst?
Das kann ich nur mit einem deutlichen Ja beantworten. Dass die eine oder andere Berichterstattung inhaltlich deutlich von unserem Erlebten oder unserem Wissen abwich, muss man wohl aushalten und kann es zudem auch gut an Bord erklären oder richtigstellen. Ärgerlich wird es aber im Besonderen dann, wenn sich unsere Angehörigen zuhause aufgrund der zum Teil reißerischen Berichterstattung ernste Sorgen um uns machen. Das machen sie zweifellos ohnehin in so einem Einsatz – aber das gelegentlich skizzierte Bild der wehrlosen Fregatte beflügelt eben solche Sorgen, die auf der Sachebene unbegründet sind. Nur können wir unser Wissen eben nicht immer einfach nach Hause kommunizieren, weil es sich meist um eingestufte, schutzwürdige Inhalte handelt.
Und wie war die Zusammenarbeit in den verschiedensten Operationen untereinander?
Aspides ist nur einer von zahlreichen Akteuren im Operationsgebiet. Auch wenn im Moment fast alle Augen nur auf diese junge EU-Operation gerichtet sind, so ist festzuhalten, dass Prosperity Guardian, Atalanta und Agenor sich seit Längerem um das weite Feld von maritimer Sicherheit vor Ort kümmern. Hinzu kommt mit Poseidon Archer noch die US-geführte offensive Operation, die die Waffen der Huthi bereits an Land ins Visier nimmt. Bei so vielen Akteuren kommt der Abstimmung untereinander eine große Bedeutung zu. Das erfordert regelmäßig viel Aufwand, soll aber sicherstellen, dass alle über ein einheitliches Lagebild verfügen und sich gegenseitig bestmöglich unterstützen können. In unserem Fall verlief die Zusammenarbeit mit den Einheiten von Aspides und Prosperity Guardian – nur hier gab es direkte Interaktionen auf der Ebene Schiff – höchst professionell. Es handelt sich hierbei ja auch um Einheiten von NATO-Partnern mit dem gleichen „Zeichenvorrat“ in Sachen Verfahren und kompatiblen Führungssystemen.
Was können, dürfen und wollen Sie über die Munition und ihre Wirkung sagen?
Ich halte fest, dass wir alle Bedrohungen bekämpft haben, die wir bekämpfen wollten. Dass dabei nicht immer alles wie geplant lief, ist ja schon bekannt geworden. Die Marine nimmt die Umstände hierzu sehr ernst und hat unmittelbar nach dem Ereignis mit Untersuchungen dazu begonnen. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier in vielen Bereichen operatives Neuland betreten und Erfahrungswerte gewonnen haben, wie sie im Friedensausbildungsbetrieb nicht zu machen sind. Diese Erkenntnisse festzuhalten und Lehren daraus abzuleiten, ist nun eine vordringliche Aufgabe für die gesamte Bundeswehr. Nicht zuletzt angesichts der negativen Berichterstattung hat uns alle der erfolgreiche Munitionsumschlag in Djibouti versöhnlich gestimmt. Es gibt also Munition und Flugkörper und wir können sie auch zeitgerecht dahin liefern, wo sie gebraucht werden.

Nach anstrengenden Wochen läuft die Hessen wieder in Wilhelmshaven ein, Foto: Bw/Leon Rodewald
Wie lief es in Dschibuti?
Die Erfahrungen der Deutschen Marine in Dschibuti liegen schon einige Jahre zurück. Hier fehlte zu Beginn ein funktionierendes Netzwerk zu Behörden, Entscheidern und Unterstützern im Land. Es ist letztendlich gut gelungen, die Bedürfnisse der HESSEN in Dschibuti zu erfüllen, denn der Hafen bietet grundsätzlich die komplette Bandbreite an Unterstützungsleistungen. Hier war es auch erfreulich zu sehen, dass die Nachversorgung mit der Zeit immer besser funktionierte.
Was sind Ihre ganz persönliche Lessons learned?
Nur höchste Standards sind gut genug! Allein durch ständiges, gefechtsmäßiges Üben sowie durch allertiefste Kenntnis des eigenen Waffensystems können wir im Gefecht bestehen. Hierfür braucht es Zeit und Gelegenheit für Einzel- und Verbandsausbildung. Ausschließlich so stellen sich Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und letztlich der gemeinsame Erfolg ein.
Dürfen wir Sie um Ihr persönliches Resümee bitten?
Wir sind Anfang Februar in eine ziemlich unklare Situation gestartet, denn abgesehen von der zu erwartenden Bundestagsmandatierung hatten wir keine genaue Vorstellung dessen, was uns dort erwartet. Von allen relevanten Stellen in Marine und Bundeswehr wurden wir bei den Vorbereitungen bestmöglich unterstützt und konnten so quasi verzugslos im Einsatz wirken. Betrachtet man die komplexen, aufwändigen Maßnahmen, die beispielsweise bei bestmöglicher Systemkonditionierung F 124 dahinterstehen, kann man gar nicht deutlich genug betonen, welch ausgezeichnete Arbeit hier geleistet wurde.
Wir konnten im Rahmen unseres Einsatzes Erfahrungen sammeln, wie sie in den letzten Jahrzehnten kein anderes Schiff der Deutschen Marine sammeln konnte. Diese Erfahrungen haben uns ohne Zweifel ein Stück weit „besser“ gemacht. Sie werden aber die ganze Marine und die Bundeswehr besser machen, denn alle messen den Auswertungen unserer Erfahrungen höchsten Stellenwert bei. Wir sind dort schon mitten in der Umsetzung.
Ich bin stolz und dankbar, mit meinen Frauen und Männern diesen Härtetest bestritten zu haben. Wir haben damit deutlich gemacht, was so ein Schiff und eine eingespielte Besatzung leisten können, auch wenn sie operatives Neuland erschließen müssen.
Holger Schlüter










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