Sukzessive hat der NH 90 den seit Jahrzehnten bewährten Sea King abgelöst. Die moderne und flexible Ausstattung des Helikopters ermöglicht ein breites Einsatzspektrum.
In den 1980er-Jahren hatte Deutschland seine Verteidigungsstrategie zunehmend auf Interoperabilität ausgerichtet. Aufgrund der sehr hohen Entwicklungskosten neuer Luftfahrzeuge wurde die gemeinsame Initiative eines mittelschweren Hubschraubers geboren, der nicht nur für den Personen- und Materialtransport genutzt werden kann, sondern auch für militärische Rettungsmissionen, Operationen von Spezialkräften sowie für die Unterstützung bei Not- und Katastrophenfällen durch diverse NATO-Partner. Frankreich, Italien, die Niederlande und Deutschland konnten ihre Forderungen an einen Mehrzweckhubschrauber konsolidieren und im Rahmen des multinationalen Vorhabens NATO-Helicopter 90 (NH 90) eine Hubschrauberfamilie der Klasse neun bis elf Tonnen für Transport- und Marineeinsätze in die Realität umsetzen.
Der multinationale NH 90 existiert in zwei Grundversionen:[ds_preview] Als Tactical Transport Helicopter (TTH) für den Einsatz über Land und als NATO Frigate Helicopter (NFH) für den Einsatz über See. Die Marineversion des NH 90 unterscheidet sich erheblich von der Heeresversion. Er besitzt neben einer umfangreichen Sensorik auch ein Missionssystem zur Seeraumüberwachung.
Die deutschen Marinehubschrauber basieren auf dem Luftfahrzeugmuster mit der Typenbezeichnung NH 90 NGEN in unterschiedlichen Ausbaustufen mit der Bezeichnung NTH (Naval Transport Helicopter) und dem mehrrollenfähigen Fregattenhubschrauber (MRFH).
Mitte 2015 beauftragte die Bundesrepublik den Bau von 18 Hubschraubern in der Variante NH 90 NTH Sea Lion in Ergänzung zum bestehenden Serienvertrag NH 90 beim Hersteller NHindustries, um das bewährte, aber bereits 50 Jahre alte Muster Sea King Mk 41 abzulösen.
Der deutsche Sea Lion basiert auf dem französischen NH 90 NFRS. Er verfügt jedoch über zusätzliche Funktionalitäten wie Satellitenkommunikation, ein integriertes Automatic-Identification-System (AIS) sowie den digitalen Behördenfunk.

Nach rund fünf Jahrzehnten im Dienst der Marine wird der Sea King abgelöst, Foto: Bw/Björn Wilke
Die Deutsche Marine setzt den Sea Lion vor allem für den taktischen Lufttransport von Personal und Material über See und über Land sowie zur Unterstützung von Spezialkräften und spezialisierten Kräften ein. Zu den weiteren Aufgaben gehören Seeraumüberwachung, Search and Rescue (SAR) militärisch und zivil über See, (medizinische) Evakuierungen und Boarding. Der Hubschrauber operiert dabei als integraler Bestandteil der Einsatzgruppenversorger der Klasse 702 sowie an vorgelagerten Standorten innerhalb Deutschlands, aber auch temporär bei landgestützten Verlegungen im Ausland.
Um der Marine eine zügige Aufnahme des Flugbetriebs mit dem NH 90 NTH zu ermöglichen, parallel die Realisierung weiterer wichtiger Funktionalitäten voranzutreiben und die zeitgerechte Übernahme der Aufgaben des Sea Kings sicherstellen zu können wurde entschieden, die Sea-Lion-Flotte in zwei Konfigurationen auszuliefern. Die erste Konfiguration zeichnet sich durch umfangreiche Basisfähigkeiten zur Aufgabenübernahme und alle zellenseitigen Voraussetzungen für eine spätere aufwandsarme Nachrüstung aus.
Im Januar 2023 hat die Bundeswehr den letzten von den insgesamt 18 neuen Mehrzweckhubschraubern in der finalen Konfiguration übernommen. Damit konnte die Serienauslieferung an die Deutsche Marine termingerecht und im Kostenrahmen abgeschlossen werden.
Im gestuften Ansatz erfolgten die letzten sechs Auslieferungen bereits mit der finalen Konfiguration. Die zwölf noch in der Vorkonfiguration ausgelieferten Hubschrauber werden zurzeit durch Retrofitmaßnahmen beim Hersteller AHD in Donauwörth auf die finale Konfiguration hochgerüstet. Es ist geplant, diese Maßnahmen bis Mitte 2027 für alle Sea Lion abzuschließen.
Die Ertüchtigung der schwimmenden Plattformen zur Aufnahme des neuen Hubschraubers erfordert einige Umbaumaßnahmen, da diese bisher nur für die auslaufenden Sea Kings vorgesehen waren.
Die Einsatzgruppenversorger FRANKFURT AM MAIN und BONN sind bereits für die Aufnahme des NH 90 umgerüstet. Der dritte EGV befindet sich derzeit in der Umrüstung, die voraussichtlich noch in diesem Jahr abgeschlossen sein wird. Die erste operative Einschiffung des NH 90 NTH auf einem Einsatzgruppenversorger ist bereits für nächstes Jahr geplant.
Übernahme der SAR-Bereitschaft
Der Sea Lion übernimmt seit Mitte 2023 die Aufgaben des Sea Kings und erfüllt gemeinsam mit diesem die Dauereinsatzaufgabe SAR See. Die Einsatzprüfung des Sea Lion wurde inzwischen erfolgreich beendet und die Genehmigung zur Nutzung für die volle Einsatzbefähigung des Marinefliegergeschwaders 5 mit dem NH 90 NTH erreicht. Damit wurde der Sea King vollständig durch den Sea Lion abgelöst.
Der NTH wurde als primäres Einsatzmittel in den SAR-Dienst der Bundesrepublik Deutschland integriert. In dieser Rolle dient der NTH der Wahrnehmung des militärischen und zivilen SAR-Dienstes im Verantwortungsbereich des Rescue Coordination Centre Glücksburg. Er unterstützt darüber hinaus subsidiär auf Anforderung benachbarte nationale und internationale SAR-Bereiche sowie nationale Rettungsdienste und Behörden mit hoheitlichen Aufgaben. Ferner dient er als Einsatzmittel für den Beitrag SAR über See sowie bei der Not- und Katastrophenhilfe. Der landgestützte Einsatz im SAR-Auftrag erfolgt grundsätzlich von den dafür vorgesehenen SAR-Außenstellen und Außenlandeplätzen.
Für den Einsatz über See ist der NH 90 NGEN (NTH + MRFH) mit Notschwimmern, einer Harpune und einer automatischen Faltanlage für die Rotorblätter ausgestattet. Hinzu kommen Korrosionsschutzmaßnahmen zur Resistenzerhöhung in salzhaltiger Umgebung. Der wesentliche Einsatz des NH 90 NGEN findet als integraler Bestandteil des Systemverbunds Schiff statt. Hierbei wird er als organischer Bordhubschrauber auf Einsatzgruppenversorgern und Fregatten der Klassen 124 und 125 sowie der zukünftigen Klasse 126 eingeschifft. Die Einsatzgruppenversorger und die Fregatten 124 und 125 benötigten hierfür bauliche Anpassungen. Der Einsatz der Variante NTH ist primär auf Einsatzgruppenversorgern, der Einsatz der Variante MRFH vornehmlich auf Fregatten vorgesehen, jedoch nicht darauf beschränkt. NH-90-Einschiffungen sind grundsätzlich auf allen aufgeführten Schiffsklassen und in Kombination unterschiedlicher Ausbaustufen in Abhängigkeit der Einsatzerfordernisse und in Verbindung mit auftragsorientierter Zusammensetzung und Qualifikation der Luftfahrzeugbesatzungen möglich.
Weiterhin kann der NH 90 NGEN bei Einschiffungen oder Verlegungen die Aufgabe eines Verbands-SAR-Hubschraubers übernehmen. Dabei wird neben der Suche und Rettung von Personen vor allem der Transport zu Sanitätseinrichtungen auch unter Beistellung von medizinischem Fachpersonal sichergestellt. Die Transportleistungen können auch bei Einsätzen für die Not- oder Katastrophenhilfe zum Tragen kommen. Des Weiteren kann das Waffensystem nicht nur für den Verwundetenlufttransport, sondern auch für Forward Air Medical Evacuation und Tactical Air Medical Evacuation eingesetzt werden.
Für den Transport von Material als Außenlast, den Personentransport mittels Winde und die Betankung im Schwebeflug ist ein Flugdeck nicht zwingend erforderlich. Grundsätzlich ist jedoch auf allen deutschen seegehenden Einheiten mit einem Flugdeck eine Landung des NH 90 möglich.
Besatzungskonzepte
Die Besatzung des NH 90 umfasst zwischen zwei und vier ständige Luftfahrzeugbesatzungsangehörige. Zulassungsbedingt ist für bestimmte Missionen, beispielsweise für Transportflüge mit mehr als neun Personen, ein zweiter Pilot erforderlich. Die Zusammenstellung der Besatzung ist flexibel und ergibt sich aus dem Umfang und den Anforderungen der Mission.
Im Waffensystem NH 90 NGEN wird ein umfangreiches Einsatzspektrum mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der Sensoren, Effektoren und Kommunikationsanlagen ermöglicht. Dabei wird in weiten Teilen der Aufgabenumfang einer seegehenden Operationszentrale abgebildet.
Hierfür stehen zusätzlich zum Piloten nur ein bis drei operative Arbeitsplätze zur Verfügung. Neben dem Copiloten-Arbeitsplatz im Cockpit können bis zu zwei taktische Konsolen in der Kabine eingerüstet werden.
Zusätzlich findet eine umfangreiche digitale Vor- und Nachbereitung eines taktischen Flugs statt. Im Anschluss an einen Flug führen Missionsspezialisten des nichtfliegenden Personals die Auswertung der umfangreichen taktischen Missionsaufzeichnung für Radar, elektrooptisches System und Electronic-Support-Measures-Anlage sowie weiterer Missionsdaten durch. Für die zeitnahe Missionsunterstützung über die Missionsplanungsstation ist in Abhängigkeit des Einsatzschwerpunkts weiteres nichtfliegendes Fachpersonal aus den Bereichen Mission Support Center und Führungsunterstützung oder aus der Elektronischen Kampf-Bodenstation notwendig.
Darüber hinaus wird mit einem Reach-Back-Verfahren die weitere tiefgreifende Datenanalyse zur Optimierung der jeweiligen Systemdatenbanken über Fachpersonal sichergestellt.
Die flexible Zusammenstellung der Crew, der Einsatz der unterschiedlich qualifizierten Luftfahrzeugbesatzungsangehörigen sowie die vielfältigen Rüstrollen des Luftfahrzeugs sind hierbei auftragsorientiert erforderlich und entscheidend zur Erfüllung des jeweiligen Einsatzauftrags.
Verteidigungs- und sicherheitspolitische Entwicklungen und sich stets weiterentwickelnde technische Möglichkeiten können die Aufgabenwahrnehmung beeinflussen. Um die in diesem Umfeld aufkommenden und erkannten Fähigkeitsdefizite in der Aufgabenwahrnehmung rechtzeitig aufzeigen zu können, sind die Erfahrungen aus dem laufenden Betrieb, der regelmäßigen Teilnahme an Übungen und Manövern sowie den Einsätzen zu sammeln, zu analysieren und zentral auszuwerten. Diesen Erkenntnissen ist dann durch Produktänderungen und Produktverbesserungen oder durch Anpassung der Einsatzverfahren Rechnung zu tragen, indem diese in die Weiterentwicklung des NH 90 einfließen. Kern dieser Bestrebungen bleibt die optimale Aufgabenwahrnehmung im zugewiesenen Aufgabenspektrum des NH 90.
Im Bereich der Einsatzunterstützung, des technischen Supports und der Versorgung mit Ersatz- und Austauschteilen konnten durch Erfahrungen bei der Einführung des Sea Lion verbesserte Ansätze, beispielsweise bei der Bereitstellung der technischen Handbücher oder mit einem leistungsbasierten Ersatzteilversorgungsvertrag, realisiert werden. Damit soll die Einsatzbereitschaft des NH 90 NTH sukzessive erhöht werden, um neben der SAR-Aufgabe auch die anderen Bereiche des Einsatzspektrums zuverlässig bedienen zu können.
Fregattenkapitän Markus Kreutzer ist Produktmanager Rüstung NH 90 NTH Sea Lion im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr.
Markus Kreutzer










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