Mit dem neuen Anzug können Taucher in bis zu 91 Meter Tiefe arbeiten, Foto: US Navy

Mit dem neuen Anzug können Taucher in bis zu 91 Meter Tiefe arbeiten, Foto: US Navy

Panzer unter Wasser

Das Arbeiten in großen Tiefen erfordert lange Dekompressionszeiten – oder unflexible Panzertauchanzüge. Ein neues System verleiht neue Beweglichkeit unter Wasser.

Die US Navy erprobt derzeit einen neu konzipierten Tieftauchanzug, das „Deep Sea Expeditionary with No Decompression“-System (Dsend). Der atmosphärische Tauchanzug soll es dem Nutzer ermöglichen, verhältnismäßig schnell große Tauchtiefen zu erreichen, dort auch längere Einsätze durchzuführen und ohne langwierige Dekompression wieder aufzutauchen. Gegenüber derzeit genutzten Panzertauchanzügen soll der gehärtete, aber leichte und mit drehbaren, abnehmbaren Gelenken ausgestattete atmosphärische Tauchanzug dem Taucher zudem unter Wasser zu höherer Beweglichkeit, Geschicklichkeit und Flexibilität verhelfen.[ds_preview]

Typischerweise führen Marinetaucher Rettungs- und Bergungseinsätze, Kampfmittelräumung oder Unterwasserarbeiten an Schiffen und Plattformen durch – und das auch in großen Tiefen. Was aber versteht man unter großen Tiefen?

Der amerikanische Tauchsportverband Padi zieht die Grenze für Sporttaucher beispielsweise bei 40 Metern. Alles darunter ist bereits Tieftauchen. Die durch Sabotageaktionen verursachten Lecks in der Pipeline Nord Stream 2 befinden sich auf 80 Meter Wassertiefe. Das ist die doppelte Sporttaucher-Wassertiefe, aber unerreichbar sind solche Werte für den Menschen keineswegs.
Die Minentaucher der Bundeswehr arbeiten derzeit an Konzepten, ihre Tauchtiefe von derzeit 54 auf 80 Meter zu erweitern. Doch noch größere Tiefen sind möglich. Dank des Sättigungstauchens können Marine- oder Berufstaucher Arbeiten in bis zu 300 Meter Wassertiefe ausführen. Der derzeitige Tiefenrekord beim Gerätetauchen liegt bei 332,35 Metern.

Freilich bedarf es für Tieftauchgänge spezieller Ausrüstung, besonderen Atemgemischen, einer umfassenden Ausbildung und großer Erfahrung. Denn mit zunehmender Wassertiefe steigen Druck und Gefahr. Ab 30 Meter Tauchtiefe kann der gefürchtete Tiefenrausch auftreten. Ab 66 Meter wird der Sauerstoff in der Atemluft aufgrund des erhöhten Partialdrucks von 1,6 bar toxisch. Und natürlich muss man beim Auftauchen exakt die Dekompressionszeiten einhalten, um nicht der Taucherkrankheit zum Opfer zu fallen. Beim Sättigungstauchen halten sich die Taucher zwischen ihren Unterwassereinsätzen in Druckkammersystemen an Bord von Begleitschiffen auf. Hier führen sie auch ihre trockene Dekompression durch, welche durchaus mehrere Tage dauern kann.
Eine weitere Möglichkeit, schnell in große Tiefen vorzustoßen und auch wieder dekompressionslos aufzutauchen, stellen spezielle Tieftauchanzüge dar, sogenannte Panzertauchanzüge – auch als Hardsuits oder atmosphärische Tauchanzüge (Atmospheric Diving Suit, ADS) bekannt. Hierbei handelt es sich im Prinzip um Mini-U-Boote mit Armen und Beinen, welche den menschlichen Körper vor dem ihn umgebenden Wasserdruck abschirmen. Tauchtiefen von über 600 Metern sind so möglich. Jedoch ist der Taucher in einem solchen Panzeranzug relativ unbeweglich, der Antrieb erfolgt daher über Schubdüsen.

Hohe Beweglichkeit

Das Dsend-System verbindet im Prinzip die Vorzüge des dekompressionslosen Panzeranzugtauchens mit höherer Beweglichkeit. Er verfügt als atmosphärischer Tauchanzug über ein eigenständiges Lebenserhaltungssystem. Der Anzug umschließt die Person während des gesamten Tauchgangs in einem stabilisierten Druckkokon. So kann er viele Stunden lang in großen Tiefen arbeiten und ohne ein Durchlaufen des langwierigen Dekompressionsprozesses auftauchen.

Obwohl der Dsend aus hartem, strapazierfähigem Material besteht, fällt er im Vergleich zu einem Hardsuit leicht und flexibel aus. Der Taucher kann sich besser bewegen, über dem Meeresgrund schwimmen oder auf ihm gehen. Zudem lässt sich der an die Größe des Tauchers anpassbare Anzug leichter an- und ablegen. Das spart Zeit bei der Einsatzvor- und Nachbereitung. Weiterhin verfügt das System über Gelenke, Greifer und Handbefestigungen aus neuartigen, stabilen und leichten Materialien, die die natürlichen Bewegungen der menschlichen Gelenke widerspiegeln. Hierdurch ermüdet der Taucher langsamer. Ein weiterer Vorteil gegenüber dem derzeit bei der US Navy genutzten ADS-Panzertauchanzug ist, dass bei einem Einsatz nicht auf relativ große Wasserfahrzeuge zurückgegriffen werden muss.

An die Tauchtiefen der Panzertauchanzüge kommt der schwimmbewegungsfähige atmosphärischen Tauchanzug aber nicht heran. Derzeit ist das Dsend-System darauf ausgelegt, einem Druck von bis zu 300 feet of seawater (fsw) standhalten zu können – das entspricht etwa 91,3 Meter Meerwasser (meter sea water) oder 9,13 Bar. Weitere Entwicklungen könnten zukünftig den Einsatz in größeren Tiefen ermöglichen.

Anfang Februar fand eine Unterwasser-Demonstrationsphase in Maryland und Florida statt – dieses Mal noch in Tauchbecken. Dabei absolvierten die Dsend-Taucher der Navy verschiedene Übungen, etwa das Bergen einer Schaufensterpuppe aus einem Flugzeugrumpf. Ebenso wurden Wrackteile für die Bergung vorbereitet und die Taucher bewegten sich durch Röhrensysteme, um Erkundungen in gesunkenen Schiffen zu simulieren. Gemeinsam mit dem Dsend-Anzug wurde auch ein Diver Augmented Vision Display (DAVD)-System erprobt.

Innerhalb des nächsten Jahres soll das Dsend-System weiterentwickelt und auf See in realistischen Einsatzumgebungen getestet werden.
Dr. Jan-Phillipp Weisswange ist Referent Öffentlichkeitsarbeit in der Wehrtechnischen Industrie und freier Autor.

Jan-Phillipp Weisswange

16. Jan. 2024 | 0 Kommentare

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