Für die Hessen und ihre Besatzung ist der Einsatz im Roten Meer mit Gefahren verbunden, Foto: Bw/Ricarda Schönbrodt

Für die Hessen und ihre Besatzung ist der Einsatz im Roten Meer mit Gefahren verbunden, Foto: Bw/Ricarda Schönbrodt

Pulverfass Rotes Meer

Lange Zeit wurden die jemenitischen Huthi-Rebellen in der westlichen Presse kaum beachtet. Durch deren Angriffe auf Schiffe im Roten Meer rückt der Einsatz der Fregatte Hessen in den Fokus der Aufmerksamkeit.
 
Im Zusammenhang mit dem Gaza-Krieg haben die Huthi-Rebellen ab November 2023 die Schifffahrt im Roten Meer angegriffen. Die Angriffe wurden mit Drohnen (Unmanned Aerial Vehicles, UAVs), mit Flugkörpern (Anti-Ship Cruise Missiles, ASCMs, beispielsweise Seeziellenkflugkörper wie der C-802 Sardine), mit ballistischen Raketen (Anti-Ship Ballistic Missiles, ASBMs), mit unbemannten Sprengbooten (Unmanned Surface Vessels, USVs) und von Booten aus mit Enterkommandos  durchgeführt. Als Reaktion auf diese Angriffe begannen die USA mit einigen Partnern im Dezember 2023 eine Operation zum Schutz der zivilen Schifffahrt. Die Europäische Union wird [ds_preview]ihrerseits mit der im Februar 2024 begonnenen Operation Aspides zum Schutz der Schifffahrt beitragen. Deutschland beteiligt sich mit der Fregatte Hessen an diesem Einsatz.

Betende Männer in Sanaa, Foto: Al Jazeera English

Betende Männer in Sanaa, Foto: Al Jazeera English

Die Bewegung der Huthi-Rebellen entstand in den 1990er-Jahren im Jemen als politisch-militärische Oppositionsbewegung zum damaligen langjährigen Präsidenten Ali Abdullah Saleh. Ihr offizieller Name ist Ansarallah, zu Deutsch: Helfer Gottes, abgekürzt AA. Sie wird von Personen aus der Familie der al-Huthi angeführt, woraus sich ihre generisch bekannte Bezeichnung Huthi-Rebellen ableitet. In Folge des Arabischen Frühlings konnte sich die schiitisch/zaiditische Huthi-Bewegung an die Spitze der Opposition setzen und Ende 2014 die Macht in dem am dichtesten besiedelten Hochland Jemens an sich reißen, wo sie auch ihren Ursprung hat. Seitdem herrschen die Huthi-Rebellen zwar nur über 25 Prozent der Fläche des Jemen, dort leben aber 75 Prozent der Bevölkerung. Der damalige Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi, Nachfolger von Präsident Saleh, floh ins Exil nach Saudi-Arabien, und 2015 begann ein Bürgerkrieg zwischen den Anhängern Hadis und den Anhängern der Huthis. Die Regierung Hadi wurde militärisch von einer Militärallianz verschiedener arabischer Staaten unter Führung Saudi-Arabiens unterstützt. Die USA und Großbritannien halfen dieser Militärallianz.

Jemens Hauptstadt Sanaa, Foto: Ferdinand Reus/CC BY-SA 2.0

Jemens Hauptstadt Sanaa, Foto: Ferdinand Reus/CC BY-SA 2.0

Die Huthi waren zunächst durchaus beliebt, ihnen schlossen sich daher auch Anhänger der gestürzten Regierung Hadi an. Durch die Machtübernahme konnten sie im Folgenden auf die personellen und infrastrukturellen Fähigkeiten des gesamten Staats zugreifen. Techniker, Offiziere und Beamte sowie Angehörige aller Teilstreitkräfte und Behörden stehen heute in ihren Diensten. Da zu den Streitkräften auch See- und Luftstreitkräfte sowie ein Regiment mit sowjetischen Scud-Raketen und diverse Einheiten mit Flugabwehrraketen gehörten, verfügen die Huthi-Rebellen über Fähigkeiten, die über das Portfolio einer Guerillatruppe wie der libanesischen Hisbollah hinausgehen. Dies ist aktuell bedeutsam für die Fähigkeit der Huthi-Rebellen, hochwertige Waffensysteme wie ASBMs oder ASCMs zu fertigen.

Soldaten der USS Chinook nahmen 2023vor der Küste des Oman 2115 AK-47-Gewehre auf einem Fischerboot in Beschlag. Das Boot war auf dem Weg vom Iran in den Jemen, Foto: US Navy

Soldaten der USS Chinook nahmen 2023 vor der Küste des Oman 2115 AK-47-Gewehre auf einem Fischerboot in Beschlag. Das Boot war auf dem Weg vom Iran in den Jemen, Foto: US Navy

Der Iran unterstützte die neue jemenitische Regierung der Huthi ab 2015 mit Beratern und Waffenlieferungen. Insbesondere wurden hochwertige Waffensysteme und Ersatzteile geliefert. Ein wesentlicher Träger der iranischen Beratungsleistung waren Angehörige der Hisbollah, da deren Mitglieder im Gegensatz zu Iranern Arabisch sprechen. Es gilt an diesem Punkt allerdings hervorzuheben, dass die Führung der Huthi-Bewegung keinesfalls ein Vasall Irans ist. Sie fühlt sich dem Iran zu Dank verpflichtet, legt aber Wert auf ihre Unabhängigkeit. Die Huthi und der Iran haben gemeinsame Interessen und mit den USA und Israel ein gemeinsames Feindbild.
Im Rahmen des Bürgerkriegs ab 2015 kam es zu Kämpfen an den Rändern des Herrschaftsgebiets der Huthi. Zudem wurde das Land intensiv von Saudi-Arabien und den Emiraten bombardiert. Letztlich kam es zu einem Patt: Es gelang der international anerkannten Exilregierung unter Präsident Hadi nicht, die Huthi zu besiegen oder aus dem von ihnen gehaltenen Landesteil zu vertreiben. Auf Dauer war der Krieg für die Militärallianz unter Führung Saudi-Arabiens zu kostspielig. Zudem verschlechterte sich das Ansehen der Allianz durch die hohen Verluste unter der jemenitischen Zivilbevölkerung. Die Intensität der Kämpfe und der saudischen Luftangriffe nahm 2022 ab, im Frühjahr 2023 soll man kurz vor einer Einigung gestanden haben. Der Krieg im Gazastreifen veränderte jedoch die regionale Dynamik, und die Huthi-Rebellen begannen erneut, die Schifffahrt im Roten Meer anzugreifen.

Seeoperationen

Für das Verständnis der heutigen Fähigkeiten der Huthi-Rebellen, Schiffe anzugreifen, lohnt sich ein Blick auf die Vorkommnisse während des Bürgerkriegs von 2015 bis 2020. In den Jahren 2016 bis 2018 griffen die Huthi-Rebellen schon einmal Schiffe im Roten Meer an, damals beschädigten oder zerstörten sie eine Reihe von Kriegsschiffen ihrer Gegner.

US-Soldaten des ZerstörersThe Sullivans mit beschlagnahmten Chemikalien, die auch zur Herstellung von Explosivstoffen eingesetzt werden können, Foto: US Navy/Kevin Frus

US-Soldaten des Zerstörers The Sullivans mit beschlagnahmten Chemikalien, die auch zur Herstellung von Explosivstoffen eingesetzt werden können, Foto: US Navy/Kevin Frus

Ab dem Herbst 2016 griffen die Huthi mit modifizierten Scud-Raketen Ziele in Saudi-Arabien an. Parallel dazu entwickelten sie UAVs, mit denen sie Ziele am Boden angriffen. Die UAVs der Huthi waren meistens Kopien iranischer Modelle, die aber vermutlich im Jemen hergestellt werden. Bei den Scud-Raketen handelte es sich vermutlich um Waffensysteme, die in den 1980er-Jahren von der Sowjetunion in den Jemen geliefert wurden. Ob vom Iran oder einem anderen Land später weitere Raketen geliefert wurden, ist nicht bekannt.
Grundsätzlich verfügen die Huthi-Rebellen über all jene Waffensysteme, die sie bei der Machtübernahme 2015 im Land vorfanden. Hierzu gehören neben den genannten Scud-Raketen beispielsweise Flugkörper des Typs SS-N-2D Styx aus sowjetischer Fertigung. Die jemenitischen Seestreitkräfte verfügten über Schnellboote mit dem Styx und über eine Batterie Styx auf Lkws. Im Jahr 2000 erhielt der Jemen zudem fünf Schnellboote aus chinesischer Produktion, welche mit C-802 Sardine ausgerüstet waren. Während die Boote während des Bürgerkriegs 2015 versenkt wurden, könnten sich die Flugkörper der Boote noch im Land befinden.

Ab Oktober 2016 begannen die Huthi-Rebellen mit Angriffen gegen Schiffe der saudischen Militärallianz. Am 1. Oktober 2016 griffen sie das von den Vereinigten Arabischen Emiraten genutzte Versorgungsschiff HSV-2 mit einem Seeziellenkflugkörper an, das Schiff brannte komplett aus. Bei dem eingesetzten Flugkörper handelte es sich vermutlich um einen C-802 Sardine oder einen C-704. Am 9., 12. und 15. Oktober 2016 wurden dann amerikanische Kriegsschiffe mit Flugkörpern angegriffen. Die damals attackierte USS Mason, ein Zerstörer der Arleigh-Burke-Klasse, setzte zur Verteidigung Flugkörper vom Typ SM-2 und ESSM ein. Nicht bekannt ist, ob die angreifenden Flugkörper bekämpft wurden, oder aus anderen Gründen ihr Ziel verfehlten. Jedenfalls wurde die Leistungsfähigkeit des Aegis-Systems nach den Zwischenfällen in der amerikanischen Fachpresse kritisiert.

Unterstützt werden die Huthi-Rebellen vom Iran. Deswegen ist interessant, welche Seeziel-Lenkflugkörper der Iran an andere mit ihm verbündete Gruppierungen geliefert hat. Zwei prominente Fälle sind bekannt geworden: Die Hisbollah erhielt vom Iran den C-802 und griff damit 2006 die israelische Korvette Hanit an. Im Jahr 2011 beschlagnahmten israelische Kommandos eine größere Waffenlieferung an Bord des Handelsschiffs Viktoria, die mutmaßlich für die Hamas bestimmt war. Zu dieser Lieferung gehörten Flugkörper vom Typ C-704, weshalb man annehmen kann, dass dieser Flugkörper auch an die Huthi geliefert worden sein könnte.

Daneben nutzten die Huthi ferngelenkte Sprengboote (USVs) für ihre Angriffe auf Schiffe ab Januar 2017. Hierbei handelte es sich um ehemalige Speedboote der jemenitischen Küstenwache, die mit Fernsteuerung, Autopilot, GPS, Kamera und einem 450 Kilo schweren, einem Styx-FK entnommenen Sprengkopf versehen waren. Mit einem solchen USV wurde beispielsweise am 30. Januar 2017 die saudische Fregatte Medina schwer beschädigt. Im April 2017 griff ein derartiges USV das Ölterminal in Dschisan, 200 Kilometer nördlich der Grenze zum Jemen an. Der Angriff konnte abgewehrt werden, da das Sprengboot von einem saudischen Kampfhubschrauber unter Beschuss genommen wurde. Im Juli 2017 wurde dann ein Minenjagdboot der Vereinigten Emirate angegriffen und schwer beschädigt. Das Boot deutschen Frankenthal-Klasse war 2006 von der Deutschen Marine an die VAE verkauft worden. Es sank an der Pier des Hafens Mokka und wurde erst nach einigen Wochen gehoben und instandgesetzt.

Start eines Tomahawk Cruise Missilevon der USS Gravely zur Bekämpfung der Huthi-Rebellen, Foto: US Navy/Jonathan

Start eines Tomahawk Cruise Missile von der USS Gravely zur Bekämpfung der Huthi-Rebellen, Foto: US Navy/Jonathan

Neben Sprengbooten und Seeziel-Flugkörpern setzten die Huthi auch Seeminen und Improvised Explosive Devices (IEDs), also unkonventionelle Sprengvorrichtungen, erfolgreich ein. So wurden die Zufahrten zum Hafen Mokka mehrfach vermint, um die Versorgung der alliierten Streitkräfte im Süden des Jemen zu stören. Hierbei wurden auch Fischerboote genutzt, um Mokka erneut zu verminen, nachdem die Zufahrt durch die Minenabwehr der Emirate geräumt worden war.

Die Operationen der Huthi gegen feindliche Schiffe endeten im Sommer 2017. Ursächlich hierfür war der Verlauf des Kriegs an Land. Die Landstreitkräfte der VAE eroberten von Süden kommend den größten Teil der Küste. Insbesondere der schmalere Teil der Gewässer um die Meeresstraße Bab-al-Mandab ging für die Huthis verloren. Sie mussten sich bis zum Hafen al-Hudaida zurückziehen, wo seitdem die Front verläuft. Da das Rote Meer bei al-Hudaida etwa 250 Kilometer breit ist, kann ein Angriff hier nicht so einfach ausgeführt werden wie in der lediglich 30 Kilometer breiten Meerenge. Zumindest können Handelsschiffe hier außerhalb der Reichweite der bekannten Flugkörpersysteme bleiben.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Huthi-Rebellen schon 2016 die Fähigkeit zum Angriff gegen Seeziele erfolgreich nachgewiesen haben. Ihre aktuell gezeigten Fähigkeiten sind also kein Zufall, sondern eine Folge der damals gemachten Erfahrungen.

Seeoperationen beim Gaza-Krieg

Als Reaktion auf den Gaza-Krieg griffen die Huthi-Rebellen Ende 2023 die Schifffahrt im südlichen Roten Meer an. Am 19. November 2023 enterten sie den Autotransporter Galaxy Leader und lenkten ihn nach al-Hudaida um, wo er seitdem festgehalten wird. In der Folgezeit kam es zu einer Reihe von Angriffen auf Handels- und Kriegsschiffe. Einige der anfangs angegriffenen Handelsschiffe hatten einen Bezug zu Israel, entweder weil sie einen israelischen Eigner hatten, oder weil sie israelische Häfen angelaufen haben. Bei späteren Angriffen konnte dieser Israel-Bezug jedoch nicht mehr hergestellt werden.

Von der US Coast Guard beschlagnahmte,ursprünglich für den Jemen bestimmte Waffen, Ersatzteile und Explosivstoffe, Foto: US DoD

Von der US Coast Guard beschlagnahmte,
ursprünglich für den Jemen bestimmte Waffen,
Ersatzteile und Explosivstoffe, Foto: US DoD

Neu ist der Einsatz ballistischer Raketen (ASBMs) gegen Seeziele ab November 2023. Nach Aussagen des US-Centcom wurde am 27. November zum ersten Mal in der Geschichte des Seekriegs eine ASBM eingesetzt. So beobachtete die USS Mason den Anflug einer ballistischen Rakete, die etwa zehn nautische Meilen von der Mason und dem Handelsschiff Central Park entfernt im Meer aufschlug. Die beiden Schiffe waren zu diesem Zeitpunkt stationär, da sie kurz zuvor einen Angriff somalischer Piraten abgewehrt hatten. Es ist aktuell nicht klar, ob die eingesetzte ballistische Rakete über einen Suchkopf verfügt, der auf ein Schiff gelenkt werden kann.

Der Iran hat mehrfach angegeben, ein solches Waffensystem entwickelt zu haben. Hierbei soll es sich um die Khalij Fars handeln, eine Kurzstreckenrakete mit etwa 200 nautischen Meilen Reichweite. Diese Rakete basiert auf der Fateh-110, einer Kurzstreckenrakete, die mehrfach erfolgreich eingesetzt wurde. Mit Hilfe eines elektro-optischen oder Infrarot-Suchkopfes soll die Khalij Fars ein bewegliches Ziel mit einer Genauigkeit von etwa zehn Metern treffen können. Es gibt derzeit aber keine unabhängige Bestätigung für die Richtigkeit dieser iranischen Angaben. Denkbar ist, dass die Huthi aktuell „normale“ ballistische Kurzstreckenraketen vom Typ Fateh-110 gegen Schiffe einsetzen, um eine neue Drohkulisse aufzubauen.

Die Khalij Fars und die Fateh-110 haben auf 200 nautische Meilen eine Flugzeit von sechs Minuten. Es besteht die Möglichkeit, dass die Raketen einfach auf die Position geschossen werden, an der sich ein zuvor geortetes Handelsschiff in sechs Minuten voraussichtlich befinden wird. Da Handelsschiffe meistens mit konstantem Kurs und Fahrt reisen, ist dieses Vorgehen vorstellbar. Es entspricht dann in etwa einem ungelenkten Torpedoschuss im Zweiten Weltkrieg. Jedenfalls wurde mehrfach beobachtet, dass eine ballistische Rakete in der Nähe eines Schiffes im Wasser aufschlug. Die Entfernungen lagen hierbei zwischen mehreren Meilen und 500 Metern.

Am 26. Januar schlug eine ballistische Rakete im Chemikalientanker Marlin Luanda ein. Die aus Naphtha bestehende Ladung geriet in Brand und die Besatzung musste das Schiff aufgeben. Die Schiffssicherungsteams dreier Kriegsschiffe konnten das Feuer löschen und das Schiff konnte seine Reise schließlich fortsetzen.

Ein Vorteil der ballistischen Raketen besteht darin, dass diese von den Huthi auch im Golf von Aden eingesetzt werden können, obwohl die Huthi dort keinen Zugang zur Küste haben. Diese Ausweitung der Gefahrenzone in den Golf von Aden zwingt die westlichen Kriegsschiffe in ihrer Operation zum Schutz der zivilen Seefahrt zu einer Zersplitterung ihrer Kräfte.

Neben ballistischen Raketen haben die Huthi-Rebellen mehrfach Seeziellenkflugkörper eingesetzt. Diese ASCMs können nur im Bereich der von den Huthi beherrschten Küste eingesetzt werden. Welche ASCMs im Einzelnen eingesetzt wurden, ist offiziell nicht bekannt. Es liegt aber nahe, dass es sich vor allem um iranische Waffen, insbesondere Nachbauten der C-704 und C-802, handelt. Diese Waffen wurden vor allem gegen westliche Kriegsschiffe eingesetzt. In den meisten Fällen konnten die ASCMs mit Bordwaffen abgefangen werden. Hierbei lagen die Bekämpfungsentfernungen einem Sprecher der US Navy zufolge meistens bei mehr als acht nautischen Meilen. Bei einem Zwischenfall am 30. Januar 2024 gelang es der USS Gravely allerdings erst bei einem Abstand von einer Meile, einen ASCM zu bekämpfen. Hierbei kam das Phalanx-System zum Einsatz.

Das dritte Waffensystem, das die Huthi gegen Schiffe einsetzen, sind UAVs. Bei den eingesetzten UAVs handelt es sich insbesondere um einen Nachbau der iranischen Shaheed-136. Dieses UAV wird auch in der Ukraine häufig von russischer Seite verschossen. Es fliegt mit 180 Kilometern pro Stunde etwa 1500 Kilometer weit und trägt eine Wirkladung von etwa 50 Kilogramm Sprengstoff. Es ist nicht klar, wie das UAV ins Ziel gelenkt wird. Normalerweise fliegt es GPS-gesteuert zu einer festen Position, etwa einem Gebäude. Optische Verfahren kommen nicht in Frage, weil die UAVs kein hierfür erforderliches Okular aufweisen. Steuerung per HF-Funk entfällt ebenfalls, da keine Antenne vorhanden ist.

In jüngster Zeit wurden in den Trümmern dieser UAVs in der Ukraine GSM-Simkarten gefunden. Insofern könnte eine Fernsteuerung per Handynetz erfolgen, was aber über dem offenen Meer ohne Weiteres nicht möglich ist. Da einige UAVs in der Nähe von Handelsschiffen ins Meer gestürzt sind, existiert eine These, dass diese UAVs ebenso wie die ASBMs mit Vorhalt auf eine vorberechnete Position hingesteuert werden.

Mehrfach haben die Huthi-Rebellen mehrere Wirkmittel kombiniert zum Einsatz gebracht. So wurde die Maersk Hangzhou am 30. Dezember 2023 zunächst mit mindestens zwei ASCMs angegriffen, von denen einer das Schiff traf. Am Folgetag gab es einen Angriff von vier sogenannten Skiffs, drei dieser Boote wurden von einem Hubschrauber der US Navy zerstört. Während die USS Graveley Hilfe leistete, wurden die beiden stationären Schiffe mit zwei ballistischen Raketen angegriffen. Diese Raketen wurden von der Graveley abgefangen.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Huthi-Rebellen zu dreidimensionalen, komplexen Angriffen gegen Seeziele fähig sind. Sie haben sich über mehrere Jahre unter der saudischen Luftherrschaft behaupten können und in dieser Zeit diverse Waffensysteme produziert oder sogar neu entwickelt. Ob ballistische Raketen mit Suchköpfen hierzu gehören, und ob diese erfolgreich gegen Schiffe einsetzbar sind, ist noch nicht klar. Bei der Betrachtung der aktuellen Angriffe fällt auf, dass nur wenige Angriffe ein Ziel treffen. Von etwa 140 eingesetzten Systemen (ASBMs, ASCMs, UAVs) haben ganze 15 ein Ziel getroffen. Diese niedrige Trefferquote liegt allerdings daran, dass die Masse der Waffen frühzeitig abgefangen werden konnte. Unsere Tabelle verdeutlicht diesen Aspekt. Bei der Berechnung der Trefferquote ist allerdings zu bedenken, dass es verschiedene Ungenauigkeiten gibt. So wird möglicherweise nicht jedes abgefeuerte Waffensystem bemerkt und gemeldet. Bei einigen Sichtungen durch Handelsschiffe ist nicht klar, ob es sich um ein ASCM oder ein ASBM handelte. Und schließlich wird es UAVs geben, die der Aufklärung dienten und daher gar kein Ziel treffen sollten.

Bewertung und Ausblick

Dank der westlichen Abwehrmaßnahmen konnten die Huthi-Rebellen bislang nur in zwei Fällen einen schweren Schaden anrichten. Über zwei Drittel aller Waffen wurden von alliierter Seite abgefangen. Von den nicht abgefangenen 46 Waffen trafen allerdings 15 ein Ziel. Dass sie hierbei nicht öfters einen schweren Schaden anrichteten, ist der Größe und Robustheit moderner Handelsschiffe geschuldet. Der Angriff auf die MARLIN LUANDA löste ein schweres Feuer nach einem ASBM-Treffer am 26. Januar 2024. Ein ASCM-Treffer auf der STRINDA am 11. Dezember 2023 resultierte ebenfalls in einem Feuer, zusätzlich fiel der Antrieb aus. Diese Beispiele zeigen, dass die Angriffe der Huthi-Rebellen trotz der insgesamt eher durchwachsenen Erfolgsquote durchaus gefährlich sein können. Sollte ein ASBM oder ein ASCM ein Kriegsschiff treffen, ist damit zu rechnen, dass die Schäden größer sein könnten als bei den meisten bisherigen Treffern auf große Handelsschiffe.

Die Angriffe haben die Popularität des Huthi-Regimes im Inneren des Landes und in der arabischen Welt gesteigert. Dies ist für die international isolierten Huthi-Rebellen wichtig. Dank ihrer Angriffe schwimmen sie auf einer Welle der Zustimmung in der islamischen Welt. Zugleich konnten sie ihren Wert gegenüber ihren Verbündeten Iran und Hisbollah unter Beweis stellen. Es ist daher davon auszugehen, dass die Huthi-Rebellen ihre Angriffe auf die Schifffahrt fortsetzen werden. Die Huthi werden vermutlich weiterhin das gesamte Portfolio ihrer nachgewiesenen Fähigkeiten einsetzen. Mit Angriffen durch Flugkörper, UAVs, ballistische Raketen, Sprengboote sowie dem Einsatz von Seeminen und Boardingteams ist weiter zu rechnen. Dies gilt auch, wenn mehrere Angriffe abgewehrt wurden und die Huthi Verluste erleiden. Auch wäre eine weitere Eskalation durch die Huthi – etwa durch den Einsatz von Seeminen denkbar.

Der aktuelle Verlauf der Ereignisse wird vermutlich die Huthi-Rebellen noch stärker an den Iran binden. Für die Fortführung der jetzigen Operationen sind die Huthi mutmaßlich stark auf iranische Unterstützung angewiesen. Sie werden in größerem Ausmaß Bauteile für die Fertigung von UAVs, ASBMs und ASCMs benötigen. Bislang waren die Angriffe für die Huthi-Rebellen nicht schwer auszuführen. Es bleibt abzuwarten, ob die alliierten Luftangriffe die Angriffsmittel so sehr zerstören, dass die Fähigkeit zum Angriff reduziert wird.
Die im Roten Meer eingesetzte Fregatte HESSEN wird über einen langen Zeitraum mit der Bedrohung durch ballistische Raketen, Flugkörper, UAVs und Sprengboote zurechtkommen müssen. Dies wird für Besatzungen und Schiffsführung belastender sein als die bisherigen Einsätze am Horn von Afrika. Wenngleich die Abwehrmöglichkeiten heute besser sind als 1982, haben insbesondere ASCMs seit dem Falklandkrieg wenig an ihrer Gefährlichkeit eingebüßt. Da die Reaktionsgeschwindigkeit weiterhin ein entscheidender Faktor ist, wird es auf durchgängige Abwehrbereitschaft ankommen. Dies bedeutet möglicherweise nicht nur ein dauerhaft gesperrtes Oberdeck und einen anhaltend hohen Bereitschaftsgrad der Besatzung.

Zudem ist die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes von Flugkörpern durch eine deutsche Einheit hoch. Alle beteiligten Kampfschiffe der USA, Großbritanniens und Frankreichs haben Flugkörper gegen ballistische Raketen, Drohnen oder Seeziellenkflugkörper einsetzen müssen. Es handelt sich also um einen Einsatz im Rahmen des internationalen Krisenmanagements, der aber eher Ähnlichkeit mit der Gefechtsintensität und der dauernden Bereitschaft eines Szenarios der Landes- und Bündnisverteidigung haben wird. Hierbei wird die Fregatte HESSEN vermutlich von der wiederholten Teilnahme der Fregatten der Klasse 124 an US-geführten Carrier Strike Groups profitieren. Dafür wurde sie gebaut, das hat sie immer wieder geübt. Es muss nur allen Beteiligten in Deutschland klar sein, was dieser Einsatz mit sich bringt.

Kapitän zur See Sebastian Hamann ist Referatsgruppenleiter im Joint Intelligence Center. Er war 2019 für sechs Monate als UN-Militärbeobachter im jemenitischen al-Hudaida eingesetzt.

Sebastian Hamann

6. März 2024 | 0 Kommentare

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