Bereits heute ist das 21. Jahrhundert maritim geprägt. Das Ringen um Macht und ein Wettrüsten zur See bergen großes Eskalationspotential.
Seemacht kommt wieder in die Schlagzeilen – selbst in Deutschland. Hier prägen nur äußerst selten maritime sicherheitspolitische Themen die Nachrichtenlage. Für eine global handelnde Industrienation, die abhängig ist vom Seetransport und bei Exporten hinter China und den Vereinigten Staaten immerhin noch auf Platz drei steht– ist das ohnehin bemerkenswert. Aber es passt zum Schattendasein von Sicherheitspolitik in der Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit. Und hier steht die Marine besonders tief im Schatten. Allenfalls gelegentliche Einsätze gegen Piraterie oder Menschenschmuggel schaffen es in die Massenmedien.
Strategische Fragen wie die Sicherung von Seewegen oder die Kontrolle von Seeräumen beschäftigen meist nur kleine Expertenzirkel in Deutschland. Bislang. Denn auch dem medialen Fokus, so sprunghaft er ist, entgeht zunehmend weniger, was sich in Asien bereits seit vielen Jahren entwickelt: ein Wettrüsten zur See. Jüngstes Beispiel ist die Entscheidung Australiens zu einer nicht zuletzt maritimen Sicherheitspartnerschaft mit den USA und Großbritannien, verbunden mit dem Aufbau einer australischen Flotte von Atom-U-Booten. Das gemeinsame Ziel ist die Eindämmung chinesischer Machtansprüche im pazifischen Raum und damit die Sicherung internationaler Seewege. [ds_preview]
Umso wichtiger wird erneut die grundlegende Beschäftigung mit dem Wesen von Seemacht – historisch wie politisch. Dabei gilt auch hier: Nur wer die maritime Vergangenheit kennt, kann zugleich mit der Gegenwart und der möglichen Zukunft angemessen umgehen. Dies ist ein Wert an sich in einer sich nicht zuletzt sicherheitspolitisch fundamental verändernden Welt.
Hierzu liegen auch in Deutschland wertvolle aktuelle Analysen vor. Ein Beispiel bildet das Autorentrio Torsten Albrecht, Carlo Masala und Konstantinos Tsetsos mit ihrem Buch „Das Wesen von Seemacht. Die internationalen Beziehungen im maritimen Umfeld des 20. und 21. Jahrhunderts“. Es handelt sich um langjährig ausgewiesene Kenner maritim-sicherheitspolitischer Fragestellungen: Fregattenkapitän Torsten Albrecht hat nicht nur promoviert zu Fragen maritimer Sicherheitspolitik an der Universität der Bundeswehr in München, sondern auch habilitiert und eine Lehrbefugnis im Fach Maritime Wehrtechnik an der Universität der Bundeswehr Hamburg erlangt. Carlo Masala ist Politikwissenschaftler und Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München, Konstantinos Tsetsos ist sein dortiger Kollege.
Die Autoren spannen zu Recht einen breiten Bogen, um die internationalen Beziehungen im maritimen Umfeld des 20. und 21. Jahrhundert tiefgehend beleuchten zu können. Er beginnt mit einem Blick auf die Seemacht aus Sicht der politischen Theorie und zieht sich über eine detaillierte Beschreibung des maritimen Umfelds und seiner Veränderungen unter sicherheitspolitischen Aspekten. Er setzt sich fort mit Reflektionen über Seestreitkräfte und Seemacht als Instrumente internationaler Politik. Nicht ausgelassen werden Rolle und Wirken von Seestreitkräften bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und im noch recht jungen 21. Jahrhundert, für das darüber hinaus strategische Handlungsfelder und Handlungsoptionen maritimer Sicherheitspolitik aufgezeigt werden. Und er mündet nicht zuletzt in den vielen regionalen maritimen Interessen und dem dann meist ebenso starken Streben nach Seemacht. Die gegenwärtig politisch und medial aufgeladenen Konfliktlagen und das entsprechende Wettrüsten in Asien sind hierfür nur die sichtbarsten Zeichen.
Was folgt aus alldem? In vielerlei Hinsicht die geballte Rückkehr maritimer Machtpolitik. Denn es ist davon auszugehen, dass die sicherheits-, umwelt- und wirtschaftspolitischen Interessen einzelner Staaten und Staatenbündnisse – vor allem der global agierenden politischen und wirtschaftlichen Akteure – zunehmend durch maritime Abhängigkeiten bestimmt sein werden. Ein Indiz dafür: Zur Betonung und Unterstreichung ihrer maritimen Interessen haben Akteure wie China, die USA, Russland, Indien, Australien, Japan, aber auch Deutschland, die EU und die NATO in letzter Zeit nicht nur vermehrt maritime Strategien publiziert, sondern setzen diese mittels ihrer politischen Instrumente, zu denen wieder verstärkt Seestreitkräfte zählen, gezielt um.
Dabei sind die maritimen Interessen und die maritim orientierte Außen- und Sicherheitspolitik grundsätzlich nach drei Leitlinien ausgerichtet: die Protektion der Bevölkerung und der strategischen Güter, die Deeskalation und Friedenserzwingung durch Streitkräfte, einschließlich der militärischen Abschreckung, sowie die Konfliktprävention auch in entfernten Gebieten, um dort erforderliche Maßnahmen zur Aufrechterhaltung und Wiederherstellung einer friedlichen Weltordnung durchsetzen zu können. Dabei ist festzustellen, dass der Einsatz von Streitkräften – im maritimen Raum von Seestreitkräften – bei der Umsetzung dieser Interessen bereits heute eine tragende Rolle einnimmt. Und es ist zu prophezeien, dass diese Rolle zukünftig für die politischen Entscheidungsträger noch stärker zum Tragen kommen wird.
Dabei werden Seestreitkräfte wieder verstärkt Seemacht entfalten, um in maritimen Szenarien zwei Schwerpunkten entsprechen zu können: zum einen der Sicherung dauerhafter Zugriffsmöglichkeiten auf immer knapper werdende Ressourcen, insbesondere die zur Energieversorgung notwendigen. Zum anderen die Gewährleistung freier Passagen auf Seehandelswegen, wobei hier nicht nur die Seewege im Indischen Ozean, sondern auch die arktische Nordost- und Nordwestpassage im Fokus stehen – und all dies bei globalen maritimen wie regionalen Akteuren.
Überaus realistisch erscheint, was daraus folgen und in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die internationale Nachrichtenlage prägen könnte: Eine Vielzahl staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure streben eine zumindest punktuelle regionale Kontrolle der Seewege zur Unterstreichung ihrer Absichten und Interessen an. Daher sollte damit zu rechnen sein, dass einige aufstrebende Staaten auf der Basis machtpolitischer Interessen einerseits offensiv orientierte Rüstungsanstrengungen unternehmen sowie andererseits Allianzen auch abseits ihrer bisherigen Bündnisphilosophie etablieren und damit die Fähigkeit zu regional und zeitlich begrenzter Machtprojektion erlangen – und diese dann durch die Entfaltung von Seemacht demonstrieren und durchsetzen werden.
Ein weiteres realistisches Szenario: In Küstenzonen ist davon auszugehen, dass Lebensräume durch Umwelt- und Klimaveränderungen sowie durch Kriege wegfallen und damit Migrationsströme größeren Ausmaßes entstehen werden, mit entsprechendem Konfliktpotenzial weit über die betroffenen Regionen hinaus. Zur Bewältigung daraus entstehender Krisen erscheint die Durchsetzung maritimer Macht als eine realpolitische und praktische Option für politische Entscheidungsträger als Instrument ihres außen- und sicherheitspolitischen Konfliktmanagements. Und in der Tat dienen bereits heute Seestreitkräfte in diesem Zusammenhang als Instrumente von Kontrolle, Rettung und Eindämmung.
Überraschend sollte daher nicht wirken, zu welchem Fazit man schon jetzt für das 21. Jahrhundert kommen kann. Gerade in der globalisierten Welt gilt, was immer schon galt: Fortschritt, Prosperität und Entwicklung der Menschheit setzen die Erschließung, die Nutzbarmachung und den Ausgriff in den maritimen Raum voraus. Daran erinnert in einem pointierten Geleitwort zum grundlegenden Seemacht-Werk von Torsten Albrecht, Carlo Masala und Konstantinos Tsetsos auch Rainer Brinkmann, bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im September 2021 Stellvertreter des Inspekteurs der Marine und Befehlshaber der Flotte und Unterstützungskräfte: Der Blick in Geschichte wie Gegenwart macht deutlich, dass sich Völker und Nationen, die Handel und Seefahrt betreiben, schneller entwickeln und früher reifen, dass sich ihr wirtschaftliches Wachstum rascher vollzieht, dass ihre Kulturen und Gesellschaften kräftiger blühen. Und bis heute breitet sich Zivilisation von den Küsten und über die Ozeane aus. Gleichzeitig bringt Seefahrt aber nicht nur Kontakt, Kultur und Kaufmannschaft, sondern auch Konflikt und Konfrontation. Daher werden maritime Akteure gerade im heutigen internationalen System wieder an Bedeutung zunehmen. Gewinn und Gleichgewicht von Macht werden erneut im maritimen Raum ausgetragen und entschieden. Dessen Gestaltung wird wiederum das internationale System prägen. Seemacht kommt also wieder in die Schlagzeilen – spätestens dann auch in Deutschland.
Dieser Beitrag schließt an einen Artikel an, der am 16. November 2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde.
Thomas Speckmann ist Historiker, Politikwissenschaftler und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Potsdam.
Thomas Speckmann










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