Gegenüber Russland ist die Ukraine ein militärischer Zwerg. Trotzdem gelang es dem Land ohne Kriegsschiffe, eine einst mächtige Flotte lahmzulegen.
Während Russlands Offensive im Ukrainekrieg an Land unvermindert anhält und dort in erbitterten Angriffen und Gegenangriffen gekämpft wird, vermochten die ukrainischen Marinekräfte nur durch den Einsatz von mobilen Raketenbatterien, durch Drohnen und Überwasserdrohnen die Offensive der russischen Schwarzmeerflotte zu vereiteln, sie von den ukrainischen Küsten fernzuhalten und sie in die Defensive zu zwingen. Seit 2023 sind die ukrainischen Marinekräfte sogar zu einem offensiven Vorgehen übergegangen. Damit deuten sich grundlegende Veränderungen und neue konzeptionelle Ansätze für eine Seekriegführung in einem Randmeer wie[ds_preview] dem Schwarzen Meer oder der Ostsee an.
Das Schwarze Meer ist ein Randmeer und mit 436 400 Quadratkilometern etwas größer als die Ostsee mit ihren 412 500 Quadratkilometern. Es liegt an der geostrategischen Schnittstelle zwischen Europa und Asien und bildet damit eine Weltregion, in der seit jeher kontinentale, geopolitische, maritime und wirtschaftliche Interessen miteinander verflochten sind. Zu seinen Anrainern zählen Russland, die Ukraine, die NATO-Staaten Bulgarien, Rumänien, die Türkei sowie Georgien, das eine EU-Mitgliedschaft anstrebt.
Auch China verfolgt im Schwarzen Meer wirtschaftliche Interessen, gehört es doch zur maritimen Seidenstraße. So ist China bereits in der Ukraine, in Bulgarien und Georgien an vielen Infrastrukturprojekten beteiligt. Auf Vermittlung der Türkei und der UN konnte im Juli 2022 mit Russland ein sogenanntes Getreideabkommen erzielt werden. Danach erlaubte Russland die Ausfuhr von ukrainischem Getreide und Kunstdünger aus den ukrainischen Häfen Odessa, Tschornomorsk und Juschne entlang eines festgelegten und von Minen freigeräumten Seekorridors. Im Schwarzmeerraum treffen die Interessen von Staaten und multinationalen Organisationen wie UN, NATO und EU aufeinander, was sich auf das dortige Kriegsgeschehen auswirkt.

Im April 2022 wurde der Raketenkreuzer Moskwa versenkt, Foto: US Navy
Verlauf des Seekriegs im Schwarzen Meer
Bei Kriegsbeginn umfasste Russlands Schwarzmeerflotte rund 50 Einheiten. Es waren veraltete sowjetischen Kriegsschiffe sowie drei moderne Fregatten, acht Korvetten und sechs U-Boote der KILO-III-Klasse. Diese Einheiten sind mit weitreichenden Marschflugkörpern des Typs Kalibr ausgerüstet. Am 28. Februar 2022 sperrte die Türkei entsprechend der Konvention von Montreux die Zugänge zum Schwarzen Meer für Kriegsschiffe aus Russland und der Ukraine. Damit konnte die Schwarzmeerflotte nicht mehr verstärkt werden. Zudem erlaubt die Konvention Kriegsschiffen von Nichtanrainern lediglich den Aufenthalt im Schwarzen Meer für 21 Tage.
Gleich bei Kriegsbeginn handelte die Schwarzmeerflotte offensiv. Sie blockierte die ukrainischen Häfen, verminte Hafenzufahrten und Küstenstreifen, besetzte die strategisch wichtige Schlangeninsel und beschoss mit Kalibr-Raketen Hafenanlagen und strategische Ziele an Land, um die Ukraine vom Welthandel abzuschneiden. Zudem bedrohte sie durch mögliche amphibische Operationen die ukrainische Küste in der Region Cherson und Odessa.
Die ukrainische Marine dagegen verfügte nur über wenige Schnell- und Patrouillenboote und war damit der Schwarzmeerflotte weit unterlegen. Ihr fehlten die erforderlichen Seestreitkräfte, um weit draußen auf dem Meer zu operieren. Das Flaggschiff, die Fregatte HETMAN SAHAIDATSCHNYI der KRIVAK-III-Klasse befand sich zur Instandsetzung in der Hafenstadt Mykolajiw, wo es durch die Ukraine selbst versenkt wurde, um den vorrückenden russischen Truppen nicht in die Hände zu fallen.

Mit Flugkörpern vom Typ Neptune wurde die Moskwa versenkt, Foto: Internet
Die operativen Fähigkeiten der ukrainischen Marine beschränkten sich daher vorrangig auf den Küstenschutz mit weitreichenden, mobilen Küstenraketenbatterien mit Seezielflugkörpern der Typen Neptune und Harpoon sowie mit Kampfdrohnen und auf das Verlegen defensiver Minenfelder vor Häfen und Küste gegen mögliche amphibische Landungen. Im April 2022 versenkten zwei Neptune-Flugkörper den Raketenkreuzer MOSKWA, das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte. Die Versenkung bedeutete für die russische Marine vor allem einen beachtlichen Prestigeverlust. Russlands Präsident Putin löste daraufhin den Befehlshaber der Schwarzmeerflotte ab.
Der Verlust der MOSKWA, die Versenkung eines Landungs- und eines Versorgungsschiffs vor der Schlangeninsel sowie die Zerstörung weiterer russischer Schiffe durch die ukrainischen Raketenbatterien zwangen die russische Flotte weit außerhalb der Reichweite der ukrainischen Küstenbatterien und damit außerhalb der Küstengewässer im nördlichen Schwarzen Meer zu operieren. Sie konnte nur noch von dort aus die Blockade der Seeverbindungslinien und den Kalibr-Beschuss gegen strategische Ziele an Land fortsetzen. Damit war sie aus dem Küstenbereich verdrängt worden und mögliche amphibische Landungen somit hinfällig. Der Ukraine war es inzwischen gelungen, ihre mobilen Küstenbatterien weiter auszubauen und Kampfdrohnen vom Typ Bayraktar TB 2 gegen die russische Flotte einzusetzen.
Bereits im Juli eroberte die Ukraine die Schlangeninsel zurück. Ukrainische Kampfdrohnen griffen den Marinefliegerhorst Saky auf der 2014 von Russland annektierten Krim an und vernichteten acht Flugzeuge. Zudem wurde sogar das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte in Sewastopol von ukrainischen Kampfdrohnen zerstört. Danach musste sich die Schwarzmeerflotte in weiter entfernt liegende russische Stützpunkte zurückziehen. So wurden die U-Boote aus Sewastopol abgezogen und nach Noworossisk an der östlichen Schwarzmeerküste in Sicherheit gebracht. Ende Oktober griffen ukrainische Kampfdrohnen und Überwasserdrohnen sogar Sewastopol an und zerstörten dabei einige Schiffe im Hafen.
2023 weitete die Ukraine ihr offensives Vorgehen gegen die Schwarzmeerflotte aus. Dies geschah vor allem durch Drohnenangriffe, mit aus den Westen gelieferten Raketensystemen und mit neu entwickelten Überwasserdrohnen des Typs Sea Baby. Die fünf Meter langen, flachen Überwasserdrohnen besitzen einen 450 oder 850 Kilogramm schweren Sprengkopf mit Aufschlagzünder. Zudem sind die schnellen und flachen Drohnen nur schwer zu entdecken. Mit diesen einfachen und mit Kosten von lediglich 250 000 Euro relativ preiswerten Drohnen gelang es beispielsweise, unweit der Krim einen russischen Flottentanker und eine Korvette schwer zu beschädigen. Mit einer Drohne (850 kg Sprengstoff) wurde im Juli 2023 die Brücke von Kertsch beschädigt, wobei ein Stück der Fahrbahn abgesackt war. Bei weiteren Angriffen auf die Hafenanlagen von Sewastopol konnten eine Korvette, ein Patrouillenschiff, ein Landungsschiff und ein U-Boot beschädigt werden. Ein auf der Krim stationiertes russisches Raketenabwehrsystem vom Typ S-400 wurde mit amerikanischen Raketen vom Typ ATACMS ausgeschaltet. Ende September 2023 gelang es der Ukraine nach eigenen Angaben sogar, das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte in Sewastopol, in dem der Kommandeur der Flotte mit über 35 Offizieren gerade eine Besprechung abhielt, mit britischen Raketen vom Typ Storm Shadow schwer zu beschädigen. Dabei wurden 34 Offiziere getötet und 105 Offiziere und Soldaten verletzt.

Drohne TB 2 der ukrainischen Marine, Foto: Армія Інформ
Überlegungen zur Seekriegführung in einem Randmeer
Insgesamt hat der Kriegsverlauf im Schwarzen Meer bislang gezeigt, dass es der ukrainischen Marine mit ihren Küstenbatterien, Raketenangriffen und Kampfdrohnen taktisch und operativ gelungen ist, die russische Flotte aus den ukrainischen Küstengewässern zu verdrängen und sie in die Defensive zu zwingen. Letztlich hat ein Land ohne Kriegsschiffe eine einst mächtige Flotte lahmgelegt. Die Erkenntnisse aus dem Seekriegsgeschehen im Schwarzen Meer werden in der NATO sorgfältig ausgewertet. Der stellvertretende Oberbefehlshaber der NATO in Europa, der britische Admiral Keith Blount, bemerkte, die Ukraine habe auf „geniale Weise“ neue Fähigkeiten im Seekrieg eingesetzt. Früher habe man unbemannte Systeme in Ergänzung zu bestehenden Fähigkeiten entwickelt. Jetzt aber habe man erstmals mit Systemen zu tun, die „an die Stelle einer Fregatte oder eines Hubschraubers treten könnten“, zumindest in relativ begrenzten Gewässern wie dem Schwarze Meer.
NATO-Streitkräfte im Schwarzen Meer
Seit 1997 fanden die jährlichen maritimen NATO-Großmanöver der Sea-Breeze-Serie im Schwarzen Meer statt, um Sicherheit, Stabilität und Frieden in diesem Raum zu stärken. Das letzte Sea-Breeze-Manöver startete 2021, die Ukraine war dabei Host Nation und stellte den Hafen Odessa als Marinestützpunkt für die beteiligten Einheiten zur Verfügung. Doch 2022 hat die NATO das Großmanöver wegen des Ukrainekriegs abgesagt, um nicht in das Kriegsgeschehen verwickelt zu werden und eine mögliche Eskalation zu vermeiden. Im Juli 2022 beteiligten sich allerdings 24 Schiffe und Boote von zehn NATO-Staaten an der bulgarischen Übung Breeze. Die Übung wurde allerdings im Süden des Schwarzen Meeres vor Bulgarien, also weit entfernt von der Ukraine, durchgeführt. Seitdem beschränken sich vor allem US-Kriegsschiffe auf gelegentliche Freedom-of-Navigation-Operationen im Schwarzen Meer. Sie treten dort für freie, offene und sichere Seeverbindungswege ein, die für den Seehandel Europas und der Welt unerlässlich sind. Von Rumänien aus überwacht die NATO mit Eurofightern den Luftraum über dem Schwarzen Meer. Die Flugzeuge werden dort im Rahmen der Enhanced-Air-Policing-Mission eingesetzt. Diese Mission wurde 2014 als Reaktion auf die russische Annexion der Krim etabliert. Auch deutsche Eurofighter haben hieran schon teilgenommen. Erfassen die NATO-Radare über dem Schwarzen Meer ein Flugzeug, das ohne Transponder operiert oder sich verdächtig verhält, steigen die NATO-Kampfflugzeuge auf, um unbekannte Flugzeuge im internationalen Luftraum abzufangen. Dabei ist es schon zu Zwischenfällen gekommen. So beschädigte im März 2023 ein russisches Kampfflugzeug vom Typ Su-27 den Propeller einer amerikanischen Reaper-Drohne auf ihrem Überwachungsflug. Die Drohne musste kontrolliert zum Absturz ins Meer gebracht werden. Im Mai 2023 führte ein russisches Kampfflugzeug vom Typ Su-35 „aggressive und gefährliche“ Manöver in unmittelbarer Nähe eines polnischen Flugzeugs aus, das dadurch an Höhe verlor und in Rumänien notlanden musste.
Dieter Stockfisch










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