Demonstrator Enforcer III, Abbildungen: Saab

Demonstrator Enforcer III, Abbildungen: Saab

Saab setzt auf autonome Systeme

Künstliche Intelligenz und verbesserte Datenübertragung ermöglichen in naher Zukunft den Einsatz von autonomen Systemen auf See. Das zunehmende Problem einer unzureichenden Gewinnung von qualifiziertem Personal fördert diese Entwicklung.

In einem Interview Anfang 2024 äußerte sich der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan C. Kaack, zur Seekriegsführung in der Ostsee: „Wie richten wir uns auf die Zukunft in diesem Gefechtsfeld ein? In unserem Kurs Marine 2035+ gehen wir gerade für solche Gegner in Küstennähe, mit hoher Bedrohung, geringen Distanzen und in einem komplexen Umfeld, auf unbemannte Systeme […]. Und dann haben wir viele kleine Einheiten, wir nennen das Future Combat Surface System, das mit anderen Einheiten im Verbund agieren kann und […] ein Dilemma zum Gegner bringt, anstatt auf das Dilemma zu warten.“[ds_preview]

Was folgern wir aus dieser klaren Vision? Der Soldat als wertvollstes Element in der militärischen Kriegsführung sollte wo immer möglich aus dem Gefecht herausgezogen werden. Autonome oder ferngesteuerte Fahrzeuge können hierbei helfen. Unbemannte Systeme und Plattformen bieten eine Reihe von Vorteilen, vor allem für Länder, die eine lange Küstenlinie zu schützen haben. Sie reduzieren einerseits das Risiko für die Soldaten im Einsatz und schaffen andererseits die Möglichkeit, deutlich längere und durchgehende Einsatzzeiten zu erreichen sowie auch bei Seegangsverhältnissen operieren zu können, die für den Menschen stark belastend sind. Last but not least senken sie damit auch signifikant die Betriebskosten.

Um einen Gegner als solchen erkennen zu können, ist ein umfassendes und kontinuierlich aufdatiertes, dreidimensionales Lagebild from sea bottom to space vonnöten. Dies gilt bereits im Friedens- und Krisenfall, also weit vor einer kriegerischen Auseinandersetzung. Wer weiß, dass er im Fokus ist, verhält sich anders.

Im Rahmen des EU-finanzierten Verteidigungsforschungsprojekts Ocean 2020 wiesen bei der Baltic Sea Live Demonstration im August 2021 zahlreiche europäische Firmen, Forschungsinstitute und Verteidigungsministerien ihre Fähigkeiten zur autonomen Luft- und seegestützten Lagebilderstellung nach. Ziel der Livedemonstration vor der südschwedischen Küste war es unter anderem, die Fähigkeiten von 13 verschiedenen unbemannten Fahrzeugen – darunter vier von Saab – als auch die zugehörigen Kommunikations- und Kontrollprozesse sowie die Interoperabilität der Beteiligten zu demonstrieren.

Mit Unterstützung der schwedischen Streitkräfte war Saab federführend bei der Demonstration von zwei militärischen Szenarien. Den Kern von Szenario eins bildete das kombinierte Überwachen, Abfangen und Bekämpfen mehrerer unbemannter Überwasserbedrohungen, die sich mit hoher Geschwindigkeit wichtiger Infrastruktur an der eigenen Küste näherten. Saab war mit seinen ferngelenkten Booten ENFORCER III und PIRAYA im Einsatz. Ihre Aufgabe war es, die Eindringlinge abzufangen, mittels ihrer Radar- und optischen Sensoren Informationen über den Gegner zu sammeln sowie Klassifizierungs- und Identifizierungsdaten zu gewinnen. Diese sollten dann in ein umfassendes maritimes Lagebild einfließen, welches wiederum genutzt wurde, um die Bekämpfung der Gegner einzuleiten.

Auf dem Hauptmast des Enforcer III findetsich das X-Band-Radar Sea Giraffe, Abbildungen: Saab

Auf dem Hauptmast des Enforcer III findet sich das X-Band-Radar Sea Giraffe, Abbildung: Saab

Der Schwerpunkt von Szenario zwei lag auf dem Erkennen und Identifizieren von Unterwasserbedrohungen wie Seeminen oder Sprengfallen, die von einem U-Boot auf dem Seeverbindungsweg gelegt wurden. Das feindliche U-Boot wurde durch Saabs AUV 62-AT simuliert. Der ENFORCER III stellte mit seinem ferngesteuert ausgebrachten und geschleppten DeepVision Side Scan Sonar den maßgeblichen Unterwassersensor, der aggressive U-Boot-Aktivitäten feststellte. Auf dem Track des U-Boots wurde anschließend gezielt nach minenähnlichen Kontakten gesucht. Mit Saabs Sea Wasp wurden diese sodann identifiziert und neutralisiert.
Während der Operation suchte und verfolgte Saabs AMB-Radar Giraffe von Land aus die Luft- und Seeziele im Küstenvorfeld, während das Combat Management System 9LV alle Informationen in der Luft sowie über und unter Wasser sammelte und einen umfassenden Lageüberblick lieferte.

In der Zusammenfassung erreichte die Übung Ocean 2020 während der Livephase in der Ostsee alle operativen, technischen und Kooperationsziele, insbesondere durch fortschrittliche Daten- und Informationsfusionstechniken für kürzere Entscheidungszeiten im Führungs- und Waffeneinsatzsystem. So konnte die einzigartige Fähigkeit zur Vernetzung von autonomen und ferngelenkten Systemen in der Luft sowie auf und unter Wasser unter Beweis gestellt werden.

Weiterentwicklung der Autonomie

Aufgrund des zu erwartenden Interesses verschiedener Marinen setzte Saab die Entwicklung des ENFORCER III nach Abschluss dieses EU-Programms fort. Es geht darum herauszufinden, ob ein normales Kampfboot als unbemannte Nachrichten-, Überwachungs- und Aufklärungsplattform weit abgesetzt und länger andauernd verwendet werden kann. Das Combat Boat 90 in seiner Ausrüstung als ENFORCER III hatte sich bereits bewährt, sodass sich die Ingenieure auf Autonomie und Sensorpakete konzentrieren konnten, anstatt sich um das Boot selbst noch kümmern zu müssen.

Dazu wurde das Boot mit einem System aus Navigation, Kommunikation, Kameras und Lasern zum Manövrieren ausgestattet, womit es ohne Besatzung betrieben werden kann. Für den operativen Aufklärungseinsatz wurden Radar- und elektrooptische Sensoren installiert. Als Waffe kann bei Bedarf die Remote Weapon Station Trackfire auf das vorhandene Fundament integriert werden. Der ENFORCER wurde in die schwedischen Überwasserstreitkräfte integriert und als abgesetzte Überwachungs- und Aufklärungsplattform weit entfernt vom Mutterschiff in gemeinsamen Versuchen mit Saab in der südlichen Ostsee erprobt. Aus Sicherheitsgründen befand sich während der Tests eine Notbesatzung an Bord, aber die Operationen des Bootes wurden von der schwedischen Korvette NYKÖPING aus ferngelenkt. Der ENFORCER übermittelte seine entdeckten Ziele zum Mutterschiff, das selbst in radar silence blieb.
In einem weiteren Test wurde erprobt, wie sich ein ENFORCER in einem stark befahrenen Seegebiet ferngelenkt oder gar autonom betreiben lässt. Dies wurde auf einem Transit von Göteborg an Schwedens Westküste nach Karlskrona an der Südküste nachgewiesen. Die insgesamt 350 Seemeilen lange Strecke wurde in zwei Etappen bewältigt. Der Öresund mit seinem dichten Seeverkehr war für die Steuerungssoftware trotz einer Transitgeschwindigkeit zwischen 30 und 40 Knoten kein Problem. Bis auf wenige Nahbereichssituationen, die ferngesteuert aus Karlskrona bewältigt wurden, erfolgte der gesamte Transit entlang der vorgeplanten Route völlig autonom. Die Notbesatzung musste zu keiner Zeit in die Steuerung eingreifen. Aus Kostengründen erfolgte die Fernsteuerung und Überwachung über das küstennahe 4G/5G-Netz. Eine andere denkbare Option ist die Nutzung von Satellitenkommunikation.

Das USV Piraya ist ein unbemanntesÜberwasserfahrzeug für Überwachungsund Aufklärungszwecke, Abbildung: Saab

Das USV Piraya ist ein unbemanntes Überwasserfahrzeug für Überwachungsund Aufklärungszwecke, Abbildung: Saab

Blick in die Zukunft

Die unbemannte Technologie befindet sich in einer raschen Weiterentwicklung, und es gibt Überlegungen, künftig schwedische Korvetten-Einsatzgruppen mit einer Kombination von bemannten und unbemannten Plattformen einzusetzen. Das unbemannte Tochterschiff macht die bemannte Korvette effizienter und verringert die Risiken für Mutterschiff und Personal.

Die Deutsche Marine hat mit ihrer Vision Kurs 2035+ ebenfalls dargelegt, dass der Verbund aus bemannten und unbemannten Seekriegsmitteln und die Abstützung auf künstliche Intelligenz der absehbare Zukunftstrend ist. Dies wird deutlich in der Forderung nach kleinen, selber schwer aufzuklärenden, aber kampfkräftigen und fernsteuerbaren Booten mit umfassender Sensorik für Luft-, Überwasser- und Unterwasseraufklärung, die im Küstenkampf eine wesentliche Rolle spielen sollen. Sie werden Future Combat Surface System genannt.

Sea Wasp wurde entwickelt, um IEDs erfolgreich zulokalisieren, zu identifizieren und zu neutralisieren, Abbildung: Saab

Sea Wasp wurde entwickelt, um IEDs erfolgreich zu
lokalisieren, zu identifizieren und zu neutralisieren, Abbildung: Saab

Um auch im Friedensbetrieb regelkonform am Seeverkehr teilnehmen zu können, müssen diese Einheiten allerdings auch über Unterbringungskapazitäten für eine Minimalbesatzung verfügen. Ihre Größe wird dadurch nicht unerheblich mitbestimmt. Zudem bestimmen die gewünschte Bewaffnung und Sensorik die Verdrängung. Daraus wiederum ergeben sich die bestimmenden Signaturparameter.

Diese Annahmen vorausgesetzt, bietet sich eine rund 40 Meter lange und 200 Tonnen verdrängende Einheit auf Basis der schwedischen VISBY-Klasse an. Sie ist mit derselben Technologie wie der ENFORCER autonom und fernsteuerbar zu betreiben. Allerdings nimmt der Aufwand für die Fernsteuerung größerer Einheiten mit zunehmender Komplexität exponenziell zu. Gleichwohl hätte ein solcher Schiffstyp wegen seiner gewichtssparenden Sandwichbauweise mit kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff eine geringere Verdrängung und ist zugleich ausgesprochen signaturarm hinsichtlich Radarquerschnitt, Infrarot, Magnetik und Druck. Zudem ist ein solches Boot modular mit aktiven und passiven Sensoren sowie verschiedenen Effektoren wie Kanone, Torpedo, See-, Land- und Luftziel-FK ausrüstbar.

Abbildung: Saab

Abbildung: Saab

Im Zusammenwirken mit dem ENFORCER als vorgeschobene unbemannte Aufklärungseinheit für das Luft-, Über- und Unterwasserlagebild ergibt sich somit eine synergetische Gesamtsituation von besonderem Wert im Küstenvorfeld und für die gesamte Ostsee.

Stetig voranschreitender technischer Fortschritt, rasant ansteigender Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie begrenzte Verfügbarkeit von Personal erzwingen im militärischen Kontext geradezu den Einsatz von ferngelenkten Waffensystemen als konsequente und notwendige Fortschreibung strategischer Überlegungen. Anhand von Trainingsmissionen wie Ocean 2020 und den damit verbundenen Operationen wurde aufgezeigt, dass der Einsatz unbemannter Systeme bereits heute möglich ist und auf dem Gefechtsfeld der Zukunft eine entscheidende Rolle spielen kann und wird.

Das AUV 62-AT kann ein realesU-Boot in einer Vielzahl von Trainingsszenarien ersetzen, Abbildung: Saab

Das AUV 62-AT kann ein reales U-Boot in einer Vielzahl von Trainingsszenarien ersetzen, Abbildung: Saab

Nicht zuletzt deshalb fordern Militärstrategen mit zunehmendem Nachdruck, die Kampfverbände der Zukunft frühzeitig um autonome und fernlenkbare Systeme in den Rollen Aufklärung sowie Kampf zu erweitern, um im Gefecht erfolgreich bestehen zu können.

Bernd-Peter Rahner

Künstliche Intelligenz und verbesserte Datenübertragung ermöglichen in naher Zukunft den Einsatz von autonomen Systemen auf See. Das zunehmende Problem einer unzureichenden Gewinnung von qualifiziertem Personal fördert diese Entwicklung.

25. Juli 2024 | 0 Kommentare

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