Oft wurde bemängelt, dass die Korvetten in Warnemünde eine höhere Verfügbarkeit haben sollten. Mit einem innovativen Pilotprojekt konnten Marine, Beschaffungsamt und Marinearsenal Abhilfe schaffen.
Im Jahr 2020 wurde im Auftrag des Generalinspekteurs der Bundeswehr das Pilotprojekt „Sofortprogramm Einsatzbereitschaft – Auftrag Sofortinstandsetzung Marine“ aus der Taufe gehoben. Ziel war die Steigerung der Einsatzbereitschaft der Korvetten am Standort Warnemünde und im Einsatz. Gleichzeitig sollte eine spürbare Entlastung des Marinearsenals (MArs) erreicht werden, um die eigenen Kräfte besser auf die Instandsetzung in den Werkstätten konzentrieren zu können.
Die Herausforderungen bei der Sofortinstandsetzung liegen in den unterschiedlichsten Bereichen. So musste das Marinearsenal, geografisch denkbar weit entfernt, von Wilhelmshaven, aus Unterstützungsleistungen im Bereich der Navigation, der Waffen und der Sensoren erbringen. Selbst Kleinstaufträge wie Schweißarbeiten und Instandsetzungen an Druckanlagen mussten aufwändig per Ausschreibung an die Industrie vergeben werden. Das kostete Zeit, die nicht nur im Marinearsenal, im Vertragswesen oder beim Transit auf der Straße, sondern vor allem zu Lasten der Verfügbarkeit der Korvetten verloren ging.[ds_preview]
Konstruktion des Projekts
Schnell wurde klar, dass das Vorhaben nur in enger Verzahnung zwischen Marine, dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und dem Marinearsenal zum Erfolg geführt werden kann. Die gemeinsam abgestimmte Vorgehensweise sah vor:
- Durchführung im Zeitraum Anfang August 2020 bis Ende Januar 2021
- Abstützung auf die drei bekannten Säulen Personal, Material und Ausbildung
Das Personal stellte die größte Herausforderung dar und bestimmte maßgeblich den Zeitpunkt des Projektstarts. Zu Lasten des Marinearsenals in Wilhelmshaven wurden Dienstposten nach Warnemünde verlegt und nach und nach mit Personal aus der Region besetzt.
Zusätzlich mussten die alten Werkstätten in Warnemünde wieder neu ausgestattet werden. Das verlief fast geräuschlos, weil sich das neue „Team Warnemünde“ von vornherein auf das Zusammenwirken mit den Kameraden aus der Systemunterstützungsgruppe des 1. Korvettengeschwaders verlassen konnte.
Zum Material gehört auch der so genannte Marine MArs Maintenance Channel (M3C), eine satellitengestützte Möglichkeit der Fernunterstützung per Videotelefonie. Diese hat sich gerade unter Pandemiebedingungen, die das Reisen der Instandsetzungsteams in die Einsatzgebiete erheblich erschwerten oder unmöglich machten, hervorragend bewährt (siehe MF 6-2021, S. 14).
Im Bereich der Ausbildung wurde im Zusammenwirken mit den beiden Einsatzflottillen ein Fortbildungsprogramm aus der Taufe gehoben. Das Programm bereitet sowohl das Bordpersonal künftiger Einsatzeinheiten als auch Personal der Systemunterstützungsgruppen in den Werkstätten des Marinearsenals gezielt auf die Instandsetzung von einsatzwichtigen Geräten und Anlagen vor.
So melden die Bordkommandos einerseits den Bedarf an und andererseits schlagen die Werkstattleiter gezielt Ausbildungsanteile vor, die sich aus der Erfahrung vergangener Einsätze ergeben haben. Diese Fortbildung ist neben der normalen Instandsetzung in den Werkstätten naturgemäß nur sehr begrenzt zu leisten, und so bleibt der Fokus streng auf Einsatzeinheiten ausgerichtet. In enger Abstimmung mit der Marinetechnikschule in Parow wird dieser Ausbildungsbedarf dort später evaluiert und zielgerichtet in die Regelausbildung überführt.
Wer in der Ausbildung tätig war, weiß, dass man die Früchte der Ausbildung lange reifen sehen muss, bevor man sie ernten kann. Ganz frisch stellten sich aber die ersten Erfolge ein: Beispielsweise bewies das Bordkommando auf dem Einsatzgruppenversoger BERLIN, dass es dank der gezielten Fortbildung ganz ohne fremde Hilfe eine Radarinstandsetzung durchführen konnte.
Unterstützung regionaler Betriebe
Noch länger muss man bekanntlich warten, bis Verträge geschlossen werden können. Um den zeitaufwendigen Ausschreibungen von Kleinstaufträgen entgegenwirken zu können, haben sich Teile des Marineunterstützungskommandos und dem BAAINBw in einem kleinen Team zusammengefunden. Die ersten sieben Rahmenverträge sind mittlerweile geschlossen, um Handwerksbetriebe aus der Region direkt zu beauftragen. Sie entfalten ihre Wirkung, indem Aufträge, die nicht vom Team Warnemünde erledigt werden können, nun schnell und direkt beauftragt werden.
Daneben stellen dringend benötigte Ersatz- und Austauschteile eine besondere Herausforderung dar, die oft mangels Verfügbarkeit erhebliche Auswirkungen auf die Einsatzfähigkeit der Korvetten haben. Hier sind in enger Zusammenarbeit Pakete geschnürt worden, die jetzt beschafft werden.
Wie aber lässt sich der Erfolg des sechs Monate dauernden Pilotprojekts messen? Schauen wir zunächst auf die insgesamt 72 Instandsetzungsaufträge, die das Marinearsenal in dieser Zeit erreicht haben und die zuvor nicht durch die Systemunterstützungsgruppe abgearbeitet werden konnten.
Messbare Erfolge
| Marinearsenal Warnemünde | |
| Durchschnittliche Dauer bis Auftragsabschluss 2020/21 | 2,7 Tage |
| Durchschnittliche Dauer bis Auftragsabschluss 2019 | 11,5 Tage |
Der Erfolg liegt hier vor allem im Nutzwert einer schnellen Reaktionszeit, da Aufträge nun schneller begonnen und fertiggestellt werden können.
Die nachfolgende Aufzählung verdeutlicht durch eine Hochrechnung, wieviel Zeit Instandsetzungsaufträge, die im Pilotzeitraum in Warnemünde bearbeitet wurden, in Anspruch genommen hätten, wenn sie stattdessen in Wilhelmshaven oder durch ein Fremdunternehmen bearbeitet worden wären. Es zeigt sich eine eindeutig schnellere Bearbeitung durch das Team am Liegeplatz Warnemünde. Dies begründet sich vor allem durch die kürzeren Rüstzeiten.
- 11 Aufträge, die das Team Warnemünde in insgesamt 36 Tagen an der 76-Millimeter-Kanone des Herstellers Oto-Melara fertigstellte, hätten bei einer Bearbeitung mit Kapazitäten des Standorts Wilhelmshaven 69 Tage in Anspruch genommen.
- 31 Aufträge, die das Team Warnemünde in insgesamt 76 Tagen an Rohrleitungen, Kühlanlage, Schallsignalanlage oder Querschubanlage fertigstellte, hätten bei einer Bearbeitung durch ein Fremdunternehmen 226 Tage in Anspruch genommen.
Der Einsatz des M3C zeigte, dass aufgrund der wegfallenden Reisetätigkeit doppelt bis dreifach so schnell reagiert werden konnte. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass manche Instandsetzungen unterbleiben mussten, weil Mitarbeiter des Marinearsenals pandemiebedingt nicht reisen konnten und der M3C zur Lösung des Problems nicht ausreichte, was direkt zu operativen Einschränkungen auf den Schiffen führte. Nicht alles lässt sich per Fernunterstützung lösen.
Erfreulich ist zudem, dass sich im direkten Gegensatz dazu die operative Einsatzbereitschaft aller Korvetten im Zeitraum des Pilotprojekts signifikant messbar erhöht hat. Sogar die „Kundenzufriedenheit“ wurde ermittelt und fällt, wenig überraschend, für alle Beteiligten durchweg positiv aus.
So ist auch das Resümee ausgesprochen positiv. Bei allen Unwägbarkeiten im Verlauf des Pilotprojekts wurde vor allem eines deutlich: Nur im gemeinsamen Wirken von Marine und Marinearsenal lassen sich Erfolge erzielen und das kann – wie in diesem Fall – auch gerne mal schnell gehen! Am Ende eines Pilotvorhabens stellen sich berechtigterweise die Fragen: Was bleibt? Und: Wie geht es weiter?
Ausblick
Die Mitarbeiter des Marinearsenals in Warnemünde konnten dauerhaft gewonnen werden, was wohl das größte Pfund ist, mit dem man sprichwörtlich wuchern kann. Dieses Erfolgsmodell sollte durch einen weiteren Ausbau in Warnemünde an den gestiegenen Bedarf von fünf auf bald zehn Korvetten angepasst und dem bedarfsgerechten Aufbau vergleichbarer Instandhaltungsfähigkeiten und -kapazitäten des Arsenals folgend – auch auf Wilhelmshaven und Kiel einschließlich Eckernförde übertragen werden.
Hierzu ist bereits ein wichtiger Schritt getan, denn das Bundesministerium der Verteidigung hat für 2021 bereits ein Bündel weiterer Maßnahmen beauftragt. Das Marinearsenal trägt auch diesmal dazu bei und wird das Warnemünder Modell zunächst mit dem Fokus auf Kiel fortführen können – gemeinsam mit dem BAAINBw und der Marine, die auch hier wieder die Federführung übernommen hat.
Die Fortbildung in den Werkstätten wird unter dem Titel „Professionalisierung des Technischen Personals“ verstetigt und für Einsatzeinheiten fortgeführt. Die Erkenntnisse werden, wie zuvor bereits skizziert, in die Regelausbildung der Marinetechnikschule Parow einfließen können.
Notwendige, weiterführende Ausbildungsabschnitte im Rahmen von Industrielehrgängen wurden seitens des Marineunterstützungskommandos identifiziert und werden ausgeplant. Schließlich werden die derzeit noch virtuellen Ersatzteilpakete hoffentlich bald ihren Weg in die Depots und nach Warnemünde finden.
Autoren: Leitender Direktor Marinearsenal Rainer Sacher ist Leiter des Marinearsenals und Kapitän zur See Karsten Knecht ist Teil der Leitung Marinearsenal.










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