Entwurf des Teams Deutschland

Entwurf des Teams Deutschland

Schnelle Boote, langsame Beschaffung

1. Juli 2021 | Magazin, Streitkräfte | 0 Kommentare

Noch immer warten die Soldaten von Seebataillon und KSM auf eine Entscheidung der Politik über den Kauf neuer Kampfboote. Dabei ist deren Wert unwidersprochen.

Hans-Uwe Mergener

Zur mehrdimensionalen Seekriegführung gehören amphibische Operationen. Unabdingbare Voraussetzung hierfür ist die Verfügbarkeit geeigneter Verbringungsmittel für die Soldaten. Einsatzfahrzeuge für das Seebataillon und das Kommando Spezialkräfte der Marine (KSM) stehen daher schon seit Langem auf dem Wunschzettel des Marinekommandos. Doch wie bei anderen aktuellen Beschaffungsvorhaben der Bundeswehr auch, passiert hier gegenwärtig wenig. Grund genug, dass sich das marineforum mit dem Stand der Dinge beschäftigt.[ds_preview]

Der Bedarf ist im Grunde seit 2002 anerkannt. Küstenvorfeldüberwachung, der seeseitige Schutz maritimer Anlagen (harbor protection), taktische Mobilität über See und Evakuierungen über See finden sich in den konzeptionellen Grundlagen der Streitkräfte. Taktische Mobilität über See bezeichnet die Anlandefähigkeit für infanteristische Kräfte, also die Verbringung von Einsatzgruppen an Land – auch über größere Distanzen. Evakuierungen über See sprechen im Rahmen von Operationen zur Evakuierung aus krisenhaften Lagen im Ausland im Grunde dasselbe an, unterscheiden sich jedoch in Zielsetzung und Transportaufwand. Beide Fähigkeiten müssen nicht zwangsläufig nur von den Marineeinsatzkräften, also vom Seebataillon und dem KSM erbracht werden. Zu den abzuleitenden operativen Anforderungen an ein solches Einsatzmittel gehören Wendigkeit, Schutz und eigene Feuerkraft sowie die Begrenzungen in Bezug auf Größe und Gewicht. Auch Mobilitätskriterien wie die Eignung zum Straßen- und Lufttransport werden bei der Auswahlentscheidung eine Rolle spielen. Schließlich werden aus der im Februar 2016 unterzeichnete Absichtserklärung zur schrittweisen Integration des Seebataillons in die Königlich Niederländische Marine weitere Forderungen resultieren.

Nun sollte man doch meinen, eine derartige zwischenstaatliche Verabredung brächte die Dinge ins Rollen. Im Zusammenwirken des Seebataillons mit dem niederländischen Korps Mariniers könnte das Beschaffungsprogramm für Kampf- und  Einsatzboote dazu beitragen, die Ernsthaftigkeit des deutschen Partners an der bilateralen Kooperation zu untermauern und sein Interesse, zusammen mit dem Nachbarland amphibische Teilfähigkeiten bereitzustellen, bekräftigen.

Doch von einer Priorisierung bei der Beschaffung war zunächst einmal nichts zu sehen. Der Parlamentarische Staatssekretär Thomas Silberhorn beantwortet am 5. September 2018 eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Christian Sauter so: „Die Bundeswehr plant derzeit keine sogenannten Sturm- oder Landungsboote aus. Gleichwohl befindet sich aktuell und für die kommenden Jahre, beginnend ab dem Jahr 2019 bis etwa 2025, eine Anzahl unterschiedlicher kleinerer Boote in der Projektplanung. Diese sind für die Spezialisierte Kräfte der Marine sowie für die Spezialkräfte der Bundeswehr mit unterschiedlichen (Einzel-)Fähigkeiten für verschiedenste Aufgaben vorgesehen.“

Damit blieb es bei Absichtsbekundungen und beim bekannten Status quo. Das Seebataillon verwies auf die Fähigkeitslücke. Im Interview mit dem marineforum (Heft 6-2021) unterstrich dessen Kommandeur, Fregattenkapitän Norman Bronsch, die Notwendigkeit des maritimen Verbringungsmittels für die Küsteneinsatzkomponente des Seebataillons. Zurzeit sei er „in Gänze“ auf den niederländischen Partner angewiesen.

Derweil haderten die Kampfschwimmer ebenfalls mit ihrem Verbringungsmittel. Der fällige Ersatz ihrer gebeutelten Verbringungsmittel schaffte es zur Schlagzeile im Tagesspiegel: „Bundeswehr-Schlauchboote für Eliteeinheit werden knapp“. Die (europaweite) Ausschreibung von neun Festrumpfschlauchbooten (RHIB) H 1010 für das Projekt „Taktische Mobilität auf dem Wasser – See“ endete im Juli 2020. Sie umfasste auch Abrufleistungen von bis zu zwölf weiteren baugleichen Booten. Noch immer jedoch ist das Vergabeverfahren nicht abgeschlossen. Erst mit der parlamentarischen Behandlung, die am 23. Juni und damit erst nach Redaktionsschluss vorgesehen ist, können bei einem positiven Verlauf Verträge geschlossen werden. Danach könnte die Beschaffung dieser Festrumpfschlauchboote als erstes Projekt des im Sommer 2020 im BAAINBw aufgestellten Referates S4.4 umgesetzt werden.

FCC 17 von Fassmer

FCC 17 von Fassmer

Taktische Beweglichkeit

Im Januar 2021 kam es zur Zeichnung des CPM-Phasendokuments „Fähigkeitslücke und Funktionale Forderung (FFF)“ zum Projekt „Taktische Beweglichkeit maritimer Einsatzkräfte auf dem Wasser“. Dabei geht es um insgesamt fünfzehn Einheiten – zehn für das Seebataillon und fünf für die Kampfschwimmer. Den Hinweis auf die bestehende Fähigkeitslücke der seegestützten Mobilität des Seebataillons erwidert Staatssekretär Thomas Silberhorn im Mai 2021 im Deutschen Bundestag: „Ergänzend zur seegestützten Mobilität des Seebataillons soll daher im Zeitraum 2021 bis 2027 ein Fähigkeitsaufwuchs für eine eigenständige ‚Taktische Beweglichkeit Maritimer Einsatzkräfte auf dem Wasser‘ mit zehn Mehrzweckkampfbooten für das Seebataillon umgesetzt werden.“

Allerdings: Ein solches Beschaffungsvorhaben ist, zumindest im öffentlichen Teil des Verteidigungshaushalts, nicht explizit abgebildet, kann jedoch Teil des Titels 1405/554 12-032 – „Beschaffung von Schiffen, Betriebswasserfahrzeugen, Booten, schwimmendem und sonstigem Marinegerät“ – sein. Hier sind Verpflichtungserklärungen in Höhe von 524 Millionen Euro für 2021 und 360 Millionen Euro für 2022 ausgeworfen.

Genaue Preise werden von den Produzenten nicht genannt. Als Anhaltswerte können die Summen herangezogen werden, die andere Marinen veröffentlicht haben. So zahlte die finnische Marine für ihre zwölf Jehu-Kampfboote rund 34 Millionen Euro, womit der Stückpreis bei 2,8 Millionen Euro liegt. Schweden beschaffte kürzlich 18 CB 90 für umgerechnet 39,7 Millionen Euro – Stückpreis 2,2 Millionen Euro. Die Schweiz veranschlagte für die Beschaffung von 14 Patrouillenbooten 16 (Watercat 1250 Patrol von Marine Alutech) knapp 45 Millionen Euro – 3,2 Millionen Euro pro Boot.

Eine aktuelle Anfrage des marineforum hat ergeben, dass seit Zeichnung des CPM-Phasendokuments keine weiteren Aktionen eingeleitet wurden. Womöglich klemmt es beim nächsten Schritt innerhalb des CPM, der Erarbeitung und Auswahl materieller Lösungsalternativen, also bei der Auswahlentscheidung. Aus vielerlei Gründen empfiehlt sich auf Linie statt Klasse zu setzen. Baugleiche Einheiten erleichtern nicht nur die Ausbildung des Funktions- und Wartungspersonals sowie die Instandhaltung und bringen Vorteile in der Logistik. Ein größerer Fuhrpark ermöglicht zudem Redundanzen. Vielleicht liegen die Verzögerungen auch daran, dass die operativen Anforderungen von Seebataillon und Kampfschwimmern nicht in Einklang zu bringen sind.

FIB 25 von Lürssen

FIB 25 von Lürssen

Marktübersicht

Die Marine hatte nach einer Marktsichtung das Combat Boat 90 (CB 90) von der zum Rüstungskonzern Saab gehörenden Dockstavarvet ins Visier genommen. Im bereits erwähnten Interview mit dem marineforum machte der Kommandeur des Seebataillons aus seiner Präferenz kein Geheimnis: „Wir haben mit diesen Booten bereits 2016 bei [der NATO-Übung] Baltops gearbeitet. Sie wären aus meiner Sicht definitiv ein sehr geeigneter Kandidat für die Marine und die Bundeswehr.“ Auf einer Veranstaltung des Seebataillons im September 2019 begeisterte das Watercat M 18 AMC von Marine Alutech, auch als Jehu-Klasse bezeichnet, die Teilnehmer. Die Boote des finnischen Herstellers wurden in der Schweiz eingeführt (s. marineforum 12-2019).

Auf dem Markt tummeln sich weitere Wettbewerber. Zu den Exoten zählt das BK-16 des russischen Herstellers Kalaschnikow, ein Zwanzig-Tonnen-Boot mit 16,45 Meter Länge. Mit seinen beiden Motoren von 780 PS erreicht es maximal 45 Knoten. Seine Seeausdauer soll einen Tag betragen, die Reichweite 400 Seemeilen. Neunzehn ausgerüstete Kämpfer können transportiert werden.

Lürssen kann mit zwei Bootstypen unterschiedlicher Größe aufwarten. Die 25 Meter lange Klasse FIB 25 ist bei der Royal Brunei Navy im Einsatz. HSI 1700 ist ein ebenfalls verfügbares Design, das in hoher Stückzahl gefertigt wurde.

Bei Fassmers FCC 17 Alligator handelt es sich um ein schnelles Kampfboot von 17 Metern Länge, das im Airbus A 400M luftverlastbar ist. Neben einer zwei Mann umfassenden Besatzung können 24 Personen verbracht werden.

Ebenfalls zum Transport in einer A 400M geeignet ist der Entwurf von „Team Deutschland“, dem Zusammenschluss von Hagenuk Marinekommunikation, Hensoldt Sensors, Tamsen Maritim und Plath.

Nach jetziger Lesart schaffen Kampf- und Einsatzboote den in der Konzeption der Bundeswehr niedergelegten Fähigkeitsgewinn. Mit ihnen ließe sich begrenzt amphibisch wirken bis hin zur Option, deutsche Staatsbürger auch unter Bedrohung zu evakuieren. Das Kampf- beziehungsweise Einsatzboot erlaubt im Vergleich mit den aktuell genutzten Bustern eine verbesserte Befähigung zum Schutz von Hafenanlagen, optimiert die Kontrolle des Seeverkehrs und ermöglicht Überwachungsaufgaben im Küstenvorfeld. Die offenen Buster-Boote sind mit ihrer begrenzten Seeausdauer und limitierten Stehzeit bei der Patrouille von Reeden oder beim Schutz von Offshore-Einrichtungen nicht das optimale Einsatzmittel.

Watercat M 18 AMC von Marine Alutech

Watercat M 18 AMC von Marine Alutech

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

de_DEGerman