Vizeadmiral Jan C. Kaack und DMI-Präsident Konteradmiral a.D. Karsten Schneider, Foto: Brüdegam

Vizeadmiral Jan C. Kaack und DMI-Präsident Konteradmiral a.D. Karsten Schneider, Foto: Brüdegam

Sicherheitsbedürfnis in unruhigen Zeiten

Ukraine, Israel, China: Die Zahl der ungelösten Konflikte steigt kontinuierlich an. Der neue Jahresbericht des Marinekommandos weist auf die damit verbundenen Gefahren im maritimen Sektor hin.

Der Jahresbericht des Marinekommandos verschafft zum nunmehr 36. Mal ein umfassendes Lagebild und geht ein auf mögliche Entwicklungen im In- und Ausland.

Wieder ist es gelungen, interessante Beiträge aus unterschiedlichen Bereichen mit globalen Statistiken und Analysen zu vereinen.
Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, sagte dazu:[ds_preview] „Mit der Absicht 2023 habe ich den eingeschlagenen Weg zur konsequenten Ausrichtung der Deutschen Marine an den Erfordernissen der Landes- und Bündnisverteidigung bekräftigt. Mit unserem Kurs Marine 2035+ werden wir umfassend umsteuern und einen energischen Einstieg in unbemannte Systeme und künstliche Intelligenz wagen. Unsere Vision ist eine schlagkräftige, resiliente, demografiefeste und damit zukunftsfähige Marine, die unseren Verbündeten als verlässlicher Alliierter beisteht, sich in multidimensionalen Operationen durchsetzen wird und weiter als flexibles Instrument deutscher Außen- und Sicherheitspolitik zur Verfügung steht.“

Die Entwicklungen der vergangenen Monate sorgte dafür, dass die Sicherheitspolitik im Ostseeraum wieder stärker in den Fokus der Politik rückte. Der maritime Raum ist mit am stärksten von den Veränderungen im Sicherheitsumfeld der letzten Jahre betroffen. Immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit, während Aspekte hinzukommen, die bisher kaum aus einem sicherheitspolitischen Blickwinkel heraus betrachtet wurden. Dazu zählen Fragen der Energiesicherheit, der Schutz der Handels- und Wirtschaftsstandorte, die transnationale Kriminalität, Sabotage oder die Beeinflussung von Gesellschaften durch Bereitstellung von Falschinformationen im Informations- und Cyberraum. Hierdurch ist der maritime Raum instabiler und anfälliger für hybride Bedrohungen geworden. Göran Swistek und Michael Paul von der Stiftung Wissenschaft und Politik beleuchten mit ihrem Bericht „Geopolitik im Ostseeraum“ die Zeitenwende im Kontext von kritischer maritimer Infrastruktur, Eskalationsgefahren und deutschem Führungswillen.

Mit der weltweiten Piraterielage und den maritimen Flüchtlingsbewegungen bewerten nationale und internationale Institutionen die Situation in den einzelnen Seegebieten und die damit verbundene Sicherheit der Seehandelswege. Weltweit kam es im vergangenen Jahr zu zwei Schiffsentführungen, 2021 war nur ein solcher Vorfall verzeichnet worden. Zudem wurden zwei Besatzungsangehörige entführt, um Lösegeld zu erpressen. 2021 waren es noch 57 Besatzungsmitglieder und im Jahr davor war mit 135 gekidnappten Crewmitgliedern sogar ein Höchststand erreicht worden. Bei den insgesamt 115 Vorfällen 2022 gelang es den Tätern in 107 Fällen, an Bord der betroffenen Schiffe zu gelangen. In lediglich einem Fall setzten die Täter ihre Schusswaffen gegen das betroffene Schiff ein, im Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei fünf. Die Zahl der kurzzeitig als Geiseln an Bord festgehaltenen Crewmitglieder stieg hingegen von acht im Jahr 2021 auf nunmehr 41. Darunter befinden sich auch die Crews der beiden entführten Schiffe. Bei den insgesamt 115 Vorfällen weltweit wurden keine Seeleute verletzt oder getötet. In jeweils sechs Fällen wurden Besatzungsmitglieder von den Tätern mit Waffen bedroht, angegriffen oder misshandelt.

Daran anschließend werden alle nationalen Akteure der maritimen Sicherheitsarchitektur mit ihren aktuellen Fähigkeiten und Herausforderungen dargestellt, bevor die Deutsche Marine selbst mit einer umfassenden Selbstdarstellung das Kapitel „Weltweit sicherer Seehandel“ abschließt.

Die Sicherheitspolitik im Ostseeraum tritt wiederstärker in den Fokus der Öffentlichkeit, Abbildungen: Bw

Die Sicherheitspolitik im Ostseeraum tritt wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit, Abbildungen: Bw

Im maritimen Bereich ist die weltweite Entwicklung zum einen von dem Konflikt der beiden größten Wirtschaftsmächte USA und China geprägt. Die Zukunft des amerikanisch-chinesischen Verhältnisses ist aus drei Gründen von überragender Bedeutung für die Entwicklung der internationalen Ordnung und damit auch für die deutsche und europäische Außen- und Sicherheitspolitik. Erstens bestehen in diesem Verhältnis Eskalationsrisiken bis hin zu einem Weltkrieg. Zweitens bestimmen diese beiden Weltmächte in besonderem Maße über die internationale Zusammenarbeit bei der Lösung regionaler und überregionaler Krisen. Wo es Washington und Peking gelingt, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen, verbessern sich die Chancen auf eine breite internationale Übereinkunft. Umgekehrt können bilaterale Spannungen die internationale Zusammenarbeit behindern oder sogar blockieren, wenn eines der beiden Länder seine Vetomacht nutzt, wie es etwa in der nuklearen Rüstungskontrolle geschieht. Schließlich wird die deutsche ebenso wie die europäische Außenpolitik immer wieder unter Druck geraten, sich zu positionieren und eine der beiden Seiten zu unterstützen. Zugleich stehen Deutschland und Europa vor der Herausforderung, auf das amerikanisch-chinesische Verhältnis gegebenenfalls deeskalierend im Sinne einer verstärkten internationalen Kooperation einzuwirken.

Zum 36. Mal erschiender Jahresbericht des Marinekommandos

Zum 36. Mal erschien der Jahresbericht des
Marinekommandos

Diese schwierige Gesamtlage spiegelt sich auch im maritimen Seehandel wider. Das Wachstum des globalen Seehandels verlor in den letzten Monaten des Jahres 2022 weiter an Dynamik, was im Jahresvergleich zu einem Rückgang des internationalen Frachtverkehrs um 0,7 Entwicklung zählen dem Bericht zufolge der Angriff Russlands auf die Ukraine und die Reaktionen darauf, ungünstige makroökonomische Indikatoren und insbesondere ein spürbarer Rückgang des Wirtschaftswachstums in China sowie der Druck auf die Verbraucher in den Ländern Westeuropas, Nordamerikas und des nordöstlichen Asien. Lediglich im Verlauf des Jahres 2023 wird mit einer leichten Erholung der Märkte und einem Wachstum des Seehandels um 1,5 Prozent gerechnet. Der Druck auf die relativ schwache Weltwirtschaft wird jedoch anhalten.

Den größten Anteil am erwarteten Anstieg des Handels Jahr 2023 wird erwartungsgemäß der Energiesektor haben, der ein Plus von rund 2,6 Prozent verzeichnen wird. Experten erwarten zudem einen Anstieg des Seehandels mit Trockenmassengütern um 1,3 Prozent. Nach einem Einbruch von 0,3 Prozent im Jahr 2022 wird auch für das Jahr 2023 mit einer negativen Entwicklung des Containerhandels gerechnet. Allerdings dürfte dieser mit minus 1,6 Prozent deutlich geringer ausfallen als im Jahr 2022.

Kapitänleutnant Torsten Kowitz ist im Dezernat Marineschifffahrtleitung Redakteur des Jahresberichts.

Torsten Kowitz

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