Mit der Außerdienststellung der Ticonderoga-Klasse muss die US Navy auf viele Senkrechtstart-Systeme verzichten. Nun wird über Möglichkeiten der Abhilfe diskutiert.
Die United States Navy steht derzeit vor einer bedeutenden Herausforderung. Das Raketenarsenal der Hochseeflotte muss erweitert werden, nicht zuletzt mit Blick auf den massiven Ausbau der chinesischen Flotte. Die für 2027 geplante Ausmusterung der verbleibenden 13 Einheiten der Ticonderoga-Klasse wird jedoch das Defizit noch ausbauen; der Abschied der Lenkwaffenkreuzer bedeutet gleichzeitig den Wegfall von 1586 Vertikalstart-Silos (Vertical Launch Systems, VLS).
Die Einführung der Fregatten der Constellation-Klasse sollte hier einen teilweisen Ausgleich schaffen. Hier werden allerdings zwei Probleme deutlich. Erstens werden die geplanten 20 Fregatten, die pro Schiff lediglich 32 VLS-Silos führen, die Waffenkapazität der Ticonderoga-Klasse lediglich zu 40 Prozent ersetzen. Zweitens hinkt das Beschaffungsprogramm der Constellation-Klasse derzeit drei Jahre hinter dem ursprünglichen Zeitplan zurück.[ds_preview] Es gibt zwar Vorschläge, auf den Fregatten eine größere Anzahl VLS-Silos einzurichten, doch würde dies Designänderungen am Schiff erfordern, wodurch die Fertigstellung noch weiter hinausgeschoben würde. Solche Änderungen hätten unter Umständen auch weitere negative Folgen. Die Rechnungsprüfungsbehörde der US-Regierung konstatiert bereits jetzt – ohne Berücksichtigung dieser Änderungen – eine „ungeplante Gewichtszunahme“ von mehr als zehn Prozent, was möglicherweise eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit des Schiffes bewirken wird.

Erprobung des Mk-70-Systems auf der USS Savannah im Oktober 2023, Foto: US Navy
Alternativkonzepte
Als Reaktion auf diese Entwicklungen fordert der Kongress die Navy auf, alternative Strategien in Betracht zu ziehen. Erwogen werden unter anderem die Ausrüstung weiterer Schiffsklassen mit zusätzlichen Raketensystemen oder die Entwicklung neuer Klassen von Kriegsschiffen mit größeren Raketenarsenalen. Letztere Möglichkeit scheint allerdings angesichts der gespannten Haushaltslage vorerst nicht umsetzbar.
Eine kurzfristig einzuführende Lösung wäre die Ausstattung von Schiffen, die über ausreichend Platz an Oberdeck verfügen, mit dem Waffensystem Mk 70. Infrage kämen vor allem amphibische Kriegsschiffe, Littoral Combat Ships oder große unbemannte Einheiten (Large Unmanned Surface Vessels, LUSVs). Das in einem 40-Fuß-Container untergebrachte Mk 70 besteht aus vier VLS-Silos Mk 41. Das mobile containerisierte System kann die gleichen Flugkörper einsetzen wie herkömmliche, ins Schiffsdeck eingelassene VLS-Silos, erfordert aber keine besondere Ausstattung des Trägerschiffs. Das Konzept hat den Vorteil einer möglichst verstreuten Präsenz der mit Abstandwaffen ausgestatteten Einheiten, doch kann jedes Schiff nur eine begrenzte Anzahl an Waffen führen. Alternativ gibt es Konzepte für LUSV, die – wie bemannte Kriegsschiffe – 32 oder mehr voll integrierte VLS-Silos führen. Solche unbemannten Einheiten könnten unabhängig fahren oder im Verbund mit bemannten Kriegsschiffen agieren; im letzteren Falle würden sie de facto als Arsenalschiff fungieren und operativ der Führung der bemannten Einheiten unterliegen. Sowohl in der Beschaffung wie im Betrieb wären LUSV wesentlich kostengünstiger als bemannte Einheiten mit vergleichbarer Nutzlastkapazität.
Innovatives Denken und Flexibilität hinsichtlich der Einsatzdoktrin bilden die Voraussetzung zur Lösung des VLS-Defizits. Das Ergebnis dieser Bemühungen wird erhebliche Auswirkungen auf die Fähigkeit der Navy haben, ihre globalen Aufgaben in den kommenden Jahren wahrzunehmen.
Sidney E. Dean










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