Herzstück der RSN sind die sechs Fregatten der Formidable-Klasse, Foto: RSN

Herzstück der RSN sind die sechs Fregatten der Formidable-Klasse, Foto: RSN

Singapur: Stadtstaat mit stattlicher Marine

Dank einer prosperierenden Wirtschaft kann sich das kleine Singapur eine ansehnliche maritime Streitkraft leisten. Und hat weitere Ambitionen.

Der Insel-Stadtstaat Singapur ist das flächenmäßig kleinste Land in Südostasien. Der multiethnische Staat – offiziell als Republik Singapur bezeichnet – verfügt über eine Fläche von 734,3 Quadratkilometer. Er hat rund 5,9 Millionen Einwohner und ist wirtschaftlich sowie technologisch weit fortgeschritten.

Mit einem Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von rund 133 000 US-Dollar im Jahr 2023 nimmt Singapur den weltweit dritten Platz ein. Das gesamte singapurische Bruttoinlandsprodukt von 753 273 Milliarden US-Dollar liegt auf dem 38. Platz. Rund 4,9 Prozent hiervon werden für die Streitkräfte ausgegeben. Diese bestehen aus Luftwaffe, Armee, Digital and Intelligence Service sowie der Marine, offiziell als Republic of Singapore Navy (RSN) bezeichnet. Sie umfasste[ds_preview] im Februar 2023 4000 aktive Angehörige, 5000 Reservisten sowie 37 schwimmende Einheiten, die mitunter stark automatisiert sind und daher im internationalen Vergleich mit relativ kleinen Besatzungen auskommen.

Singapur erlangte als Teil des neugegründeten Malaysias am 16. September 1963 die Unabhängigkeit von Großbritannien. Aufgrund zahlreicher innerstaatlicher Probleme und Meinungsverschiedenheiten wurde Singapur am 9. August 1965 aus Malaysia ausgeschlossen und über Nacht ein unabhängiger Staat. Dieser musste innerhalb kurzer Zeit eigene Streitkräfte aufstellen, ein Prozess, der durch militärische Berater aus Australien, Kanada, Großbritannien und vor allem Neuseeland unterstützt wurde. Am 5. Mai 1967 wurde die Singapore Naval Volunteer Force (SNVF) gegründet und zwei ehemalige malaysische Patrouillenboote in Dienst gestellt. Erst am 1. April 1975 wurde die SNVF offiziell in Republic of Singapore Navy umbenannt. Sechs 36 Meter lange Patrouillenboote der INDEPENDENCE-Klasse wurden von Vosper Thornycroft Anfang der 1970er-Jahre als erste Neubauten für Singapur gefertigt. Innerhalb weniger Jahre folgten sechs Raketenschnellboote der SEA-WOLF-Klasse, die auf dem Entwurf TNC 45 der deutschen Lürssen Werft basieren. Die ersten beiden Einheiten wurden bei Lürssen in Deutschland gefertigt, die restlichen vier bei ST Engineering in Singapur. Die SEA-WOLF-Klasse wurde Mitte der 1980er-Jahre von israelischen Gabriel-Seezielflugkörpern auf amerikanische Anti-Schiffsraketen des Typs Harpoon umgerüstet und erst im Jahr 2008 außer Dienst gestellt.

In den 1970er-Jahren beschaffte die RSN zwei gebrauchte Minensucher der BLUEBIRD-Klasse und sechs Panzerlandungsschiffe der COUNTY-Klasse in den USA. Anfang der 1980er-Jahre folgten zwölf in Singapur gebaute, 22 Meter lange Küstenpatrouillenboote der SWIFT-Klasse für den Schutz der Häfen und Küstenbereiche, die ab 1993 an die neu aufgestellte singapurische Police Coast Guard überstellt wurden, die diese Aufgaben von der RSN übernahm.

Erste Neubauten der RSN waren diePatrouillenboote der Independence-Klasse, Foto: Seloloving, CC BY-SA 4.0

Erste Neubauten der RSN waren die Patrouillenboote der Independence-Klasse, Foto: Seloloving, CC BY-SA 4.0

Kleinere Einheiten

Anfang der 1980er-Jahre entschied sich die RSN zur Erhöhung ihrer Schlagkraft und orderte – erneut bei der Friedrich Lürssen Werft in Bremen – sechs Korvetten der VICTORY-Klasse, die auf dem Entwurf MGB 62 der Werft aufbaut. Die erste Einheit VICTORY (Schiffskennung 88) lief im Juni 1988 bei Lürssen vom Stapel. Die anderen fünf Einheiten VALOUR (89), VIGILANCE (90), VALIANT (91), VIGOUR (92) und VENGEANCE (93) wurden lokal bei ST Engineering gebaut und in den Jahren 1990 und 1991 in Dienst gestellt. Die 62 Meter langen, 595 Tonnen verdrängenden Korvetten verfügten als erste singapurische Marineschiffe über eine Anti-U-Boot-Bewaffnung. Sie sind heute noch im Dienst und bilden die 8. Flottille der RSN. Die Schiffe werden von vier Hochgeschwindigkeits-Dieselmotoren Maybach MTU 16 V 538 TB93 angetrieben, die, auf vier Wellen wirkend, den Einheiten eine offizielle Höchstgeschwindigkeit von 37 Knoten verleihen. Die technische Ausstattung der Korvetten wurde mehrfach verändert. Heute besteht sie aus acht Harpoon-Seezielflugkörpern, zwei Vertikalstartanlagen mit je acht Zellen für Barak-Flugabwehrraketen, zwei Dreifachtorpedowerfern für EuroTorp A 244 zur U-Jagd, einem 76-Millimeter-Schiffsgeschütz von Oto Melara und mehreren Maschinengewehren. Ein Unmanned Aerial Vehicle (UAV) Boeing ScanEagle kann zu Aufklärungszwecken gestartet werden.

Die Raketenschnellboote derSea-Wolf-Klasse basieren auf dem Lürssen-Entwurf TNC 45, Foto: Huaiwei, CC BY-SA 3.0

Die Raketenschnellboote der Sea-Wolf-Klasse basieren auf dem Lürssen-Entwurf TNC 45, Foto: Huaiwei, CC BY-SA 3.0

Von 1996 bis 1998 liefen der RSN insgesamt zwölf Einheiten der FEARLESS-Klasse zu, einer Eigenentwicklung von ST Engineering. Die Patrouillenboote sind 55 Meter lang und verdrängen 500 Tonnen. Zwei Dieselmotoren MTU 12 V 595 TE 90 treiben zwei Kamewa-Waterjets an und verleihen den Einheiten eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als 20 Knoten. Die ersten sechs Einheiten wurden mit U-Jagd-Fähigkeiten in Form von Dreifach-Torpedowerfern für den EuroTorp A 244 ausgestattet, die bei den späteren sechs Einheiten fehlten. Hauptbewaffnung sind das 76-Millimeter-Bordgeschütz von Oto Melara sowie Zwillingsstarter für Mistral-Flugabwehrraketen und Maschinengewehre.

Alle zwölf Einheiten der FEARLESS-Klasse wurden bis 2020 außer Dienst gestellt. Zwei Einheiten wurden an Brunei übergeben, vier Einheiten wurden einer umfangreichen Konversion zu Küstenwach-Fahrzeugen unterzogen und ab 2021 als Maritime Security and Response Vessels (MSRV) der SENTINEL-Klasse mit neuen Schiffsnamen, reduzierter Bewaffnung aber erweiterter elektronischer Überwachungsausstattung wieder in Dienst gestellt und sind Teil der Maritime Security and Response Flotilla der RSN.

Am 7. Oktober 1995 wurden simultan vier Minensucher der BEDOK-Klasse in den Dienst der RSN gestellt, die auf der schwedischen LANDSORT-Klasse basieren. Die 47 Meter langen, voll beladen 380 Tonnen verdrängenden Boote mit einem PVC-Rumpf, der umschlossen ist von glasfaserverstärktem Kunststoff, sind mit dem französischen Minenräumsystem ECA K-STER sowie ferngesteuerten Katamaran-Tochterbooten zur Minensuche ausgestattet und ebenfalls befähigt, Minen zu legen. Die erste Einheit BEDOK wurde vollständig bei Kockums in Schweden gebaut, während die restlichen drei Einheiten in Singapur bei ST Engineering aus in Schweden vorgefertigten Rumpfsegmenten endmontiert wurden. Die Minensucher und weitere unbemannte Einheiten sind heute Teil der 6. Flottille der RSN.

Zwischen 1995 und 1998 wurden die Patrouillenbooteder Fearless-Klasse in Dienst gestellt, Foto: Indische Marine

Zwischen 1995 und 1998 wurden die Patrouillenboote der Fearless-Klasse in Dienst gestellt, Foto: Indische Marine

Im 21. Jahrhundert

Der Ersatz der noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Panzerlandungsschiffe wurde 1996 in Form der ENDURANCE-Klasse bei ST Engineering geordert. Die vier Einheiten ENDURANCE (207), RESOLUTION (208), PERSISTENCE (209) und ENDEAVOUR (210) – wurden 2000 und 2001 in den Dienst der RSN gestellt.

Die 141 Meter langen, voll beladen 8500 Tonnen verdrängenden amphibischen Schiffe werden offiziell ebenfalls als Panzerlandungsschiffe geführt, sind aber aufgrund der fehlenden Strandlandekapazität, des vorhandenen Welldecks und der Heckrampe eher als amphibische Transportdocks einzustufen. Die von einem Combined-Diesel-and-Diesel-System (Codad) angetriebenen Schiffe haben in ihrem Bauch Platz für 18 Panzer, 20 Fahrzeuge sowie zwei 25-Meter-Schnellboote im flutbaren Welldeck. Vier weitere Beiboote sind in Davits gelagert. Ein Hangar ermöglicht die Einschiffung von zwei mittelgroßen Helikoptern.

Die vier Minensucher derBedok-Klasse basieren auf der schwedischen Landsort-Klasse, Foto: Huaiwei, CC BY-SA 3.0

Die vier Minensucher der Bedok-Klasse basieren auf
der schwedischen Landsort-Klasse, Foto: Huaiwei, CC BY-SA 3.0

Aufgrund einer hohen Automation kommen die vier Schiffe der ENDURANCE-Klasse mit einer Besatzung von lediglich 65 Personen aus, was beachtlich für Einheiten dieser Größenordnung ist. Die Einheiten zeigen bei zahlreichen humanitären Hilfseinsätzen maritime Präsenz und sind heute Teil der 3. Flottille der RSN.

Am 5. Mai 2007 wurde mit der Lenkwaffenfregatte FORMIDABLE die erste für den weltweiten Kampfeinsatz konzipierte Hochseeeinheit in Dienst gestellt. Die 115 Meter lange, 3200 Tonnen verdrängende FORMIDABLE mit der Rumpfnummer 68 ist eine Weiterentwicklung der französischen LA-FAYETTE-Klasse und wurde bei DCNS (heute Naval Group) in Lorient gefertigt. Die fünf weiteren Einheiten INTREPID (69), STEADFAST (70), TENACIOUS (71), Stalwart (72) und SUPREME (73) wurden bei ST Engineering als Lizenzbauten gefertigt und bis Januar 2009 in Dienst gestellt. Die Stammbesatzung von lediglich 71 Personen deutet erneut auf einen hohen Automatisierungsgrad der Schiffe hin, die von vier Dieselmotoren MTU 20V 8000 M90 in Codad-Konfiguration angetrieben werden und ihnen eine Höchstgeschwindigkeit von 27 Knoten verleihen.

Die umfangreiche Bewaffnung besteht aus acht Harpoon Seezielflugkörpern, 32 VLS-Zellen für Aster-Flugabwehrraketen, Dreifach-Torpedowerfer für EuroTorp A244 Torpedos, verschiedenen Maschinengewehren, einem 76-Millimeter-Bordgeschütz von Oto Melara und nichttödlichen Akustikwaffen. Mit den sechs Fregatten der FORMIDABLE-Klasse verfügt Singapur über – im regionalen Vergleich – äußerst schlagkräftige Überwassereinheiten. Sie bilden die 1. Flottille der RSN.

Als Ersatz für die in die Jahre gekommene FEARLESS-Klasse gab das singapurische Verteidigungsministerium am 30. Januar 2013 insgesamt acht je 80 Meter lange und 1200 Tonnen verdrängende sogenannte Littoral Mission Vessels (LMV) bei ST Engineering in Auftrag. Die acht Einheiten INDEPENDENCE, SOVEREIGNTY, UNITY, JUSTICE, INDOMITABLE, FORTITUDE, DAUNTLESS und FEARLESS wurden von 2017 bis 2020 in den Dienst der RSN gestellt. Aufgrund ihrer hohen Automation kommen sie mit einer Mindestbesatzung von 23 Personen aus, die je nach Mission auf bis zu 30 Personen erhöht werden kann. Der niedrige Personalbedarf wird durch die Zusammenführung von Brücke, Operationszentrale und schiffstechnischem Leitstand in einem Raum ermöglicht, dem sogenannten Integrated Command Centre.

Die Einheiten werden von einer Codad-Konfiguration bestehend aus vier Dieselmotoren des Typs MTU 20V 4000 M93L angetrieben. Der Schiffsentwurf basiert auf dem Flexpatrol Multi-mission Patrol Vessel des schwedischen Rüstungskonzerns Saab Kockums. Da die Einheiten überwiegend für den Küstenschutz und humanitäre Hilfsleistungen verantwortlich sind, sind sie lediglich mit einem 76-Millimeter-Geschütz von Oto Melara, mehreren Maschinengewehren, nicht tödlichen Waffen sowie zwölf kleinen Flugabwehrraketen des französischen Typs Mica VL ausgestattet. Je nach Missionsauftrag können die LMVs der INDEPENDENCE-Klasse mit containerisierten Missionsmodulen ausgestattet werden. Sie bilden die 2. Flottille der RSN.

Das PanzerlandungsschiffEndurance bei einem Besuch in Pearl Harbor, Foto: US Navy/Don S. Montgomery

Das Panzerlandungsschiff Endurance bei einem Besuch in Pearl Harbor, Foto: US Navy/Don S. Montgomery

Unter Wasser

Die Marine Singapurs erwarb zwischen 1995 und 1997 vier gebrauchte U-Boote der schwedischen SJÖORMEN-Klasse, die vor der Übergabe für Operationen in den Tropen umgerüstet wurden. Heute sind noch zwei Einheiten der in Singapur als CHALLENGER-Klasse bezeichneten Boote im Dienst. Die 51 Meter langen, getaucht 1400 Tonnen verdrängenden Einheiten wurden Ende der 1960er-Jahre gefertigt und haben einen an die Dieselboote der amerikanischen BARBEL-Klasse aus den 1950er-Jahren angelehnten, tropfenförmigen Rumpf. Zwischen 2011 und 2013 beschaffte die RSN zwei weitere schwedische U-Boote. Die zwei Einheiten der VÄSTERGÖTLAND-Klasse mit 60,5 Meter Länge und einer Verdrängung von getaucht 1700 Tonnen wurden vor dem Transfer mit einem außenluftunabhängigen Antrieb versehen und als ARCHER-Klasse in Dienst gestellt. Beide bisherigen singapurischen U-Bootklassen schwedischen Ursprungs sind lediglich als Zwischenschritt vor dem Betrieb von modernen U-Boot-Neubauten zu werten.

In Schweden wurden die gebrauchtenU-Boote der Challenger-Klasse erworben, Foto: RSN

In Schweden wurden die gebrauchten U-Boote der Challenger-Klasse erworben, Foto: RSN

In den Jahren 2013 und 2017 orderte die RSN jeweils zwei U-Boote mit außenluftunabhängigem Antrieb bei Thyssenkrupp Marine Systems, die als Typ 218SG seit 2014 in Kiel gebaut werden. Die vier je 70 Meter langen und getaucht 2200 Tonnen verdrängenden Einheiten sind die größten seit dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gebauten U-Boote. Sie tragen die NAMEN INVINCIBLE, IMPECCABLE, ILLUSTRIOUS sowie INIMITABLE Und sind mit insgesamt acht 533-Millimeter-Torpedorohren ausgestattet. Die ersten drei Einheiten sind bereits vom Stapel gelaufen und werden in Kürze in Dienst gestellt, die vierte Einheit war Anfang Januar 2024 noch nicht aus der Kieler Fertigungshalle gerollt.

Diese Boote vereinen die Technik des deutschen Exporttyps 214 mit der des Typs 212A der Deutschen Marine – vergrößert und an die Automations- und Komfortanforderungen der RSN angepasst. Sämtliche singapurischen U-Boote sind Teil der 7. Flottille. Seit 2008 betreibt das Land das halb zivil, halb militärisch betriebene U-Boot-Rettungsschiff SWIFT RESCUE.

Die RSN ist eine personell kleine, aber äußerst schlagkräftige Marine, die im südostasiatischen Raum eine technologische Vormachtstellung einnimmt. Durch die Einführung von unbemannten Überwassereinheiten wie der sieben Meter langen SPARTAN SCOUT, der neun Meter langen PROTECTOR und der in verschiedenen Größen vorhandenen VENUS konnte Singapur den technischen Vorsprung in der Region weiter ausbauen. 2023 wurden mit der Bestellung von vier Hochseepatrouillenbooten (OPVs) bei der deutschen Fassmer Werft und der Auftragsvergabe an ST Engineering für den Bau von sechs je 130 Meter langen Multi-Role Combat Vessels (MRCVs) zwei wichtige Beschaffungsvorhaben der RSN eingeläutet. Die OPVs sollten dem Vernehmen nach auf den 86-Meter-Patrouillenfahrzeugen der POTSDAM-Klasse der Bundespolizei basieren. Die MRCVs sollen verschiedenen Presseberichten nach auf den dänischen Fregatten der IVER HUITFELDT- und ABSALON-Klassen aufbauen. Beide Schiffsklassen sollen ab 2028 in die Marine Singapurs eingeführt werden.

Von Stefan Ulsamer

24. März 2024 | 0 Kommentare

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