Jeder U-Boot-Fahrer der Marine kennt Neustadt in Holstein. Seit Jahrzehnten trainieren die U-Boot-Fahrer hier für den Notfall.
Die Männer tragen Badehosen und blaue Bademäntel. In Schlappen laufen sie über den Kachelboden. Die Luft im Gebäude ist warm und das Wasser hat um die 30 Grad. Aber sie wollen gegen acht Uhr früh an einem Donnerstag nicht baden gehen, sondern für den Notfall üben. Es sind Soldaten der Deutschen Marine: sieben U-Boot-Fahrer und ihre Ausbilder.
Der Ort: Das Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine, abgekürzt EAZS M. Es liegt in Neustadt in Holstein an der Ostsee. Im EAZS M lernen Soldaten Brände auf Schiffen zu bekämpfen oder Lecks abzudichten. Hier und heute ist das Szenario ein anderes: Der Aufstieg aus einem havarierten U-Boot.[ds_preview]

Aufstieg aus zehn Meter Tiefe, Foto: Philipp Steiner
Ein über 40 Meter hoher, grau-weißer Turm überragt im EAZS M alles Übrige. Er ist so hoch, weil es drinnen so tief runter geht. Dort steht der Tieftauchtopf. Vor rund 50 Jahren hat die Bundeswehr ihn gebaut. Der Stahlzylinder ist 36,5 Meter hoch und misst sieben Meter im Durchmesser. Eineinviertel Millionen Liter Wasser sind drin– und bald die Männer in den Bademänteln.
Ein U-Boot-Fahrer heißt Tino, 44 Jahre, Vollbart. Wie bei den anderen Soldaten soll sein Nachname nicht in der Zeitung stehen. Noch in der Schulzeit habe er von einem Freund den Hinweis bekommen, dass U-Boot-Fahrer gesucht würden – so kam er zur Marine, erzählt er in einer Pause. Im Jahr 2000 habe er den Kursus für den Notaufstieg das erste Mal gemacht und seither oft wiederholt. Trotzdem findet er es „jedes Mal wieder aufregend“.
Seinen zweiten Lehrgang absolviert der 28-jährige Mika aus Niedersachsen. Er sei Wachhabender Offizier. Warum ist er U-Boot-Fahrer geworden? „Weil mich das Ganze fasziniert hat, unter Wasser eingesetzt zu werden. Und eben nichts sehen zu können unter Wasser, sondern sich nur an den Geräuschen orientieren zu müssen.“
Um kurz nach acht ist es soweit. Oberstabsarzt Lukas, dem ein Obermaat assistiert, hat die U-Boot-Fahrer gesundheitlich gecheckt, sie tauschen ihre Bademäntel gegen klobige, orangefarbene Rettungsanzüge. Die Ausbilder prüfen den Sitz und legen jedem einen Gurt um die Hüfte. Er wird später im Tieftauchtopf an ein Führungsseil eingehakt, damit die Lehrgansteilnehmer nicht umhertrudeln; im Ernstfall auf See gäbe es das nicht. Dann rücken alle sieben mit Stabsbootsmann Konrad in den Fahrstuhl ein und fahren zur Schleuse auf zehn Meter Wassertiefe.
Der rundliche Raum wirkt nicht viel größer als der Fahrstuhl. Die Männer bücken sich und steigen durch ein Schott hinein. Mit dem Tieftauchtopf ist die Schleuse durch ein zweites Schott verbunden. Nachdem sich das erste geschlossen hat, dreht Konrad das Wasser in der Schleuse auf. Es steigt den Männern bis zur Brust und manchmal bis zum Hals.

In der Schleuse stehen die Trainingsteilnehmer bereit zum Ausstieg, Fotos: Philipp Steiner
In diesen Minuten ändere sich die Stimmung, weiß der vor der Schleuse Dienst tuende Ausbilder Obermaat Sebastian, jedenfalls wenn U-Boot-Fahrer das zum ersten Mal machen, was heute aber nicht der Fall ist. Sie seien ein bisschen aufgeregt, lächelten noch und redeten viel. „Und wenn man dann reingeht und die merken, dass der Wasserstand steigt und das Schott schon zu ist, dann wird es schon ruhiger. Und spätestens dann, wenn Druck draufgegeben wird, dann sind eigentlich alle ruhig.“
Nach dem Fluten erhöht der Ausbilder in der Schleuse den Luftdruck, bis er zehn Meter Wassertiefe entspricht. Dann öffnet sich das Schott zum Tieftauchtopf.

Weithin ist das Gebäude des Tieftauchtopfs
in Neustadt sichtbar, Fotos: Philipp Steiner
Was folgt, lässt sich durch Fenster von außen verfolgen. Der U-Boot-Fahrer setzt sich in das zum Topf führende Schott. Dabei hat er einen Atemregler im Mund, der Luft aus einer Leitung in der Schleuse zuführt – solche festinstallierten Atemnotluftanlagen durchziehen auch U-Boote. Ausbilder Konrad ruft drei Wörter: Auf „Hol!“ atmet der U-Boot-Fahrer ganz aus. Auf „Tief!“ atmet er tief ein und hält die Luft an, der Atemregler kommt aus dem Mund und die Kopfhaube des Rettungsanzugs wird zugezogen. Auf „Luft!“ startet die eigentliche Übung.
Zwei tauchende Ausbilder ziehen den U-Boot-Fahrer in den Topf, ein dritter stellt sich ihm gegenüber. Dort wird sein Gurt in das Führungsseil geklinkt. Ein Taucher haut dem U-Boot-Fahrer als Signal auf die Schulter. Daraufhin dreht der die Pressluftflasche an seinem Anzug auf; bei mehreren Durchgängen dreht auch ein Ausbilder an der Flasche. Die Luft strömt in Aufstiegskragen und Anzugshaube. Ein Ausbilder brüllt den U-Boot-Fahrer an: „Alles klar?“ Der muss „Alles klar!“ antworten. Wenn seine Haube mit genug Luft gefüllt ist, lassen ihn die Taucher los und er schießt nach oben.
Ungefähr auf halber Höhe erwartet ihn wieder ein Ausbilder, zum Beispiel Jens. Der späht, ob der U-Boot-Fahrer richtig ausatmet, damit sich die Lunge nicht verletzt, wie er oben erklärt. Atme der Kamerad nicht richtig aus, müsse er ihn „notgedrungen korrigieren, vielleicht auch mal mit ‘nem Hieb in den Magen“.
Anders als die U-Boot-Fahrer tragen die Ausbilder nur Badehose und Taucherbrille. Sie sind Apnoe-Taucher. Auch ihr „Alles klar?“ brüllen sie ohne Hilfsmittel ins Wasser. Wenn sie unten auf ihre Einsätze warten, finden sie allerdings Luft in einer Taucherglocke und in Luftkammern an den Seiten des Topfes. Für ihr eigenes Training nutzen sie diesen in voller Tiefe. Für die U-Boot-Fahrer wurde das Training vor Jahren auf zehn Meter begrenzt, um Risiken zu minimieren.

Kapitänleutnant Thomas leitet die
U-Boot-Rettungsausbildung am EAZS M, Fotos: Philipp Steiner
Oben wartet Oberstabsarzt Lukas auf die U-Boot-Fahrer und verordnet kleine Aufgaben: in Siebener-Schritten von 100 rückwärts zählen zum Beispiel oder „Zunge rausstrecken, links, rechts bewegen, Backen aufpusten, Stirn runzeln“. Außerdem streicht er ihnen über den Körper, ob sie taube Partien haben. „Das ist unser Neuro-Check“, erklärt der Mediziner. Es handele sich um eine „kurze, fokussierte Untersuchung, um auszuschließen, dass die Trainingsteilnehmer, wenn sie an die Oberfläche kommen, quasi neurologische Defizite haben“.
Doch allen geht es gut. Auch Ausbilder Konrad ist zufrieden. Ablauffehler habe es gegeben, insgesamt aber habe „alles super funktioniert“. Das Notaufstiegstraining ist zu Ende. Am Nachmittag sollen die U-Boot-Fahrer trotzdem schon wieder ins Wasser. Diesmal in der Schwimmhalle des EAZS M, wo sie bei Wellengang zum Beispiel Verletzte bergen üben, kündigt der Stabsbootsmann an. Die Badesachen werden an der Ostsee also noch gebraucht.
Dr. Phillipp Steiner ist Fachjournalist für Meer und Schifffahrt.
Phillipp Steiner










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