Fregatte Baden-Württemberg der Klasse 125, Foto: Bw/Marcel Kröncke

Fregatte Baden-Württemberg der Klasse 125, Foto: Bw/Marcel Kröncke

Stabilisierung erforderlich

Für die Landes- und Bündnisverteidigung waren die Fregatten der Klasse 125 nie gedacht. Doch fernab der Heimat ergeben sich Einsatzmöglichkeiten.

Das Zielbild der Marine 2035 zeigt im Vergleich zur bisherigen Bundeswehrplanung nur leichte Verschiebungen oder Erhöhungen bei der Anzahl der Schiffe, Boote und Luftfahrzeuge. Es orientiert sich situationsbedingt an Abschreckung und Verteidigung für den Nordflankenraum. Die Nordsee und Ostsee sowie ihre Zugänge sind bei der Landes- und Bündnisverteidigung wieder von herausgehobener Bedeutung. Die gegenwärtige (Un-)Sicherheitslage bestimmt damit die Ausrichtung der Flotte, die robuste Präsenz im Operationsgebiet und das intensive Gefecht werden zur Messlatte. Die Forderungen der NATO-Verteidigungsplanung an Deutschland werden weitestgehend erfüllt, doch trotz Trend- und Zeitenwende lassen demografische Entwicklung, finanzielle Ausstattung und Bürokratie dem Inspekteur der Marine wenig Spielraum für weitere nationale Ambitionen.

Fregatte F125: F 222 Baden-Württemberg. Foto: Michael Nitz

Die Deutsche Marine besetzt also wieder den Nordflankenraum, wie schon zu Zeiten des Kalten Kriegs. Im Unterschied zu damals aber nicht in einer relativ geregelten, bipolaren Weltordnung und mit nur noch etwa einem Viertel der damaligen Einheiten. An dieser Stelle soll aber nicht die Flaggenstockdiskussion geführt werden, sondern vielmehr die in Deutschland stets schwierige Debatte um die sicherheitspolitische Bedeutung der See. Das Meer verbindet Völker, allerdings nur dann, wenn man sich auf diesen Verbindungen auch aufeinander zubewegt.

Gerade scheint die Zeit der Globalisierung ein Ende zu nehmen, und die über Jahrzehnte entwickelte, regelbasierte Rechtsordnung im Zusammenwirken multilateraler Systeme scheint einem überkommen geglaubten Recht des Stärkeren zu weichen. Viele Länder suchen nun neue Orientierung, starke Partner und Bündnisse. Südamerika, Afrika, Indien und Südostasien bräuchten starke Zeichen westlichen Engagements angesichts der zunehmenden Instabilität rund um den Globus. Diese aber bleiben aus, weil Europäer und Amerikaner sich auf den Nordflankenraum und das Mittelmeer konzentrieren müssen. China und Russland besetzen sukkzesive Räume, die durch Amerikaner und Europäer aufgrund der krisenhaften Entwicklungen in Europa und im Nahen Osten vernachlässigt werden.

Tatsächlich erhält das Marinekommando auch aus weit entfernten Regionen Einladungen für gemeinsame Übungen. Schreiben aus Neuseeland, Indien, Brasilien, Kanada und Westafrika sind aktuelle Beispiele für solche Anfragen. Statt eines Verbands oder wenigstens eines einzigen Marineschiffs können regelmäßig lediglich ein bis zwei „Beobachter“ entsandt werden, die Eingangs beschriebenen Rahmenbedingungen verhindern meist ein größeres Engagement.

Fregatte F125: F 223 Nordrhein-Westfalen. Foto: Michael Nitz

Unwillkürlich behält der ehemalige Verteidigungsminister Rudolph Scharping am Ende doch recht: Deutschland und die freie Welt brauchen Stabilisierungskräfte. Dieser Idee entstammt das Konzept für die Fregatte 125. Für die sehr robusten Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung im Nordflankenraum ungeeignet, könnte die F 125 den Bedarf unserer Partner in der Welt nach westlicher Präsenz vor ihren Küsten befriedigen. Als „Botschafter in Blau“ könnte sie helfen, unfreiwillig aufgegebene Räume und Interessensphären wieder zu besetzen und so als „Stabilisierungsfregatte“ genau das in die Welt zu tragen. Eine Marine ist eben mehr als nur ein Werkzeug des Kriegs. Sie kann auch ein sicherheitspolitischer Schraubendreher in den Händen der Politik sein, wenn sie richtig verstanden und eingesetzt wird.

Fregatte F125: F 224 Sachsen-Anhalt. Foto: Michael Nitz

Insofern wird das Indo-Pacific-Deployment 2024 der Fregatte Baden-Württemberg und des Einsatzgruppenversorgers Frankfurt am Main auch dafür eine Jungfernfahrt werden. Die Reise führt in knapp sieben Monaten einmal um den gesamten Erdball, lässt aber Südamerika und Afrika aus. Aber zu diesen beiden Kontinenten könnte ja in den ungeraden Jahren eine Stabilisierungsfregatte die unterbrochenen (See-)Verbindungen wieder etablieren. China und Russland würden sich wundern, die dortigen Partner sich freuen. Und nebenbei wären routinemäßige Auslandsreisen in ferne, exotische Länder auch eine wirksame Methode der Nachwuchswerbung.

Fregattenkapitän Andreas Uhl ist Dezernatsleiter Übungen beim Marinekommando in der Operationsabteilung, Gruppe M 7.

Andreas Uhl

20. Dez. 2023 | 0 Kommentare

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