Fast ein halbes Jahrhundert lang schrieben die Betriebsstoffversorger der Rhön-Klasse Geschichte. Mit den Nachfolgeschiffen hält künftig aktuelle Technik Einzug bei der Marine.
Ende Juni 2023 erfolgte der Brennbeginn und wenige Wochen später die Kiellegung des ersten Marinebetriebsstoffversorgers, der neuen Klasse 707 der Deutschen Marine. Die Marinerüstung verfolgt mit den Nachfolgern der beiden Betriebsstoffversorger Rhön und Spessart einen ambitionierten Zeitplan. Die Lieferung des ersten Schiffes ist für das Jahr 2025 vorgesehen, das zweite folgt ein Jahr später.
Die Marine verfügt mit der aktuell noch in Fahrt befindlichen Klasse 704 über die Fähigkeit zur Versorgung ganzer Einsatzverbände mit Betriebsstoffen in See – in Fahrt und zu jeder Zeit.[ds_preview] Weltweit einsetzbar steht die Rhön-Klasse seit fast einem halben Jahrhundert treu im Dienst der Deutschen Marine. Mit der Rhön befindet sich noch eines der ehemals zwei Schiffe in der Fahrbereitschaft. 1977 in Dienst gestellt, waren beide Versorger bei unzähligen Manövern und Einsätzen beteiligt und erweiterten die Einsatzmöglichkeiten und die Reichweite der Flotte bedeutend.
Ursprünglich als zivile Tanker gebaut, wurden beide Schiffe durch die Bundeswehr übernommen und für die militärischen Belange, insbesondere die Betriebsstoffversorgung in See, befähigt. Ebenso wie die Klasse 704, werden auch die beiden neuen Schiffe von einer 42 Köpfe starken zivilen Besatzung gefahren. Dabei wird allerdings die Einschiffungskapazität für militärisches Personal vergrößert.

Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Abteilungsleiter
Ausrüstung im Verteidigungsministerium, bei der Kiellegung des ersten Schiffs in Rostock, Foto: NVL Group, Michael Pfeiffer
Insgesamt werden sich die beiden neuen Marinebetriebsstoffversorger deutlich von ihren Vorgängern unterscheiden. Neben der Versorgungskapazität von rund 12 000 Kubikmeter Schiffsdiesel zuzüglich Flugkraftstoff, Schmierstoffe und Frischwasser verfügen die neuen Marinebetriebsstoffversorger über zehn Containerstellplätze zur individuellen, bedarfsgerechten Mitnahme von Ausrüstung und Instandsetzungskomponenten oder für andere Funktionszwecke. Das Flugdeck dient als Annahmemöglichkeit eines Hubschraubers für den Personen- und Materialtransfer. Bei Bedarf kann ein schnelles Bereitschaftsboot ausgesetzt werden.
Ein integrierter Beschussschutz verringert die Gefahr durch asymmetrische Bedrohungen. Für ABC-Bedrohungslagen ist die Zitadelle gemäß NATO-Vorgaben samt zugehöriger ABC-Schleuse und entsprechenden Mess- und Schutzeinrichtungen ausgerüstet. Zusätzliche Kammern und Stauungslasten ermöglichen die Einschiffung von spezialisierten Kräften mitsamt ihrer Ausrüstung.
Querstrahlruder an Bug und Heck sowie ein modernes Antriebskonzept ermöglichen einen sicheren und zuverlässigen Betrieb. Denn auch bei einem Ausfall des Antriebsdieselmotors kann der Auftrag durch einen sekundären elektrischen Antrieb weiter ausgeführt werden. Bei Revierfahrten oder engen Manövern mit bis zu zwölf Knoten bietet dieses System als elektrischer Antrieb eine schnelle Reaktionsfähigkeit bei Fahrtstufenänderungen. Bei Nutzung des Antriebsdieselmotors kann die Anlage auch als Energieerzeuger zur Entlastung der vier Elektrodieselgeneratoren betrieben werden. Insbesondere beim Betrieb der vollelektrischen Seeversorgungsanlage ist diese Systemkonfiguration von Vorteil. Heimathäfen werden, wie auch schon für die beiden Vorgänger der Klasse 704, Wilhelmshaven und Kiel, sodass die beiden Schiffe sich auf Nord- und Ostsee aufteilen.
Mit der Beschaffung der Klasse 707 wird die Marine wieder zuverlässige Leistungserbringer mit einer hohen Verfügbarkeit bekommen. Im Einsatzgebiet wird durch die Schiffe die Betriebsstoffversorgung eines Verbands sichergestellt. Ein Nachbunkern kann, sofern die Bedrohungslage dies zulässt, auch autark im nächsten Hafen erfolgen.
Gebaut werden die Schiffe weitestgehend nach zivilen Schiffbaustandards. Dadurch profitieren Unterstützungsschiffe, die in Art und Aufbau große Schnittmengen mit zivilen Schiffen aufweisen, von einer Kosten- und vor allem Zeitersparnis.
Die Herstellung der Versorgungsreife der Einheiten wurde bereits bei der Erstellung der Leistungsbeschreibung berücksichtigt, sodass zur Indienststellung der ersten Einheit die Schiffe vollständig im logistischen System der Bundeswehr betrieben werden können. Wo sinnvoll und möglich, wird auf bereits eingeführtes Gerät zurückgegriffen, sodass der logistische Aufwand minimiert werden kann. Somit wird nicht nur im Eiltempo beschafft, es wird auch sichergestellt, dass die Besatzungen ein funktionierendes und einsatzklares Schiff übernehmen können.
Angesichts des Alters der Vorgängerklasse 704, die mit einem sehr hohen Zeit- und Kostenaufwand in Dienst gehalten werden muss, und den zugleich stark gestiegenen umwelttechnischen Anforderungen ist die weitere Nutzung der beiden Einhüllentanker der Rhön-Klasse nicht mehr sinnvoll. Diverse technische Probleme führten in den letzten Jahren zu außerplanmäßigen Werftaufenthalten und somit zu längeren Nichtverfügbarkeiten der Schiffe. Folglich wurde im vergangenen Jahr bereits die Spessart aus der Fahrbereitschaft genommen. Im Jahr 2026 wird schließlich mit der Rhön die zweite und damit letzte Einheit der Klasse 704 aus der Fahrbereitschaft gehen.
Mit erfolgter Auftragsvergabe und Vertragsunterzeichnung im Juli 2021 ist der Zeitrahmen für das Neubeschaffungsprojekt von Beginn an eng gesetzt. Denn nur mit der Sicherstellung einer zuverlässigen Kraftstoffversorgung in See kann die Einsatzbereitschaft eines Verbands erhöht werden und erspart diesem eine langwierige Nachversorgung im Hafen.
Im Projektverlauf gesellte sich zu der zeitlichen Herausforderung noch die Coronapandemie. Die deutsche Werftindustrie hatte wie alle Wirtschaftsbereiche mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Auch wenn sich durch den starken Nachfragerückgang im zivilen Schiffbau neue Kapazitäten für Rüstungsprojekte auftaten, stand das Beschaffungsvorhaben auch auf Industrieseite vor etlichen Herausforderungen.
Schließlich konnte sich Naval Vessels Lürssen (NVL) bei der Ausschreibung durchsetzen und tritt nun als Auftragnehmer hauptverantwortlich gegenüber der Bundeswehr auf. Gebaut werden die Schiffe in Zusammenarbeit mit der Meyer Werft an den Standorten in Papenburg (Meyer Werft) und Rostock (Neptun Werft) mit der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft. Die Bundeswehr setzt in diesem Projekt auf die Expertise von Lürssen als Erfahrungsträger im Marineschiffbau und die Meyer Werft im Bereich des Großschiffbaus.
NVL übernimmt dabei insbesondere die Anteile Projektmanagement sowie Einsatzsystem. Die Zusammenführung der Komponenten erfolgt auf der Neptun Werft in Rostock. Durch den parallel laufenden Bau der Schiffssegmente in mehreren Werften soll der Fertigungsprozess zeitlich schlank gehalten werden. Die Einbindung mehrerer deutscher Werften ergibt den zusätzlichen Vorteil des Kompetenzerhalts und -erwerbs im Bereich Marineschiffbau, strategisch günstig verteilt an der Küste. Denn auch wenn es sich bei der Klasse 707 nicht um Kampfschiffe handelt, so werden die Auftragnehmer doch mit einigen Besonderheiten konfrontiert, die bei Schiffen ziviler Auftraggeber nicht vorliegen. Umso wichtiger ist es daher, diese Erfahrungen bei der deutschen Werftindustrie auf einem hohen Niveau zu halten. Auf der anderen Seite eröffnet der Ansatz eines weitgehend nach zivilen Regularien zu bauenden Schiffes dem Auftraggeber Bundeswehr die Möglichkeit, auf schnellere, marktübliche Vorgänge zurückzugreifen.
Mit dem termingerechten Brennstart Mitte letzten Jahres fiel der Startschuss für die Bauphase. Inzwischen hat die erste Einheit der Klasse 707 Form angenommen und soll bereits in diesem Jahr zu Wasser gelassen werden. Damit trifft das Bauvorhaben für die neuen Betriebsstoffversorger die aktuellen Anforderungen an eine sachgerechte und schnelle Beschaffung, um Fähigkeitslücken zu vermeiden.
Kapitänleutnant Severin Jedral arbeitet beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr in der Abteilung See.
Severin Jedral










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