Mit der SeaSnake bringt Rheinmetall eine deutlich verbesserte Waffenstation auf den Markt. Für die Deutsche Marine wird es erstmals auf den Fregatten 126 installiert.
Am 12. Oktober 2000 gegen 10:30 Uhr Ortszeit begann die USS Cole mit einem routinemäßigen Betankungsvorgang im Hafen von Aden, Jemen. Wenige Minuten später näherte sich ein kleines, mit Sprengstoff und zwei Personen besetztes Boot dem Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse an seiner Backbord-Seite und sprengte ein über 200 Quadratmeter großes Loch in die Seitenwand. [ds_preview]17 Seeleute der US Navy wurden bei diesem Anschlag getötet, etliche weitere verwundet. Die USS Cole verfügte zu diesem Zeitpunkt, wie auch die anderen Einheiten ihrer Klasse, über kein adäquates Nah- und Nächstbereichs-Verteidigungssystem (Close-In Weapon System).
Dieser Anschlag führte zwar nicht direkt zur Einführung von Mittelkaliberrohrwaffen in die Marinen dieser Welt, hat aber er den Trend erheblich beschleunigt. In der Deutschen Marine suchte man umgehend nach einer kurzfristig verfügbaren Lösung. Das Marineleichtgeschütz im Kaliber 27 Millimeter, kurz MLG 27, basiert auf der bewährten Revolverkanone Mauser BK 27, die damals bereits im Mehrzweckkampfflugzeug Tornado und später auch im Eurofighter ihre Zuverlässigkeit und Präzision selbst unter widrigen Bedingungen bewiesen hatte. In den folgenden Jahren wurde das MLG 27 über 100 Mal als Waffenstation von der Deutschen Marine bestellt – teils als Sekundärwaffe auf Fregatten und Korvetten, teils als Hauptbewaffnung auf Minenjagdbooten und Unterstützungseinheiten.
Nicht unumstritten
Führte man eine Umfrage unter allen Angehörigen der Deutschen Marine zum Waffensystem MLG 27 durch, so würde sich in etwa die Hälfte aller Befragten positiv über Kadenz, Durchschlagskraft und Abdeckung der eben beschriebenen Fähigkeitslücke äußern. Die andere Hälfte hingegen wird vermutlich die Störanfälligkeit, die zu geringe mitgeführte Munitionsmenge, die fehlenden automatischen Trackingeigenschaften und die hinkende Ersatzteilversorgung bemängeln. Letztere kann mittlerweile durch entsprechende Rahmenverträge sichergestellt und die zuverlässige Weiternutzung des Bestandssystems garantiert werden.
Dass eine ferngelenkte Waffenstation in der heutigen Seekriegsführung nicht mehr wegzudenken ist, steht grundsätzlich nicht zur Debatte, sehr wohl jedoch die Art und Ausprägung eines solchen Waffensystems. Nach gut zwei Jahrzehnten der ausgiebigen und aufschlussreichen Nutzung in der Truppe war die Zeit reif für eine Evolution des Marineleichtgeschützes auch in der Deutschen Marine. Bereits im Jahre 2016 wurde mit dem MLG 27NG eine modifizierte Version für den internationalen Markt ausgeliefert. Diese verfügte im Wesentlichen über eine angepasste Stabilisierung zur Steigerung der Treffgenauigkeit sowie die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Feuermodi und Kadenzen zu wählen.
Alter Wein aus neuen Schläuchen?
Mit dem Markenzeichen SeaSnake sollte bereits im Jahr 2018 der alte Name weichen und eine neue, richtungsweisende Generation von Waffenstationen entwickelt werden. Hierbei wurde im Besonderen den in der Vergangenheit bemängelten negativen Punkten eine große Aufmerksamkeit zuteil. Die Erfahrungen der Truppe, der hochfrequente Austausch der vergangenen Jahrzehnte mit der Industrie und aktualisierte Sicherheitsbestimmungen nahmen direkten Einfluss auf die Entwicklung. Die SeaSnake ist nicht als die eine Waffenstation zu verstehen, sondern repräsentiert eine ganze Familie solcher Waffen, deren Mitglieder mittels modularem Baukastenprinzip auf die entsprechenden Einsatzszenarien angepasst werden können. Kern des Systems ist eine im Standard Industrie 4.0 entwickelte offene Systemarchitektur, die gleichzeitig Aufwuchsfähigkeiten der Hardware und Anpassungsmöglichkeiten der Software bietet. Komponenten können bei ständiger funktionaler Konformität und unter Einhaltung modernster Sicherheitsstandards integriert werden.
Ein weiterer wesentlicher Punkt bei der Entwicklung und dem zukünftigen Betrieb ist die Informationssicherheit gemäß den aktuellsten Standards (MIL STD 882 und IEC 62443). Im Hinblick auf zunehmende Anforderungen an Interoperabilität und Vernetzung ist die Resilienz im Bereich der Informationssicherheit zwingende Voraussetzung für einen zuverlässigen Betrieb. Die zukunftsweisende Softwarearchitektur der SeaSnake ermöglicht die Einbindung in alle gängigen Bordsysteme sowie die plattformübergreifende Vernetzung im Sinne der Multi-Sensorfusion und Effektorenzuordnung.
Die Bedienung erfolgt über eine Kombination aus Touchdisplay und Richtgriff, sodass eine ergonomische Bedienung zu jeder Zeit und bei jedem Seegang sichergestellt ist. Die jeweils redundant ausgelegten Industrierechner und Leistungs-Motorensteuerungen aus dem Hause Siemens sorgen gleichzeitig für störungsfreien Betrieb und begünstigen als Commercial-Off-the-Shelf-Produkt nachhaltig die Ersatzteilversorgung.
Der mechanische Aufbau der Waffenstation wurde von Grund auf neu entwickelt. So wurden beispielsweise wesentliche Gehäusekomponenten aus faserverstärkten Materialien gefertigt, um eine signifikante Gewichtsreduktion bei vergleichbarer Robustheit und einem ähnlichen Schutz vor den Elementen zu erreichen. Die Oberflächenstruktur der Waffenstation weist eine Vielzahl relativ zueinander geneigter Flächen auf, was zu einer erheblichen Reduzierung der Signatur führt. Damit ist die SeaSnake bereits heute für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet. Im Zuge der gemeinsamen firmeninternen wie wehrtechnischen öffentlichen Erprobung konnten alle Punkte des umfangreichen Prüfprogramms erfolgreich durchlaufen werden.
System der nächsten Generation
Grundsätzlich kann das gesamte Portfolio militärischer Klein- und Mittelkaliberwaffen in der SeaSnake Platz finden – und das auf einer in allen Achsen stabilisierten Plattform.
Die gängigen Kaliber 7,62 Millimeter und 12,7 Millimeter werden standardmäßig mit der koaxialen Sensorik FlexEye bestehend aus Videokamera, Laserentfernungsmesser und ungekühltem Wärmebildgerät ausgeliefert, nicht zuletzt aufgrund einer ökonomisch angepassten Kosten-Nutzenbetrachtung. Die größeren Kaliber 20, 27 und 30 Millimetr verfügen mit der eigenstabilisierten Sensorik SeaVision mit gekühltem Wärmebildgerät über die Möglichkeit, deutlich präzisere Aufklärung in größeren Entfernungen zu betreiben, ohne dass die Waffe mitschwenkt.

Sea Snake 30
Die Dimensionierung der SeaSnake hängt also im Wesentlichen von dem geplanten Einsatzszenario ab, wobei die Varianten der größeren Kaliber stets die Fähigkeiten der kleineren Geschwister mit abdecken. Das derzeit größte Kaliber 30 Millimeter bietet zudem noch die Fähigkeit mit Air Burst Munition (ABM) zu wirken. Bewährt in Mantis, Skynex, Puma und weiteren Waffensystemen, überzeugt die Zerlegemunition im Nächstbereich gegen alle denkbaren Bedrohungen. Primär entwickelt zur bodengebundenen Luftverteidigung, kann diese Art der Munition jedoch auch gegen Überwasserseeziele eingesetzt werden und erweitert das Fähigkeitsspektrum der seegehenden Einheit in bislang unerreichtem Ausmaß. Die wahlweise alternative Möglichkeit zum Verschuss der ABM als kompaktes Penetrationsgeschoss reduziert die technischen Herausforderungen und die Gewichtsproblematik der sonst gewohnten Doppelgurtzuführung und erhält dem Nutzer somit eine weiterhin enorme Schusskadenz innerhalb seiner taktischen Flexibilität.
Für kleinere Kaliber wurde diese Art der Munition bislang noch nicht entwickelt. Die technischen Herausforderungen auf immer kleiner werdendem Bauraum sowie die schwindende Durchschlagskraft von einer geringer und leichter werdenden Anzahl an Subprojektilen sind im weiteren Verlauf im Rahmen des technisch Machbaren zu kompensieren. Dennoch konnte ein Grid-Firing-Modus für kleinere Kaliber implementiert werden, der aufgrund der hohen Kadenz der Waffen die Treffwahrscheinlichkeit mindestens eines Projektils einer jeden Salve signifikant erhöht, insbesondere bei der Bekämpfung von kleinen, möglicherweise unbemannten Überwasserseezielen.
Aufgrund der erheblichen Gewichtsreduktion der Waffenwiege konnte die mitgeführte Munitionsmenge deutlich erhöht werden. Dies begünstigt nicht nur die Einheiten mit SeaSnake als Primärbewaffnung, sondern verleiht der Waffenstation einen erheblichen Kampfvorteil gegenüber den bekannten Alternativen.

SeaSnake 12.7
Die Bedienung der Waffenstation erfolgt entweder eingebettet in ein übergeordnetes Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWES) oder autark an einer unter Deck installierten Bedienkonsole. Kleine taktische Einheiten ohne eigenes FüWES können folglich ebenso ausgerüstet werden wie große, komplexe Waffensysteme.
Ausblick
In der Deutschen Marine wird die SeaSnake im Kaliber 27 Millimeter mittelfristig mit der Fregatte 126 als Standardgeschütz eingeführt. Aufgrund der Gewichtsreduktion sowie der modularen IT sind auch bei Bestandseinheiten weder strukturelle noch informationstechnische Anpassungen erforderlich. Selbst eine nachträgliche Aufwuchsmöglichkeit vom Kaliber 27 Millimeter auf 30 Millimeter ist gegeben, da Waffenwiege, Feuerleitrechnung und Sensorik identisch sind.
Der erste Kunde der hoch performanten SeaSnake 30 mit ABM-Fähigkeit wird die brasilianische Marine sein, die sich frühzeitig gemeinsam mit Thyssenkrupp Marine Systems für die High-End-Lösung der SeaSnake-Familie entschieden hat. Die Indienststellung der brasilianischen Einheiten des Typs Meko A-100 BR ist für das Jahr 2026 vorgesehen. Die ersten Waffenstationen befinden sich aktuell in der Endmontage, um anschließend in das Gesamtwaffensystem integriert werden zu können.

MLG 27 an Bord des EGV Frankfurt am Main, Foto: Autor
Florian Lobitz ist Referent Marine in der Programmorganisation Defence bei Rheinmetall.
Florian Lobitz










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