Internationaler Austausch erwünscht, Foto: McPhail/von Puttkamer

Internationaler Austausch erwünscht, Foto: McPhail/von Puttkamer

The same procedure as every year?

Dinner for two! Ein britischer und ein deutscher Offizier rufen auf zu mehr Beteiligung am Dialog.

Mit dem Erscheinen der Absichtserklärung des Inspekteurs der Marine, Vizeadmiral Jan C. Kaack, entspann sich eine Diskussion zwischen zwei Offizieren. In dem Ansinnen, Meinungsaustausch zu bewerben und junge Offiziere in den öffentlichen Dialog zu „zwingen“, machen sie mit der Niederschrift dieser Diskussion einen Auftakt und hoffen, dass viele folgen werden.[ds_preview]

Bogislav-Jesko von Puttkamer: Thomas, als Empfänger von Tagesbefehlen aus den höchsten militärischen Führungsebenen in Deutschland als auch aus Großbritannien: Kannst Du Ähnlichkeiten oder Unterschiede erkennen?

Lieutenant Commander Thomas McPhaildiente fünf Jahre in Deutschland, Foto: McPhail/von Puttkamer

Lieutenant Commander Thomas McPhail diente fünf Jahre in Deutschland, Foto: McPhail/von Puttkamer

Thomas McPhail: „We’ve come a long way“, kann ich nur sagen. Und ich spreche aus mehr als zwei Jahrzehnten Erfahrung. Als ich anfing – und so habe ich es sowohl in Deutschland als auch in Großbritannien erfahren – war das Ergebnis langweiliger Stabsdienstarbeit ein Tagesbefehl des Inspekteurs, der in schwarz-weiß an einem Brett ausgehängt wurde. Heute erhalten wir hüben wie drüben bunt gedruckte Flugschriften, faltbar mit Bildern und Illustrationen, mit persönlichem Anschreiben eines Inspekteurs, Generalinspekteurs oder Ministers, vielleicht sogar mit einem scanbaren QR-Code! Ich glaube, das stillt viel mehr den Durst nach Information als es früher der Fall war. Selbst der Titel wurde geändert, wenn man die Absichtserklärung des Inspekteurs am Anfang des Jahres betrachtet. Man erkennt ein change of mindset in Inhalt und Kommunikation. Das ist etwas, das wir in der Royal Navy schon seit einigen Jahren haben.

von Puttkamer: Bei Deiner Schilderung erinnere ich mich an die Entstehung des Kompass Marine – auch eine Form der Absichtserklärung. Hier jedoch einer gemeinsamen Erklärung. Bei dieser wurde die Truppe sehr aktiv einbezogen. Flaggoffiziere reisten durch die Kommandos, hielten Vorträge, leiteten Diskussionsrunden und vieles mehr. Ich erinnere mich gut, wie stapelweise Kartons an Kompass-Marine-Material an Bord verteilt wurden und in den Messen für regelmäßigen Gesprächsstoff sorgten. Natürlich gab es auch hier Kritiker, meist aber ohne konkrete Alternativideen.

McPhail: Interessant. Meine Erfahrung war da leider ein wenig anders. Ich war zu dieser Zeit bei Deu Marfor. Die so enge Einbindung in die Entwicklung des Kompass Marine führte zu einer recht schnellen Verpuffung. Ich kann mich nicht erinnern, dass die Diskussion des so what in unserem Hauptquartier jemals geführt wurde. Ich hätte mir eine häufigere Auseinandersetzung und Rückmeldung gewünscht. Gerade die Wirkung auf den unterstellten Bereich, den „Maschinenraum“, wie man es während einer vergangenen Historisch-Taktischen Tagung (HiTaTa) hörte, hätte ich als gewinnbringend erfahren.

von Puttkamer: Im Grunde genommen trifft ein solches Projekt das Herz der Inneren Führung, ähnlich wie die von Dir erwähnte HiTaTa. Solche Mechanismen und Institutionen eigenen sich gut zur internen Kommunikation von politischen und strategischen Intentionen, bilden aber eben auch ein produktives Netzwerk – ausdrücklich nicht nur zum persönlichen Vorteil – unter Kameraden. Wie steht es um Vergleichbares in der Royal Navy?

McPhail: Wir führen in der Royal Navy regelmäßig Seminare durch. Diese sind aber kleinen elitären Kreisen vorbehalten und schließen meist nur die Gruppen ab Kapitän zur See aufwärts ein. Ich bin ein großer Fan der HiTaTa, bei der es eine Mischung aus interessanten Vorträgen und Diskussionen gibt, aber noch wichtiger ist die Kameradschaft und das Miteinander auf allen Ebenen, das sie mit sich bringt.

von Puttkamer: Interessanterweise gibt es auch bei uns tatsächlich Kritiker an der Größe, die die HiTaTa mittlerweile erreicht hat. So führen die vielen Beteiligten nicht zwingend zu besserem Austausch. Sicher ist aber, dass der große Kreis der Zuhörer nicht nur eine bessere Reichweite erwirkt, sondern hier und dort auch mal jüngere Stimmen zulässt. Das wiegt mit Sicherheit schwerer. So wird eine HiTaTa weniger zu einem Jahrgangstreffen und mehr zu einer Schulversammlung.

McPhail: Auf jeden Fall denke ich aber, dass die HiTaTa somit auch eher für jüngere Offiziere zugänglich ist. Der nicht zwingend bessere Austausch sollte meiner Meinung nach aber vermehrt durch Digitalisierung aufgefangen werden, um all denen eine Stimme zu geben, die sich nicht trauen, vor 500 Personen aufzustehen. Bei der letzten HiTaTa wurden die Fragen mit digitalen Mitteln gestellt. Toll! Und die Marine kann digitale Umfragen stärker nutzen, um ein gutes Meinungsbild zu einer Vielzahl von Themen zu erhalten, die für das Führungspersonal nützlich sind. Da ich gerade von Digitalisierung spreche: Die Royal Navy hat eine App MyNavy, mit der wir – verschlüsselt – Zugang zu unseren Gehaltsabrechnungen, Urlaubsdaten und anderen Informationen haben. Ich hoffe, dass es bald etwas Ähnliches auch für die Deutsche Marine geben wird. Hier könnte man auch Gesprächsforen ergänzen.

von Puttkamer: In diesem Zusammenhang sehe ich es aber als wesentlich an, dass wir hierbei nicht Nachricht und Person voneinander entkoppeln. Sich nicht zu trauen aufzustehen, sollte nicht mit einem Verschwinden in der Anonymität gleichgesetzt werden. Die digitale Wand sollte nicht zum Versteck werden. Ich glaube, dass dies zum einen junge Führungskräfte falsch erzieht und zum anderen einer positiven Diskussionskultur nicht zuträglich wäre. Gerne verfolge ich in den sozialen Medien militärische Diskussionen, tue mich aber schwer, wenn ich nicht weiß, wer hinter einer bestimmten Nachricht steckt. Das hat immer ein Geschmäckle.

Britische Fregatte Dauntless, Foto: Royal Navy/Stuart Dickson, Crown Copyright

Britische Fregatte Dauntless, Foto: Royal Navy/Stuart Dickson, Crown Copyright

McPhail: Ich würde hier sogar noch weiter gehen und sagen, dass durch attribuierbare Meinungen in den sozialen Medien eine gewisse – meist nur gefühlte – Wirkungslosigkeit der eigenen Meinung überbrückt werden kann. Jeder, der sich versteckt, beraubt sich der Wirkung seiner eigenen Meinung und Ideen. Demgegenüber steht aber auch, dass die Führungsriege Meinungsäußerungen in die Verantwortung nehmen könnte und dadurch Handlung entwickeln kann, wenn die Idee positiv aufgenommen wurde. Dies würde Meinungsbarrieren überwinden und somit ein allgemeiner Gewinn sein. Wenn ich von hier mal den Exkurs wagen darf: Ich glaube auch, dass sich die politische Bildung hier wirkungsvoll ändert, um junge Soldaten zu befähigen, sich mit aktuellen Themen kritisch auseinanderzusetzen. So wichtig die Auseinandersetzung mit den beiden Weltkriegen, mit den Preußischen Reformern und so weiter ist, so denke ich, haben wir drängende tagesaktuelle Fragen, die sich mit der Entwicklung der Marine und dem eigenen Sinnbild befassen. Junge Soldaten sollten von vornherein aufgefordert werden, sich in aktuelle Diskussionen einzubringen. Ich denke, dass es genug Möglichkeiten gibt, bei denen Offiziere die Themen des Tages diskutieren können – der Seemanssonntag ist eine ideale Gelegenheit dafür. Ich habe aber auch oft genug erlebt, dass Offiziere direkt wieder an die Arbeit gehen und sich nach dem Mittagessen keine Zeit für ein gemeinsames Gespräch nehmen. Die Einzelbüro-Kultur ist da nicht wirklich zuträglich!

Deutsche Fregatte Bayern, Foto: Bw/Leon Rodewald

Deutsche Fregatte Bayern, Foto: Bw/Leon Rodewald

von Puttkamer: Das sehe ich genauso. Ich denke da an das Beispiel des Zitats der ehemaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, dass die Bundeswehr ein „Führungsproblem auf allen Ebenen“ habe. Ich fand die darauffolgenden Diskussionen sehr anregend und war gleichzeitig schockiert darüber, wie schnell wir es geschafft haben, uns weniger an der Sache als an den Personen und Prozessen aufzureiben. In einer anschließenden Diskussion – ich war dabei zusammen mit Oberstleutnant Marcel Bohnert anwesend – wurde dieser für einen Artikel in der „FAZ“ ausschließlich aufgrund des Veröffentlichungsprozesses angegriffen, anstatt sich weiter über die Sache zu unterhalten. Die Reaktionen auf den Artikel zeigten aber, wie notwendig eigentlich eine langfristige Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Artikels gewesen wäre. Reden wir auch heute noch über den damaligen Vorwurf? Die angesprochenen Akteure sind fast alle noch aktive Offiziere. Die öffentlich anscheinend nicht gewollte thematische Beschäftigung zeigt auch, dass wir Streitkultur mit den jungen Offizieren entwickeln müssen. Wir müssen „lauter“ werden. Und hiermit meine ich nicht Protest, sondern Auseinandersetzung.

McPhail: Ich glaube, hier sollte Deutschland viel mutiger werden. In vielen anderen Ländern Europas oder auch auf der anderen Seite des Atlantiks sind Meinungsartikel und eine öffentliche Auseinandersetzung in der Presse abseits eines Prüfprozesses durch Pressestäbe nicht nur selbstverständlich, sondern erwünscht!

von Puttkamer: Man könnte meinen, in den Deutschen Streitkräften würde viel über den Staatsbürger in Uniform geredet, dass interne Vertrauen in selbigen reicht – überspitzt gesagt – aber nur bis zu einer Prüfschleife durch das Presse- und Informationszentrum. Auch auf die Gefahr hin, dass wir hier vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen, sprechen wir von der Veränderung der internen, aber auch externen Kommunikation in der Marine. Der Schaffung einer Kultur, in der die Kameraden das Gefühl haben, dass sie ihr geschätztes Feedback geben können und somit einen Beitrag zum gemeinsamen Zielbild leisten können. Unter anderem entstand so ja auch die Idee der Publikation dieses Gesprächs. Das marineforum ist auch – neben notwendiger öffentlicher Diskussion – ein ausgezeichnetes Forum, um sich nicht nur über Bruchkritiken zu streiten.

Fregattenkapitän Bogislav-Jesko von Puttkamerist derzeit im britischen Northwood tätig, Foto: McPhail/von Puttkamer

Fregattenkapitän Bogislav-Jesko von Puttkamer ist derzeit im britischen Northwood tätig, Foto: McPhail/von Puttkamer

McPhail:  In Großbritannien haben wir eine ähnliche Publikation wie das marineforum, die „Naval Review“. Wir sind in einer ähnlichen Position: Wir wollen herausfinden, wie man eine Diskussionskultur einführen kann.  Viele meiner Kameraden – sei es bei informellen Chats in den sozialen Medien oder bei der HiTaTa – wissen, wie gerne ich mich an Gesprächen beteilige. Wäre es nicht großartig, dies in einem breiteren Kontext fortzusetzen? Auch dieser Artikel ist nicht wirklich ein Artikel – er ist ein Gespräch. Glaubst Du, dass dies eine gute Möglichkeit für die Leser ist, sich in Ansichten zu vertiefen, die vielleicht aneinander abprallen? Vielleicht möchten jüngere Leser dieses Format im marineforum fortsetzen – es gibt auch andere Diskussionsthemen, bei denen sich die Meinungen hoffentlich auch widersprechen.

von Puttkamer: Ich denke, dies könnte ergänzt werden, indem wir – bevor wir nach typisch deutscher Manier regelmäßig versuchen, das Rad neu zu erfinden – in einen internationalen Austausch gehen. Hier hätte ich konkret die Idee für ein internationales Format, wie zum Beispiel – gerade passend – ein deutsch-britisches Forum. Wie wäre ein jährlicher Austausch zwischen jüngeren Offizieren oder etwas Vergleichbares? Ich finde, dass die Junge Marine-Offizier-Vereinigung (JUMOV) einen ausgezeichneten Anfang gemacht hat. Eine internationale Ergänzung fände ich spannend.

McPhail: Auf eine solche Zusammenarbeit, die unsere eigenen Ziele fördern würde, würde ich mich freuen, insbesondere zwischen Deutschland und Großbritannien und auch auf hoher See. Zwischen unseren beiden Nationen besteht seit vielen Jahren eine enge Verbindung, und ich wünsche mir sehr, dass dies auch weiterhin so bleiben wird, wenn wir die Herausforderungen der kommenden Jahre zusammen meistern müssen. Die Welt steht nicht still, und deshalb müssen wir darüber nachdenken, wie wir proaktiv handeln können. Entweder als einzelne Länder, als Gruppe oder auch als einzelne Offiziere, im Sinne unserer gemeinsamen Ziele. In diesem Zusammenhang fällt mir die gemeinsame deutsch-britische Erklärung von 2021 ein: „The UK and Germany should develop a strategic approach to bilateral cooperation instead of the ad hoc approach, that has characterized the past relationship, by setting clear mutual goals and establishing light mechanisms and processes for delivery managed through the UK-German strategic dialog and a more ambitious future agreement.”

Lieutenant Commander Thomas McPhail ist Offizier der Royal Navy und diente fünf Jahre lang in Deutschland (LGAN16 und Deu Marfor). Er wird in Kürze eine Funktion in Information Warfare bei der britischen Carrier Strike Group übernehmen.

Fregattenkapitän Bogislav-Jesko von Puttkamer ist Planungsstabsoffizier und Koordinator für die Domäne Weltraum beim HQ Marcom im britischen Northwood.

Thomas McPhail und Bogislav-Jesko von Puttkamer

25. Jan. 2024 | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Das Gespräch bzw der Artikel von Thomas McPhail und Baroslav Jesko von Puttkamer spricht mir aus dem Herzen, zumal ich Thomas ja aus seiner Zeit im DeuMarFor kenne und sehr schätze.

    Ich denke, es sollte in allen Regionen solch ein Diskurs unterstützt werden.

    Deshalb werde ich das initiieren, um solch eine Podiumsdiskussion mal in unserer Region München zu organisieren, zum Beispiel an der BwUni in München, um mit den jungen Studenten an der Uni diesen Diskurs zu befördern.

    BZ auch an die Redaktion für die Gestaltung und Plazierung dieses Artikels in beiden Medien, MF print und online

    Michael Beck
    KptzSdR und Regionalbeauftragter MOV in München

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