Chinas Engagement im Bereich der Logistik reicht weit über die Beteiligung an Häfen hinaus. Unternehmen des Landes verfügen über eine marktbeherrschende Stellung und ermöglichen tiefe Einblicke in weltweite Transportketten.
Die amerikanische Maritime Administration (Marad) warnt in einer neuen Verlautbarung vor möglichen Cyberbedrohungen für die Schifffahrt. Nach Einschätzung der Schifffahrtsbehörde seien die Hafenverwaltungen vor potenziellen Cyberattacken nur unzureichend geschützt. Dies betreffe neben ihren operativen Netzwerken, den Verwaltungssystemen und der Software insbesondere die Infrastruktur der Seehäfen selbst. Als Gefährdung gelten alle Systeme, die von ausländischen Unternehmen, insbesondere aus China, hergestellt, installiert und gewartet werden.[ds_preview]
Die US-Regierung hatte bereits in den vergangenen Jahren auf Risiken hingewiesen, die sich aus einer Integration und Nutzung verschiedener Systeme aus China ergeben könnten. Erwähnt werden die Plattform für Transport und Logistik Logink, Scanner der Firma Nuctech und automatische Ship-to-Shore-Kräne des Marktführers Shanghai Zhenhua Heavy Industries Company (ZPMC). Diese Kräne können je nach Konfiguration aus der Ferne gesteuert, gewartet und programmiert werden, wodurch sie potenziell anfällig für Angriffe sind.
Logink ist eine vom chinesischen Verkehrsministerium entwickelte Software, die Logistikdaten aus verschiedenen Quellen sammelt, darunter in- und ausländische Hafenbetriebe, Logistiknetzwerke, Verlader und Reedereien.
Nuctech stellt datenzentrierte Sicherheitsgeräte für wichtige Logistikzentren her. Diese Geräte haben weltweit Zugang zu sensiblen und geschützten Informationen wie biometrische und persönliche Identifikationsdaten, Frachtinformationen und geografischen Metadaten. Mehrere Länder haben aufgrund der Beteiligung des chinesischen Staates an dem Unternehmen und der Verbindungen zum chinesischen Militär Bedenken gegen die Nutzung der Sicherheitsscanner geäußert. Die USA haben Nuctech in die Liste der sanktionierten Unternehmen aufgenommen. Begründet wird dies mit Bedenken, dass Aktivitäten von Nuctech den nationalen Sicherheitsinteressen der USA zuwiderlaufen.
Dieser weltweite Einsatz chinesischer Produkte in den kritischen Hafeninfrastrukturen ermöglicht China den Zugriff auf sensible Logistikdaten und könnte der chinesischen Regierung Einblicke in Versandinformationen, Frachtbewertungen, Zollabfertigungen sowie Informationen über Zielorte und Routenführung verschaffen.
Chinesische Unternehmen sind derzeit an fünf Häfen in den USA und neun in Europa beteiligt oder betreiben diese. Die jüngste Investition durch die China Ocean Shipping Company (Cosco) war der Erwerb eines Anteils von 24,9 Prozent am Hamburger Containerterminal Tollerort.

Containerumschlag im US-Hafen Virginia, Foto: American Harbor and Docking Pilots Association
Logink hat chinesischen Nachrichtenquellen zufolge diverse Vereinbarungen über die gemeinsame Nutzung von Daten, beispielsweise mit CargoSmart, einem Anbieter von Schifffahrtsmanagement-Software mit Sitz in Hongkong, der wiederum über seine Tochtergesellschaft Orient Overseas International Limited (OOIL) im Besitz von Cosco ist. Diese Partnerschaft verschafft Logink Zugang zu Daten über Livebewegungen von mehr als 90 Prozent der weltweiten CargoSmart-Containerschiffe. Eine Partnerschaft mit CaiNiao, einem weiteren chinesischen Logistikriesen mit mehr als 200 Lagerhäusern weltweit und einer schnell wachsenden europäischen Präsenz, verschafft Logink zusätzlich Reichweite. Darüber hinaus bestehen Partnerschaften mit Portbase in den Niederlanden und Maqta in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Und schließlich könnte die Partnerschaft mit der International Port Community Systems Association (IPCSA) von großer Bedeutung sein. Die IPCSA hat im Jahr 2020 das Network of Trusted Networks ins Leben gerufen. Dieses Projekt verbindet rund 70 Häfen – auch in Deutschland – und zehn Flughäfen und ermöglicht es ihnen, den Status von Schiffen und Containern auszutauschen. Eine erfolgreiche Integration mit Logink erhöht auch hier die Reichweite drastisch.
Das sollte beunruhigen, denn der Logink-Konkurrent TradeLens, eine vom dänischen Schifffahrts- und Logistikunternehmen Moeller-Maersk und IBM im Jahr 2018 gestartete Blockchain-fähige Logistikplattform, wurde bereits im Januar 2023 wieder vom Markt genommen.
Liest Chinas Militär mit?
Zu den Hauptrisiken gehört die mögliche Manipulation der Daten von Logink zum Zweck der wirtschaftlichen Nötigung, der Unterbrechung oder sogar der dauerhaften Blockierung des Handelsflusses in bestimmten Ländern. Darüber hinaus könnte Logink die Bewegungen der Chinese People’s Liberation Army Navy (PLAN) verschleiern und China gleichzeitig Informationen über die Militärlogistik der USA und Europa liefern. Dies wäre von großer Bedeutung, da beide einen Großteil ihres Materials mit Frachtschiffen über zivile Häfen transportieren.
Sollte also die Nutzung chinesischer Produkte in Europa verboten werden? Das ist kurzfristig sicher nicht realistisch. Es sollte jedoch eine umfassende Diskussion über die Schwachstellen des Systems stattfinden. Im Fokus der Medien stehen bislang nur die Investitionen Chinas in die globale Hafeninfrastruktur. Details wie vernetzte Kräne werden aber genauso betrachtet werden müssen wie die chinesischen Bemühungen, in den kommenden Jahrzehnten eine Logistik- und Transport-Supermacht zu werden.
Europa und Deutschland sollten sich jetzt ernsthaft mit der chinesischen Herausforderung auseinandersetzen, da man sich sonst in einigen Jahren in einer äußerst verwundbaren Position wiederfinden könnte.
Klaus Klages










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