Die kleinen Fregatten der Abukuma-Klasse werden ihrer nur bescheidenen Größe von 2550 Tonnen als Geleitzerstörer bezeichnet, Fotos: JMSDF

Die kleinen Fregatten der Abukuma-Klasse werden ihrer nur bescheidenen Größe von 2550 Tonnen als Geleitzerstörer bezeichnet, Fotos: JMSDF

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Angesichts der multiplen Bedrohungen rüstet Japan seine Marine massiv auf. Von zentraler Bedeutung sind die Stealth-Fregatten der Mogami-Klasse.

 Japan gehört mit seinen über 6800 Inseln und einer Küstenlänge von 29 751 Kilometern zu den großen maritimen Nationen. Neben den vier Hauptinseln sorgen vor allem kleinere Inselgruppen dafür, dass Japan bei einer Landfläche von 380 000 Quadratkilometern über 430 000 Quadratkilometer große Territorialgewässer und eine Ausschließliche Wirtschaftszone mit der zehnfachen Ausdehnung seiner Landfläche verfügt. Mit Blick auf Japans Abhängigkeit von Rohstoffimporten, Güterexporten und Fischereirechten verlässt sich die Inselnation daher in Fragen der maritimen Sicherheit auf leistungsstarke Seestreitkräfte, die Japan Maritime Self-Defense Force (JMSDF).[ds_preview]

Der beachtliche Umfang der JMSDF, die sich im westpazifischen Raum massiven Bedrohungen durch China, Nordkorea und Russland ausgesetzt sieht, erfordert einen kontinuierlichen Zulauf an Neubauten. Nachdem während der vergangenen 20 Jahre Hubschrauberträger, Aegis-Zerstörer und dieselelektrische U-Boote den Schwerpunkt des japanischen Marineschiffbaus bildeten, ist mittlerweile ein enormer Erneuerungsbedarf bei kleineren Mehrzweckeinheiten im Zerstörer- und Fregattensegment entstanden. Künftig sollen die Fregatten der Mogami-Klasse diesen Bedarf decken und der JMSDF darüber hinaus einen schon länger geplanten Aufwuchs ermöglichen.

Seit 33 Jahren ist dieSawagiri in Dienst

Seit 33 Jahren ist die Sawagiri in Dienst

Nach der amerikanischen und chinesischen Marine bildet die JMSDF die drittgrößte maritime Streitmacht im pazifischen Raum. Der Kern der Flotte besteht gegenwärtig aus 46 Zerstörern und Fregatten, wobei die Klassifizierung teilweise markant von international üblichen Standards abweicht. Beispielsweise werden die vier Hubschrauberträger, jeweils zwei Einheiten der Izumo- und der Hyuga-Klasse mit 27 000 und 19 000 Tonnen, im Land selbst aus verfassungsrechtlichen Gründen als „hubschraubertragende Zerstörer“ bezeichnet. Beide Klassen haben das Offensivpotenzial der JMSDF in den vergangenen Jahren spürbar gestärkt; speziell die beiden Einheiten der Izumo-Klasse werden künftig sogar Kampfflugzeuge vom Typ F-35B Lightning II aufnehmen, womit Japan erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder über Flugzeugträger verfügen wird.

Neben ihren Hubschrauberträgern verfügt die JMSDF über acht große Aegis-Zerstörer zwischen 9500 und 10 500 Tonnen sowie 34 Zerstörer und Fregatten in insgesamt sechs Klassen mit Wasserverdrängungen zwischen 2550 und 6800 Tonnen. Ergänzt wird diese ansehnliche Armada durch 22 recht große, dieselelektrische U-Boote, drei amphibische Docklandungsschiffe der 14 000 Tonnen verdrängenden Oosumi-Klasse, sechs Flugkörperschnellboote und zahlreiche Minenkampf- und Unterstützungseinheiten. Mit Blick auf seine verstreuten Inselgruppen fernab der vier Hauptinseln leistet sich das Land schließlich mit der Japan Coast Guard eine der größten Küstenwachen weltweit, die ein breites Spektrum an Patrouilleneinheiten sämtlicher Größenklassen unterhält.

Die Zerstörer und Fregatten der JMSDF stehen schon unterschiedlich lange im Dienst der Flotte. Da in den letzten Jahren bei weitgehend konstanten Verteidigungsausgaben primär große Einheiten beschafft wurden – die vier Hubschrauberträger zwischen 2009 und 2017, die beiden großen Aegis-Zerstörer der Maya-Klasse 2020 und 2021 –, besteht jedoch mittlerweile bei kleineren Zerstörern und Fregatten ein spürbarer Erneuerungsbedarf. Dies betrifft vor allem die acht Zerstörer der Asagiri-Klasse mit 5200 Tonnen und die sechs kleinen Fregatten der Abukuma-Klasse mit 2550 Tonnen, die allesamt zwischen 1988 und 1993 zur Flotte gestoßen sind. Auch die neun Zerstörer der 6200 Tonnen verdrängenden Murasame-Klasse, die zwischen 1996 und 2002 in Dienst gestellt geworden sind, werden Ende des Jahrzehnts allmählich das Ende ihrer Einsatzfähigkeit erreichen.

Effizienzwunder Mogami-Klasse
Um die langfristige Einsatzfähigkeit der JMSDF zu sichern, stellte das japanische Verteidigungsministerium 2015 erste Mittel für die Entwicklung einer neuen Klasse von Mehrzweckfregatten, dem Projekt 30FF, zur Verfügung. Noch im gleichen Jahr präsentierte Mitsubishi Heavy Industries (MHI) einen Entwurf mit 3000 Tonnen Verdrängung, der auf eigenen Vorarbeiten beruhte und sich stark an die Littoral Combat Ships der amerikanischen Freedom-Klasse anlehnte. Nach gründlicher Überarbeitung verdrängt der nun als Projekt 30DX bezeichnete Entwurf 5500 Tonnen. Nur zwei Jahre später erhielt MHI den Auftrag zum Bau der ersten acht von insgesamt 22 geplanten Einheiten zum Stückpreis von rund 390 Millionen Euro, die mit ausgeprägten Stealth-Eigenschaften, hohem Digitalisierungsgrad und umfangreichem Fähigkeitsspektrum viele Forderungen erfüllen.

HubschraubertragenderZerstörer Izumo

Hubschraubertragender
Zerstörer Izumo

Mit der Mogami wurde das Typschiff der neuen Klasse am 29. Oktober 2019 auf Kiel gelegt, das Schwesterschiff Kumano folgte bereits einen Tag später. Beide Fregatten konnten als erste Vertreter der Klasse im Frühjahr 2022 von der JMSDF übernommen werden, im Dezember 2022 stieß die Noshiro zur aktiven Flotte. Mikuma, Yahagi, Agano sowie zwei weitere Einheiten befinden sich derzeit in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung. Sollten den bislang bewilligten acht Mogami-Fregatten bis 2032 tatsächlich wie geplant 14 weitere folgen, würden die dann insgesamt 22 Schiffe nicht nur die veralteten Abukuma- und Asagiri-Klassen ersetzen, sondern der JMSDF auch einen Aufwuchs auf 54 Zerstörer und Fregatten bescheren, was einer expliziten Forderung der National Defense Program Guidelines von 2018, einem Weißbuch mit Fünfjahresplan, entspricht.

Die 133 Meter langen und 16 Meter breiten Mogami-Fregatten besitzen einen Codag-Antrieb (Combined Diesel and Gas) auf Basis einer MT30-Gasturbine von Rolls-Royce und zweier Dieselmotoren vom Typ MAN 12V28/33D STC, was den Fregatten eine Maximalgeschwindigkeit von rund 30 Knoten verleiht. An Waffensystemen verfügen die neuen Fregatten neben einem 127-Millimeter-Standardgeschütz auf dem Vorschiff, dem Mk 45 Mod 4 von BAE Systems, über zwei Mk 141 Flugkörperstartvorrichtungen für acht Schiffsabwehrflugkörper vom Typ 17 SSM-2, ein Vertikalstart-System Mk 41 für Luftabwehrflugkörper vom Typ 03 Chu-SAM und ein Mk 15 Mod 31 SeaRAM-System zur Abwehr von Flugkörpern im Nahbereich. Hinzu kommen zwei Torpedorohre sowie zwei Remote Weapon Stations mit Kaliber 12,7 Millimeter oberhalb der Brücke. Schließlich besitzen die Fregatten ein Hubschrauberdeck samt Hangar für einen U-Jagdhubschrauber vom Typ Mitsubishi SH-60L und können unbemannte Über- und Unterwassersysteme sowie Minen zum Einsatz bringen.

Die Mogami-Fregatten stellen wahre Effizienzwunder dar, und kommen dank eines hohen Digitalisierungsgrads mit nur 90 Besatzungsangehörigen aus. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil für ein Land mit stark schrumpfender Bevölkerung und einer Marine, die mit zahlreichen Technologieunternehmen von Weltrang um begabten Nachwuchs konkurriert. Die in etwa gleich großen Asagiri-Zerstörer benötigen 220, die deutlich kleineren Abukuma-Fregatten immerhin noch 120 Besatzungsangehörige.

Stapellauf der Kumano

Stapellauf der Kumano

Kernstück der Digitalisierung an Bord ist das von MHI entwickelte Advanced Integrated Combat Information Center (AICIC), das alle wichtigen Führungsinformationssysteme bündelt und die Grundlage für das Führungs- und Waffeneinsatzsystem der Fregatten bildet. Eine kreisrunde 360-Grad-Videowand mit 14 Multifunktionskonsolen ermöglicht einen vollständigen Blick rund um das Schiff, bei Bedarf können zur Ergänzung des digitalen Lagebilds Informationen der Infrarot- und Radarsensorik sowie Augmented Reality-Elemente eingespeist werden. Alle wesentlichen Informationen zu Antrieb, Navigation und den Waffensystemen können ebenfalls auf der Videowand oder auf weiteren Multifunktionskonsolen im AICIC abgerufen werden, sodass das Schiff etwa bei einer Beschädigung der Brücke problemlos von hier aus geführt werden kann.

 Schließlich verfügen die neuen Fregatten über ausgeprägte Stealth-Eigenschaften, bei deren Entwicklung MHI Anleihen bei dem im eigenen Haus entwickelten Kampfflugzeugdemonstrator X-2 Shinshin genommen hat. Besonders hilfreich erwies sich in diesem Zusammenhang, dass die X-2 ihre Erprobungsphase zwischen 2016 und 2018 durchlief, also weitgehend parallel zur Konzeptionierung der Mogami-Fregatten. Aus der X-2 ist mittlerweile in Kooperation mit Großbritannien und Italien ein Programm zur Entwicklung eines Kampfflugzeugs der sechsten Generation hervorgegangen, das Global Combat Air Programme, kurz GCAP.

Langfristige Perspektiven
Mit dem eindrucksvollen Programm 30DX reagiert die JMSDF auf gleich mehrere Herausforderungen. Die bislang aus den Zerstörern der Asagiri-Klasse und den Fregatten der Abukuma-Klasse bestehenden Naval District Forces können durch den Zulauf der Mogami-Fregatten langfristig auf 22 Einheiten anwachsen und damit ein wertvolles Verstärkungspotenzial für die vier großen Geleitflottillen der JMSDF darstellen, denen die vier Hubschrauberträger, die acht großen Aegis-Zerstörer und 20 weitere Zerstörer zwischen 6200 und 6800 Tonnen zugeteilt sind.

Daneben eröffnen die neuen Fregatten dem japanischen Marineschiffbau überaus interessante Exportmöglichkeiten. Nachdem das Konzept auf der Euronaval 2018 und der Sea-Air-Space 2018 bereits einem größeren internationalen Publikum vorgestellt wurde, folgte 2020 eine Vereinbarung mit Indonesien über die Lieferung von vier Schiffen, vier weitere sollen vor Ort in Lizenz gebaut werden. Mit Blick auf ihr umfangreiches Fähigkeitsspektrum und ihren hohen Digitalisierungsgrad können die Mogami-Fregatten weit über den asiatischen Raum hinaus zu Wettbewerbern etwa der kleineren Belh@rra-Fregatten aus französischer Produktion werden. Beispielsweise sind die Einheiten der Mogami-Klasse in der Anschaffung fast zehn Prozent günstiger und benötigen im Betrieb rund dreißig Prozent weniger Personal als ihre französischen Konkurrenten.

JS Mogami

JS Mogami

Die Finanzierung des ambitionierten Beschaffungsprogramms scheint in Japan derweil zunächst gesichert zu sein, zumal das Land vor dem Hintergrund der angespannten Sicherheitslage in Ostasien erst kürzlich beschlossen hat, seine Verteidigungsausgaben bis 2027 auf dann zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts fast zu verdoppeln. Allerdings konkurriert das 30DX-Programm innerhalb der JMSDF mit gleich mehreren Beschaffungsvorhaben. So möchte die JMSDF bis 2028 zwei weitere Aegis-Einheiten mit rund 8000 Tonnen als Ersatz für zwei ursprünglich geplante und mittlerweile gestrichene landbasierte Verteidigungssysteme gegen ballistische Raketen anschaffen. In nicht allzu ferner Zukunft werden auch die vier Aegis-Zerstörer der Kongo-Klasse ersetzt werden müssen, die zwischen 1993 und 1998 in Dienst gestellt wurden. Auch im Bereich amphibischer Schiffseinheiten wird spätestens ab 2030 Ersatzbedarf bestehen, da die drei Einheiten der Oosumi-Klasse dann schon rund 30 Jahre im aktiven Dienst stehen werden und Japan kürzlich mit der Aufstellung einer amphibischen Brigade begonnen hat. Hinzu kommt der geplante Bau neuer Zerstörer im Rahmen des Projekts 33DD, weiterer U-Boote der Taigei-Klasse sowie zwölf moderner Offshore Patrol Vessel, die bis 2029 zulaufen sollen.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe kostspieliger Beschaffungsprojekte anderer Teilstreitkräfte, die in den kommenden Jahren ebenfalls große Investitionen erfordern werden. So möchte die Luftwaffe (Japan Air Self-Defense Force, kurz JASDF) 70 ihrer Kampfflugzeuge vom Typ F-15J modernisieren, insgesamt 147 Kampfflugzeuge des Typs F-35A/B Lightning II beschaffen und die Entwicklung des Kampfflugzeugs der sechsten Generation voranbringen. Wie dringend die Erneuerung der Kampfflugzeugflotte der JASDF mittlerweile ist, zeigt die erst 2021 erfolgte Außerdienststellung der drei letzten Modelle des Typs F-4EJ Phantom II. Auch beim Heer (Japan Ground Self-Defense Force, kurz JGSDF) besteht ein enormer Modernisierungs- und Beschaffungsbedarf. Beispielsweise nutzt die JGSDF noch immer Kampf- und Schützenpanzer der Typen 74 und 75 aus den 1970er-Jahren sowie einige veraltete Hubschraubermodelle.

Heckansicht der Mogami

Heckansicht der Mogami

Damit sind vor einer vollumfänglichen Realisierung des 30DX-Programms noch erhebliche Hindernisse zu überwinden. Obwohl Japan den Anteil seiner Verteidigungsausgaben am Haushalt des Landes nach dem Ende des Kalten Krieges weitgehend konstant gehalten hat, sorgten knappe Finanzmittel bei der Beschaffung moderner Waffensysteme in allen Teilstreitkräften in der Vergangenheit immer wieder für Kürzungen beim ursprünglich vorgesehenen Beschaffungsumfang. Dies führte zu langen Nutzungsdauern bei längst veralteten Waffensystemen, teilweise aber auch zu schmerzlichen numerischen Einbußen im Bestand. Bleibt daher zu hoffen, dass das laufende Beschaffungsprogramm der JMSDF in den kommenden Jahren tatsächlich die geplanten 22 Mogami-Fregatten bescheren wird.

Prof. Dr. Christian Führer ist Studiengangsleiter an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim.

 Christian Führer

12. Juni 2023 | 0 Kommentare

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