Die totale Vernetzung liegt noch in weiter Ferne. Foto: US DoD

Die totale Vernetzung liegt noch in weiter Ferne. Foto: US DoD

Voll vernetzt

Zukünftig soll jeder Soldat, jeder Sensor und jeder Effektor digital miteinander verbunden werden, um Operationen bis ins Detail steuern zu können. Doch wenn das Netz ausfällt, entscheidet die Auftragstaktik über den Erfolg.

Der Begriff Multi-Domain Operations (MDO) ist aktuell in aller Munde, die US-Streitkräfte fassen ihn in ihrer Strategie Joint All-Domain Command and Control (JADC2) zusammen, bei den britischen Streitkraften heißt das entsprechende Konzept Multi-Domain Integration (MDI). Innerhalb der NATO wird derzeit durch das Allied Command Transformation in Zusammenarbeit mit dem Allied Command Operations das Konzept für den Alliance Approach to Multi-Domain Operations erarbeitet.
Das US-amerikanische Konzept integriert – vereinfacht gesprochen – die traditionellen Domänen See, Luft und Land mit den neuen Domänen Cyber und Space, während die Briten in ihrem Konzept darüber hinaus auch die militärischen Handlungsoptionen („Military Instrument of Power“) mit jenen der anderen Instruments of Power (Innen-, Außen-, Wirtschaftspolitik etc.) verknüpfen. Für die NATO würde eine solche Vorgehensweise bedeuten, die über 100 Teilstreitkräfte der 30 Mitgliedsstaaten konzeptionell und technisch zu integrieren, was vermutlich nie zu realisieren wäre. Insofern ist der Ansatz zu Multi-Domain Operations in der NATO ein anderer.[ds_preview]

Multi Domain Operations – die Digitalisierung des Gefechtsfeldes

Die Vision der angelsächsischen Planer zu Multi-Domain Operations ist eine komplett vernetzte nationale Streitkraft, die Konnektivität zu den Verbündeten wird zwar angestrebt, aber erst in zweiter Priorität. Diese Vernetzung soll operativen und taktischen Befehlshabern global kontinuierlichen Breitband-Zugang zu allen Sensoren und Echtzeit-Lagebildern im Operationsgebiet ermöglichen. Auf diesem visionären Gefechtsfeld operieren ferngelenkte und autonome Sensoren mit vernetzten Waffensystemen, kontrolliert durch cloudbasierte und mit künstlicher Intelligenz unterstützter Software. Ziel ist es, koordinierte Angriffe durch Land-, See-, Luft- und Cyberstreitkraefte quasi „mit einem Fingerschnipp“ unter Nutzung der Ressourcen im Weltall durchzuführen. Diese Digitalisierung des Gefechtsfeldes, basierend auf den sogenannten combat clouds, soll den nationalen und verbündeten Streitkräften die Überlegenheit in allen Domänen sichern.
Die NATO kennt fünf Domänen, Luft, See, Land, Cyber und Weltraum, in denen Streitkräfte idealerweise vernetzt operieren und Effekte in den drei Dimensionen virtual, cognitive und physical) erzielen.

Shaping – contesting – fighting

Dabei geht es nicht ausschliesslich um kinetische Effekte im Kampf, sondern auch um nichtkinetische Effekte durch shaping and contesting (gestalten und gegenhalten) zur Erzielung von Vorteilen gegenüber einem Gegner. Shaping und contesting sollen dabei entweder das fighting verhindern oder für den Erfolg im fighting die notwendigen Vorteile schaffen. Die Massnahmen Russlands zur Verwehrung der Ostsee (Anti Access/Area Denial) durch die Stationierung von Seezielflugkörpern in der Oblast Kaliningrad ist ein typisches Beispiel für shaping, die Passage des Südchinesischen Meeres durch amerikanische Zerstörer zur Demonstration von Freedom of Navigation eines für contesting. In beiden Fällen werden strategische Effekte durch Streitkräfte erzielt, ohne dass ein Schuss fällt – somit nichtkinetisch.

Start einer Atlas-V-Rakete mit militärischer Nutzlast vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral. Foto: US DoD

Start einer Atlas-V-Rakete mit militärischer Nutzlast vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral. Foto: US DoD

Zunehmende Bedenken

In den Workshops des Allied Command Transformation zum Thema Multi-Domain Operations melden sich zunehmend Experten – IT-Spezialisten wie Militärplaner – zu Wort, die meinen, der gegenwärtige Ansatz vertraut zu sehr auf stets verfügbare, weltumspannende Breitbandverbindungen. Diese würden bei einem realen Konflikt mit einem selbst technisch hoch entwickelten Gegner nicht mehr oder zumindest nicht komplett zur Verfügung stehen.
Ebenfalls wird hinterfragt, inwieweit die zahlreichen nationalen Systeme mit ihren unterschiedlichen Rahmenbedingungen (Technologiestand, Schnittstellen, Datenmodelle) tatsächlich interoperabel vernetzt werden können. Und das nicht nur im größeren NATO-Kontext, denn selbst die US-Teilstreitkräfte folgen derzeit noch drei unterschiedlichen, nicht unbedingt kompartiblen Technologiekonzepten. Die Navy folgt der Idee des auf zentral verwalteten combat clouds basierenden Projekts Overmatch, die Army dem verteilten Konzept Convergence und die Air Force baut auf das Kommandoebenenübergreifende Advanced Battle Management System, um die Anforderungen eines auf Datenübermitttlung in Echtzeit basierten JADC2-Konzepts zu erfüllen.
In der Theorie ist die totale, cloudbasierte Vernetzung eine großartige Idee – zumindest für den Normalalltag ohne Naturkatastrophen, Kriege und Unfälle. Im Ernstfall aber könnte man auf dem Gefechtsfeld auf einen Gegner treffen, der den Cyberspace beherrscht, den Zugang zu Satelliten verwehrt und der das elektromagnetische Spektrum kontrolliert. Oder einfach aus anderen Gründen keinen Satelliten- und Internetzugang haben. Selbst unter Friedensbetriebsbedingungen, also ohne gegnerischen Einfluss, erleben wir immer wieder technische oder atmosphärische Störungen unserer Verbindungen und kritisieren fehlende Bandbreite.
Weitere Bedenken bestehen mit Blick auf die durch die breite und tiefe Vernetzung sich eröffnenden Möglichkeiten für operative Führer, bis in den taktischen Bereich hinein zu organisieren, was zu Unschärfen im klassischen Command and Control führt.

NATO mit anderer Perspektive

Tatsächlich diskutiert man in den MDO-Workshops der NATO auch, den Begriff Command and Control durch Command and Synchronization zu ersetzen und damit der Idee des Mission Command (entspricht in etwa mit dem deutschen Begriff Auftragstaktik) mehr Bedeutung zu geben.
Der in der Entstehung befindliche NATO Approach to Multi-Domain Operations strebt nicht nach der globalen und totalen Vernetzung aller Sensoren, Effektoren und Entscheidungsmechanismen, sondern fordert gezielte Vernetzung dort, wo es sinnvoll und machbar ist, wie innerhalb der operativen Ebenen der NATO-Kommandostruktur, aber verteilte Befehlsstrukturen und digitale Autarkie innerhalb zusammenhängender Gefechtsverbände.
Wörtlich fordert das NATO Grundlagenpapier „connectivity and interoperability on the tactical level … in a non-permissive environment“ und stellt sich damit auch gegen den Intregrationswahn einiger nationaler Konzepte. Umsetzen will die NATO ihre Ziele über die sogenannten Federated Mission Networks, die nicht alle Daten zentralisiert in combat clouds prozessieren, sondern über angeglichene Datenprotokolle bestehender Systeme kommunizieren lassen (System-of-Systems-Prinzip, ähnlich dem Convergence-Konzept der US Army). Dieses Prinzip ist robuster weil dezentralisiert und damit auch weniger anfällig gegen gegnerische Einflussnahme.

Gerade für Russland und China ist die Dominanz über das elektromagnetische Spektrum wichtiger Teil ihrer militärischen Strategien. Entsprechende Fähigkeiten sind dort vorhanden und eigene Kräfte werden gegen elektromagnetische Angriffe eines potentiellen Gegners gehärtet. Gerade für die neuen Domänen Cyber und Space ist das Beherrschen des elektromagnetischen Spektrums (EMS) essentiell: Cyberangriffe nutzen das EMS über die weltraumgestützte Infrastruktur, und diese kann über das EMS angegriffen werden. Beide Nationen verfügen sogar jeweils über ein eigenes, staatlich kontrolliertes Internet, anders als die westlichen Verbündeten, die bei ihrer Vernetzung auf das World Wide Web vertrauen.

Fazit

Auch in der digitalen Welt der Multi-Domain Operations bleiben alte militärische Prinzipien weiterhin gültig, die Auftragstaktik ist ein Schlüssel zum Erfolg, wenn die Verbindung zu übergeordneten Befehlssträngen abreisst. Ebenso müssen spezifische Fähigkeiten wie Aufklärung und Zielbeleuchtung innerhalb der Gefechtsverbände verfügbar bleiben und dürfen nicht ausschliesslich über combat clouds zugänglich sein. Der Befehlshaber im Feld oder der Verbandsführer in See muss im Bedarfsfall in der Lage sein, wesentliche Informationen selbst zu generieren, zu prozessieren und innerhalb seines Verbandes zu kommunizieren. Auf gut Deutsch: Er muss zu einem klassischen taktischen Lagebildaufbau und zur Kommunikation unter Nutzung verschiedener Mittel in der Lage sein, auch wenn Internet- und Satellitenunterstützung gestört sind. Im zeitkritischen Gefechtsfall müssen ihm alle erforderlichen Informationen gemeldet werden („push“), er darf nicht auf ein Herunterladen aus der combat cloud angewiesen sein („pull“).
Multi-Domain Operations sind nichts grundsätzlich Neues. Neu ist eine Kultur, die die Nutzung moderner Technologien mit bewährten Prinzipien der militärischen Führung so zusammenführt, dass sich ein militärischer Vorteil auch unter Bedingungen eines verwehrten elektromagnetischen Spektrums ergibt. Hierzu Bedarf es – neben der zügigen Fortführung der Federated-Mission-Network-Projekte der NATO-Mitgliedsstaaten – künftig eines intensiveren Dialoges zwischen Operateuren, Rüstern und IT-Industrie. Und zudem eine gezielte Ausbildung der „handwerklichen Ersatzverfahren“ für den Fall, dass der Gegner dann doch das elektromagnetische Spektrum kontrolliert.

Autor: Fregattenkapitän Andreas Uhl ist Mitglied des Warfare Development Fusion Team beim Allied Command Transformation in Norfolk, USA, und hat an der Erarbeitung der Grundzüge des NATO Konzeptes für Multi-Domain Operations mitgewirkt.

16. Feb. 2022 | 2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Dank an Karsten Schneider fuer seine Klarstellungen und Bekraeftigungen. Manchmal verlieren wir vor lauter IT die eigentliche Fuehrungskultur aus den Augen.

  2. Dank an Andreas Uhl für einen weiteren tollen Fachartikel. Die Einleitung hatte mich zunächst etwas irritiert, als ich las „Doch wenn das Netz ausfällt, entscheidet die Auftragstaktik über den Erfolg.“
    Glücklicherweise wird im Text klargestellt, dass „Führen mit Auftrag“ nicht nur gilt, wenn das Netz ausfällt. Der Glaube – und für manch einen die Hoffnung – mit einer totalen Vernetzung könne man endlich zentral führen und müsse keine Verantwortung mehr delegieren, ist so alt, wie es halbwegs moderne Kommunikationsmittel gibt. Schon bei der Einführung von Link-11 in die Flotte gab es zwei Schulen. Die Zentralisten wollten alle Entscheidungen an sich ziehen, die Dezentralisten weiter mit Auftrag führen, auf Grundlage eines verbesserten Lagebildes und -austauschs.
    Dieser Glaubensstreit setzte sich später fort auf die politische Ebene, wo den Führerinnen und Führern im Einsatz aus der Heimat heraus detaillierte Handlungsanweisungen gegeben wurden. Das in die Irre führende Bild vom strategischen Obergefreiten war plötzlich in vielen Köpfen.
    Richtig verstanden und eingesetzt sollten moderne Führungsmittel nicht die Zentralisierung fördern, sondern können vielmehr das Führen vor Ort erleichtern.
    Führung ist eine geistige Leistung. Werden alle Entscheidungen durch nur einen zentralen Kopf getroffen, dann ist die geistige Kapazität der vielen dezentralen Führer ausgeschaltet. Das Gesamtergebnis eines Einzelnen oder weniger Personen in der Zentrale ist zwangsläufig schlechter als die kombinierte Leistung vieler örtlicher Stäbe, weil in der Zentrale nicht die Summe von deren Einzelleistungen erbracht werden kann.
    Die Zentrale hat kein besseres Lagebild, sondern sieht nur andere, für sie relevantere Aspekte als der Führer vor Ort. Die beste Entscheidungsgrundlage entsteht, wenn die Lagebilder zusammengeführt werden. Vernetzung ermöglicht das, ohne dass deshalb die Entscheidung in die Zentrale verlagert werden muss.
    Vernetzung verbessert zudem die Möglichkeiten kooperativ zu führen. Sie beschleunigt die Kommunikation zwischen Entscheidungsträgern und Experten, sei es im eigenen Stab oder in der Heimat (reach back).
    Alles in allem stellen Vernetzung und moderne Führungsmittel nicht die alten und bewährten Führungsgrundsätze in Frage, sondern bieten im Gegenteil gute Chancen, sie noch wirkungsvoller anzuwenden. Wenn das dann einmal Netz ausfällt, stellen sie sicher, dass die Truppe nicht kopflos und verloren ist.

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