Marineoperationsschule in Bremerhaven, Foto: Bw/Jens Wieben

Marineoperationsschule in Bremerhaven, Foto: Bw/Jens Wieben

Von der Scholastik und der dunklen See

Die Deutsche Marine ist im Kern immer noch eine Friedensmarine, das Offizierkorps kaum taktisch geprägt. Wie kann dies bereits in der Lehre geändert werden?

Die Scholastik war eine bedeutende Denktradition des Mittelalters, dominiert von einem starren Beharren auf den Wahrheitsgehalt alter Texte, die eine geschlossene Welt ohne Innovation propagierte. Sie zerbrach, als die Wende der Neuzeit das Weltbild der Scholastiker als falsch entlarvte. Unser Land erlebt ebenfalls einen Moment, in der eine Zeitenwende das Weltbild des politischen Deutschlands erschüttert. Unsere alte Scholastik bietet uns keine Antworten mehr.

Deutschland muss in allen Bereichen Krieg denken, um kriegstüchtig zu werden – die Marine den Seekrieg. Von außen wird uns dabei wenig zugetraut,[ds_preview] Deutschland und die Bundeswehr werden als intellektuelle Leichtgewichte wahrgenommen. Professor Peter Roberts vom Royal United Services Institute for Defence and Security Studies formuliert dies besonders hart: „(…) sea of darkness in terms of thinking about war and warfare in Europe“.

Auch die Marine soll wieder kriegstüchtig werden, Foto: hsc

Auch die Marine soll wieder kriegstüchtig werden, Foto: hsc

Auch national wird der Bundeswehr wenig auf dem intellektuellen Gefechtsfeld zugetraut, im Nebensatz werden die Erben von Clausewitz von Sönke Neitzel deklassiert: „Die Bundeswehr ist eine antiintellektuelle Organisation.“ Dieser Aufsatz wird nicht die große weite Welt der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik behandeln. Ganz im Gegenteil, dieser Artikel fokussiert sich auf den Taktikbegriff unser Marine, damit wir mit einem besseren Taktikverständnis ein Leuchtturm in der Dunkelheit werden.

Es gibt die Vorschrift „Taktikentwicklung in der Marine“. Gut ist, dass die Vorschrift existiert und die Notwendigkeit der Taktikentwicklung erkannt und mit einem soliden Taktikbegriff gearbeitet wurde. Der Begriff Entwicklung zeigt an, dass die Marine hier ihr Defizit eingesehen hat.

Die Vorschrift unterscheidet zwischen Einsatzverfahren, Einsatzgrundsätzen und Taktik. Dabei werden Verfahren als festgesetzte Handlungen, Einsatzgrundsätze als Handlungen mit geringem Raum für Kreativität und dann Taktik als freie „kreative“ Ebene definiert. Taktik und Einsatzgrundsätze und -verfahren stehen auf der gleichen Stufe und werden nur diffus in Bezug zueinander gebracht. Eine klare Einordnung in eine Hierarchie wird nicht unternommen. Die Trennung ist verständlich, weil sie den komplizierten Begriff der Taktik operationalisiert, aber auch problematisch, da sie etwas trennt, was nicht zu trennen ist.

Der Taktik Begriff ist falsch. Die Vorschrift ist aber nicht das entscheidende Problem, und deswegen wird dieser Artikel keine Vorschriftenexegese betreiben, wir sind schließlich keine Theologen.

Taktik in Lehre und Flotte

Das Problem fängt damit an, dass die Vorschrift in der Marine nicht gelesen wird. In meiner Ausbildung wurde Taktikentwicklung nicht thematisiert. Die Deutsche Marine als Friedensmarine misst der taktischen Prägung des operativen Offizierkorps wenig Bedeutung zu. Es werden hauptsächlich Einsatzverfahren und -grundsätze gelehrt, Kreativität spielt nur eine marginale Rolle.

Gemälde „Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa“ von Anton Romako, Foto: Autor

Gemälde „Tegetthoff in der
Seeschlacht bei Lissa“ von Anton Romako, Foto: Autor

Die Trennung von Einsatzgrundsätzen und -verfahren und Taktik ist somit fester verankert als das Zölibat in der Kirche. Dabei ist die Priorisierung eindeutig: Verfahren werden abgeprüft und Taktik ist Nebensache. Das führt dazu, dass wir Offizieren beibringen, wie air raids vor der englischen Küste abgearbeitet werden, aber sie nicht das Werkzeug erhalten, um unerwartete Gefechtssituationen zu lösen. Wir üben das Üben und nicht den Krieg.

Taktik als kreativer Prozess der Vorteilsgewinnung ist dabei bestenfalls Beifang, im schlimmsten Fall irrelevant. Der Drill des Verfahrenstrainers hat seinen Platz, aber Drill allein führt zur Verblödung. Der Operationsdienst der Marine verkommt so zu einem seelenlosen Prozess, für den man keine Offiziere, sondern Verteidigungsbeamte braucht. Die Prüfungsbögen der Friedensmarine sind so ein Symptom der „Scholastik des Verfahrens“.

Die Lehre in der Marine ist nicht alleinschuldig, die gesamte Marine ist im Würgegriff der Scholastik des Verfahrens. Am Ende fordern die Einsatzflottillen keine Taktik von der Lehre, sondern nur Verfahren. Die Scholastik des Verfahrens ist darum kein Problem der Lehre, sie ist ein Problem der Flotte.

Aber wo bildet sich die Scholastik dann? Das Problem liegt im Fahrprofil der Flotte. Weite Teile der Flotte durchlaufen nur ein Einsatzausbildungsprogramm (EAP) und dann einen Einsatz. Wichtigste Aufgabe der Einheiten ist es dabei, den EAP geräuschlos zu meistern. Und auch im EAP der Einheiten steht Taktik nicht im Vordergrund. Der Fokus liegt wiederum auf Einsatzverfahren und Einsatzgrundsätzen. Danach kommen die Einsätze, welche zu großen Teilen nicht taktisch fordern. Und es ist eben dieser Zustand, der die Scholastik des Verfahrens begünstigt.

Wie in der Lehre, ist Taktik im besten Fall Beifang, im schlimmsten Fall irrelevant. Hinzu kommt: Einsatz und einsatzgleiche Verpflichtungen erlauben keine Freiräume. Einzelne taktische Führer haben keinen Gestaltungsspielraum, um Taktik zu entwickeln. Wenn eine Korvette bei Unifil fährt, kann sie nicht in der Ostsee sein und den Krieg vorbereiten, was dazu führt, dass A-wertige Offiziere auf einer Korvette nie ein Surfex gefahren sind. Gleichzeitig erstickt die Flotte in Bürokratie. Zwischen Druckerpatronenmangel und der analogen Urlaubskartei stirbt das Denken über Taktik. Die Friedensmarine lässt sich durch einen einfachen Fakt beschreiben: Wir haben mehr Parkordnungen als taktische Dokumente. Und im Gegensatz zu diesen werden die Parkordnungen auch aktualisiert!

Zeitenwende

Die Scholastik des Verfahrens hat die Marine im Würgegriff, Flotte und Lehre sind zu gleichen Teilen auf Nebelfahrt. Sie führt dazu, dass wir intellektuell vor uns hintreiben und Operationsdienst das Anwenden von Vorschriften meint. Ich denke, an dieser Stelle ist das Problem ausreichend bewundert. Die folgenden drei Vorschläge konzentrieren sich auf den Bereich der Lehre. Warum? Bei der Lehre brauchen wir weder das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, andere Organisationsbereiche, das Sondervermögen oder den Verteidigungsminister, um uns zu ändern.
Erstens: Wir müssen den Taktikbegriff in der Marine ändern. Taktik ist der Zweck des Operationsdienstes der Marine. Wir wollen in Seegefechten nicht nur kämpfen, sondern siegen und dazu brauchen wir Taktik. Einsatzverfahren und Grundsätze sollten Teil von Taktik werden, genauer genommen der untergeordnete Bereich der Taktik, nach Captain Wayne Hughes der glue of tactics. Neben Hughes’ Taktik-Klebstoff erläutert die deutsche Vorschrift Taktik aber nur implizit als Form der Kreativität.

Es ist aber dringend notwendig, diese schöpferische Tätigkeit eindeutig zu benennen, deswegen schlage ich den Begriff des kriegerischen Genius vor, frei nach Clausewitz. Der Genius meint zum einen die intellektuelle Kreativität einen Plan auszuarbeiten und damit ein militärisches Ziel zu erreichen. Dieser Teil ist, wenngleich nur diffus, im Oberbegriff Taktik in der Vorschrift enthalten. Doch er meint mehr: nicht nur die intellektuelle Leistung, sondern auch die notwendigen charakterlichen Eigenschaften eines militärischen Führers, um den Plan umzusetzen. Dieser Teil fehlt in der Vorschrift völlig. Die Begriffe dürfen nicht getrennt betrachtet werden, sondern nur als Ganzes. Vor allem sollte die Wertigkeit herausgestellt werden, Einsatzgrundsätze und -verfahren sind bestenfalls Wegwerfware und müssen immer und immer wieder überarbeitet werden. Um die Scholastik des Verfahrens zu brechen, dürfen Verfahren explizit nicht wie heilige Texte im Rosenkranz gebetet werden. Zusammengefasst lautet mein Vorschlag zum Taktikbegriff:

Die historische Scholastik starb mit Martin Luther und auch wir können mit einem besseren Taktikbegriff unseren Weg in die Neuzeit finden.

Zweitens: Es reicht nicht, nur unsere theoretische Grundlage zu überarbeiten. Wir müssen unsere Einstellung verändern und uns konsequent auf einen Verteidigungskrieg vorbereiten. Der potenzielle Feind Russland überfällt Länder in Europa. Unsere Lehre sollte darauf ausgerichtet sein, diesen Feind bestenfalls abzuschrecken und notfalls zu besiegen. Dazu sind die momentanen Spielszenare der Marine ungeeignet, sowohl im Verfahrenstrainer an der Marineoperationsschule als auch in allen anderen Ausbildungen, die ich bisher erleben durfte. Operationsdienst findet dabei als bürokratischer Prozess statt, indem der kriegerische Genius nur in Zwangsjacke teilnehmen darf. Das muss sich ändern.

Wir brauchen Übungsszenare, die auf einem eindeutigen Bedrohungsszenario beruhen. Gegen einen gleichwertigen Feind, der wie Russland ausgestattet ist und in Regionen angreifen wird, in denen auch Russland die NATO bedroht. Dabei müssen vor allem Erwägungen des Genius im Vordergrund stehen wie die Dislozierung von Einheiten, eine Electromagnetic Control Policy, Salvo-Berechnungen und die Maximierung eigener Vorteile. Übungsgefechte müssen vorwiegend aus taktischen Gesichtspunkten geführt werden mit einem klaren Prüfauftrag, ob unsere Taktiken auch funktionieren. Es sollte das Ziel sein, Offiziere zu erziehen, die Eigeninitiative besitzen, um ein Gefecht aktiv zu führen und nicht nur gelernt haben zu reagieren.

Drittens: Wir müssen lesen! Taktikklassiker wie „Fleet Tactics“ von Wayne Hughes oder „Learning War“ von Trent Hone sollten Teil der operativen Ausbildung werden. Natürlich ist dieses Wissen nicht direkt nützlich in der Friedensmarine, aber darum geht es auch nicht. Eine Marine, die nicht liest, schärft ihr intellektuelles Schwert nicht.

Krieg ist Revolution. Taktiken, die wir in einem Krieg benutzen würden, existieren noch nicht. Sie können erst durch uns entwickelt werden, wenn es so weit ist. Wir müssen unsere Offiziere und Unteroffiziere so ausbilden, dass sie genau das leisten können. Dazu muss die Lehre selbstbewusster werden. Das einfache Abarbeiten der Bedarfsträgerforderung darf nicht ihr Anspruch sein, da die Flotte im Friedensbetrieb nur die Gegenwart sehen kann. Gerade wenn die Flotte gefangen ist in einem Fahrprogramm, welches die Kampffähigkeit der Einheiten zerfrisst, muss die Lehre die Flamme der Taktik hüten. Gerade in einer Zeit, in der eine Eskalation auf See immer wahrscheinlicher wird, muss sich die Marine ihrer einzigartigen Rolle bewusst sein: Wir sind die Einzigen in Deutschland, die den Seekrieg wirklich verstehen und erklären müssen! So kann die Deutsche Marine ein Leuchtturm in der sea of darkness werden.

Ich weiß, die Deutsche Marine besteht nicht aus intellektuellen Leichtgewichten. An der Marineoperationsschule und allen Schulen der Marine, die ich vorher besucht habe, traf ich exzellente Ausbilder, die ein Fachwissen und eine Hingabe für ihren Beruf besitzen, für die uns andere Marinen nur beneiden können. Neue Methoden wie das Wargaming zeigen, dass sich die Erde doch dreht und die Scholastik gebrochen werden kann.

Trotzdem bin ich überzeugt: Um kriegstüchtig zu werden, müssen wir viele Dinge ändern. Meine Gedanken zur Taktik sind dabei ein Aufschlag zur (taktischen) Zukunft der Deutschen Marine. Ich freue mich ausdrücklich auf scharfen Widerspruch, vehemente Gegenargumente und schön formulierte Vorwürfe der geistigen Umnachtung.

Simon Baumgärtner

Kapitänleutnant Simon Baumgärtner ist Mitglied der Besatzung K 130 Hotel.

17. Okt. 2024 | 0 Kommentare

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