Wenn Inselstaaten im Meer versinken

Wenn Inselstaaten im Meer versinken

Wenn Inselstaaten im Meer versinken

Der Meeresspiegel steigt weltweit weiter an. Einige Länder sind von den Folgen besonders betroffen.

Eine wenig beachtete Folge der weltweiten Hitzewellen in diesem Jahr ist der weitere Anstieg des Meeresspiegels mit all seinen Konsequenzen für die Menschheit. Selbst ohne weitere Erderwärmung wird der globale Meeresspiegel weiter ansteigen. Nach einer aktullen Studie der Geologischen Forschungsanstalt für Dänemark und Grönland wird beispielsweise das kontinuierliche Abschmelzen des grönländischen Eisschildes die Arktis bereits in den 2030er- bis 2050er-Jahren im Sommer fast eisfrei machen. Das arktische Meereisgebiet ist dort in den vergangenen Jahrzehnten unabhängig von Emissionsszenarien jedes Jahr rapide zurück-gegangen – und das seit dem Jahr 2000 immer schneller. [ds_preview] Ein vollständiges Abschmelzen des grönländischen Eisschildes könnte den globalen Meeresspiegel bis 2100 um zwei bis drei Meter ansteigen lassen. Das prognostiziert der Sachstandsbericht des UN-Weltklimarats. Dabei zeichnen die Studienergebnisse meist eine Untergrenze auf, da die Prognosen eine weitere Erderwärmung nicht beinhalten.

Satellitenmessungen zeigen, dass die Eisschilde in Grönland und vor allem in der Antarktis inzwischen zusammen 500 Kubikkilometer Volumen, also fast 500 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr verlieren. Dieses Schmelzwasser lässt den globalen Meeresspiegel weiter ansteigen. So hat sich 2020 in der Antarktis der bislang weltgrößte Eisberg gelöst. Mit seiner Fläche von 4320 Quadratkilometern ist er größer als die Insel Mallorca.

Schmelzen der Festlandgletscher

Hinzu kommt das weltweite Abschmelzen der Festlandgletscher. Nahezu die Hälfte der Gletscher verliert jährlich an Masse. Selbst wenn es gelingt, die Erderwärmung entsprechend den Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens auf 1,5 Grad zu begrenzen, könnten nach neuesten Studien rund 50 Prozent der 215 000 Festlandgletscher in Europa, in Kanada, den USA, Südamerika, im Himalaya, auf Neuseeland oder in der Westantarktis bis zum Jahr 2100 abschmelzen. Das ins Meer abfließende Schmelzwasser würde den Meeresspiegel weiter ansteigen lassen. Der UN-Weltklimarat geht davon aus, dass dieser bis zum Jahr 2100 um zwei Meter steigen wird. Das hätte gravierende Überflutungsfolgen für die Küstenregionen und die Inseln der Erde. Bedroht sind die Megastädte an den Küsten der Kontinente wie Schanghai, Bangkok, Jakarta, Tokio oder New York. So liegt beispielsweise Bangladesch, ein Land mit 170 Millionen Einwohnern, unterhalb des Meeresspiegels und gilt damit als höchst gefährdet. Eine Überflutung würde dort zu gewaltigen Migrationsströmen führen. In Europa sind vor allem die Nordseeküsten von Dänemark, Deutschland und den Niederlanden sowie am Mittelmeer die Stadt Venedig vom Ansteigen des Meeresspiegels gefährdet.

Wenn Inselstaaten versinken

Bei einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels werden vor allem zahlreiche Inselstaaten im West- und Südpazifik wie Kiribati, Tuvalu, Vanuatu oder weite Teile der Salomonen im Meer verschwinden. Auf den zu Tuvalu gehörenden acht Inseln liegt beispielsweise der höchste Punkt weniger als fünf Meter über dem Wasser. Von Überflutungen bedroht sind Inselstaaten, die im Durchschnitt weniger als zwei Meter über dem Meeresspiegel liegen. Das sind Kiribati, die Marschallinseln im Pazifik und die Malediven im Indischen Ozean. In Mikronesien sind bereits erste Inseln überflutet oder gar verschwunden.

Im Meer stehend, gab Simon Kofi, Außenminister des Inselstaats Tuvalu, eine Erklärung zur UN-Klimakonferenz 2021 ab, Foto: Tuvalu Ministery of Justice

Im Meer stehend, gab Simon Kofi, Außenminister des Inselstaats Tuvalu, eine Erklärung zur UN-Klimakonferenz 2021 ab, Foto: Tuvalu Ministery of Justice

Die Max-Planck-Gesellschaft hat in einer grundlegenden rechtlichen Untersuchung festgestellt, dass es für Inselstaaten, die wegen Überflutung oder Versinken ihr Staatsgebiet verlieren, bis heute weder eine Lösung noch einen Präzedenzfall gibt. Bislang setzt sich ein Staat aus einer Bevölkerung, einer Regierung und einem Territorium zusammen. Verliert ein Inselstaat sein Territorium, bleiben nur noch eine Interessengruppe, heimatlose Bewohner oder eine Fiktion übrig. Es gibt heute kein Recht auf ein neues Staatsgebiet. So kann ein Inselstaat wie Tuvalu nicht Gebiete von den Fidschiinseln oder Australien fordern, nur weil sein Territorium verschwunden ist. Der Inselstaat Kiribati hat bereits für seine 100 000 Einwohner Ersatzland auf den Fidschi-inseln gekauft. Ungewiss ist aber, ob ein Staat einen anderen Staat auf seinem Staatsgebiet dulden würde. Daher mögen Kiribatis Einwohner zwar Land gewinnen, verlieren aber ihre Souveränität. Außer der Hohen See, der Antarktis und einiger umstrittener Gebiete ist jeder Teil der Erdoberfläche das Territorium eines souveränen Staates. Tuvalu plant sein Weiterleben im Internet als virtuellen Staat, sollte der Meeresspiegel weiter ansteigen. Das ersetzt aber nicht einen Staat im rechtlichen Sinn. Ein weiterer Gedanke ist es, die Existenz der Inselstaaten über ihre maritimen Rechte festzuschreiben, um beispielsweise die Grenzen der Meereszonen wie die Ausschließlichen Wirtschaftszonen in ihrer derzeitigen Ausdehnung für den Inselstaat zu erhalten. Damit könnte ein landloser Inselstaat weiterhin von den Meeresressourcen profitieren und die Souveränität über seine Meeresgebiete ausüben. All diese Fragen, Gedanken und angedachten Lösungen sind noch Neuland im Völkerrecht. Doch es sind wichtige Forschungsfragen, die es zu klären gilt. Die Inselrepublik Vanuatu hat dazu bereits einen Vorstoß unternommen. Sie hat mit 17 weiteren Antragsstellern und 132 Unterstützungsstaaten die UN-Vollversammlung gebeten, beim Internationalen Gerichtshof eine Stellungnahme zu den völkerrechtlichen Forschungsfragen anzufordern. Insbesondere soll der IGH klären, welche völkerrechtlichen Verpflichtungen Staaten zum Schutz des Klimas haben. Auch der Internationale Seegerichtshof in Hamburg will demnächst in einem Gutachten klarstellen, welche Seerechte versunkene Staaten noch besitzen.

Dieter Stockfisch

13. Nov. 2023 | 0 Kommentare

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