Löwe, Falke und nun auch noch der Gott des Meeres: Mit der Einführung neuer Luftfahrzeuge kommt in den nächsten Jahren viel Arbeit auf die Marineflieger zu. Wie schaffen sie das? Kapitän zur See Thorsten Bobzin, Kommandeur Marinefliegerkommando, gibt im Interview Antworten.

Kapitän zur See Thorsten Bobzin (r.) mit Chefredakteur Holger Schlüter. Foto: Holger Schlüter
Herr Bobzin, wie ist die Stimmung in Ihrem Verband?
Es herrscht freudige Aufbruchstimmung. Wir müssen uns aber auch freuen! Bei so viel Vertrauen und so vielen Ressourcen, die in uns investiert werden, können wir gar nicht anders. Die ersten Sea Lion und Sea Falcon sind da, der Sea Tiger unter Vertrag, die zweite Do 228 wird gerade modernisiert. Den Soldaten und ihren Familien am Standort ist insbesondere aufgrund der Entscheidung über die Nachfolge der P-3C ein Stein vom Herzen gefallen. Es haben so viele für diesen Fähigkeitserhalt gekämpft. Dafür, dass diese Notwendigkeit fernab wirtschaftspolitischer Erwägungen anerkannt wurde, sind wir sehr dankbar. Vor allem, dass bei den Entscheidern mutig bestätigt wurde, dass es nicht nur um Aufklärung, also „Bündnisbeitrag light“, sondern auch um das scharfe Ende, nämlich die Bekämpfung von U-Booten geht. [ds_preview]
Wie schnell denken Sie denn, mit der P-8A eine Einsatzbereitschaft zu erreichen?
Schnell! Alle fünf Luftfahrzeuge laufen 2025 zu. Wir haben Zugriff auf die leistungsfähige Logistik und Weiterentwicklung der USA, auf die wir uns zu Beginn in der Ausbildung abstützen können. Weitere Ausbildungskooperationen erwarten wir uns von unseren britischen und norwegischen Partnern, die ebenfalls die P-8A betreiben. Zudem haben Lufthansa Technik und ESG bereits mit dem Hersteller Boeing eine Kooperationsvereinbarung unterschrieben, von der ich mir, soweit ausgewählt, leistungsfähige Unterstützung erwarte.
Wir müssen aber auch schnell sein, denn etwa gegen Ende 2025 werden die letzten P-3C außer Dienst gestellt werden; die meisten sogar schon deutlich früher. Und so hungern wir uns bis zum neuen System hin, wobei wir stets im Blick haben, die Bündnisverpflichtungen zu erfüllen und zeitgleich Befähigungen auf das neue System zu übertragen.
Die Entscheidung für die Poseidon gilt als Zwischenlösung.
So ist es gedacht. Daher wurde die geringe Stückzahl von nur fünf Luftfahrzeugen gewählt, weit unter dem konzeptionellen Ansatz. Wer behauptet, dies sei keine Zwischenlösung, argumentiert häufig damit, dass ein großes, leistungsfähiges Luftfahrzeug wie die P-8A nur eine Dauerlösung sein könne. Aber hätten wir deswegen ein Luftfahrzeug beschaffen sollen, das den Kernauftrag der U-Jagd nur bedingt erfüllen kann? Die P-8A war nun mal das einzig verfügbare Luftfahrzeug, dass diesen Auftrag vollumfänglich zu leisten vermag. An weiteren Spekulationen beteiligen wir uns nicht. Richtig aber ist, dass wir nun beruhigt den Programmverlauf für das deutsch-französische Folgeprojekt MAWS (Maritime Airborne Warfare System) beobachten können.
Was wäre denn der Wunsch der Truppe? Zwischen- oder Dauerlösung?
Wissen Sie, das ist eine Abwägung zwischen verlässlicher Stabilität auf der einen Seite und einem möglichen weiteren Fähigkeitsaufwuchs auf der anderen Seite. Zum einen benötigt die mittlerweile nur noch kleine Seefernaufklärer-Community Zeit. Zeit für den Aufwuchs, die Errichtung der Logistik, den Aufbau von Professionalität im Umgang mit dem Luftfahrzeug und das Gewinnen von Erfahrungen bei der Verlegung und im Einsatz. Zu häufige Wechsel sind da eher kontraproduktiv. Andererseits verspricht MAWS in der Zusammenarbeit mit unbemannten Systemen und der Integration mit dem anderen großen europäischen Projekt FCAS eine hohe Integration. Hohe Entwicklungskosten für eine absehbar kleine Stückzahl und mit der Entwicklung verbundene Realisierungsrisiken lassen uns jedoch angesichts strapazierter Kassen vorsichtig werden.
Sie werden in den nächsten fünf Jahren nahezu alle Systeme durchtauschen. Das kann man erfreut zur Kenntnis nehmen, oder gibt es Grund zur Besorgnis?
Zunächst ist es eine fantastische Perspektive. Wir können unserem jungen Personal, aber auch künftigen Interessenten aufzeigen, dass sie einen modernen, leistungsfähigen Arbeitsplatz erhalten und eine Ausrüstung, mit der sie ihre Aufträge erfüllen können. Ein Systemwechsel ist aber auch immer eine Kraftanstrengung. Dies schon, wenn man nur ein Waffensystem wechselt und alle Dienstposten besetzt sind. Wir wechseln in den nächsten vier Jahren aber alles, was fliegt, bekommen weitere neue Systeme dazu und ändern noch den Regelungsraum, in dem wir Luftfahrzeuge betreiben, auf die am zivilen Standard orientierte Demar (Deutsche European Military Airworthiness). Moderne Systeme bedeuten zudem, dass wir Infrastruktur erstellen, mehr für IT-Sicherheit und Datenauswertung tun und unsere Ausbildung anpassen müssen. Vor dieser Vielzahl paralleler Anforderungen haben wir großen Respekt. Aber wir haben auch einen Plan. Und ich habe das Wichtigste überhaupt: kompetente, hoch motivierte Frauen und Männer.
Aber auch die können sich nicht zweiteilen und neue wie alte Systeme gleichzeitig betreuen.
Das stimmt. Insbesondere unsere Technik ist bereits jetzt stark gefordert, die alten Waffensysteme in der Luft zu halten. Dennoch entsteht gerade hier eine Mehrfachbelastung, wenn die alternden Systeme noch die Aufträge der Flotte erfüllen, Teile des Personals aber bereits auf die neuen Systeme umgeschult werden und die Einsatzprüfung auf diesen beginnt. Das bedeutet Durchhaltevermögen und Pioniergeist. Hier können wir jede verfügbare Unterstützung gebrauchen.
Kann man mit dem Sea King die SAR-Aufgabe bis zum Jahr 2023 erhalten, also bis der NH 90 einsatzreif und dazu befähigt ist?
Der Sea King wird das bis 2023 können. Durch Ausmusterung erster Hubschrauber können wir die Obsoleszenzen an den anderen beherrschen und der Flugbetrieb läuft recht stabil. Allerdings wird die Zeit für die Aufgabenübernahme durch den Sea Lion zunehmend knapp. Noch immer produzieren wir nicht die Flugstunden, die wir brauchen, um ausreichend Personal umzuschulen und mit dem nötigen Erfahrungsaufbau für den SAR-Dienst zu versehen. Es fehlt nach wie vor an Ersatzteilen, korrekter Dokumentation und manchem Werkzeug. Dazu kommt ein allgemein hoher Wartungsaufwand. So fordert dieser Hubschrauber einiges von uns und an manchen Tagen ist es nicht leicht, dieses eigentlich großartige Luftfahrzeug zu mögen. Aber wir fühlen uns unverändert dem Ziel eines bruchfreien Übergangs verpflichtet und drehen auf dem Weg dorthin jeden Stein um.
Sie mieten seit Jahren einen leichten Ausbildungshubschrauber. Wird das fortgeführt?
Oh ja, wir haben gerade erst einen neuen Vertrag mit der Firma HTM (Helicopter Travel Munich) erhalten. Mit der Abkopplung der maritimen Basisausbildung von den teuren Waffensystemen haben wir unsere Regenerationsausbildung stabilisiert und mehr Stunden der Waffensysteme für die Einsätze verfügbar gemacht.
Das Potenzial wurde inzwischen überall erkannt. Angesichts auch knapper Flugstunden auf Tiger, NH 90 TTH und weiteren Mustern soll daher TSK-übergreifend mit dem Light Utility Helicopter Streitkräfte (LUH SK) ein Hubschrauber eingeführt werden, der nach der Hubschraubergrundausbildung auf die Einsatzmuster hinführt und unabhängig von deren Verfügbarkeit zuverlässig und wirtschaftlich eine konstante Ausbildung ermöglicht. Das ist gut! Aber auch hier besteht eine Herausforderung für die Marineflieger: Unsere Aufgaben und Flugprofile unterscheiden sich so stark von den anderen, dass wir ein anderes Muster benötigen als Heer und Luftwaffe. Seeflug und Decklandungen sind hier nur zwei Beispiele. Noch wesentlicher: Das Programm wird erst nach 2025 umgesetzt. Wir brauchen die Unterstützung aber schon früher, und das dringlich. Aber auch dafür haben wir schon Ideen.

Bis zur Einführung des Sea Tiger muss der Sea Lynx noch einige Jahre durchhalten. Foto: Bw/Marinefliegerkommando
Wie geht es denn mit Planung und Bau voran? Sie haben wenig Zeit.
So ist es. Und es läuft nur sehr schleppend. Sie kennen das. Das Bauen, auch für den Bund, ist föderal geregelt. Wie die meisten Baubehörden sind auch die niedersächsischen im Elbe-Weser-Dreieck überlastet. Auch hoch priorisierte Bauprojekte lassen sich derzeit nicht in weniger als sieben Jahren fertigstellen – und die Priorität bestimmen nicht wir. Wo immer möglich, versuche ich ganz auf neue Infrastruktur zu verzichten. So zum Beispiel für das Interimsmuster P-8A. Aber wenn der Nachfolger den mehrfachen Flächenbedarf des Vorgängers hat – wie bei Sea Lynx und Sea Tiger – dann geht nichts am Bau vorbei. Dafür müssen dann überfällige Bürogebäude ein ums andere Mal hintangestellt werden. An anderen Stellen wird eben improvisiert. Nur über die Flugsicherheit lässt sich nicht reden.
Würde es hier nicht helfen, wieder einen zweiten Flugplatz zu haben?
Ja (lacht), einen zweiten Flugplatz zu haben, würde Platzprobleme lösen und auch den Flugbetrieb auflockern. Einen zweiten Flugplatz aber wieder in Betrieb zu nehmen, würde sicher nicht schneller gehen. Auch fehlen die personellen Ressourcen zum Betrieb. Genau um die zu sparen, sind die Marineflieger ja in Nordholz zusammengeführt worden.
Ein unbemanntes Aufklärungssystem ist für die Marine in fast allen Belangen etwas Neues, wie geht es damit voran?
Wir haben gerade die ersten Erfahrungen mit dem unbemannten Drehflügler Sea Falcon auf der Korvette BRAUNSCHWEIG am Rande des Unifil-Einsatzes gesammelt. Das System konnte dabei grundsätzlich validiert werden. Endgültig zufrieden sind wir damit aber noch nicht. Jetzt müssen wir für die Serie nachsteuern. Da geht es nicht um Goldrandlösungen, sondern um operative Grundanforderungen und Zulassungsfragen, damit die Korvetten nun endlich ihr fliegendes Aufklärungssystem für eine zuverlässig einsetzbare Horizonterweiterung und volle Einsatzbereitschaft erhalten. Die Kooperation an Bord zwischen Marinefliegern und restlicher Besatzung klappte jedenfalls schon prima.
Stichwort Einsatzbereitschaft: Werden die neuen (bemannten) Systeme denn auch kämpfen können?
Ich danke für die Frage. Denn ich glaube, wir haben uns zu lange mit Stückzahlen beschäftigt. Nicht umsonst sprechen wir von Waffensystemen. Egal ob Sea Tiger oder P-8A Poseidon, die Voraussetzungen sind vorhanden. Das schwere Maschinengewehr M3M und der Torpedo MU 90 für den Sea Tiger sind schon da. Jetzt gilt es zunächst, zügig auch den in der P-8A integrierten Torpedo Mk 54 einzuführen. Darüber hinaus gibt es für beide Waffensysteme bereits integrierte und leistungsfähige Seezielflugkörper, die es den Marinefliegern erlauben würden, in der Überwasserkriegführung wieder eine eigenständige Rolle einzunehmen. Am Mindset wird es nicht scheitern.

So sieht die Zukunft aus: P-8A Poseidon der US Navy. Foto: Bw/Marinefliegerkommando
Eine Menge Arbeit liegt vor Ihren Verbänden. Was ist Ihre größte Sorge?
Kann ich eine Liste machen (lacht)? Nein, trotz Herausforderungen um Infrastruktur, Digitalisierung und Technik wird Personal der wichtigste Faktor. Ich möchte es nicht Sorge nennen. Denn Personal ist zugleich das größte Potenzial auf unserer Habenseite.
Die Regeneration von Personal wird jedoch zunehmend herausfordernd. Die Zeiten sind vorbei, in denen Fliegerei ein Traumberuf war und man nur darauf warten musste, dass die Leute zu einem kamen. Da darf man nicht nur auf Luftfahrzeugführer blicken, sondern muss die Spezialisten, Mechaniker, Logistiker und Operateure aller Ebenen betrachten. Wir brauchen die Hilfe der Nachwuchsorganisation und auch bisher noch nicht ausgeschöpfte Ansätze für Marineflieger-spezifische Laufbahnen. Andererseits haben wir mit der Verwendungsreihe 25 in der Marine eine breitere Basis für die Rekrutierung in der PUO-Laufbahn geschaffen. Das ist gut. Wir bieten bei uns unglaublich interessante Tätigkeiten, Berufsperspektiven und einen Standortvorteil. Das müssen wir bekannter machen.
Wie vermitteln Sie Ihren Frauen und Männern, dass so viel zu leisten ist?
Mein Führungsteam und ich versuchen, möglichst viele am Entscheidungsprozess zu beteiligen, rasch eine Entscheidung zu fällen und diese dann transparent zu erklären, um im besten Fall alle mitzunehmen. Ich denke, bei uns weiß jede und jeder, wohin wir wollen und warum. Ehrlich gesagt, bin ich angesichts des teils ungeheuren Aufwands dennoch manchmal überrascht, mit welch hoher Motivation die Marineflieger jeden Tag dabei sind, neue Ideen einbringen, den viel beschriebenen Extra-Schritt gehen. Da ist es für mich schon ein schönes Gefühl, dazuzugehören. Offensichtlich geht es anderen auch so.
Ein wunderbares Schlusswort, herzlichen Dank!










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