Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern hat das Maritime in Deutschland nur einen geringen Stellenwert in der Öffentlichkeit. Trotz der Abhängigkeit des Landes von offenen Seewegen.
Mitte September 2023 fand in Bremen die 13. Nationale Maritime Konferenz (NMK) statt. Rund 800 Teilnehmer diskutierten und bewerteten die deutschen maritimen Interessen in Politik, Wirtschaft und Verkehr, Umweltschutz, Wissenschaft und maritimer Sicherheit. Der Bundeskanzler eröffnete das Treffen mit einer gewohnt nüchternen Rede zur maritimen Abhängigkeit der Republik mit dem Tenor, die Probleme seien bekannt. Man arbeite daran und sei im „Aufbruch“.[ds_preview] In die Rede hinein platzte der bundesweite Probealarm mit Sirenengeheul und Handyklingeln: Gänsehaut und verlegenes Lachen.
Nach der Konferenz gab es in der Tagespresse und im Fernsehen nur dürre Berichte zum Maritimen. Fachpresse und Verbände berichteten etwas ausführlicher, aber meist im Ton der Hofberichterstattung, verbunden mit dem Wunsch nach finanzieller Hilfe und Bürokratieabbau. Beschlüsse oder belastbare Signale blieben aus. Dennoch wurde vieles und wichtiges angesprochen. Das war´s denn mal. In zwei Jahren sehen wir uns wieder. Die deutsche Öffentlichkeit nahm keine Notiz.
Da fragt man sich, ob es außerhalb solcher Konferenzen gar kein Meeresbewusstsein, sondern nur Meeresblindheit gibt. Gibt es gar eine Zwölf-Meilen-Grenze in den Köpfen der Menschen in dem Sinne, dass man zwölf Seemeilen landeinwärts das Meer vergessen hat?
Wer nach den Gründen für die maritime Gleichgültigkeit fragt, wird bei einem tiefen Griff in die deutsche Befindlichkeit fündig. Durch Geografie und Geschichte geformt und mit nur kurzen Küsten gesegnet, sind die Deutschen mehrheitlich „Landtiere“. Unsere Heimat ist der Wald. Schon als Kind werden wir mit Schneewittchen und den sieben Zwergen sowie mit Rotkäppchen und dem bösen Wolf bekannt gemacht. Hermann der Cherusker verteidigt mit erhobenem Schwert den Teutoburger Wald. Rübezahl marschiert durchs Gebirge. Mitbewohner des Waldes, wie Wölfe und Bären, können uns jederzeit in helle Aufregung versetzen. Immerhin 26 (!) beliebte Vornamen für Jungen kreisen um den Wolf: Wolfgang, Wolfram, Wulf, Ulf, Urs, Gundolf, Rudolf, Rolf, Adolf (germanisch der edle Wolf). Gleiches gilt für bekannte Orte wie Wolfsburg, Wolfsschanze, Wolfratshausen, Wolfenbüttel. Oder die vielen Familiennamen, in denen sich die Silbe „wald“ findet. Man kann es drehen und wenden, wie man will, der Wald ist Ursprung, Heimat und damit Teil der „deutschen DNA“. Am Lebensende lockt dann noch der Begräbniswald. Die gelebte Wirklichkeit des Menschen ist hauptsächlich das, was er täglich sieht. Das Meer liegt dagegen fern am Rande unserer Blicke. Als Urlaubsziel zwar attraktiv, aber doch ein wenig unheimlich. Der Seemann ist bekannt, aber meist nur im Film oder in Schlagern. Und die Marine genießt ein freundliches Desinteresse.
Von Goethe bis Udo Lindenberg
Trotz dieser „maritimen Enthaltsamkeit“ sind Ausbruchsversuche aufs Meer in der deutschen Geschichte durchaus vorhanden. Sie bieten Anknüpfungspunkte. Die kleine Elisabeth fragte in Travemünde ihren berühmten Vater Thomas Mann: „Aber was ist hinter dem Horizont?“ Und Udo Lindenberg weiß es: „Hinterm Horizont geht´s weiter, ein neuer Tag!“ Man denke auch an die Hanse und an die süddeutschen Kaufleute der Fugger und Welser. Sie verschifften schon im Mittelalter von Land zu Land fürsorglich wertvolle Dinge, damals rund um Europa Pelze, Tuche, Rotwein und Heringe. Immanuel Kant plädierte fern vom Ozean in Königsberg für freien Welthandel und sagte, der kategorische Imperativ gelte auch auf See. Unübertroffen klar ist Goethes Faust „Das freie Meer befreit den Geist, wer weiß da, was Besinnen heißt?“ Schon vor 200 Jahren erfasste Goethe intuitiv, was uns heute so große Sorgen macht:
„Alles ist aus dem Wasser entsprungen,
alles wird durch das Wasser erhalten,
Ozean, gönn uns dein ewiges Walten“.
Später gab es romantische Seebegeisterung, Glanzleistungen im zivilen und militärischen Schiffbau, Matrosenanzüge und einen Bundeskanzler mit Prinz-Heinrich-Mütze, die Gorch Fock auf dem Zehn-DM-Schein, Kreuzfahrten und Seehundstationen.
Heute ist die maritime Abhängigkeit der Republik in ihrer Vielschichtigkeit existentiell für eine stabile Zukunft, ohne dass der Durchschnittsbürger dies genügend realisiert. Aller Wohlstand kommt übers Meer, denn Schiffe befördern 80–90 Prozent aller Handelsgüter. Häfen an den deutschen Küsten, mutige Reeder aus Bremen, Hamburg, München und anderen Orten, gelegentlich als „Pfeffersäcke“ bezeichnet, sowie kühne Spediteure wie DHL sind maßgeblich am Welthandel mit Lieferketten und Serviceleistungen beteiligt und damit Garanten unseres Wohlstands. Die Sicherheit des Staates hängt an der NATO, die zu allererst ein atlantisches Seebündnis ist. Die deutsche Meeresforschung mit Geomar und dem Alfred-Wegener-Institut gehört weltweit zur Spitzengruppe der Wissenschaft. Sie liefert wichtige Fakten, die zur Abfederung der Klimakrise erforderlich sind. Die Energiewende ist ohne Offshore-Wind, ohne Leitungen und Netze nicht darstellbar, ebenso wie die Rohstoffgewinnung von Öl, Gas und Metallen am Meeresboden. Außerdem bietet das Meer viele anspruchsvolle Berufe und Arbeitsplätze. Politik beginnt bekanntlich mit der nüchternen Betrachtung der Wirklichkeit – in diesem Falle den maritimen Fakten. Es ist höchste Zeit, dass diese Zusammenhänge ihrer Bedeutung entsprechend offen diskutiert werden – natürlich auch mit Blick auf die Stärkung des maritimen Know-hows und offen für neue Technologien.
Zur Ehrenrettung von zwei großen Parteien ist auf deren Berliner Zentralen mit ihren hohen Flaggenmasten hinzuweisen. Diese imposanten Bauten dampfen durch das Berliner Häusermeer. Die CDU Zentrale zeigt mit scharfem Bug auf die Straße und trägt ein abgerundetes Dach, das an ein umgekipptes Rettungsboot erinnert. Natürlich ist ein Rettungsboot nützlich, denn man braucht immer eine Rückfallposition, und Politiker sind gut beraten, wenn sie einen Plan B haben. Die Berliner Betonburg der SPD kommt daher wie ein behäbiger Supertanker mit schwerer Ladung. Dank gebührt den Architekten und Bauherren, die bewusst oder unbewusst an die Symbolkraft des Schiffes angeknüpft haben. Der Bürger, dem Schiffe grundsätzlich sympathisch sind, hofft, dass alles gut wird, wenn ein tüchtiger Kapitän und eine professionelle Crew auf dem Staatsschiff klaren Kurs halten und Havarien vermeiden kann.
So lautet das Zwischenergebnis, dass wir zwar keine geborenen Seefahrer sind wie die „Seetiere“, die Portugiesen, Briten, Holländer, Norweger, Griechen oder Polynesier. Aber für einen „gelernten Seefahrer“ mit vielen maritimen Kompetenzen sollte es reichen. In der Tat ist ein maritimer Weckruf überfällig angesichts der großen Herausforderungen, die das Meer uns stellt. Wo sind die Politiker, die Wirtschaftsführer, die Persönlichkeiten, die Orientierung bieten und uns das Meer nahebringen, das 70 Prozent unseres Planeten bedeckt und das für das Leben auf der Erde entscheidend ist?
Das ist keine leichte Aufgabe, denn es geht um das Verständnis der komplizierten Zusammenhänge, um das Meer zu erforschen, zu schützen und maßvoll zu nutzen, während die Klimakrise über uns hereinbricht, die Schätze der Meere langsam knapp werden und die Sicherheit auf See gefährdet ist. Diese Gemengelage aus Risiken und Lösungsmöglichkeiten gehört unverzüglich auf die politische Tagesordnung, dann in die Köpfe der Menschen und längerfristig auch in ihre DNA.
Ministerialrat a.D. und Kapitän zur See d.R. Prof. Dr. Uwe Jenisch lehrte am Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht der Universität Kiel.
Uwe Jenisch










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