Ein Osprey landet auf dem australischen Docklandungsschiff Canberra, Foto: Australische Marine/US Navy

Ein Osprey landet auf dem australischen Docklandungsschiff Canberra, Foto: Australische Marine/US Navy

Zeitenwende auf See

Die Welt ist in Bewegung: Klimawandel, Verwerfungen zwischen den Nationen und neue Technologien gehören zu den Herausforderungen, mit der moderne Marinen zu kämpfen haben. Umso bedeutender ist eine rasche Anpassung ihrer Fähigkeiten.
 

In Zeiten multipler Krisen verändert sich die Welt und damit das strategische Umfeld. Dies gilt auch für die Seestreitkräfte, die sich rund um den Globus in rasanter Entwicklung befinden. Lokale Kriege finden statt, regionale sind denkbar. Der Kalte Krieg ist zurück mit neuen Schwerpunkten in Osteuropa und im indopazifischen Raum. In Arktis, Antarktis und Weltraum werden Ausgangspositionen für zukünftige Konflikte aufgebaut. Oft geht es um Seegrenzen, Rohstoffe und Fischerei, Pipelines und Verkehrsrechte, um Einschüchterung der Nachbarn oder um deren Destabilisierung. Die maritime Machtpolitik ist zurück.[ds_preview]

Putins Ukraine-Krieg mit starken maritimen Aspekten ist ein überdeutlicher Weckruf. Es zeigt sich erneut die geopolitische Bedeutung von Seegebieten am Beispiel Schwarzes Meer, Asowsches Meer und türkische Meerengen. Die Auswirkungen erinnern daran, wie wichtig sichere Seewege und Transportketten für das tägliche Leben aller Menschen sind. Der Krieg ist ein Testfall für moderne Waffen an Land und auf See. Die Sprengung der beiden Pipelines Nord Stream 1 und 2 am 26. September bedeutet eine deutliche Eskalation, einerseits durch Waffeneinsatz innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone unbeteiligter Staaten und andererseits durch die rücksichtslose Inkaufnahme der klimaschädlichen Emission. Der Begriff seabed warfare beschreibt die Situation. Es geht um den Schutz der Lebensadern am Meeresboden, um digitale Kommunikation, Kabel, Pipelines, Mineralien und Windparks. Großbritannien will zwei interventionsfähige Spezialschiffe für Überwachung und Schutz kritischer Infrastrukturen am Meeresboden beschaffen. Frankreich hat eine eigene Strategie für seabed warfare einschließlich einer expeditionsfähigen Minenkampfgruppe formuliert. Norwegen intensiviert nach diffusen Zwischenfällen die Überwachung der 9000 Kilometer langen Pipelines und der vielen Offshore-Einrichtungen in seinem Zuständigkeitsbereich.

Gemeinsame amerikanisch-israelischeÜbung Cyberdome VI, Foto: US Cyber Command/Jon Dasbach

Gemeinsame amerikanisch-israelische
Übung Cyberdome VI, Foto: US Cyber Command/Jon Dasbach

Spätestens seit dem Angriff auf die Ukraine gibt es eine lebhafte Manövertätigkeit in West und Ost mit einer immer größerer Zahl an Schiffen, Luftfahrtzeugen und scharfer Munition. Die NATO  gewinnt neue Mitglieder und verändert die geopolitische Situation der Ostsee. Seemanöver finden sogar mit ehemals verfeindeten Partnern statt, beispielsweise zwischen Israel und einigen arabischen Staaten. Die EU entwickelt eine gemeinsame Verteidigungspolitik. Neue Allianzen entstehen, darunter Aukus (Australien, Großbritannien und die USA) sowie die Vierergruppe Quad (USA, Indien, Australien und Japan). Indien lud 2022 rund 46 Staaten zu einem gemeinsamen Seemanöver im Indischen Ozean ein. Im April 2022 schlossen die USA und Dänemark eine Vereinbarung, die Amerika Flugplätze, Hafenrechte, Überflugrechte und Depots einräumt und die Vereinbarung zum Schutz von Grönland ergänzt. China versucht, eine „Entwicklungsvision“ für die pazifischen Inselstaaten zu realisieren und sich dabei die regionale Nutzung des Meeres zu sichern. Russland gab sich am 31. Juli 2022 eine neue Marinedoktrin mit ehrgeizigen globalen Zielen. Zentrale Punkte dabei sind Aufrüstung, neue Stützpunkte, neue Seegrenzen sowie eine engere Partnerschaft mit China, Indien, dem Iran und Saudi-Arabien.

Die Marinen der demokratischen Staaten verteidigen das internationale Seerecht und die regelbasierte Weltordnung. Sie versuchen, die im Seerechtsübereinkommen UNCLOS von 1982 garantierten internationalen Verkehrswege offenzuhalten. Unsicher bleibt, ob sich eine stabilisierende regelbasierte Politik mittelfristig durchsetzt.

Neue Bedrohungen
Neue hybride Bedrohungen gehen von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren aus. Dies markiert den Zustand zwischen nicht mehr ganz Frieden und noch nicht richtig Krieg. Hier geht es um die Beherrschung von Informationen, Bildern, Daten und Netzen. Trolle, Hacker, Cyberkrieger und Drohnenpiloten stören Versorgungsterminals und -netze sowie Navigationssysteme. Relativ neu sind  Angriffe auf Pipelines und Kabel, die sich außerdem als Sensoren und für den Einsatz von Störtechnik missbrauchen lassen. Diese kritischen Infrastrukturen am Meeresboden, darunter Pipelines, Starkstromkabel und Glasfaser-Seekabel sowie Offshore-Windparks verlangen besonderen Schutz, da Versorgung und Wohlbefinden der Menschen an Land von ihnen abhängen. Denkbare Angriffsziele zur Destabilisierung von Staaten sind Häfen, insbesondere Terminals für Kreuzfahrtschiffe, Öl- und Gastanker sowie Küstenschutzbauwerke. Ab sofort ist mit Ausspähung durch Drohnen und Sabotage durch Soldaten, Terroristen und Kriminelle zu rechnen.

Gleichzeitig werden die üblichen Bedrohungen der maritimen Sicherheit im Frieden nicht weniger, in erster Linie Piraterie und Terror mit dem Horrorszenario eines Angriffs auf Kreuzfahrtschiffe, dazu notorische Schleuseraktivitäten, illegale Migration, Drogen- und Waffenhandel und Raubfischerei in großem Stil.

Klimawandel und Meeresspiegelanstieg bringen elementare Natur- und Umweltgefahren bis hin zum Wegfall von regionalen Lebensräumen und dem tatsächlichen „Untergang“ ganzer Staaten. Das bedeutet Evakuierung und weitere Migration. Unberechenbar bleiben große Unfälle wie 2020 die Explosion im Hafen von Beirut oder der Vulkanausbruch in Tonga im Januar 2022. In den hoheitlichen Zonen der Küstenstaaten nehmen die Sicherheitsaufgaben wie Umweltschutz, Aufsicht über Windparks und Fischerei sowie die Beseitigung von Munitionsaltlasten zu. Solange kein Kriegszustand herrscht, bleibt dies der Aufgabenbereich für Küstenwachen, Zivil- und Katastrophenschutz.

USS Indiana beim Einlaufenin der Basis Marinebasis New London, Foto: US Navy/Joshua Karsten

USS Indiana beim Einlaufen
in der Basis Marinebasis New London, Foto: US Navy/Joshua Karsten

Die Fähigkeiten des Gesamtsystems aller Instrumente der Verteidigung in Frieden und Krieg werden entscheidend. Auch Deutschland und die EU müssen sich aufgrund ihrer existentiellen Abhängigkeit von NATO, Seehandel, Lieferketten und Rohstoffversorgung auf diese Bedrohungen einstellen. Unter diesen Rahmenbedingungen stehen die rund 170 Staaten der Welt, die eigene Marinen und Küstenwachen betreiben, vor der Neubewertung der maritimen Sicherheit. Ein Blick auf steigende Verteidigungsbudgets und Beschaffungsmaßnahmen zeigt, dass neue Schiffstypen, Waffen und Drohnen, aber auch der Klimawandel erhebliche Herausforderungen für die maritime Sicherheit, für Werften, Zulieferer und Beschaffungsbehörden mit sich bringen.

Wettrüsten
Über alle Kriegsschifftypen hinweg ist die Neubautätigkeit enorm. Die weiterführenden Planungen sind ambitioniert. China hat mit 355 Schiffen im Jahr 2020 die nach Anzahl der Einheiten weltweit größte Flotte und baut sie sehr schnell weiter aus. Es werden ständig mehr Schiffe gebaut als angekündigt und dies auch noch schneller als zuvor öffentlich bekanntgegeben. Auf den weiteren Plätzen des Rankings liegen die USA mit knapp 300 und Russland mit etwa 280 Schiffen. Zum Vergleich: Deutschland verfügt über 48 seegehende Einheiten. Im Jahr 2021 stellte Russland 40 neue Kriegsschiffe in Dienst und konnte 80–100 Schiffe in See halten. Weltweit befinden sich die meisten Marinen in einer Phase der Erneuerung. Mittlere Marinen wie die Großbritanniens, Frankreichs, Indiens und Südkoreas bauen eigene blue water navies auf. Kanada will 15 Mehrzweckfregatten beschaffen. Zum ehemals überschaubaren Kreis der Staaten mit eigenem Marineschiffbau haben sich Australien, Brasilien, Indien, Indonesien, Korea, Rumänien, Spanien, Taiwan und die Türkei gesellt. Auch Südafrika und Kenia bauen ihre Werftkapazitäten aus.

Etwa 17 Staaten können U-Boote bauen, davon eine Handvoll auch Boote mit Nuklearantrieb. Die Gesamtzahl an U-Booten ist auf rund 500 gestiegen. Die drei Großmächte sowie Großbritannien und Frankreich erneuern ihre nuklear angetriebenen ballistischen U-Boote. Die USA, China und Russland betreiben ihre jeweils 60 bis 80 U-Boote überwiegend mit Nuklearantrieb. Im Januar 2022 waren in Russland 13 Atom-U-Boote im Bau. Staaten, die mittelfristig solche Einheiten bauen oder leasen wollen sind Australien, Brasilien, Südkorea, der Iran und Japan. Vielfach dominieren sogenannte Angriffswaffen gegenüber Defensivwaffen. Wer reihenweise Landungsschiffe und Hubschrauberträger beschafft, wird damit eine Vorwärtsverteidigung oder gar Eroberungsziele im Auge haben.

China tritt als Exporteur von Marineschiffen aller Klassen auf und pflegt seine maritimen Industrien und die Meeresforschung, um eine bedeutende Seemacht zu werden. Die USA, der Iran, Israel, Schweden und die Türkei sind bewährte Lieferanten für preiswerte, leistungsstarke Kampf- und Aufklärungsdrohnen, die in den Konflikten in Syrien und der Ukraine erprobt (und bekämpft) werden. Europas Marinen bieten eine verwirrende Zersplitterung in nationale Interessen und in konkurrierende Schiffstypen und Werften. Gemeinsame Projekte kommen nur langsam in Gang.

Chinesische Trawler, Foto: Adobe Stock

Chinesische Trawler, Foto: Adobe Stock

Als Küstenwachen bauen viele Staaten leistungsfähige Dienste auf mit zivilen Hoheitsaufgaben und militärischer Zweitrolle als Reservemarinen, häufig mit Schiffen bis zur Größe einer Fregatte. China betreibt eine Küstenwache mit mehr als 200 mittleren und größeren Schiffen. Zusätzlich gibt es den Trend zur Militarisierung von Handelsschiffen. So hat China seine Fischereiflotte in großem Stil militarisiert und Forschungs- und Fährschiffe für militärische Aufgaben vorbereitet unter dem Motto: Jedes Schiff ist ein Kriegsschiff. Russland folgt dem Beispiel der Militarisierung der Fischerei und bereitet die Bewaffnung von Eisbrechern mit Geschützen und Lenkwaffen vor.

Kostenprobleme
Alle Marinen haben notorische Probleme mit Neubauten und dem Betrieb aktueller Schiffsklassen. Die immer komplizierteren Systeme führen zu technischen Überfrachtungen und Kostenüberschreitungen, Nachbesserungen, überlangen Werftzeiten, Korruption und politischen Konflikten. In Einzelfällen werden ganze Serien von Neubauten wegen unüberwindlicher Probleme gestoppt. Allgemein gilt, dass Kriegsschiffe, insbesondere U-Boote, zu den höchstverdichteten technischen Systeme zählen, denn es gilt, multiple Funktionen in einer engen Schiffshülle zu integrieren. Unter Kostenaspekten ist interessant, dass über die Lebensdauer eines Kriegsschiffs nur 20 Prozent auf die Anschaffung entfallen, 80 Prozent sind Folgekosten. Entscheidend ist also der Lebenszyklus der Hardware und damit der Systempreis. So stellt sich im Folgenden die Frage nach den großen Trends, die für Marinen, Systemhäuser, Werften, Zulieferer, Waffenhersteller und Beschaffungsämter immer wichtiger werden:

Zweifellos besteht ein Zwang zur Kostensenkung und Standardisierung, beispielsweise durch ein Basisdesign von Schiffstypen mit der Möglichkeit zur Um- und Nachrüstung und zur Containerisierung. Unter dem Stichwort Modularität gibt es einen deutlichen Trend im Bau von Kriegs- und Handelsschiffen. Schiffskörper, Betriebssysteme und Nutzlasten sind als Komponenten zu begreifen, die man austauschen und für unterschiedliche Zwecken ändern kann. Dies erlaubt die Berücksichtigung spezieller Kundenwünsche, Mehrzwecknutzungen, einen Austausch und schnelle Reparaturen, aber auch allfällige Modernisierung oder Konversion. Jeder Neubau erfordert Ausbaupotenzial, also die die Berücksichtigung von Gewichts- und Leistungsreserven für spätere Ergänzungen. Damit lässt sich der Lebenszyklus verlängern. Neue Waffensysteme können im Austausch installiert werden. Die modulare Fregatte erhält für ihre mission bay austauschbare Sensoren, Waffen und Werkzeuge für unterschiedliche Aufgaben. Das Offshore Patrol Vessel (OPV) mit Friedensaufgaben der Küstenwache wird durch den Austausch von Containern zum Minenkampfboot. Allerdings müssen diverse rechtliche und technische Regelungen für die Modularität angepasst werden. Für Werften, Zulieferer und Beschaffungsbehörden ist ein neues Denken erforderlich: weg von der hochspezialisierten zur anpassungsfähigen Einheit. Zugleich mehren sich die Vorschläge, auch zu kleineren Schiffsgrößen überzugehen („decreasing of size“).
Um zu größeren Stückzahlen zu kommen, sind einstweilen arbeitsteilige multilaterale Projekte richtungweisend. Hierzu gehören

  • die 18 Fremm-Fregatten für Frankreich und Italien, auf deren Design auch die amerikanische Constellation-Klasse basiert das Projekt European Patrol Corvette EPC mit 15–20 Schiffen für Frankreich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien
  • die zwölf großen Minensuch-Mutterschiffe für Belgien, die Niederlande und Frankreich
  • das deutsch-norwegische U-Boot-Projekt 212CD
  • das britisch-dänische Fregattenprojekt der Inspiration-Klasse

Bei diesen Projekten müssen die Werften und Zulieferer dem Kunden attraktive Angebote mit local content und einem langfristig ausgelegten technischen Service sowie Schulung und Training anbieten.

Die Erfahrung zeigt, dass Flugzeug- und Hubschrauberträger sowie U-Boote generell bei Weiten die größten Kosten verursachen und den Aufbau einer ausgewogenen Flotte begrenzen. „Träger frisst Flotte“, wie man bei der britischen Marine beobachten kann. Mehrere Staaten haben große Probleme, ihre Träger einsatzbereit zu machen und zu halten.
Als neues, bisher vernachlässigtes Geschäftsfeld mit Einsparungspotenzial kann sich das Leasing von Schiffen oder einzelnen Systemen wie Radaranlagen und Waffen erweisen.

Französische Provenceder Fremm-Klasse, Foto: US Navy

Französische Provence
der Fremm-Klasse, Foto: US Navy

Design, Konstruktion, Bau und Ausrüstung
Erkennbar ist der schiffbauliche Trend zu neuen Rumpfformen. Katamarane oder Trimaranen bis zur Korvettengröße bieten sich als stabile Plattform für Waffen an, hinzu kommen neuen Antriebsarten und die Nutzung neuer Brennstoffe. Die Kunden legen verstärkt Wert auf Intensivnutzung und lange Einsatzzeiten mit auswechselbarer Besatzung sowie auf Tropen- und Polartauglichkeit.
Die Automatisierung von Betriebsabläufen und der Siegeszug der Digitalisierung erlauben reduzierte Besatzungen. Andererseits müssen analoge Redundanzen für Navigation und Schiffsbetrieb erhalten bleiben, falls digitale Systeme nicht zur Verfügung stehen. Das Management enormer Datenmengen, die Verarbeitung aller Informationen, die Vernetzung mit externen Quellen und der zukünftige Einsatz von Laserwaffen erweisen sich als energiefressende Systeme. Dies erfordert eine deutlich verbesserte Energieversorgung und folglich größere Schiffsrümpfe. Hinzu kommt der Zwang, neue Waffen, unbemannte Systeme sowie künstliche Intelligenz mit den bestehenden Systemen zu integrieren („system of systems“).
Die medizinische Ausrüstung an Bord muss besser vorbereitet sein zur Bekämpfung von Infektionen und für die Abwehr biologischer Kriegführung. Umwelt- und Klimaschutz gelten nun auch für Kriegsschiffe: „grey ships go green“.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe des marineforums.

Ministerialrat a.D. und Kapitän zur See d.R. Prof. Dr. Uwe Jenisch lehrt am Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht der Universität Kiel.

Uwe Jenisch

28. März 2023 | 0 Kommentare

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