Experten und Praktiker kamen erstmals seit 2019 wieder beim Kiel International Seapower Symposium 2022 zusammen. Thematisch ließen sie den strategischen Blick schweifen.
Ein häufig vor allem britischen Premierministern verschiedener Epochen in den Mund gelegtes Bonmot sagt, dass Vorhersagen schwierig sind – insbesondere, wenn sie die Zukunft beträfen. Rund 100 dementsprechend mutige und motivierte Gäste kamen trotzdem kürzlich beim diesjährigen Kiel International Seapower Symposium (KISS) zusammen, um über Naval Warfare 2040 und über Strategien für den Ostseeraum zu beraten. Vorhersagen waren natürlich nicht zu treffen, sondern vielmehr Szenarien zu entwickeln, welche die maritime Sicherheit zwischen heute und in knapp 20 Jahren betreffen würden. Das Symposium, das mittlerweile siebte seit 2015, fand nach den pandemiebedingten Veränderungen der letzten beiden Kalenderjahre nunmehr wieder in Präsenz statt. Dankbarkeit und Vergnügen, wieder unter seinesgleichen zu weilen, waren bei den Vertretern aus Wissenschaft, Streitkräften, Politik, Wirtschaft und Verbänden allenthalben zu spüren. KISS ist längst ein fester Bestandteil im transatlantischen, maritim-sicherheitspolitischen Kalender und mittlerweile Europas größte Seapower-Konferenz. Erstmalig wurde die Tagung vor die Kieler Woche gezogen, um nicht mit dem Berliner parlamentarischen Kalender zu kollidieren und um die Konferenz zweitägig durchzuführen. Während der erste, vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK) verantwortete Tag sich mit dem strategischen Ausblick auf das Jahr 2040 befasste, stand der von der Hermann-Ehlers-Stiftung organisierte zweite Tag ganz im Zeichen der Ostsee. Auf diesem Weg verband sich also der maritime Weitblick einerseits mit den sehr gegenwärtigen, politisch und geografisch nahen und nächsten Herausforderungen.

Internationaler Gesprächskreis
Eröffnet wurde KISS 22 durch Prof. Dr. Jürgen Krahl, Präsident der Fachhochschule Lemgo. Der ausgewiesene Zukunftsforscher führte plastisch in das Jahr 2040 und skizzierte die tiefgreifenden Veränderungen politischer, gesellschaftlicher und technologischer Natur, die Versprechen und Bedrohung zugleich sein dürften. Ressourcenkonflikte und technologische Durchbrüche, künstliche Intelligenz und aggressiver Nationalismus sind nur einige der Beispiele, die – sich häufig gegenseitig verstärkend – auf uns warten. Aus maritim-planerischer Sicht gilt es einerseits, diese Aspekte der kommenden Sicherheitspolitik zu antizipieren, andererseits aber auch die Herausforderungen der Gegenwart nicht aus dem Blick zu lassen. Das folgende Panel nahm sich dieser Problematik an und versuchte sich an einer Verknüpfung des russischen Kriegs gegen die Ukraine mit dem Brückenschlag von 2022 nach 2040. Das hochrangig besetzte Podium kam zu dem Schluss, dass die Marinen der NATO auf die seit 2014 in die Wege geleiteten Veränderungen und Verbesserungen aufbauen könnten. Die Redner wiesen darauf hin, wie wichtig abschreckende maritime Präsenz an Hotspots sei. Einig waren sie sich dabei, dass der Fluch der kleinen Zahl an seegehenden Einheiten europaweit eine auch bis 2040 kaum überwindbar erscheinende Hürde darstelle. Im Anschluss diskutierten Politikwissenschaftler und Marineoffiziere darüber, wie die maritime Planung – beispielsweise Beschaffung, Ausrüstung, Betrieb, Flexibilität, Nachhaltigkeit – des vormaligen Friedensbetriebs der veränderten Lage angepasst werden könne und welche Lektionen aus Fehlern bei vergangenen Beschaffungen von Marineschiffsklassen zu ziehen seien. Die vierte Sektion des Tages versammelte dann ausgewiesene Fachleute, die sich mit der menschlichen Komponente in Ausbildung und Weiterentwicklung beschäftigen. Gemäß einem anderen oft verwendeten Bonmot sind es schließlich Menschen, nicht Schiffe, die kämpften. Die wissenschaftliche, militärische und intellektuelle Befassung mit maritimer Strategie – auch als lebenslanges Lernen – stand hier im Mittelpunkt des Geschehens.

Johannes Peters (ISPK) und der CNO der US Navy, Admiral Mike Gilday.
Der zweite Konferenztag wartete als „Focus Day: Baltic Sea“ dann mit einem eher geografisch geprägten Schwerpunkt auf. Dazu gesellte sich ein heterogeneres, im besten Sinne politischeres Publikum. Auf den Panels diskutierten Diplomaten aus dem Ostseeraum mit sicherheitspolitischen Experten aus dem zivilen und militärischen Bereich. War der Vortag von der militär- und marinestrategischen Debatte geprägt, so stand der zweite Konferenzabschnitt im Zeichen der NATO-Beitrittsgesuche von Schweden und Finnland im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Mithin handelte sich es also um eine politische, in Zügen geostrategische Debatte. Als höchstrangingen Panelisten konnten die Organisationen rund um Konferenzchair Johannes Peters (ISPK) dabei den Chief of Naval Operations der amerikanischen Marine, Admiral Mike Gilday, begrüßen. Die signifikant erhöhte US-Marinepräsenz in der Ostsee zeigte sich auch mit der USS KEARSARGE, einem amphibischen Hubschrauberträger, die an der zeitgleich mit KISS stattfindenden Übung Baltops in der Region teilnahm und Anfang August zusammen mit der USS ARLINGTON wieder in das Baltische Meer einlief.
Die Befassung mit maritimer Strategie dies- wie jenseits deutscher Küsten bleibt angesichts der getrübten, ja angespannten Weltlage Auftrag und Verpflichtung für Politik, Wissenschaft und die Marine selbst. Ein ausführlicher Konferenzbericht der von der Konrad-Adenauer-Stiftung geförderten Zusammenkunft befindet sich in Vorbereitung und wird über die Website www.kielseapowerseries.com abrufbar sein. Das Kiel International Seapower Symposium 2023 wird thematisch derzeit vorbereitet.
Dr. Sebastian Bruns ist Senior Researcher am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK), Mitbegründer des Kiel International Seapower Symposiums und war zuletzt McCain Fulbright Distinguished Visiting Professor an der US Naval Academy, Annapolis, Maryland (USA).
Fotos: ISPK/Gunnar Dethlefsen










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