"Moskwa" - das Flaggschiff der russischen Schwarzmeer-Flotte. Foto: Vadim Savitsky/Russian Defense Ministry Press Service via AP. www.realcleardefense.com

"Moskwa" - das Flaggschiff der russischen Schwarzmeer-Flotte. Foto: Vadim Savitsky/Russian Defense Ministry Press Service via AP. www.realcleardefense.com

Zur Versenkung eines Kreuzers

Falscher Ort, unzureichende Fähigkeit oder Arroganz?

Am 15. April musste Russland einräumen, dass der Flugkörper-Kreuzer „Moskva“ gesunken war, während er in den Hafen zurückgeschleppt wurde. Die Varianten der Russen und Ukrainer unterschieden sich, marineforum berichtete. Wird das Folgen haben für die Art und Weise, wie Seestreitkräfte  operieren und welche Risiken sie eingehen?  Das letzte Mal, dass ein Schiff von vergleichbarer Größe wie die Moskwa von einer feindlichen Macht versenkt wurde, war 1982. Da wurde der argentinische Leichte Kreuzer „General Belgrano“ während des zehntägigen Falklandkriegs vom U-Boot „Conqueror“ der Royal Navy torpediert. Das ist aber kaum vergleichbar, denn das Uboot torpedierte einen veralteten ehemals amerikanischen Kreuzer aus den dreißiger Jahren.

Wie hat sich nun das Schiff geschlagen? Der Aufbau der „Moskva“ sei problematisch, sagt Jerry Hendrix, Senior Fellow des Sagamore Institute und Kapitän im Ruhestand. Er vermutet, dass [ds_preview] die „Moskva“ durch ein Feuer an Deck die 16 Abschussvorrichtungen für den Überschall-Marschflugkörper P-500 Bazalt in Brand geraten sind. Die ungeschützten Raketen sind anfällig für Beschädigungen und in einer denkbaren Kettenreaktion zerstört sich das Schiff selbst. Im Falle von modernen VLS Systemen, die im Falle eines Brandes geflutet werden können, verhindert man eine katastrophale Kettenreaktion, erklärte Hendrix.

Inzwischen hat sich ein prominenter Admiral zu Wort gemeldet: US Admiral James Stavridis ist Kolumnist bei Bloomberg und ehemaliger Oberbefehlshaber der NATO. Er erinnert sich, was ihm bei Besichtigungen auf russischen Schiffen, die aus den 1970er und 1980er Jahren stammten, aufgefallen ist. Es Fehlen verschließbare Abteilungen, wie sie westlichen Kriegsschiffen normal sind. Ohne wasserdichte Schotten hat man bei russischen Schiffen kaum die Möglichkeit, innerhalb von dichten Abteilungen Brand- oder Schadensbekämpfung vorzunehme und somit anfälliger für Totalverluste.

Ein weiteres Manko ist das Fehlen eines starken Unteroffiziercorps, also Fachleuten  des mittleren Dienstes in den russischen Besatzungen. Den Russen fehlt die Expertise der "Chiefs", bzw. der Portepeeunteroffiziere, der "Meisterebene", wie man es in der Deutschen Marine nennt. Menschen, die 10 - 15 Jahre Erfahrung mitbringen und das Rückgrat einer Einheit darstellen. Das, so spekuliert Stavridis, ist ein großes Problem für die Russen. Die gleiche Schwäche könnte auch Ursache der Probleme der russischen Landstreitkräfte seit der Invasion am 24. Februar sein. Äußerlich werde die russische Führungsstruktur auch dadurch deutlich, dass die Offiziere Namensschilder an ihren Uniformen tragen, während die Matrosen nur Nummern hatten.

Zur Versenkung der Moskwa liegen keine Berichte vor, um die Fehler zu bewerten, aber einige Punkte fallen auf: Dass Schiff war nicht in der Lage, sich gegen zwei ankommende ukrainische Neptun-Marschflugkörper zu verteidigen (was inzwischen von US-Geheimdiensten bestätigt wurde). Ob dies fehlende Bereitschaft war oder unzureichende Flugabwehr des Schiffes, wird man nicht erfahren. Darüber hinaus konnte das Schiff keinen Treffer verkraften und nicht über Wasser halten. Stavridis meint ferner, dass es der "Schadensabwehr" und deren Organisation offenbar nicht gelungen ist, die Kombination aus Bränden und Überschwemmungen zu kontrollieren.

Die Moskwa war auch Kommando- und Kontrollknotenpunkt, um den Rest der Schwarzmeerflotte zu führen, von der man annahm, dass sie sich auf einen Angriff oder einen amphibischen Angriff auf den wichtigen ukrainischen Seehafen Odessa vorbereitete. Dazu fehlen jetzt die Langstrecken-Marschflugkörper vom Typ P-500 Basalt.

Der Verlust eines einzigen Schiffes ist an sich für eine Flotte noch keine Katastrophe, aber ein erheblicher Rückschlag und Imageschaden. Zudem geht ein Warnsignal an alle anderen russischen Überwasserkampfschiffe aus. Zusammen mit dem zerstörten Landungsschiff der Alligator-Klasse sind es nun schon zwei. Man müsse jetzt bei der Annäherung an die ukrainische Küste doppelt vorsichtig sein, so Stavridis.

Schließlich wird der Untergang Auswirkungen auf die weltweiten Operationen aller Marinen haben. Es ist eine deutliche Erinnerung an die Verwundbarkeit von Überwasserschiffen - einschließlich Flugzeugträgern, dem Herzstück der US-Marine - durch relativ kostengünstige, zahlreiche und technologisch fortschrittliche Marschflugkörper. Wie die Ukrainer durch den Beschuss von Panzern, gepanzerten Mannschaftstransportern und Hubschraubern an Land bewiesen haben, ist der Kosten-Nutzen-Effekt eines Marschflugkörpers für die angreifenden Streitkräfte sehr hoch.

Stavridis folgert. "Der Untergang der Moskwa ist eine lebhafte Erinnerung an die Notwendigkeit leistungsfähiger Flugabwehrsysteme, einer ausgefeilten Schadensabwehr und taktischer Entscheidungen bei Operationen in der Nähe feindlicher Küsten. Auch wenn Russland versucht, die Lehren aus dem Untergang seines Flaggschiffs im Schwarzen Meer zu ziehen, müssen die USA und ihre mächtigen Verbündeten dies ebenfalls tun.

Die „Moskva“ war zu groß für den Auftrag, der ihr im Schwarzen Meer erteilt wurde. Das unterstreicht den Wert kleinerer Schiffe und richtig dimensionierter Missionen gegenüber kühnen Machtdemonstrationen. "Eines der Dinge, die wir oft sagen, ist, dass man niemals einen Kreuzer schicken sollte, um das zu tun, was eine Fregatte tun sollte. Dies ist ein Fregatteneinsatz; das Schwarze Meer ist ein begrenztes Meer. Und eigentlich gibt es hier keinen Einsatz von Marschflugkörpern gegen Schiffe. Warum also ist die Moskwa zum jetzigen Zeitpunkt im Schwarzen Meer? Es geht mehr um Prestige. Und weil die Russen ihr Prestige riskiert haben, haben sie damit ihr Prestige verloren" sagt Hendrix

Vom Russischen Pressedienst des Verteidigungsministeriums via AP erfahren wir, dass die USA den Abschuss mit Neptun-Anti-Schiffs-Marschflugkörpern (ASCMs) bestätigen. Auch eine umfangreiche Analyse kann man bereits aufrufen:

www.realcleardefense.com

Quellen: Hendrix, Stavridis, Realcleardefense USNI, SandboxNews, Hope Seck

 

22. Apr. 2022 | 2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Da nur ein „Wolna“-Radar vorhanden ist, kann das S-300F-System nur einen Angriff aus einer Richtung abwehren. Sobald das „Wolna“-Radar ausfällt, wird die Langstrecken-Luftverteidigung des Schiffes vollständig gelähmt. Aus diesem Grund wurde auf der „Marschal Ustinow“ das Frühwarnradar „Podberezowik“ und das Feuerleitradar „Fregat-M2M“, das für die Detektion von tieffliegenden Zielen mit Phased-Array-Antennen optimiert ist, installiert.
    Nach einer Reihe von Daten zu urteilen, nahmen auch Drohnen des Typs „Bayraktar“ am Angriff auf den Kreuzer teil und dienten als Mittel zur Durchführung eines Ablenkungsmanövers.

    Die Fragen, die sich mir stellen: Inwieweit war der Stab der Schwarzmeerflotte darüber informiert, dass und wie viele Neptun-Komplexe die Ukraine besitzt? Wofür hat Russland Nachrichtendienste und Satelliten? Kein Admiral, der noch alle Sinne beisammen hat, schickt sein wertvollstes Schiff in den Wirkbereich mobiler Küstenraketensysteme.

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