Im Kalten Krieg galt es, dem Warschauer Pakt die westliche Ostsee zu verwehren. Gleichzeitig musste der Nordatlantik für den Nachschub von Material und Truppen aus den USA und Kanada gesichert werden. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 rückte das Mittelmeer in den Fokus. Zuerst waren es Kriseneinsätze in der Adria, dann wurde das Mittelmeer EU-Südflanke, später Außengrenze, was sich durch die zahlreichen Mittelmeereinsätze der Marine auch 30 Jahre später noch manifestiert. Ebenso ist sie seit dieser Zeit an zahlreichen Einsätzen am Horn von Afrika zwischen Persischem Golf und Rotem Meer beteiligt. Aktuell operiert die Marine zum Schutz der Schifffahrt gegen die Huthi-Milizen im Roten Meer in ihrem bisher gefährlichsten Einsatz.[ds_preview]
Ein erneuter Paradigmenwechsel von der Einsatzarmee zurück zur Armee für Landes- und Bündnisverteidigung wurde mit der Konzeption der Bundeswehr 2016 als Reaktion auf die russische Annektion der Krim eingeleitet – und seit der Zeitenwende im Februar 2022 von der Politik auch ernsthaft verfolgt. In der Folge ist die Deutsche Marine nun wieder „zurück in der Ostsee“. Sichtbarer Beleg dafür ist die offizielle Indienststellung des multinationalen Stabs Commander Task Force Baltic (CTF-B) beim Marinekommando in Rostock vor wenigen Wochen. Der CTF-B hat das Potenzial, zu einem entscheidenden militärpolitischen Instrument in der Region zu werden
Gleichzeitig aber ist Deutschland als host nation auch wieder zur logistischen Drehscheibe geworden, die den Aufmarsch und den Nachschub für die Ostgrenze des NATO-Bündnisses sicherstellt. Die alliierten Streitkräfte werden mehrheitlich durch Deutschland oder über die Ostsee in ihre Einsatzräume verlegen. Die Bundesrepublik schützt und unterstützt den Transit der Truppen mit Treibstoff und Verpflegung. Reservedienstleistende im Heimatschutz werden dabei landseitig für Sicherungsaufgaben eingesetzt. Auch zivile Behörden und Blaulichtorganisationen sowie Vertragspartner aus der Wirtschaft sind in den host nation support eingebunden.
Der geforderte Schutz fängt jedoch schon auf See an. Bereits zu Friedenszeiten erreichen täglich bis zu 300 Schiffe die Seehäfen unseres von Im- und Export abhängigen Landes. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall laufen weitere 300 Schiffe täglich mit Truppen und Material durch die Nordsee in Richtung Deutschland. Hier wird zunehmend auch die Deutsche Marine gefragt sein, wieder ihren Beitrag zur Sicherung der Nordsee und insbesondere der Deutschen Bucht zu leisten.
Es wäre keine neue Rolle für die Marine, denn bis 1988 gab es einen eigenen Bereichsbefehlshaber für die Nordsee. Der Befehlshaber der Seestreitkräfte der Nordsee unterstand dem Befehlshaber der Flotte und war gleichzeitig NATO-Befehlshaber für den Bereich der Deutschen Bucht. Seine Hauptaufgabe im Krieg wäre es gewesen, Konvois mit Nachschub für die in Europa kämpfenden NATO-Truppen sicher in die deutschen Nordseehäfen zu bringen. Es fiel ihm auch die Aufgabe der Marineschifffahrtleitung im deutschen Verantwortungsbereich zu.
Daraus ergibt sich die Frage, ob die Marine für den Spannungs- und Verteidigungsfall nicht ähnlich stark in der Nordsee aufgestellt werden sollte, wie jetzt in der Ostsee. Der Schutz der eigenen Versorgungswege zu und von den deutschen Nord- und Ostseehäfen sowie die seeseitige Sicherung der Truppen und des Materials für die NATO-Ostflanke sind für die Verteidigungsplanungen essenziell. Die Nordsee ist im Spannungs- und Verteidigungsfall die entscheidende Rollbahn zur Landes- und Bündnisverteidigung. Sie stellt auch die Verbindung zwischen dem Atlantik und den Verbündeten in der Ostsee sicher. Die Nordsee sichert die Versorgung der Bevölkerung (nicht nur) in Deutschland. Von ihrer umfangreichen Infrastruktur über und unter Wasser hängt die Energie- und Informationsversorgung weiter Teile der Anrainerstaaten ab. Mehr als 50 Prozent der deutschen Gasimporte und 15 Prozent der deutschen Stromversorgung kamen 2023 aus der oder über die Nordsee, 26 Prozent der deutschen Stromerzeugung stammte aus Kohle, die in der Masse über die Nordsee importiert wird.
In der aktuellen Ressourcenlage ist die Sicherung der Nordsee durch die kleinste deutsche Marine seit 140 Jahren neben ihrer Führungsverantwortung in der Ostsee, den Abstellungsverpflichtungen im Rahmen des NATO Force Model und den zahlreichen Einsatzverpflichtungen für das internationale Krisenmanagement nicht zu leisten. Es fehlt an Einheiten und Personal. Es ist jetzt an der Zeit, Deutschland wieder eine Marine zu geben, die seinen sicherheitspolitischen Verpflichtungen entspricht – oder wenigstens seiner Abhängigkeit von der See.
Fregattenkapitän Andreas Uhl ist Redaktionsmitglied des marineforums und zuständig für die Themen NATO und Sonderprojekte.
Andreas Uhl










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