Die Aula der MSM ist gleichzeitig Lernort, Versammlungsort und „Wohnzimmer“ der Marine. Mit der aktuellen Neugestaltung werden Vergangenheit und Gegenwart in Einklang gebracht.
Vor über acht Jahren stellte der damalige Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Andreas Krause, in einem Namensbeitrag im marineforum die Frage, ob die deutsche Marinegeschichte seit 1956 an der Stelle, die das Marineoffizierkorps zuweilen als sein „Wohnzimmer“ bezeichnet, ausreichend repräsentiert sei.[ds_preview] Krause setzte damals den längst überfälligen Impuls für eine Neugestaltung der Aula der Marineschule Mürwik (MSM), bedenkt man, dass es in der Aula bis dahin kaum Bezugnahmen auf die Marine der Bundesrepublik Deutschland gab. Er beauftragte den damaligen Kommandeur der Marineschule, Flottillenadmiral Carsten Stawitzki, mit der Federführung und Leitung eines Gremiums, das eine Neukonzeption entwickeln sollte.
Admiral Krause forderte aktive und ehemalige Angehörige der Marine zum Diskurs auf, wobei er einen Kerngedanken des Traditionserlasses, der erst 2018 in Kraft trat, vorwegnahm. Tradition, mithin unser Umgang mit und unser Rückblick auf Geschichte, muss sich in einem schöpferischen und wertegeleiteten Prozess weiterentwickeln. Der Blick auf unsere Vergangenheit bedarf dabei immer eines Gegenwartsbezugs. Dass es eine anspruchsvolle und zuweilen kontroverse Arbeit werden würde, war seinerzeit allen Beteiligten klar. Im November 2015 wurden im Beratergremium mehrere Vorschläge eingehend erörtert, die die Grundlage für die Entschei-dung des Inspekteurs bildeten.
Ziel der Neukonzeption sollte die Verlagerung des Schwerpunkts von der Kaiserlichen Marine und der Kriegsmarine hin zur deutschen Marine nach 1956 sein, bei gleichzeitigem Erhalt der Aula als zentralem Versammlungsort und emotionalem Bezugspunkt der Marine. Sichtbarer und zugleich symbolischer Kern der Umgestaltung war die Drehung der Bestuhlung um 180 Grad: den Blick nach vorn in Richtung Gegenwart und Zukunft und im Rücken die Geschichte mit dem in Holz geschnitzten sogenannten Seeoffizier-Ehrenmal aus dem Jahr 1923.
Die Büsten der Admirale Scheer, Graf Spee, Köster und Hipper wurden aus der Aula genommen. Gegenüber den Büsten von Admiral Bromme, Prinz Adalbert und Admiral von Stosch wurden jene von Admiral Wellershof, Konteradmiral Johannesson und Korvettenkapitän Kranzfelder aufgestellt. An der Nordseite (in Blickrichtung) wurde ein Maststück der Gorch Fock als Rednerpult installiert und auf dem dahinter liegenden Holzsockel an der Wand der Schriftzug „Einigkeit und Recht und Freiheit“ aus Messingbuchstaben angebracht – als bewusster Kontrapunkt zu den re-vanchistischen Botschaften auf der gegenüberliegenden Aulaseite. Darüber hinaus wurde „landseitig“ ein mit Spenden finanziertes Gemälde, das eine Oberdecksszene mit Offizieranwärtern an Bord der GORCH FOCK zeigt, anstelle des Bismarck-Gemäldes von Claus Bergen angebracht.

Aula im Jahr 2020, Foto: Jenny May-Barg
Finanzen und Denkmalschutz
Aus unterschiedlichen Gründen konnten wesentliche Anteile der Neukonzeption jedoch schlussendlich bis heute nicht umgesetzt werden oder mussten in Teilen sogar rückgängig gemacht werden. Beispielsweise wurde das Gemälde „GORCH FOCK“ aus gestalterischen Gründen aus der Aula entnommen und im Aulavorraum platziert. Das Gemälde „Multinationaler Verband“, das unsere Einsatzmarine im Bündnis zeigen sollte, konnte auch aus finanziellen Gründen nicht beschafft werden. Darüber hinaus konnten die Planungen, eine bewegliche Leinwand an der Nordseite als Projektionsfläche zu installieren, vor allen Dingen aus denkmalschutzrechtlichen Gründen nicht umgesetzt werden, sodass seither mit einer Behelfslösung mit unzureichender Darstellungsqualität gelebt werden muss.
Nicht zuletzt aus den oben genannten Gründen hinterlässt die Aula heute einen lückenhaften und damit unfertigen Eindruck, weshalb sie häufig von Außenstehenden trotz umfangreicher begleitender Erläuterungen vorrangig als reiner Traditionsraum empfunden wird.
Vor diesem Hintergrund hat der heutige Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan C. Kaack, die Marineschule Mürwik im vergangenen Jahr beauftragt, Ideen für eine Fortschreibung zu entwickeln und im August 2023 nach eingehender Behandlung in mehreren Gremien den Auftrag zur deren Umsetzung erteilt.
Die Absicht von 2015 verfolgend, wird die Aula nun so gestaltet, dass einerseits der Gesamtcharakter bewahrt bleibt, anderseits die Zielsetzung einer behutsamen Neugestaltung klar ersichtlich und weitgehend selbsterklärend ist. Dadurch wir sie als zentraler Versammlungsort und emotionaler Bezugspunkt der Marine und ihres Offizierkorps erlebt. Zu diesem Zweck wird die Ausgestaltung des Raums insgesamt reduziert, wobei die Südseite (beim Betreten der Aula links) vor allem für die deutschen Marinen bis 1945 und die Nordseite für die Marine der Bundesrepublik Deutschland seit 1956 und die Einsatzgeschichte seit den 1990er-Jahren stehen.
An der „landseitigen“, nördlichen Wand wird zukünftig ein hochwertig produzierter und gerahmter Fotodruck hängen. Das Bild wird ein modernes Motiv aus der Marine mit Einsatzbezug zeigen. Das Format wird an das verbleibende Gemälde mit dem Unterseeboot an der südlichen Seitenwand der Aula angepasst. Es fügt sich damit in die Gesamtgestaltung des Raums ein, setzt aber einen bewussten gegenwartsbezogenen Akzent.
An der Nordwand wird mit Zustimmung der Unteren Denkmalschutzbehörde eine moderne Videowall installiert, die aus 16 rahmenlosen Einzeldisplays zusammengesetzt sein wird. Neben der Bundesdienstflagge befinden sich zukünftig links und rechts des Holzsockels Kommandozeichen, Flaggen und Wimpel der Einsätze und einsatzgleichen Verpflichtungen der Deutschen Ma-rine seit 1990. Dem Anspruch einer zeitgemäßen Darstellung wird durch Verwendung von QR-Codes, mittels derer zusätzliche Informationen zu diesen Einsätzen und einsatzgleichen Verpflichtungen digital abgerufen werden können, Rechnung getragen.
Darüber hinaus werden die Büsten innerhalb der wehrgeschichtlichen Ausstellungsorte der MSM umpositioniert, um sich unter Nutzung zeitgemäßer Mittel intensiver mit den Personen und Biografien auseinandersetzen zu können.
Die Umsetzung dieser zentralen Maßnahmen der Umgestaltung schafft auf mehreren Ebenen einen Mehrwert. Erstens wird der Südseite mit Bezügen zu den Seestreitkräften vor 1956 nun deutlich erkennbar eine Nordseite entgegengestellt, die unsere Marine der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart repräsentiert. Bisher war dieses Konzept nicht oder nur bei zusätzlicher Erläuterung verständlich.
Zweitens erhält die Marine einen Bezugsort, der dank zeitgemäßer technischer Ausstattung auch junge Offizieranwärter und Offiziere der Generation der „Digital Natives“ anspricht, gleichzeitig aber weiterhin zur Auseinandersetzung mit unserer Geschichte auffordert. Drittens wird die Aula als Raum für Sonderveranstaltungen für über 300 Personen deutlich aufgewertet. Die Ausstattung lässt zukünftig auch digitale Formate mit hohem Qualitätsanspruch zu. Die Aula steht damit für eine moderne, die digitalen Möglichkeiten nutzende Marine und verbindet Historisches mit Gegenwart und Zukunft.
Die Aula wird bewusst „entfrachtet“, wodurch der Ursprungsgedanke der Neukonzeption deutlicher hervortreten wird.

Der damalige Generalinspekteur Eberhard Zorn ernannte Vizeadmiral
Jan C. Kaack 2022 in der Aula zum Inspekteur der Marine, Foto: Bw/Marcel Kröncke
Bismarck und GORCH FOCK
Wesentliche Neuerung der fortgeschriebenen Konzeption ist die Einbindung und Nutzung des Aulavorraums vis-à-vis des beidseitigen Treppenaufgangs: An diesem Ort wird zukünftig unter dem Titel „Die Aula im Wandel der Zeit“ eine Dauerausstellung eingerichtet. Absicht dieser Ausstellung ist die Einrichtung eines Lernorts für das Traditionsverständnis der Bundeswehr, der nicht nur die Veränderungen in der Ausgestaltung der Aula seit Bestehen der MSM erläutert, sondern insbesondere das Denken und Handeln des Marineoffizierkorps und den Umgang mit Geschichte und Tradition in unserer Marine widerspiegeln soll. Dieser Ort soll Marineangehörige und externe Besucher zugleich ansprechen.
Dazu werden zunächst bereits vorhandene großformatige Fotografien der historischen Ausgestaltung der Aula und Texttafeln genutzt. Das Gemälde „Bismarck“ verbleibt im Vorraum und wird auch bezüglich des Malers kontextualisiert. Das Gemälde „GORCH FOCK“ wird einen Platz im angrenzenden Längsgang oder in einem der Treppenhäuser finden. An dieser Stelle werden die Büsten von Korvettenkapitän Kranzfelder, Konteradmiral Johannesson und Admiral Wellershoff ihren Platz einnehmen und mit ausführlichen Biografien und ergänzenden Kontextualisierungen versehen. Sie stehen stellvertretend für militärische Lebensleistungen in der jüngeren deutschen Marinegeschichte: für den militärischen Widerstand gegen die NS-Diktatur in der Kriegsmarine, die gebrochenen Biografien der sich um die Gründung der Bundeswehr verdient gemachten Offiziere und für die Marine der Einheit. Ausdrücklich soll damit ein Ort auch für die weiterführende Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und ihren Akteuren geschaffen werden. Tiefergehende Inhalte in Form von Bildern, Videos und Texten werden dabei auch über digitale Medientische bereitgestellt.
Die Neugestaltung der Aula sorgt seit vielen Jahren für anhaltende Diskussionen. Diese Auseinandersetzungen tragen – wenn Sie in angemessener Weise geführt werden – einen großen Wert in sich. Sie überlagerten jedoch zunehmend die Idee, dass die Aula als Teil der Lehrsammlung allen voran ein emotionales und lebendiges „Wohnzimmer“ der Marine ist und sein soll. Der Abschluss der Neukonzeption mit den dargestellten Anpassungen soll den Diskurs um eine zeitgemäße Traditionspflege in der Marine damit auch nicht im Sinne eines „Ruhe im Schiff“ beenden. Vielmehr soll mit der zukünftigen Einbindung des Aulavorraums ein dafür geeignetes, mit modernen Mitteln ausgestattetes Forum geschaffen werden.
Flottillenadmiral Jens Nemeyer ist Kommandeur der Marineschule Mürwik. Fregattenkapitän Udo Sonnenberger ist im Marinekommando tätig und war zuvor Leiter des Wehrgeschichtlichen Ausbildungszentrums.
Jens Nemeyer und Udo Sonnenberger










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