Maputo besitzt den einzigen Tiefwasserhafen Mosambiks. Foto: Adobe Stock

Maputo besitzt den einzigen Tiefwasserhafen Mosambiks. Foto: Adobe Stock

Zwischen Reichtum und Armut

Fernab der öffentlichen Wahrnehmung eskaliert im ostafrikanischen Mosambik die Gewalt. Der dschihadistische Aufstand besitzt auch eine maritime Dimension.

Ende März 2021 griffen mit dem Islamischen Staat verbundene dschihadistische Kämpfer die im Norden Mosambiks gelegene Küstenstadt Palma an. Während der mehrtägigen Kämpfe um die 75 000 Einwohner große Stadt sind Medienberichten zufolge mehrere Dutzend Personen getötet worden. Die mediale Resonanz, die auf die Ereignisse in Palma folgte, hat erstmals in größerem Umfang weltweite öffentliche Aufmerksamkeit für einen Konflikt geschaffen, bei dem es bereits seit 2017 zu Gewalthandlungen kommt. Seit diesem Zeitpunkt sind die Auseinandersetzungen im Land zunehmend eskaliert. Bisher haben dabei schätzungsweise mehr als 2800 Menschen ihr Leben verloren. Die Zahl der Binnenvertriebenen wird auf 750 000 geschätzt. Neben einer weiteren Stufe der Gewalteskalation, welche die jüngsten Kämpfe um Palma widerspiegeln, werfen diese auch ein Schlaglicht auf eine maritime Dimension des dschihadistischen Aufstands in Mosambik.

Armut und Korruption

Das im südlichen Teil des afrikanischen Kontinents gelegene Mosambik mit rund 31 Millionen Einwohnern erlangte erst im Jahr 1975, nach jahrhundertelanger kolonialer Herrschaft durch Portugal, seine Unabhängigkeit. Mosambik grenzt im Norden, Westen und Süden an die Staaten Tansania, Malawi, Sambia, Simbabwe, Südafrika sowie Eswatini (bis 2018 Swasiland). Im Osten erstreckt sich Mosambik über eine Länge von rund 2500 Kilometer entlang des Indischen Ozeans.
Der dschihadistische Aufstand in Mosambik konzentriert sich bisher vor allem auf den Norden Mosambiks und dort insbesondere auf die Küstenprovinz Cabo Delgado. Dort begann im Jahr 2017 auch die gewaltsamen Ausschreitungen, als bewaffnete Kämpfer Polizeikräfte in Mocimboa da Praia angriffen. In der Folgezeit weiteten die Dschihadisten ihre Aktivitäten auf weitere Distrikte in Cabo Delgado beziehungsweise im Norden Mosambiks aus und verbesserten dabei auch zunehmend ihre Fähigkeiten. So ist im bisherigen Verlauf der bewaffneten Auseinandersetzungen eine Verlagerung von anfänglich durchgeführten Hit-and-run-Aktionen hin zu anspruchsvolleren Operationen erkennbar, in deren Rahmen die Dschihadisten auch größere Gebiete im Norden des Landes zumindest zeitweise kontrollieren konnten. [ds_preview]
Organisiert sind die mosambikanischen Dschihadisten in der Gruppe Ansar al-Sunna (AaS). Von der lokalen Bevölkerung werden sie auch als al-Shabaab bezeichnet, wobei jedoch keine organisatorischen Verbindungen zu der gleichnamigen Organisation in Somalia zu bestehen scheinen. Im Jahr 2018 erklärten AaS-Kämpfer Loyalität gegenüber dem Islamischen Staat.

Die Hauptstadt Maputo mit Blick auf die Maputo-Katembe-Brücke. Foto: Adobe Stock

Die Hauptstadt Maputo mit Blick auf die Maputo-Katembe-Brücke. Foto: Adobe Stock

Auch die militärische Unterstützung der mosambikanischen Regierung durch private Sicherheitsunternehmen aus Südafrika und Russland hat die Sicherheitslage bisher nicht entscheidend verbessert. Als ein Grund dafür kann das teilweise brutale Vorgehen von Kräften auf Seiten der Regierung identifiziert werden, die gemäß entsprechenden Berichten aus dem Land beispielsweise Hinrichtungen, auch von Zivilisten, durchgeführt haben. Dadurch werden den Aufständischen weitere Sympathisanten und Anhänger in die Arme getrieben. Vielfach wurden auch grausame Gewalthandlungen seitens der Aufständischen dokumentiert. So liegen beispielsweise zahlreiche Berichte vor, nach denen die Dschihadisten gewaltsame Übergriffe gegen Zivilisten durchgeführt und dabei ihre Opfer enthauptet haben.
Als wesentliche Faktoren, die dem Konflikt im Norden Mosambiks zugrunde liegen und die dessen Dynamik weiter antreiben, spielen neben dem bereits angesprochenen, teilweise brutalen und unterschiedslosen Vorgehen von Sicherheitskräften auch soziopolitische und sozioökonomische Faktoren eine Rolle. So gilt Cabo Delgado, trotzt seines Reichtums an natürlichen Ressourcen, als die ärmste der mosambikanischen Provinzen mit einer hohen Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig fühlt sich die lokale Bevölkerung, die weit vom Machtzentrum des Landes, der im Süden Mosambiks gelegenen Hauptstadt Maputo, entfernt lebt, seit langem politisch marginalisiert. Auch das hohe Maß an Korruption in Mosambik, die wiederum negative Auswirkungen auf die Sicherheitsstrukturen im Land hat, stellt ein großes Problem dar. Fruchtbarer Boden also für militante Akteure mit einer radikalen Ideologie, die bereit sind, die Schwächen der staatlichen Strukturen auszunutzen und den Menschen vor Ort ein besseres Leben in Aussicht stellen, sofern diese nur wieder den Weg des „wahren Islam“ auf Grundlage der Scharia einschlagen, die von den Dschihadisten wieder eingeführt werden soll.

Die maritime Dimension

Während der Kämpfe um die Stadt Palma verschanzten sich einige Zivilisten in einem Hotel der Stadt vor den Angreifern. Unter den Personen in dem Hotel befanden sich auch Mitarbeiter ausländischer Energiekonzerne. Nur wenige Kilometer von Palma entfernt entstehen derzeit große Flüssiggas-Projekte mit Milliardenwert. Seit einigen Jahren werden die insbesondere vor den Küsten im Norden Mosambiks gelegenen Erdgaslagerstätten von internationalen Energiekonzernen erschlossen. Palma soll dabei zu einem wichtigen Umschlagplatz des gewonnenen Flüssiggases gemacht werden. Der Gesamtwert der unterschiedlichen Gasprojekte in Cabo Delgado wird auf rund 60 Milliarden US-Dollar geschätzt. Darunter befindet sich auch ein Projekt des französischen Energiekonzerns Total, mit einem Investitionsvolumen von rund 20 Milliarden Dollar. Bereits nach einem Angriff Aufständischer im Januar 2021 wurden die Arbeiten in der Nähe von Palma zeitweise eingestellt. Nach der jüngsten Attacke wurden die zwischenzeitlich wieder aufgenommenen Tätikeiten erneut eingestellt und Mitarbeiter aus der Region evakuiert.
Die bereits angesprochenen Faktoren für die Entstehung des Konflikts im Norden Mosambiks können auch in Verbindung mit den Gasprojekten in der Region betrachtet werden. Bisher konnte die lokale Bevölkerung in Cabo Delgado kaum von den milliardenschweren Investitionen der ausländischen Konzerne profitieren. Vielmehr wirkten sich die Projekte mitunter sogar nachteilig auf die Bevölkerung aus. Dabei ist unter anderem darauf zu verweisen, dass bisher zahlreiche Menschen in Cabo Delgado zwangsumgesiedelt wurden mit dem Ziel, Platz zu schaffen für die Errichtung der notwendigen Infrastruktur zur Erschließung, Bearbeitung und Verschiffung der gewonnenen Bodenschätze.
Mit Blick auf strategisch wichtige Orte im Norden Mosambiks, die durch die dschihadistischen Aufständischen bedroht sind, ist neben Palma auch auf die ebenfalls in der Provinz Cabo Delgado gelegene Stadt Mocimboa da Praia zu verweisen. Im August 2020 brachten die Dschihadisten den wichtigen Hafen dieser Stadt unter ihre Kontrolle und konnten erst rund zwei Monate später wieder von dort vertrieben werden. Der Hafen ist als wichtiger Container-Umschlagplatz von Bedeutung, auch in Hinblick auf die weitere Entwicklung der Gasprojekte in der Provinz. Medienberichten zufolge war es den Aufständischen im Rahmen der Kämpfe um Mocimboa da Praia auch möglich, eines der Abfangboote vom Typ HSI 32 der mosambikanischen Marine mit einer Panzerfaust zu versenken.

Karte Mosambik. Grafik: Adobe Stock

Grafik: Adobe Stock

Grundsätzlich kann konstatiert werden, dass nichtstaatliche Gewaltakteure die See im Sinne eines Land-See-Nexus nutzen können. Das Ziel dabei ist es, an Land Gewalt auszuüben beziehungsweise dort die Kontrolle zu erlangen. Dabei wird die See zum einen für den Transport von Kämpfern, Waffen und sonstigem Nachschub verwendet. Ferner sind auf beziehungsweise von Seiten der See Angriffe auf Schiffe und Häfen möglich. Außerdem bieten sich hier Möglichkeiten, illegale Einkünfte zu generieren, beispielsweise durch Schmuggel von Menschen und Waren auf dem Seeweg oder durch die Ausübung von Piraterieakten und bewaffneten Raubüberfällen gegen Schiffe zur Finanzierung der Gewaltkampagne. Insofern können die Grenzen zwischen politisch motivierten Aufständischen und Netzwerken der organisierten Kriminalität fließend sein.
Auch die Kämpfer der AaS nutzen die See als Operationsraum. Die Dschihadisten verwenden kleine Boote sowohl zum Transport von Kämpfern und Nachschub als auch für Angriffe. Dies geschieht nicht nur an der Küste, sondern ebenso auf in der Nähe gelegenen Inseln. Der Angriff der Aufständischen auf Mocimboa da Praia ist Berichten über die Kämpfe zufolge sowohl von der Land- als auch von der Seeseite ausgeführt worden.
Ferner scheinen die Dschihadisten im Rahmen ihrer Operationen im maritimen Raum eine Art des „Inselspringens“ entwickelt zu haben. Worunter die zeitweise Besetzung von Inseln zu verstehen ist, unter anderem zum Zweck der Machtprojektion. Darüber hinaus liegen Hinweise vor, dass die AaS-Kämpfer Einkünfte durch die „Besteuerung“ von illegalem Handel im maritimen Raum generieren.
Die Möglichkeit zum weitestgehend ungestörten Agieren der Dschihadisten in diesem Raum liegt insbesondere in der schwachen Staatlichkeit Mosambiks im Bereich der (maritimen) Sicherheit begründet. Gegenwärtig können die unzureichend aufgestellten Sicherheitskräfte zur See die gewaltigen Aufgaben in den weiten Küstengebieten kaum bewältigen. Auch eine mögliche Unterstützung durch Marinekräfte anderer Staaten ist bisher noch nicht in Gang gekommen, was auch in der bisher kritischen Haltung der Entscheidungsträger in Maputo in Bezug auf eine ausländische militärische Intervention in Mosambik begründet liegt. Darüber hinaus bieten die aus sozioökonomischer Sicht harten Lebensbedingungen im küstennahen Raum den Dschihadisten weitere Ansatzpunkte für die Verbreitung ihrer Ideologie mit dem Ziel, weitere Unterstützung zu mobilisieren.

Ausblick

Malerische Strände und bittere Armut. Foto: Adobe Stock

Malerische Strände und bittere Armut. Foto: Adobe Stock

Inwieweit sich die Sicherheitslage im Norden Mosambiks in den kommenden Monaten weiterentwickeln wird, bleibt abzuwarten. Mögliche Ansatzpunkte für eine Verbesserung der Situation sind erkennbar. Eine Option ist die verstärkte Kooperation Mosambiks im Bereich Sicherheit mit anderen Staaten, insbesondere den direkten Nachbarn, was im Rahmen der Regionalorganisation für das südliche Afrika, der Southern African Development Community, erfolgen könnte. Einer weiteren Destabilisierung des Landes sowie möglichen negativen Auswirkungen in anderen Teilen des südlichen Afrikas in Folge der Gewalt in Mosambik könnte durch eine engere zwischenstaatliche Zusammenarbeit entgegengetreten werden. Auch auf weiterer internationaler Ebene könnte sich eine Verschlechterung der Sicherheitslage in der Region negativ auswirken. Denn durch den Mosambik-Kanal, einen rund 1600 Kilometer langen Wasserweg zwischen Mosambik und Madagaskar, führen rund 30 Prozent des weltweiten Tankerverkehrs.
Von großer Bedeutung in Bezug auf Versuche, die Situation zu stabilisieren, ist auch die Verbesserung der entsprechenden mosambikanischen Sicherheitsstrukturen im maritimen Raum. Eine Stärkung der mosambikanischen Sicherheitsakteure in diesem Bereich, beispielsweise durch Unterstützung im Bereich Ausbildung oder Fähigkeitserweiterungen im Sinne technischer Unterstützung, gegebenenfalls ergänzt durch eine zumindest zeitweise direkte Unterstützung durch Marineeinheiten anderer Staaten, könnte die Operationsfähigkeit der Dschihadisten auf dem Wasser entscheidend begrenzen. Ein weiterer wichtiger Aspekt in Hinblick auf eine Befriedung im Norden Mosambiks ist jedoch auch das entschlossene Angehen der diesem Konflikt zugrunde liegenden Faktoren. Eine spürbare Verbesserung der Lebenssituation der lokalen Bevölkerung beispielsweise im Sinne größerer politischer und sozioökonomischer Teilhabe ist hier zu nennen. Wobei letztere auch im Zusammenhang mit der Möglichkeit der Partizipation der Bevölkerung an den Einkünften aus der Förderung der vor allem vor den Küsten zu findenden großen natürlichen Reichtümer Mosambiks steht.

Autor: Kai Strell M.A., hat Politik- und Rechtswissenschaft studiert und publiziert zu sicherheitspolitischen Themen mit dem Regionalschwerpunkt Subsahara-Afrika.

25. Okt. 2021 | 0 Kommentare

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