Sieben Monate, 16 Häfen, mehr als 43 000 Seemeilen, 10 687 Kilo Obst und Gemüse, 110 580 Flaschen Wasser – das Indo-Pacific Deployment 2021/22 der Fregatte BAYERN war eine Präsenz- und Ausbildungsfahrt der Superlative.
Als die Fregatte BAYERN im August 2021 Richtung Indopazifik aufbrach, hatte die Covidpandemie die Welt noch fest im Griff. Eine Tour, die wegen der medialen Aufmerksamkeit und dem politischen Interesse alles andere als Routine für Besatzung und Marineführung war. Wie bereitet man sich auf etwas vor, wenn die Erfahrungswerte für eine Region um die 20 Jahre alt sind und gleichzeitig eine globale Pandemie quasi im Stundentakt Hafenplanungen und Logistikketten hinfällig macht. Wie so oft in der Marine in den letzten Jahren stand das Motto „Wir machen es einfach möglich“ im Vordergrund.[ds_preview]
Unter den gegebenen Umständen war eine Planung in der Detailtiefe eines routinemäßigen Mittelmeereinsatzes nicht möglich und so ergaben sich viele Planungsgrößen erst en route. Die kontinuierlichen Lageänderungen und das Erfordernis kurzfristiger Absprachen bedeuteten eine weit überdurchschnittliche Arbeitslast für den logistischen Dienst an Bord. Der zweite Schiffsversorgungsoffizier zum Beispiel passte seine Kernarbeitszeit an Bord kontinuierlich der deutschen Zeitzone an und musste dennoch tagsüber für Absprachen in der jeweiligen Region zur Verfügung stehen. Das bedeutete bei neun Stunden Zeitunterschied einen 24-Stunden-Arbeitstag. Eine enorme Mehrbelastung die ihn, nach vielen Jahren Seefahrt, das erste Mal wirklich an die physische und psychische Belastungsgrenze brachte. Rückblickend wünscht er diese Belastung keinem seiner Kameraden. Für andere Abschnitte an Bord der BAYERN hingegen war es über lange Teile hinweg business as usual. Der damalige Schiffsbetriebstechnikoffizier brachte es auf den Punkt: „Ist mir eigentlich relativ egal, in welchem Gewässer ich meine Anlagen warte, die Arbeit ist überall gleich viel.“

Einlaufen in Souda Bay, Foto: Bw/Marcus Mohr
Das erste größere unvorhergesehene Ereignis trat nach einem Aufenthalt im pakistanischen Hafen Karachi ein. Die BAYERN absolvierte zunächst planmäßig die ersten diplomatischen Verpflichtungen und bereitete die Weiterreise nach Diego Garcia vor. Durch starke Verschmutzung der Hafenanlagen mit Fäkalpartikeln wurden während der Liegezeit Magen-Darm-Erreger an Bord eingebracht, welche bereits nach kurzer Zeit einen Großteil der Besatzung arbeitsunfähig machten. Das Sanitätspersonal an Bord konnte hier nur noch Symptome bekämpfen und versuchen den Hygienestandard im Schiff durch großflächige Desinfektionsmaßnahmen hoch zu halten. Während dieser einwöchigen Phase der Infektion an Bord wurde das Konzept der Kameradschaft in unseren Streitkräften besonders deutlich. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme auf den jeweiligen Gesundheitszustand der Anderen, fingen die wenigen voll Dienstfähigen alle Arbeiten an Bord auf und fuhren das Schiff quasi in einer Notbesatzung durch den Indopazifik. Es war für viele innerhalb der Besatzung derart prägend, dass auch heute noch bei Erkrankungen von Soldaten der Satz fällt: „Es kann nicht so schlimm sein wie nach Karachi.“
Botschafter in Blau
Das Segelschulschiff GORCH FOCK ist für viele Marineangehörige der Inbegriff des Botschafters in Blau. Ein Schiff, das zwar vorwiegend der Ausbildung von Offizieranwärtern dient, aber bedingt durch seinen Bekanntheitsgrad und die enorme Außenwirkung prädesdiniert ist für diplomatische Aufträge. Die Stammbesatzung der GORCH FOCK besitzt eine Routine im Veranstalten von Empfängen und Spitzenessen mit VIPs und versteht sich ganz grundsätzlich als Plattform für derartige Veranstaltungen. Für die Fregatte BAYERN war die Ausrichtung solcher Events zwar auch kein Neuland, Umfang und Häufigkeit übertrafen jedoch die bisher gemachten Erfahrungen. Eine Gewichtung zwischen operativem und diplomatischem Auftrag war im Vorfeld nicht absehbar, und so musste unterm Strich beides erfolgen: Die Aufrechterhaltung der Kernfähigkeiten einer Fregatte, also die kontinuierliche Bereitschaft, im Ernstfall in einem Gefecht zu bestehen und mit Erreichen eines Auslandshafens die sofortige Bereitschaft zum Empfang von Diplomaten und Gesandten, hochrangigen Militärs oder einfach interessierten Besuchern. In jedem Hafen mussten die Vorhaben an die jeweils gültigen Covid-Restriktionen angepasst werden und teilweise mit eigenen Hygiene- und Testverfahren abgestimmt werden.

Die Bayern vor der imposanten Kulisse des Mount Fuji, Foto: Bw/Ines Patzwald
Binnen kürzester Zeit entwickelte sich eine Routine, vergleichbar mit den Arbeiten in einer Mehrzwecksporthalle, bei denen nach einem Basketballspiel der Court geräumt wird und eine Eisfläche darüber erscheint. Sobald die BAYERN in der Zufahrt zu einem Hafen war, begannen die Vorbereitungen für viele Events parallel. Dabei mussten viele Räder ineinandergreifen, um den oft engen Zeitplan nicht zu gefährden. Ein typischer Ablauf gestaltete sich in etwa so: Während der letzten Stunden vor dem Festmachen an der Pier begannen im Schiff viele Umgestaltungsmaßnahmen. Die Hubschrauber wurden aus den Hangars auf das Flugdeck verfahren, damit überdachter Platz für Tische und Bänke frei wurde.
Dann werkelten viele fleißige Hände an der Dekoration. Gleichzeitig wurde auf dem Flugdeck ein großes Zelt aufgebaut. In der Kombüse starteten die Vorbereitungen für die Empfänge oder Spitzenessen. Das bedeutete meist die Zusammenstellung eines umfangreichen Büfetts und eines Drei-Gänge-Menüs, während nebenbei die Besatzung verpflegt werden musste. Im Hafen angekommen, galt es, neben den üblichen Tätigkeiten wie Müll von Bord, Kraftstoff bunkern und Proviant übernehmen, auch Tätigkeiten aus dem Bereich Öffentlichkeitsarbeit wahrzunehmen. Die Schiffsführung befand sich beinahe durchgehend in Pressekonferenzen oder betreute Delegationen. In einigen Häfen gab es für Besucher auch die Möglichkeit, die Fregatte zu besichtigen. Auch hierfür wurden wieder viele Hände des Funktionspersonals gebunden.
Während einer mehrmonatigen Seefahrt sind die Hafenaufenthalte oft Zeiten der Erholung und Regeneration. Auf dieser Tour verkehrte sich dies jedoch teilweise. Der Stresslevel stieg für Teile der Besatzung im Hafen, und viele vermissten schnell die Ruhe auf See.
Die etwas andere Kreuzfahrt
In einigen Medien wurde das Indopazifik-Deployment der Fregatte BAYERN als Kreuzfahrt bezeichnet. Und ja, es gab Highlights und Hafenaufenthalte die für viele Strapazen entschädigten. Für die meisten an Bord war der asiatische Raum eher ein weißer Fleck auf der Landkarte. Auch wenn einige jüngere Soldaten oder Soldatinnen an Bord immer noch nicht in Gänze einordnen können, welchen persönlichen Mehrwert eine Reise in so viele Länder jenseits des Pauschaltourismuskatalogs für sie bedeutet, so hat doch manch einer resümiert, dass es das Abenteuer seines Lebens war. Von Karachi ging es zu einem Tankstopp nach Diego Garcia. Ein kleines Eiland mitten im indischen Ozean, das selbst hauptberufliche Travel-Influencer niemals zu Gesicht bekommen. In Erinnerung blieb jedoch nicht die Exotik der Destinationen, sondern die Herzlichkeit, die der Besatzung überall entgegengebracht wurde.
Bei der Erinnerung an Australien bekommen nach wie vor alle an Bord leuchtende Augen. Die pandemische Lage der Welt sorgte vor jedem Hafenaufenthalt für Ungewissheit, ob das geplante offizielle Programm stattfinden kann. Für die Besatzung war meist wichtiger, dass die Chance auf Landgang nicht den lokalen Covid-Restriktionen zum Opfer fällt. Umso größer war die Euphorie, als sich abzeichnete, dass in Perth zu diesem Zeitpunkt kaum Auflagen zu erwarten waren. Und die Besatzung wurde nicht enttäuscht. Eine Vielzahl Schaulustiger begrüßte die Fregatte beim Einlaufen, unter ihnen auch viele aus der deutsch-australischen Community, die teilweise eine weite Anreise auf sich genommen hatten, um Schiff und Besatzung zu empfangen. Es war sehr berührend zu sehen, welche Bedeutung für die Menschen dieser Region das außenpolitische Engagement Deutschlands hat und wie sich diese Erwartungen nun auf uns als Besatzung projizierten. Eine vergleichbare Erfahrung machten wir auch beim Einlaufen in Tokio und in im koreanischen Busan.
Die Bedeutung der operativen Aufgaben, an denen die Fregatte beteiligt war, darunter die Seeraumüberwachung im Rahmen des UN-Embargo gegen Nordkorea im Südchinesischen Meer unter ständiger Bewachung von chinesischen Schiffen oder die Teilnahme an der Annual Exercise der japanischen und amerikanischen Marine, war nicht für alle Besatzungsangehörigen greifbar. Die Emotionen und die menschlichen Begegnungen in den Häfen, die Gastfreundschaft, der Austausch und das Interesse der Menschen bedurften jedoch keinerlei weiterer Einordnung. Es war für jeden sofort ersichtlich, dass wir wahrgenommen und unser Engagement geschätzt wurde. Dieses Gefühl, verbunden mit der Chance, Länder und Kulturen abseits der pauschaltouristischen Routen zu erleben, hat für viele Strapazen entschädigt.
Marine weltweit
Im Hinblick auf eine zukünftige Asientour deutscher Marineschiffe müssen abschließend jedoch noch einige Punkte aufgearbeitet werden. Lange und umfangreich hat die Deutsche Marine das Indo-Pacific-Deployment der BAYERN vorbereitet. Doch nicht nur die politische Lage im Indopazifik hatte sich seit der letzten Asientour der Fregatte 1997 in vielerlei Hinsicht verändert. Für die Besatzung der BAYERN standen vor allem logistische Aspekte im Vordergrund. Kraftstoff, Ersatzteile, Lebensmittel, Personaltransfers und logistische Konzepte, deren Umsetzung im Mittelmeerraum perfektioniert wurde, erreichten östlich von Djibouti eine imaginäre Grenze, die von vielen Stellen unterschätzt wurde.

Gut aussehen trotz Maske: Neue Sommeruniform für Unteroffiziere und Offiziere, Foto: Bw/Ines Patzwald
Je weiter die BAYERN gen Osten fuhr, desto größer wurde der Zeitunterschied zu Deutschland und damit schwanden die Möglichkeiten ad hoc auftretende Probleme mit übergeordneten Stellen abzusprechen. In umfangreichen Erfahrungs- und Erlebnisberichten wurde das Deployment auf unterschiedlichen Ebenen bei Marine und Bundeswehr ausgewertet. Die Besatzung, die ein ungeschöntes Bild der Unstimmigkeiten im Führungsprozess und der Begleitung der Tour durch die Führungsebenen aufgezeigt hat, wird sehr genau beobachten, ob die notwendigen Lehren für eine weitere Asientour gezogen werden. Im Kontext der sich anbahnenden Personalprobleme der Marine muss es im Interesse der Marineführung sein, Bedenken und Kritik aus allen Dienstgradgruppen aufzunehmen und in einen Verbesserungsprozess einfließen zu lassen. Auch beinahe ein Jahr später herrscht in Teilen der Besatzung noch Verstimmung wegen der geringen monetären Zulagen für die Tour. Sie beliefen sich ungefähr auf die Hälfte der Zulagen eines mandatierten Mittelmeereinsatzes. Ein Punkt der bei vielen Soldaten für Unverständnis sorgte, kann man doch die Gefährdungssituation vor der Küste Nordkoreas oder Chinas mit der im Mittelmeer mindestens gleichsetzen. Auch das Nichtgewähren von Einsatztagen, welche in einsatzgleichen Verpflichtungen normalerweise verbucht werden und dem einzelnen Soldaten in Beurteilungen für die Karriere dienlich sind, brachte Unmut. Letztendlich war die BAYERN nicht im Einsatz, sondern „nur“ sieben Monate auf See.
Im Zuge der in letzter Zeit durch das Marinekommando und das Verteidigungsministerium viel gepredigten besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt es noch, die Planungsunsicherheiten über die Weihnachtsfeiertage zu schildern. Die Fregatte lag zu dieser Zeit in der operational stand down phase für zwei Wochen in Singapur. Für die Besatzungsteile, welche nicht in Wachaufgaben gebunden waren, wurde ein Flug in die Heimat organisiert, um nach vier Monaten Abwesenheit wenigstens die Feiertage im Kreise der Liebsten zu verbringen. Wenige Tage vor dem geplanten Heimflug wurde dieses Vorhaben allerdings durch Umplanungen der Flugbereitschaft mit einem Fragezeichen versehen. Man stelle sich die Enttäuschung der Familien vor, wenn man als Mutter oder Vater seinen Kindern verspricht, an Weihnachten zu Hause zu sein und dann doch wieder absagen muss. Obwohl der Flug dann mit einigen Änderungen im Zeitplan doch stattfand, haben bereits die Ungewissheit und das Hin und Her ein großes Loch in die Moral der Besatzung gerissen. Viel Vertrauen in die Führung wurde an dieser Stelle verspielt. Ein Umstand, der allerdings die Kohäsion innerhalb der Besatzung enorm stärkte. Es war ein „Wir allein am anderen Ende der Welt“-Gefühl, das sich bis heute im Zusammenhalt der Mannschaft wiederspiegelt.
Wie diese Asientour im Nachhinein durch die Besatzung bewertet wird, lässt sich nicht ganzheitlich subsumieren. Ganz individuelle Erfahrungen an wunderbaren Orten auf der Welt sind sicherlich allen in Erinnerung. Nur wenige Menschen können von sich behaupten, über dem Challenger-Tief gebadet zu haben. Noch weniger Marinesoldaten haben Manöver mit vietnamesischen oder malaysischen Einheiten gefahren. Das Gefühl von Abenteurer und Entdeckerreise wie zu alten Seefahrerzeiten ist in einigen, nach einer langen Phase der Konzentration auf das Mittelmeer, wiedererweckt worden. Die Eingangsworte von Star Trek kamen einem zwischendurch in den Sinn: Die Fregatte fährt dorthin, wo nie zuvor eine Fregatte gewesen ist. Auch wenn diese Worte natürlich nicht der Wahrheit entsprechen, hat die Tour doch gezeigt: Wenn die Marine den außenpolitischen Ansprüchen Deutschlands in der Indopazifik-Region gerecht werden will, steht noch viel Arbeit an. Es bleibt abzuwarten, ob bei zukünftigen Entsendungen in diese Region Planungsgrößen festeren Bestand haben.
Florian Dziesiaty
Oberleutnant zur See Florian Dziesiaty ist Besatzungsmitglied der Fregatte Bayern.










0 Kommentare