Start eines Flugkörpers

Start eines Flugkörpers

Zwischen Theorie und Einsatz

1. Juli 2021 | Magazin, Streitkräfte | 0 Kommentare

Lediglich acht Fregatten und fünf Versorger stehen derzeit in der EF 2 für Einsatzverpflichtungen zur Verfügung. Optimierung der Übungszeiträume und ein virtuelles Training helfen bei einer effizienten Ausbildung der Besatzungen.

Mit der Neuordnung Europas nach dem Ende des Ost-West-Konflikts erhielt die Deutsche Marine wie auch ihre Partner bereits Anfang der 1990er-Jahre zunehmend Aufgaben zur Aufrechterhaltung und Wiedererlangung von Ordnungsstrukturen an den maritimen Außengrenzen der europäischen und atlantischen Wertegemeinschaft. Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus, die Präsenz an der levantinischen Küste und schließlich die Einsätze im Zusammenhang mit den Folgen des arabischen Frühlings führten, bei einer deutlich verkleinerten Flotte, zwangsläufig zu einer gänzlichen Fokussierung auf Aufträge im Rahmen von Maritime Interdiction Operations. Darunter versteht man Operationen zur Unterbrechung von Verbindungswegen mit dem Ziel, bestimmte Güter abzufangen.[ds_preview]
Die in den letzten Jahren augenscheinlich gewordene Notwendigkeit einer Rückbesinnung auf die Landes- und Bündnisverteidigung im Nordflankenraum der NATO stellt die Marine vor die Herausforderung, mit den zur Verfügung stehenden Kräften einerseits den Einsatzverpflichtungen nachzukommen und andererseits den Anforderungen einer modernen Seekriegsführung gerecht werden zu können. In diesem Artikel soll am Beispiel der Einsatzflottille 2 und ihrem Aufgabenportfolio das Spannungsfeld zwischen Einsatzverpflichtungen, Verfügbarkeit von Einheiten sowie der Ausbildung und Inübunghaltung der Besatzungen beleuchtet werden, um am Ende Möglichkeiten des Handels aufzuzeigen.

Auftrag und Einsatzausbildung
Kernauftrag der Einsatzflottille 2 ist die Ausbildung und Bereitstellung von Schiffen
- für den Kampf gegen Ziele in allen Dimensionen
- im gesamten Intensitätsspektrum maritimer Operationen
- mit einer Durchhaltefähigkeit für den weltweiten Einsatz

Die Einsatzgrundsätze und -verfahren der NATO sehen die Kriegsführung im Verbandsrahmen mit intensiver Luftunterstützung und Einbindung in die NATO-Luftverteidigungsorganisation vor. Die Auslegung moderner Überwasserseestreitkräfte soll das zeitgleiche Durchsetzen gegen Bedrohungen unter Wasser, über Wasser und aus der Luft unter Ausnutzung des hydroakustischen und elektromagnetischen Spektrums ermöglichen. Somit sind Zerstörer und Fregatten das ideale Kernelement für maritime Kampfgruppen, welches je nach Auftrags- und Bedrohungslage um Seekriegsmittel mit Spezialfähigkeiten, wie Seefernaufklärer, Minenjagdeinheiten und U-Boote, erweitert werden kann. Seeversorgungsfähigkeit, Bordwartungs- und Instandsetzungsmöglichkeiten, Ersatzteilbevorratung sowie die Auslegung der Besatzung auf ein Mehrwachsystem sollen die Durchhaltefähigkeit sicherstellen.
Das Einsatzausbildungsprogramm der Einsatzflottille 2 spiegelt die geforderten Fähigkeiten in einem anspruchsvollen, komplexen und stufenweisen Ablaufplan wider, an dessen Ende die Einsatzbesichtigung, eine mehrstündige Prüfung unter Gefechtsbedingungen im Rahmen der mehrdimensionalen Seekriegsführung und internen Schadensabwehr, steht. Mit erfolgreichem Absolvieren des Einsatzausbildungsprogramms ist die Einheit befähigt, an Operationen hoher Intensität auch im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung teilzunehmen. Nach Abschluss einer Instandsetzungsphase sollen hierfür sieben Monate Ausbildungszeit zur Verfügung gestellt werden. Aufgrund der Terminabhängigkeit von externen Ausbildungseinrichtungen wie dem Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr Marine in Neustadt und dem Commander Fleet Operational Sea Training im britischen Plymouth kann sich der Zeitraum auf bis zu neun Monate strecken.
Die höchste Stufe der Einsatzausbildung erhalten die Besatzungen durch die anschließende Teilnahme an internationalen Manövern oder an anspruchsvollen nationalen Vorhaben wie Flugkörper- und Torpedoschießabschnitte, jeweils im Verbandsrahmen.
In der Regel werden Einheiten zeitnah nach der erfolgreichen Einsatzbesichtigung in die mandatierten Einsätze oder in einsatzgleiche Verpflichtungen entsandt. Nach Rückkehr und Einsatznachbereitung erfolgen Inübunghaltung, erneute Einsätze oder Manöver. Ebenso können Aufträge des Marinekommandos wie Nachwuchsgewinnung, Ausbildung, Erprobung oder die Teilnahme an maritimen Großveranstaltungen ausgeführt werden.

Zieldrohne von Airbus vor dem Start

Zieldrohne von Airbus vor dem Start

Ausbildungs- und Einsatzrealität

Die Einsatzflottille 2 kann derzeit zur Erfüllung der Einsätze und einsatzgleichen Verpflichtungen, beispielsweise die Teilnahme an den Standing NATO Maritime Groups, grundsätzlich auf acht Fregatten und fünf Troßschiffe zurückgreifen. Dies sind drei Fregatten Klasse 124, vier Fregatten Klasse 123, eine Fregatte Klasse 122, drei Einsatzgruppenversorger Klasse 702 und zwei Betriebsstofftransporter Klasse 704A.
Die vier im Zulauf befindlichen Schiffe der Klasse 125 (Baden-Württemberg-Klasse), ausgelegt und optimiert für langandauernde maritime Aufgaben niedriger Intensität wie Maritime Interdiction Operations oder Stabilisierungsoperationen, werden umgehend nach Herstellen der Einsatzreife und abschließender Evaluation des geplanten Einsatzkonzeptes für diese Schiffe mit acht Besatzungen und einem eigenen Einsatzausbildungszentrum in den Ausbildungs-, Übungs- und Einsatzbetrieb der Flotte integriert.
Bis dahin haben die Fregatten und Troßschiffe die Einsatzverpflichtungen der Einsatzflottille 2 zu tragen; derzeit sind dies die Einsätze Eunavfor Med Irini und die Teilnahme an den Standing NATO Maritime Groups einschließlich der Unterstützungsoperation Ägäis.
Nach einer erfolgreichen Einsatzbesichtigung fällt das Aufgabenspektrum in diesen Einsätzen im Vergleich zu dem Fähigkeitsprofil einer Fregatte eher nüchtern aus: Seeraumüberwachung als Einzelschiff einschließlich möglicher Hilfeleistungen im Rahmen der Teilnahme am Seeverkehr. So wichtig und ehrenvoll diese Aufgaben sind, erfüllen Sie nicht ansatzweise den Anspruch an eine Kampfschiffsbesatzung. Fehlende Übungsmöglichkeiten sowie die Einsatzroutine wirken sich negativ auf die Ausbildungshöhe der jeweiligen Besatzung aus.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt in diesem Spannungsfeld ist die Verfügbarkeit der Einheiten für Ausbildung, Übungen und Einsätze. Die Lebenszeit eines Schiffes ist in sogenannte Teilbetriebsperioden gegliedert, deren Länge über die zur Verfügung stehenden Betriebsstunden eines Schiffes bis zur nächsten Wartung und Prüfung oder bis zum Austausch einzelner Komponenten – also einer Werftliegezeit – definiert wird (etwa 27 bis 30 Monate). Die Abfolge der Instandsetzungsphasen wird für alle Einheiten im Materialerhaltungsplan (MEP) terminlich festgelegt und ist Grundlage für die Planung der Einsatzausbildung sowie die Einsatzsteuerung.
Signifikante Verlängerungen, aber auch teils kurzfristige Verschiebungen von Werftliegezeiten sowie notwendige Bedarfsinstandsetzungen, deren Ursachen hier nicht beleuchtet werden sollen, die aber für die Marine als äußerst unbefriedigend bewertet werden, haben die Verfügbarkeit von Einheiten in den letzten Jahren deutlich reduziert. Von den acht in Dienst befindlichen Fregatten und drei Einsatzgruppenversorgern standen 2010 durchschnittlich neun, 2020 nur noch sieben außerhalb von Werftliegezeiten zur Verfügung. In beiden Fällen muss das anschließende ambitionierte Ausbildungsprogramm umfassend angepasst werden. Bestenfalls sind die zeitlichen Auswirkungen nicht so gravierend, sodass die langfristig festgelegten Termine bei den Einsatzausbildungseinrichtungen in Neustadt und Plymouth noch gehalten werden können. Kommt es zu deutlichen Verzögerungen in der Instandsetzung, ist das Einsatzausbildungsprogramm in Gänze neu zu planen und gegebenenfalls für den bereits festgelegten Einsatzzeitraum eine Ersatzeinheit zu benennen. In jedem Fall leidet die Qualität der Ausbildung durch den Wegfall von Ausbildungstagen.
Die Verschiebung einer Werftliegezeit bedeutet zudem, dass Einheiten zwar grundsätzlich noch zur Verfügung stehen, aber wegen fehlender Betriebsstunden und anstehender Prüffristen nicht mehr eingesetzt werden dürfen.

Handlungsoptionen

Um den Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung gerecht zu werden, sind die verbleibenden Zeiträume, in denen die Einheiten nicht im Rahmen von Einsätzen, in Instandsetzungsmaßnahmen oder in der Einsatzausbildung gebunden sind, für eine intensive Verbandsausbildung, nach Möglichkeit in realistischen Szenaren und zur Erprobung von Taktiken und Verfahren zu nutzen. Auf der einen Seite bedeutet dies die regelmäßige Teilnahme an internationalen Manövern und auf der anderen Seite die Aufstellung nationaler Ausbildungsverbände. Allerdings bedarf die begrenzte Anzahl und Verfügbarkeit der Einheiten eine Optimierung der Ausnutzung der Übungszeiträume durch:
- Koordination aus einer Hand
- Vermeidung langer Transitwege in die Übungsräume
- Kontinuierliche Inübunghaltung der Besatzungen zur Aufrechterhaltung des Ausbildungstandes
- Ausbildung und Einweisung der Besatzungen in Übungsabläufe und Szenare im Vorfeld
- Einbindung der Besatzung in die Taktik- und Verfahrensentwicklung
- Auswertung im Anschluss an die Verbandsausbildung
Seit 2016 plant die Einsatzflottille 2 Flugkörperschießabschnitte im Schießgebiet Andøya in Nordnorwegen und führte diese bis einschließlich 2020 mit einer anschließenden Nachbereitung auch alle zwei Jahre durch. Seit 2021 werden die Schießen in ungeraden Jahren stattfinden. In den geraden Jahren besteht zusätzlich die Option zur Teilnahme an einem multinationalen FK-Schießen im gleichen Schießgebiet. Damit wird der Planungsaufwand zwar nicht reduziert, aber überschaubar gehalten und mit der Nutzung des Schießgebietes Andøya sind die Transitwege im Gegensatz zu den Schießgebieten vor Südafrika oder Kreta deutlich reduziert.
Zudem wurde 2020 eine U-Jagd-Übung mit Torpedoschießabschnitt im Skagerrak unter Beteiligung der beiden Flottillen und des Marinefliegerkommandos absolviert.
Bei der kontinuierlichen Inübunghaltung der Besatzungen kann auf die Gruppe Einsatzausbildung der Einsatzflottille 2 zurückgegriffen werden, die neben der Begleitung der Einsatzausbildung, punktuell den Abbau von Ausbildungsdefiziten unterstützt und den Maßstab für die einheitliche Ausbildung sicherstellt.
Zur Vorbereitung auf Manöver und in der Verbandsausbildung wird zunehmend das Mittel des Live-Virtual-Constructive Trainings (LVCT) genutzt. Dabei handelt es sich um eine vernetzte, simulationsgestützte Ausbildung im multinationalen Rahmen. Bis zum Aufbau und der Inbetriebnahme der Verteilten Trainingsrchitektur Marine (VTAM), die eine vernetzte synthetische Ausbildung und Inübunghaltung in den Stützpunkten der Marine ermöglichen soll, muss sich noch auf die Traineranlagen der Marineoperationsschule abgestützt werden. Derzeit fahren OPZ-Teams der Schiffe regelmäßig zu Trainerübungen nach Bremerhaven, um das mehrdimensionale Gefecht im Verbandsrahmen virtuell zu üben. Zusätzlich werden die Anlagen aber auch genutzt, um anstehende Schießaufgaben simuliert durchzuspielen. Damit besitzt die Marine neben den Erprobungs- und Ausbildungszentren des Marineunterstützungskommandos ein weiteres wertvolles Werkzeug, um OPZ-Besatzungen für ihren Kernauftrag zu trainieren.
Die Auswertung der Manöver und Schießabschnitte erfolgt in enger Zusammenarbeit zwischen den Flottillen, dem Marinefliegerkommando, dem Taktikzentrum der Marine und dem Zentrum Einsatzprüfung. Somit ist von der Planung über die Durchführung bis hin zur Nachbereitung eine fachliche und persönliche Kontinuität sichergestellt. Die Über- und Erarbeitung von taktischen Anweisungen und Verfahren für die Flotte wird so zeitnah umgesetzt, dass die Ergebnisse bereits im nächsten Schießabschnitt weiter erprobt werden können.
Da auch in absehbarer Zukunft die Verfügbarkeit einsatzbereiter Einheiten sich nicht bessern wird, ist das Werkzeug des LVCT zeitnah flächendeckend zu etablieren, um die Ausbildung im Verbandsrahmen und die Vorbereitung von Manövern auch im internationalen Rahmen vernetzt durchführen zu können. Erst dann kann die verbleibende Zeit in See optimal für Erprobung und Ausbildung unter realen Bedingungen genutzt werden.

Fregattenkapitän Gero Demme ist Gruppenleiter Grundsatz Operation in der Einsatzflottille 2.

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