
„Slawa“ in der Straße von Messina, 1984 Copyright: Prof. Dr. med. habil. Hans Anton Adams
Der russische Lenkwaffenkreuzer „Москва“, „Moskwa“, zu Deutsch Moskau, Hullnummer 121, sank am 14. April 2022. Am Nachmittag zuvor verbreitete sich die Information über den Beschuss des Führungsschiffes der russischen Schwarzmeerflotte mit Küste-Schiff-Flugkörpern. Das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte den Untergang, ohne den Beschuss mit Flugkörpern anzuführen. Tass berichtet, infolge eines Brandes sei Munition explodiert, was zu schweren Beschädigungen führte. Die Besatzung sei evakuiert worden, hieß es weiter.
Versuch einer Analyse
Der Hype um den Untergang des von einigen Medien schon zum Schlachtschiff stilisierten Kreuzers verebbt. Ein Bergungsschiff, die 110 Jahre alte „Kommuna“, wurde in Marsch gesetzt (MFO berichtete). Das russische Verteidigungsministerium hat den Verlust, auch die Opfer in der Besatzung, bestätigt. Die Ursachen liegen trotz der Moskauer Anerkenntnis nach wie vor weitgehend im Nebel. Ein Grund für uns, sich näher mit den russischen Operationen im Schwarzen Meer um den Totalverlust der „Moskwa“ auseinanderzusetzen. Vorausgeschickt wird, dass die auf Basis der spärlichen Tatsachen und mittels Offener Aufklärung (OSINT) gewonnenen Informationen im Zusammenspiel mit dem eigenen Erfahrungshintergrund und dem konsultierter Marinekameraden zu den hier gemachten Einschätzungen und Folgerungen führen. Berichte der russischen und der ukrainischen Behörden können nicht unabhängig überprüft werden.
Ereignisse um die „Moskwa“ vor ihrem Untergang
Mögliche Landungsoperationen
Die russische Schwarzmeerflotte hat den Krieg von See aus mit dem Einsatz von Marschflugkörpern unterstützt. Soweit bekannt waren ihre Operationen eine wichtige Stütze bei den Versuchen, Mariupol einzunehmen.
Der „Moskwa“ kam die Rolle eines Führungsschiffes zu. Zu ihren weiteren Aufgaben gehörten (artilleristische) Feuerunterstützung bei Einsätzen auf Landstellungen sowie im weiträumigen Luftschutz für die anderen im Einsatz befindlichen Überwassereinheiten, insbesondere der Landungsverbände (die, soweit wir wissen, bisher nicht zur Geltung kamen). Soweit sich aus ihrer Bewaffnung folgern lässt, war sie selbst nicht zwingend beim Raketenbeschuss von Landzielen beteiligt. Ihre Flugkörperbewaffnung gibt dies nicht her. Der SS-N-12 ist kein Marschflugkörper und Sachkundige bestätigen, dass ein Landzielbeschuss lediglich in einem Notverfahren möglich ist. Denkbar ist der Einsatz ihrer Schiffsartillerie gegen Landziele. Der doppelläufigen 130 mm wird gegenüber Oberflächenzielen eine Reichweite von ca. 25 Kilometern nachgesagt. Was, im Falle einer Unterstützung der Landoperationen im Donezker Oblast, Navigieren im Asowschen Meer hieße.
Drei Einsätze der „Moskwa“ lassen sich nachvollziehen. Bereits am ersten Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine, am 24. Februar, schrieb die „Moskwa“ mit der Episode um die Schlangeninsel erneut Geschichte. Eskortiert von dem Patrouillenschiff, Baureihe Projekt 22160, „Wassili Bykow“ forderte sie die dort stationierte ukrainische Kompagnie zur Kapitulation auf. Die auf Funk übermittelte vulgäre Weigerung der Verteidiger hat mittlerweile philatelistische Bedeutung. Am 15. sowie am 30. März wurde sie bei den beiden wichtigsten Beispielen dokumentiert, die im Zusammenhang mit versuchten amphibischen Operationen in der Region Odessa stehen, die dort jedoch bisher noch nicht zu Ende gebracht wurden.
Nach anfänglichen Täuschungsoperationen, die sich ab dem 2. März ereigneten, folgte die Inszenierung amphibischer Demonstrationen der russischen Marine. Sowohl am 15. als auch am 30. März manövrierten sechs Landungsschiffe südlich Odessas in Richtung Küste. Ein amphibischer Angriff auf Odessa kam jedoch nicht zustande. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass der Vormarsch auf dem Landweg von der Krim aus aufgehalten wurde. Die mittlerweile zu konstatierende Minengefährdung in dem Seegebiet könnte ein anderer Grund für die Zurückhaltung der russischen Marine gewesen sein. Ferner ist denkbar, dass das Vorgehen beabsichtigte Täuschungsmanöver waren, um ukrainische Streitkräfte zu binden. Sie gehörten auch zur allgemeinen Drohkulisse, die die russischen Streitkräfte für ihre Zwecke nutzten.
Wie dem auch sei, seit Beginn des Krieges wurden Einheiten der russischen Seestreitkräfte von Land aus beobachtet, die in einem vorhersehbaren Muster vor der Küste von Odessa und in der Nähe der Schlangeninsel operierten (Quelle: ‚internationale‘ Offene Aufklärung).
Odessa ist der wichtigste Schwarzmeerhafen der Ukraine und war vermutlich ein frühes Ziel des russischen Vormarsches. Die Stadt ist strategisch und wirtschaftlich wichtig. Die Einnahme von Odessa würde die Ukraine fast zum Binnenstaat machen und könnte zur Realisierung eines weiteren strategischen Zieles verhelfen, nämlich zur Schaffung einer Landbrücke nach Transnistrien, ein von Russland unterstützter, nicht anerkannter abtrünniger Staat in Moldawien. Diese Theorie erhielt nach den Angriffen auf Odessa am Wochenende 23./24. April neue Nahrung.
Wie insgesamt der Eindruck herrscht, dass es dem Kreml von vorneherein um die Besetzung der gesamten Ukraine ging. Dieser Schluss ist zulässig angesichts der anfangs von Russland gezeigten Vorstoßlinien bei gleichzeitiger Berücksichtigung der gewählten Ziele für die Marschflugkörper. Insofern hatte die Drohkulisse amphibischer Versuche im Raum Odessa einen tatsächlichen strategischen Hintergrund.
Andere Operationen
Möglicherweise war die „Moskwa“ auch an der Durchsetzung der Seeblockade beteiligt, Angriffe ihrerseits auf Handelsschiffe sind nicht dokumentiert. Amerikanischen Informationen zufolge verblieb sie weiter in Reichweite der Küste. Wie alle russischen Kriegsschiffe kehrte auch die „Moskwa“ regelmäßig in ihren Heimathafen Sewastopol zurück. Interessanterweise legte sie an ihrer üblichen Position an. Dieses vorhersehbare Bewegungsmuster gereichte ihr jedoch nicht zum Nachteil. Das Verhalten der russischen Marine könnte ein Indikator dafür sein, für wie sicher Sewastopol gilt.
Die Schwesterschiffe „Marschall Ustinow“ der Nordflotte und „Warjag“ von der Pazifikflotte wurden in der Vorbereitungsphase des Moskauer Einmarsches ins Mittelmeer beordert (ESuT berichtete), wo sie sich zurzeit noch immer befinden.
Ein Blick auf die maritimen ukrainischen Fähigkeiten [ds_preview]
Seit Mitte März 2022 hat die Ukraine praktisch keine Marine mehr. Am 3. März 2022 wurde die „Hetman Sahaidachny“, eine Fregatte der Krivak-III-Klasse versenkt, um zu verhindern, dass das Flaggschiff den Russen in die Hände fällt. Einige der verbliebenen Schiffe und Boote wurden in der Folge von den vordringenden russischen Streitkräften zerstört.
Das in Frage kommende Flugkörpersystem RK-360 MC Neptun wurde von dem Kiewer Rüstungsunternehmen Luch entwickelt und im März 2021 an die ukrainische Marine übergeben. Der Flugkörper des Systems, R-360, basiert auf einer Entwicklung von Luch aus der Sowjetzeit, dem Ch-35, NATO-Bezeichnung SS-N-25, Switchblade. Herstellerangaben zufolge hat das System eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Die Startposition sollte nicht weiter als 25 Kilometer von der Küste entfernt sein. Neptun erhält seine initialen Zieldaten aus einer Fremdortung. Zur genaueren Bestimmung der Zielposition wird das zum Führungs- und Waffeneinsatzsystem des RK-360 MC Neptun gehörende Radar eingesetzt, dessen Daten an den R-360 übergeben werden. Bekannt ist, dass die Ukraine mit einem mobilen Küstenradarsystem mit Namen Mineral experimentierte, das eine Reichweite bis zu 600 Kilometern aufweise. Es ist eine Weiterentwicklung des auf Korvetten der Klasse Tarantul III/III Mod installierten Band Stand und sollte bereits 2021 einsatzbereit sein. Berichten zufolge konnte die beauftragte Firma das Fahrgestell für die Trägerfahrzeuge nicht rechtzeitig liefern, womit Verzug entstand.
Nach Abschuss steuert der Seezielflugkörper mit seinem Trägheitsnavigationssystem das Ziel an und aktiviert in der Endanflugphase das eigene Suchradar. Dessen Auffassungsreichweite wird mit 50 Kilometern angegeben. Nach erfolgreicher Zielerfassung kann der 150 Kilogramm schwere Gefechtskopf ins Ziel gebracht werden. Die Flughöhe wird vom Hersteller mit 3 bis 10 Metern Höhe, abhängig vom Seegang, angegeben.
Eine Neptun-Batterie besteht aus vier Trägerfahrzeugen mit insgesamt 16 Flugkörpern sowie einem Führungsfahrzeug, das eine zweite Batterie leiten kann.

Komponenten eines Neptun-Küstenflugkörpersystems Quelle: State Design Bureau Luch, Kiew (www.luch.kiev.ua )

Foto: Abschuss eine zum Neptun-System gehörenden Flugkörpers P-360. Quelle: State Design Bureau Luch, Kiew (www.luch.kiev.ua )
Der vermutete Angriff auf die Fregatte „Admiral Essen“ am 4. April könnte einer der ersten Versuche gewesen sein, das Neptun-System im Kampf einzusetzen.
Was geschehen sein könnte
Unfall versus Waffeneinwirkung
Die „Moskwa“ wurde am 10. April zuletzt beim Verlassen von Sewastopol beobachtet - mit übermalter Hullnummer. Am 13. April melden ukrainische Militärquellen den Raketenangriff auf den Kreuzer. In einem Presse-Hintergrundgespräch des Pentagon am 14. April wird bestätigt, dass die Moskwa schwer beschädigt sei. Zwar wird dabei eingeräumt, dass ein ukrainischer Raketenangriff eine mögliche Ursache sein könnte. Doch ob der Schaden auf einen ukrainischen Angriff zurückzuführen sei, bleibt offen. Am 15. April bestätigt Moskau, dass das Flaggschiff seiner Schwarzmeerflotte beim Versuch es nach Sewastopol zu schleppen gesunken ist. Es wird eingeräumt, dass es an Bord zu einem Brand und Explosionen von an Bord gelagerter Munition gekommen war. Nun gibt es keine verlässlichen Angaben darüber, was geschah und ob Flugkörper auf dem Kreuzer einschlugen. Fest steht, dass sowohl russische als auch ukrainische Quellen darin übereinstimmen, dass es zu einem großen Feuer und Explosionen kam. Bilder in den sozialen Medien bestätigen dies.
Auf einer Aufnahme der brennenden „Moskwa“ sind im vorderen Deckshaus zwei Brandnester zu erkennen. Das Foto entstand von einem der beiden Rettungsschlepper vom Typ Nikolay Muru, Projekt 22870. Ein zweites Rettungsfahrzeug liegt an Steuerbordseite der „Moskwa“ längsseits und kühlt mit seinen Wasserkanonen.

Schwer getroffener Kreuzer Slawa-Klasse, Foto: twitter - https://pbs.twimg.com/media/FQlPzX3WUAomXfh?format=jpg&name=medium
In Anbetracht der Umstände scheint es nicht als unwahrscheinlich, dass es sich um einen zufälligen Unfall handelte. Es klingt zynisch, doch derartige Katastrophen sind bei der russischen Marine nicht ungewöhnlich. Die „Kursk“ ging aufgrund von Fehlern im Umgang mit Munition verloren. Zugegebenermaßen ereignen sich auch in westlichen Marinen Unfälle. Die „Helge Ingstad“ ist ein prominentes Beispiel. Auch die Deutsche Marine musste schon Unfälle mit Flugkörpern erleiden. In den frühen Jahren der flugkörperbewaffneten Schnellbootflottille ereignete sich ein Abbrand eines MM 38 im Container. Im Juni 2018 brannte ein ‚Standard Missile 2‘ nach der Zündung in seinem Senkrechtstartbehälter an Bord der „Sachsen“ aus. In beiden Fällen waren nicht der Umgang mit Munition ursächlich für die Unfälle.
Analysten wollen bei Bildauswertungen an den mutmaßlichen Einschlagstellen an Backbordseite Aufbörtelungen des Metalls nach innen festgestellt haben. Womit die These eines oder zweier Flugkörpertreffer gestützt werden könnte. Ein Minentreffer erscheint unwahrscheinlich. Da die Schadensstellen oberhalb der Wasserlinie liegen, kommt auch ein Torpedo nicht in Frage.
Hiervon ausgehend erscheint es plausibel, dass ein oder zwei Neptun/R-360 ursächlich für die Brände an Bord der „Moskwa“ sind. Insgesamt dreihundert Kilogramm Sprengstoff können etwas bewirken. Im Falklandkrieg verlor die Royal Navy zwei Einheiten durch den Beschuss mit Exocet AM 39, der mit etwas mehr als 40 Kilogramm eine weit geringere Ladung ins Ziel bringt. Letztendlich war es nicht die Detonation der Sprengköpfe, die zum Verlust der „HMS Sheffield“, ein Zerstörer Type 42, und der „Atlantic Conveyor“, ein unterstützendes Frachtschiff von 212 Metern Länge und einer Verdrängung von 15.000 Tonnen, führten, sondern die Sekundäreffekte. Womöglich führten bei der „Moskwa“ die Detonationen zu Bränden in der/den Munitionskammer/n im Mitschiffsbereich wie auch im Magazin der S-300 F-Flugkörper hinter den Schornsteinen.
Über die Entstehung der Zieldaten für den mutmaßlichen Neptun-Einsatz auf die „Moskwa“ wird spekuliert, dass sie von einer Drohne oder von Dritten stammen könnten. Über dem Schwarzen Meer werden wiederholt ISR-Flugzeuge (ISR - Intelligence, Surveillance and Reconnaissance) verschiedener NATO-Staaten beobachtet. Ukrainischen Angaben zufolge wurde der Angriff auf die „Moskwa“ von einer in der Türkei hergestellten Bayraktar-Drohne unterstützt. Angeblich, um die Radarentdeckung zu erschweren, also um zu täuschen. Die Bayraktar könnte ebenso gut zur Bereitstellung der <initialen> Zielinformationen eingesetzt worden sein. Inwieweit das Küstenradarsystem Mineral beitrug, bleibt ungewiss.
Möglicher Ablauf der Ereignisse
Zu den Wetterbedingungen zum Ereigniszeitpunkt gibt es unterschiedliche Informationen. Zum einen wird angenommen, dass sie mit Seegang 3 nicht gerade günstig waren. Andere Quellen sehen dies gemäßigter. Die Aufnahme der brennenden „Moskwa“ vom Folgetag lässt den Schluss zu, dass es sich um eine gerade für einen Kreuzer ‚beherrschbare‘ Wetterlage handelte.
Die Wetterbedingungen, gerade der Seegang, nehmen Einfluss auf die Entdeckungswahrscheinlichkeit tief liegender Ziele. Wellenhöhen und Regen können auf Radargeräten zu Störungen führen, was die Fähigkeit zur Erkennung von sea-skimmenden, also in sehr geringer Höhe über der Wasseroberfläche fliegenden Flugkörpern in ausreichender Entfernung zum eigenen Schiff beeinträchtigt.
Um ein Kriegsschiff wie die „Moskwa“ außer Gefecht zu setzen, bedarf es taktischen Kalküls. Die taktischen Einsatzgrundsätze der damaligen Schnellbootflottille der Deutschen Marine sahen für einen sogenannten ‚mission kill‘ eines Landungsschiffes, zu Zeiten des Kalten Krieges das deklarierte Einsatzobjekt, zwei treffende Flugkörper vor. ‚Mission kill‘ beschreibt den Zustand, bei dem der Gegner nicht mehr zu weiteren Operationen in der Lage war, also kampfunfähig. Um dies zu erzielen, waren mehrere und idealerweise aus unterschiedlichen Richtungen anfliegende Flugkörper erforderlich. Entsprechend wurde die taktische Aufstellung eines Verbandes gewählt. Die erforderliche Anzahl der Flugkörpertreffer ist je nach Schiffstyp unterschiedlich und berechnet sich nach einer in einer damals eingestuften Alliierten Vorschrift niedergelegten Formel. Für die Anlage des Gefechts und die Zahl der einzusetzenden Flugkörper wurden in der Schnellbootflottille neben der Größe auch andere Faktoren berücksichtigt, z.B. die Fähigkeiten des Gegners zur Flugkörperabwehr mittels elektronischer Maßnahmen, Düppel, Schiff-Luft-Flugkörper, Artillerie.
Im Falle der „Moskwa“ wären demnach fünf bis sechs Treffer notwendig, um sie außer Gefecht zu setzen und sie zeitweise von zukünftigen Einsätzen abzuhalten. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Ukraine diese Grundsätze kannte. Britische und amerikanische Berater sind im Land – allein wegen der laufenden Rüstungszusammenarbeit. Davon ausgehend kann angenommen werden, dass die Ukrainer bis zu acht oder sechzehn Raketen abfeuerten – eben eine oder zwei zu einem Neptun-System gehörenden Flugkörper-Batterie(n) nutzten. Die Anzahl, auch die eventuell genutzte Annäherung über bestimmte Wegpunkte dienten dazu, das Lagebild der „Moskwa“ zu saturieren, um die erwartete Trefferwirkung zu erzielen.
Soweit der Fall eines Schießens nach Einsatzgrundsätzen. Natürlich ist es auch denkbar, dass weniger R-360 die Startbehälter verließen – bis dahin, dass tatsächlich nur zwei abgefeuert wurden und ihr Ziel fanden. Eben ‚lucky shots‘.
Im anderen Fall bestünde durchaus die Möglichkeit, dass die „Moskwa“ in der Lage war, bis auf zwei die anfliegenden Flugkörper abzuwehren. Das für die weitreichende Luftabwehr ‚zuständige‘ Feuerleitradar Volna 3R41, „Top Dome“, kann gleichzeitig zwei bis drei anfliegende Flugkörper bekämpfen. Dafür ist es in der Lage, für jedes Ziel zwei, andere Quellen sprechen von drei, Flugkörper 5V55RM, S-300 F Fort (SA-N-6 Grumble), zu lenken. Darüber hinaus stehen der Slawa-Klasse zur Flugkörper- und Fliegerabwehr die anderen Radar- und Waffensysteme zur Verfügung, die eine in der Entfernung gestaffelte Verteidigung ermöglichen. Demgegenüber steht, dass Fachleute von den Fähigkeiten der russischen Marine, gerade an Bord älterer Einheiten, zur Abwehr moderner Flugkörper nicht überzeugt sind.
Dennoch bewerten Fachleute ihre Möglichkeiten in der Flugkörperabwehr, gemessen an heutigen Standards, begrenzt. Abgesehen von der Leistungsfähigkeit der Radargeräte, unter Umständen beeinträchtigt durch nicht optimale Wetterbedingungen, hängt die Zielerkennung zu einem großen Teil auch von den Darstellungsmöglichkeiten ab. Kleine Bildschirme mit geringer Auflösung erschweren die Diskriminierung kleiner, schneller Ziele. Inwieweit auf den Einheiten der Slawa-Klasse eine Form der Automatisierung von Zielerkennung-Waffenzuweisung-Bekämpfung realisiert wurde, ist hier nicht bekannt. Insgesamt erscheinen dem Verfasser unter den auf Einheiten dieser Generation herrschenden Voraussetzungen die Chancen, einen knapp über der Wasseroberfläche mit mehr als 1.000 Stundenkilometern anfliegenden Flugkörper aufzufassen, gering. Die Bekämpfungsaussichten werden bei höherem technologischen Standard und/oder mit zunehmender Automatisierung besser. Gegenüber einem R-360 verbleiben bei einer realistischen Entdeckungsentfernung von 6 Kilometern 21 Sekunden Reaktionszeit. Einer gemäß westlichen Standards eingespielten Besatzung ausreichende Zeitspanne.
Wie dem auch sei, es scheint, dass zwei Flugkörper ihre fatale Wirkung entfalteten. Sie trafen. Die entstehenden Brände, unter Umständen auch die detonierende Munition, taten ein Übriges. Eine wirkliche Bestätigung über den Ablauf gibt es zurzeit nicht.
Wieso Untergang?
Es ist davon auszugehen, dass bei einem Brand, dessen katastrophales Ausmaß sich aus den vorhandenen Fotos erschließt, recht schnell die Stromversorgung an Bord ausfiel. Womit der Besatzung die Möglichkeit zur Schadensbegrenzung und für zielgerichtete Brand- und Leckabwehrmaßnahmen weitgehend genommen war. Über das Vorhandensein autonomer Generatoren und Pumpen gibt es keine Belege. Aufnahmen vom 14. April erwecken den Eindruck, dass das Schiff aufgegeben wurde. Die Versetzboote sind nicht mehr an Oberdeck, die Rettungsinseln an Backbordseite nicht mehr vorhanden. Der Hubschrauberhangar ist geöffnet. Möglich ist, dass mit vereinten Kräften mit Unterstützung der bereits erwähnten Rettungsschiffe die Abbergung der Besatzung erfolgte. Ein Abschleppen des Schiffes, wie von Moskau bekannt gegeben, konnte nicht zu Ende gebracht werden. Das Schiff sank. Anders als von der russischen Agentur Tass dargestellt, war das schwere Wetter kaum ursächlich für den Untergang. Der deutsche Meteorologe Karsten Schwanke twitterte am 14. April: „Es gab heute keinen Sturm in dem Gebiet zwischen Odessa und Sewastopol. Windstärke 4 im Mittel, Böen bis 6 Beaufort.“
Wenn auch schwer beschädigt, so ist der Totalverlust der „Moskwa“ schleierhaft. Es deutet darauf hin, dass die Bemühungen der Besatzung in der Schadensbekämpfung möglicherweise nicht optimal waren. Wurde sie zu früh aufgegeben? – die Frage steht zumindest im Raum.
Die Schiffskonstruktion spielt ebenfalls eine Rolle bei der Fähigkeit eines Schiffes, Schäden zu überstehen. Amerikanische Analysen weisen auf das Fehlen verschließbarer Abteilungen im russischen Kriegsschiffbau hin. Wieweit dies zutrifft, sei dahingestellt. Bei der „Kursk“ trug mangelhafte Verschlussdisziplin zur Katastrophe bei. Die bekannt gewordenen Aufnahmen untermauern die häufig geäußerte Vermutung, dass eine oder mehrere Explosionen im Bereich der SS-N-16-Starter die Katastrophe begünstigt haben könnten. Angesichts des Schadens im Bereich des achteren großen Deckshauses, das das 3-D Suchradar Top Pair, Voskhod MR-800, trägt und der nach einem Tag dort noch wahrzunehmender Brandherde samt der Rauchentwicklung liegt die Vermutung nahe, dass hier eine der maßgeblichen Ursachen liegen mag.
Fest scheint zu stehen, dass die konstruktive Auslegung russischer Kriegsschiffe im Hinblick auf Schiffsicherung nicht westlichen Standards entspricht. Feuerlösch- wie Leckabwehrvorrichtungen sind, so die Erinnerung des Verfassers, nicht so augenfällig wie z. B. in Einheiten der Deutschen Marine.
In der Personalstruktur könnte eine weitere Ursache liegen. Russische Besatzungen verfügen nicht über ein ausgewogenes Unteroffizierkorps. Die Fachleute des mittleren Dienstes mit einer jahrelangen Erfahrung bringen die erforderliche Expertise und Routine mit, die im täglichen Dienst, aber gerade auch bei Gefahrensituationen, notwendig sind. Demzufolge mag die Schiffsicherung in der russischen Flotte anders organisiert sein als in westlichen Marinen.
Letztendlich spielt die Organisation des Gefechtsdienstes und der Ausbildungsstand eine entscheidende Rolle. Gerade in einer Wehrpflichtigenmarine wie der russischen ist Ausbildung und ständiges Inübunghaltung wichtig. Trifft dies auf fehlende Motivation und/oder Qualifikation seitens der Vorgesetzten, sind Defizite systemimmanent. Von der russischen Marine ist zudem bekannt, dass gerade im Führungs- und Waffeneinsatz wie in Schiffsicherungsgefechtsdienst dezentralisiert verfahren wird. Anders als in westlichen Marinen, werden die unterschiedlichen Führungs- und Waffeneinsatzsysteme in getrennten Organisationszellen geführt, den sogenannten ‚Kabinetten‘. Was dazu führen kann, dass die Lageeinschätzung in den unterschiedlichen Gewerken differiert und damit negativen Einfluss auf das Reaktionsvermögen nimmt. Es fehlen die zusammenführenden und koordinierenden Instanzen. Hinzu kommt, dass sich die Befehlskette ausgeprägter akzentuiert ist als in Streitkräften, die auf solide Ausbildung aufbauen und nach Auftragstaktik verfahren.
Es wird auch spekuliert, ob eine mangelnde Situationseinschätzung ursächlich war. Möglicherweise hat eine gewisse Selbstzufriedenheit geherrscht, da nach 48 Kriegstagen noch nichts Wesentliches erfolgte. Eine laxe Handhabung der Bereitschaftszustände könnte dazu führen, dass die Besatzung nicht auf <den richtigen> Gefechtsstationen war. Wenn überhaupt. Doch dies soll nicht überheblich klingen!
Höchstwahrscheinlich war es eine Kombination aus allem – eine Verkettung widriger Umstände, die in diesem Fall eventuell von einem ‚lucky shot‘ in Gang gesetzt wurde. Und auf unzureichende Ausbildung, mangelhafte Organisation oder/und fehlende Motivation stießen.
Andererseits hat der Verlust von kapitalen Kriegsschiffen durch Überheblichkeit, Gammel und Schlendrian, mangelnde Schiffssicherung und unfähige Vorgesetzte in der Schwarzmeerflotte eine gewisse Tradition. 1916 explodierte die „Imperatriza Marija“, ein gerade erst neu gebautes Schlachtschiff im Hafen von Sewastopol, 1955 die „Noworossijsk“ auf Reede vor Sewastopol. Das Schlachtschiff, das gerade sechs Jahre im Dienst war, kenterte infolge einer Explosion, dessen Ursache bis heute umstritten ist. Aufgrund von Fehleinschätzungen seitens der Marine- und der Schiffsführung blieb die Besatzung an Bord. Mehr als 600 russische Seeleute kamen ums Leben. Die Katastrophe wurde bis in die 1980er Jahre geheim gehalten.
Dabei sollte der Führung der Schwarzmeerflotte die Bedrohung durch die Küsten-Flugkörpersysteme bekannt gewesen sein. Wieso sich das Flaggschiff der Schwarzmeerflotte dennoch im Wirkungsbereich aufhielt, wird eines der Geheimnisse bleiben, deren Aufklärung spätere Historiker beschäftigen wird. Vielleicht findet der Verdacht Bestätigung, dass der Vorfall in die zu beobachtende Kette mangelhafter Aufklärung durch die russischen Streitkräfte einzureihen ist. Und die Führung der Schwarzmeerflotte Zustand und Dislozierung ukrainischer Küsten-Flugkörperfähigkeiten aus dem Auge verlor oder gar nicht erst berücksichtigt hatte.
Folgen
Die Marineführung reagierte insofern direkt, als, soweit für offene Quellen feststellbar, russische Kriegsschiffe seither weiter von der ukrainischen Küste operieren. Wobei zu berücksichtigen ist, dass mittlerweile nur noch der Odessa-Oblast als ukrainisches Territorium für derartige Operationen verfügbar ist. Die Küstenstreifen östlich Cherson bzw. östlich des Bugs sind russisch besetzt.
Mit der „Moskwa“ verliert die Schwarzmeerflotte ihre Führungseinheit und eine wertvolle Luftverteidigungsplattform. Der Untergang des Flaggschiffs, das nach der russischen Hauptstadt benannt ist, bedeutet mehr als nur den Verlust eines militärischen Objekts. Es handelt sich um eine symbolische Niederlage, die die russische Staatspropaganda nur schwer wegdiskutieren kann.
Für ESuT nimmt dazu Johannes Peters vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel Stellung:
„Neben der kaum zu kompensierenden militärischen Schwächung seiner Schwarzmeerflotte ist der Verlust des Schiffes auch symbolisch eine Katastrophe für Putin. Die Schiffe der Slawa-Klasse sind Ikonen und seit Jahrzehnten ein zentraler Teil des innenpolitischen Narratives einer schlagkräftigen Marine mit Weltgeltung. Wie erklärt man nun den Verlust des Flaggschiffes der traditionsreichen Schwarzmeerflotte während einer doch angeblich planmäßig verlaufenden „militärischen Sonderoperation“? Hinzu kommt der Name – die Ukraine hat nicht nur die postum zu Helden erklärten Verteidiger der Schlangeninsel gerächt, sondern buchstäblich Moskau versenkt.“
Die Stationierung beziehungsweise die Belassung der „Moskwa“ im Schwarzen Meer erscheint gerade wegen der bedeutungsvollen Namensgebung mehr als eine Prestigefrage denn von operativem Wert. „Moskau hat sein Prestige riskiert, und damit Prestige verloren“, bewertet ein Analyst des Pentagon.
Russland hat nun seit dem Einmarsch in die Ukraine zwei wichtige Marineeinheiten verloren. Das erste war das russische Landungsschiff der Alligator-Klasse „Saratow“ am 24. März (ESuT berichete). „Beide Ereignisse werden Russland wahrscheinlich dazu veranlassen, seine maritime Haltung im Schwarzen Meer zu überprüfen", kommentiert das britische Verteidigungsministerium.
Die russische Seekriegsführung steht dabei vor dem Dilemma, keinen Ersatz oder weitere Kräfte nachführen zu können. Da die Türkei den Bosporus geschlossen hat, gibt es keine Möglichkeit, die „Moskwa“ durch eines ihrer beiden Schwesterschiffe zu ersetzen. Darüber hinaus werden die Überwassereinheiten der russischen Marine gezwungen sein, weiter von der Küstenlinie zu operieren. Somit werden sie auf die Operationen an Land weniger Einfluss nehmen können. Allein durch die Annahme des Vorhandenseins von Küsten-Flugkörperstellungen steigert sich das Risiko bei einer amphibischen Operation.
Mit der feststellbaren Verhaltensänderung wird indirekt Neptun als Ursache für den Verlust der „Moskwa“ bestätigt.
Während auf der einen Seite nun der Druck innerhalb der russischen Streitkräfteführung steigt, die eigene Herangehensweise zu überdenken, wird der Fall möglicherweise auch Konsequenzen auf die zukünftige Marinerüstung und Stationierungen der Russischen Föderation haben. Einheiten in Größe der „Moskwa“ sind für die Kriegführung in Randmeeren nicht geeignet. Aus der US-Navy wird das geflügelte Wort kolportiert „Mute einem Kreuzer keine Aufgaben zu, für die Fregatten genügen!“ Kleinere Einheiten mit schlagkräftiger und weitreichender Bewaffnung könnten einen Bedeutungsaufschwung erleben. Ein Weg, den die Moskauer Marineführung im Übrigen vor Jahren eingeschlagen hat.
Schließlich könnte das Ereignis auch international Überlegungen in Gang bringen. Anhand des Beschusses von Panzern, gepanzerten Mannschaftstransportern und Hubschraubern durch die ukrainischen Verteidiger konnte die Weltöffentlichkeit konstatieren, dass der Kosten-Nutzen-Effekt von Flugkörpern für die verteidigenden Streitkräfte hoch ist. Überlegungen in Bezug auf die Leistungsfähigkeit von Flugabwehrsystemen und den daraus folgenden operativen Konsequenzen sowie zu wirksamer Schadensabwehr an Bord – sowohl infrastrukturell als auch in Ausbildung, Organisation und Betrieb – mögen Aufschub gewinnen. Küstenflugkörperstellungen mögen in den Rüstungsplanungen breiteren Raum einnehmen als bisher.










Noch eine Ergänzung: Experten weisen darauf hin, dass auf den Bildern des beschädigten Schiffes die großen Radarantennen allesamt in Nullstellung gezurrt sind. In diese Position dürften sie kaum mehr nach den Treffern gebracht worden sein. Das deutet darauf hin, dass der Bereitschaftszustand des Schiffes niedrig war und nicht einmal der Stufe Kriegsmarsch entsprach. Dahinter darf man eine Kombination von falscher Lageeinschätzung und Bequemlichkeit vermuten. Es ist jedenfalls alles andere als professionelles Verhalten in einem Kriegsgebiet.